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zusammenLeben ohne Gewalt

THEMEN 2014

Ebenen der Gewaltprävention in der Arbeit mit Jugendlichen

Foto: Veronika Spannring (Verein Mafalda Graz)

Veronika Spannring (Verein Mafalda Graz)

ExpertInnenstimmen

Veronika Spannring und Nino Kaufmann

Gewalt auf der strukturellen Ebene

Strukturelle Gewalt kann erkannt und verhindert werden, wenn junge Menschen Beteiligungsmöglichkeiten nutzen dürfen und dadurch gesellschaftliche Entwicklungen mitgestalten. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen können sich dadurch für Jugendliche entscheidend verbessern!

Jugendliche sind nicht besser oder schlechter als die Gesellschaft, in der sie leben. Daher ist es wichtig, den Blick auch auf die Erwachsenenebene und auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu richten. Es gilt strukturelle Gewalt zu Hause, am Arbeitsplatz,  in der Schule, im öffentlichen Raum und in vielen weiteren Zusammenhängen zu erkennen.

Foto: Nino Kaufmann (koje Bregenz)

Nino Kaufmann (koje Bregenz)

Geschlechterrollen (Geschlechterstereotypen) haben eine Relevanz in der Aufrechterhaltung von Ungleichbehandlung. Die Reflexion von Geschlechterhierarchien, von konstruierten Bildern zu Frau-sein und Mann-sein ist ein wesentlicher Bestandteil der gewaltpräventiven Arbeit auf allen Ebenen. Ungleichbehandlung, Diskriminierung oder sexualisierte Gewalt aufgrund sexueller Orientierung, sozialer, religiöser, ethnischer Zugehörigkeit oder körperlicher Beeinträchtigungen müssen benannt und hinterfragt werden.

Darüber hinaus macht es Sinn, dass sich Jugendliche mit ihren Vorstellungen zu Gesellschaft, Familie, Freundschaft und Partnerschaft auseinandersetzen können. Jugendliche brauchen dazu geeignete Räume um mit Erwachsenen in einen Diskurs zu treten, um Vorstellungen und Bedürfnisse im Hinblick auf Beziehungen und Gemeinschaftsformen auszutauschen.

Gewalt in unterschiedlichen Sozialisationsinstanzen

Gewalt im sozialen Umfeld kann erkannt oder verhindert werden, indem LehrerInnen, Eltern, JugendsachbearbeiterInnen, JugendarbeiterInnen, Lehrlingsbeauftrage, TrainerInnen und weitere Personen, die mit Jugendlichen arbeiten, für Gewalt an/unter Jugendlichen sensibilisiert sind. Die jeweiligen MultiplikatorInnen kennen verschiedene Gewaltformen und wissen wo sie weitere Hilfe erhalten können. Sie bieten ein Setting in dem eine gewaltfreie Kultur des Miteinanders gelingt!

Gemeinschaft spielt im Leben von Jugendlichen eine zentrale Rolle. Die Familie ist ein bedeu­tender Ort, an dem Jugendliche Beziehung und Gemeinschaft erfahren. Mit dem Erwachsen-werden nehmen auch Gemeinschafts- und Beziehungsformen, die über die Familie hinausgehen, wie Peers/Clique, Paarbeziehungen, Freundschaften, Social Communities (Facebook, etc.) sowie die Stadt/Gemeinde in der Jugendliche leben, zunehmend Raum ein.

Die Herausforderung für Jugendliche ist, eigene Beziehungsmodelle zu definieren und individuelle Formen des Zusammenlebens zu finden, die für ihre individuelle Biographie Stimmigkeit haben und in ihrem Lebensumfeld gelingen können. Familienbilder und Beziehungsformen sind einem ständigen Wandel unterworfen. Selten stehen heranwachsenden Menschen Modelle zur Verfügung, welche sie direkt in ihr Leben übertragen können.

Im Onlinefachreader "Wir passen zusammen" gehen wir deshalb folgenden Fragen nach:

  • Wer oder was bildet mein persönliches soziales Umfeld, und wie bin ich darin eingebettet?
  • Gibt es Dinge, die ich daran ändern will?
  • Welche Lebensbedingungen fördern Gewalt und welche Handlungen können sie verhindern?
  • Gibt es bereits Orte der Resilienz, die mir zur Verfügung stehen und welche Räume erlauben es mir, ausreichend Widerstandsfähigkeit zu entwickeln?
  • Wo bekomme ich passende Unterstützung?

MultiplikatorInnen arbeiten gewaltpräventiv mit Jugendlichen

MultiplikatorInnen stärken und fördern Mädchen und Burschen durch individuell an die Lebenswelt der Jugendlichen angepasste, gewaltpräventive Methoden. Durch das Eingehen auf unterschiedliche Lebenswelten und Sozialisationsinstanzen von Jugendlichen erhöht sich die Nachhaltigkeit gewaltpräventiver Maßnahmen entscheidend!

Bewusstseinsbildung und Sensibilisierung sind die ersten Interventionsschritte zur Reduktion von Gewalt. Die Auseinandersetzung mit Gewaltformen, das Einüben von Strategien zum Erkennen und Beenden von bedrohlichen Situationen im geschützten Rahmen einer Gruppe ist entscheidend dafür, wie Jugendliche (und Erwachsene) in Momenten direkter Gewalt agieren. Wenn ich mir darüber bewusst bin, wo für mich Gewalt beginnt und welche Handlungsmöglich­keiten ich in Gewaltsituationen habe, kann ich Grenzverletzungen früher erkennen, unmittelbar reagieren und Gewaltsituationen eher abwenden. Im kürzlich erschienen Onlinefachreader "Wir passen zusammen" finden sich praxiserprobte Methoden für MultiplikatorInnen (siehe unten).

Wirkungen gewaltpräventiver Maßnahmen

Die Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche gewalttätig werden oder von Gewalt betroffen sind, ist schwach, solange sie nur wenigen Risikofaktoren ausgesetzt sind. Erst beim Zusammentreffen mehrerer Risikofaktoren nehmen die Gewaltbereitschaft und auch die Gewaltbetroffenheit stark zu. Für die gewaltpräventive Arbeit bedeutet dies, Strategien zur Gewaltprävention müssen auf allen Ebenen ansetzen, damit Risikofaktoren minimiert und Schutzfaktoren gleichzeitig und nachhaltig gestärkt werden!

Gewaltsituationen sind meist komplex, sie übersteigen schnell die Abwehrfähigkeit heranwachsender Menschen. Maßnahmen der Gewaltprävention umfassen daher die Arbeit mit Mädchen und Burschen, die Arbeit mit Erwachsenen, die Arbeit zu Gewalt in Institutionen und die Arbeit mit Personen, die gefährdet sind, Gewalt auszuüben.

Aus der Studie "Wirksamkeit von Maßnahmen zur Prävention und Intervention im Fall sexueller Gewalt gegen Kinder" (Kindler, Schmidt-Ndasi 2011) werden beispielhaft folgende Risikofaktoren für erhöhte (sexualisierte) Gewaltausübung gegen Kinder genannt:

  • Fehlende Erziehungskompetenzen der Eltern
  • Gewalt in der Familie
  • Partnerschaftskonflikte
  • Sozioökonomische Belastungen wie Schulden und Arbeitslosigkeit
  • Die Zustimmung zu Gewalt befürwortenden Normen in der Familie und im sozialen Umfeld
  • Die Zugehörigkeit zu einem Gewalt befürwortenden Freundeskreis
  • Individuelle, kindbezogene Faktoren:
    Beispielsweise Kinder mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen, die über geminderte Selbstschutz- und Mitteilungsfähigkeiten verfügen und von Betreuungsleistungen abhängig sind; Kinder, die Grenzen bei sich und anderen schlecht wahrnehmen und respektieren können

Ein Großteil der bisherigen Studien zur Wirksamkeit von Präventionsprogrammen (zu sexualisierter Gewalt) konzentriert sich auf Maßnahmen, die sich direkt an Mädchen und Burschen richten. Hier konnten positive Effekte zu folgenden Präventionszielen belegt werden (Kindler, Schmidt-Ndasi 2011):

  • Die Information über sexuellen Missbrauch
  • Zuwachs an Verständnis und Handlungssicherheit
  • Die Fähigkeit, gefährliche Situationen zu erkennen und bestehende Missbrauchssituationen zu beenden
  • Die Bereitschaft, Missbrauchserlebnisse einer Vertrauensperson mitzuteilen
  • Die Entwicklung eines stärkeren Abwehrverhaltens

Schutzfaktoren die besonders häufig genannt wurden (Kindler, Schmidt-Ndasi 2011):

  • Konstante und verlässliche Beziehungen zu Bezugspersonen
  • Positives Bewältigungsverhalten innerhalb der Familie
  • Positives soziales Netzwerk
  • Unterstützung durch soziale Institutionen wie Kinder- und Jugendhilfe oder Schule
  • Individuelle Ressourcen wie positives Selbstwertgefühl
  • Aktives Bewältigungsverhalten

Weitere Schutzfaktoren sind:

Kontinuierlicher Zugang zu Räumen in denen eine gelingende, gewaltfreie Kultur geübt beziehungsweise gelebt wird Eigene Visionen und Utopien entwickeln und pflegen.

Es gibt keine einfachen Ursache-Wirkungszusammenhänge, sondern ein sich gegenseitig beeinflussendes Netz von Ursachen, Schutz- und Risikofaktoren.

Veronika Spannring vom Verein Mafalda Graz und Nino Kaufmann vom Koordinationsbüro für Offene Jugendarbeit und Entwicklung - koje Bregenz

Literatur

  • [1] Kindler, Heinz; Schmidt-Ndasi, Daniela: Wirksamkeit von Maßnahmen zur Prävention und Intervention im Fall sexueller Gewalt gegen Kinder AMYNA e.V. – Institut zur Prävention von sexuellem Missbrauch (Hrsg.), 2011

    Weitere Informationen
  • [2] EfEU, Friedensbüro Salzburg, Koje (Hrsg.): Nichts passt. Fachreader zur Gewaltprävention in der Arbeit mit Jugendlichen. 2007
    PDF, 1 MB
  • [3] EfEU, Friedensbüro Salzburg, Koje, Der Lichtblick, FBI, Mafalda (Hrsg.): Nichts passt 2. Fachreader zur geschlechtsbezogenen Pädagogik und Gewaltprävention. Salzburg u.a., 2008
    PDF, 2 MB
  • [4] EfEU, Friedensbüro Salzburg, Koje, FBI, Mafalda, maiz, Kinderschutzzentrum Salzburg, SOG.THEATER, Mädchenzentrum Klagenfurt (Hrsg.): Ich pass!. Fachreader zu Transkulturalität und Jugendarbeit. Salzburg u.a., 2010
    PDF, 1 MB
  • [5] EfEU/FBI/Friedensbüro Salzburg/KOJE/Mädchenzentrum Klagenfurt/Mafalda/maiz/SOG.THEATER (Hrsg.): "Wir passen zusammen." Zur Rolle von Gemeinschaften und Beziehungsformen im Leben von Jugendlichen. Wien u.a., 2013
    PDF, 1 MB

www.koje.at
Website des Koordinationsbüros für Offene Jugendarbeit und Entwicklung (koje)

www.mafalda.at
Website des Verein Mafalda (Verein zur Förderung und Unterstützung von Mädchen und jungen Frauen