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Paarberatung bei Beziehungsgewalt – ein risikoreiches Interventionskonzept?

Josef Hölzl, MSc

Josef Hölzl, MSc

Expertenstimme

Josef Hölzl, MSc

Durch die intensive Auseinandersetzung mit Täterberatung im Rahmen von Gewaltberatungsstellen wird ein Verständnis für die Dynamik bei Tätern geschaffen, welches vermehrt den Schluss zulässt, dass Paarberatung (Therapie) ein sehr schwieriges, wenn nicht sogar gefährliches Unterfangen wird.

Falldarstellung 1

Folgende Falldarstellung, wie sie Franz Baumgartinger – er selbst ist in der EFL-Beratung und auch in der Gewaltberatung tätig – erlebt hat, ist Grundlage, um Einblick in ein mögliches Inter­ventionskonzept zu bekommen.

Die anfängliche Unsicherheit beim Eintreten in das Beratungszimmer ist schnell verflogen und Monika und Stefan W. (Name geändert) befinden sich mitten in einem Streitgespräch, bei dem ein Wort das andere ergibt. Auf jede Schilderung von Monika, die meist mit einer Beschuldigung verbunden ist, folgt eine erboste Zurückweisung von Stefan mit einer ebenso heftigen Anschuldigung. Es würde vermutlich keine halbe Stunde dauern, bis die beiden die 15 Jahre ihrer Beziehung durchgefegt hätten, ohne auch nur eine Gelegenheit auszulassen um den anderen zu verletzen.

Ein Satz von Monika verändert die Stimmung im Raum: „…und dann hat er zugeschlagen…“ Eigenartig, aber kurz scheint es so, als ob Monika „gewonnen“ hätte. Stefan sitzt da mit gebeugtem Haupt und wagt manchmal einen beschämten Blick zu mir. Monika hingegen sitzt relativ aufrecht im Sessel, sehr sicher, dass nun klar sei, was los ist.

Das Paar hat sich auf ein gefährliches Terrain begeben; die beiden haben Gewalt in ihr eskalierendes Streitmuster eingebaut. Nicht immer ist bei solchen Paaren bei der Schilderung einer Gewalthandlung ein Ende des Kampfes. „Das braucht dich nicht wundern, wenn ich zuschlage, wenn du mich dauernd provozierst. Das hält ja kein Mensch aus.“, ist weiter oft die Rechtfertigung des schlagenden Mannes.

Spätestens jetzt wird mir als Männerberater bei Männergewalt klar, dass mit dieser Dynamik nicht leicht umzugehen sein wird. Stefan will glaubhaft machen, dass das quälende Streitmuster und die andauernden Provokationen die Gewalthandlung erklärt und rechtfertigt. Umgekehrt hat Monika jedes Vertrauen in Stefan verloren und hat das Gefühl nichts verändern zu müssen – er schlägt ja zu.

An der Stelle im Konflikt, wo noch beide für eine Lösung verantwortlich wären, bricht Stefan mit seiner Gewaltausübung ab. Er fühlt sich ohnmächtig und glaubt einen Moment, sich dadurch aus diesem beklemmenden Zustand befreien zu können. Die Scham, die er auch in der Beratung wieder empfindet, beweist ihm das Gegenteil. Für Stefan ist es notwendig zu erkennen, dass er ein Problem mit Gewalt hat, für das er alleine verantwortlich ist. In seiner Denkweise keine leichte Aufgabe, hat er doch lange Zeit sein Tun mit dem Verhalten seiner Frau erklärt. Die Anwesenheit von Monika erschwert ihm diese Aufgabe. Immer wieder versucht er, nicht als der Schuldige an der Entwicklung der Beziehung dazustehen. Ich bitte ihn deshalb, sich mit mir alleine mit seinem Gewaltproblem auseinander zu setzen. In der Einzelberatung erkennt Stefan, dass er durch Gewalt seine Beziehungen zerstört und ein gleichwertiges Gespräch verhindert.

Stefan und Monika machen später eine Paarberatung bei einer Kollegin von mir. Dort gelingt es ihm selbstbewusst seine Wünsche für das Zusammenleben zu formulieren und von Monika ohne Scham auch ihren Anteil an Beziehungsarbeit einzufordern. Beide lernen dort auch langsam Vereinbarungen für ihr Leben zu schließen, bei denen keiner gewinnt oder verliert. Dazu braucht es aber die Sicherheit, dass Stefan auf Gewalt verzichtet und seine Ohnmacht anders zum Ausdruck bringt.

(Franz Baumgartinger, Männerberatung bei Männergewalt der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle der Diözese Linz, A-4840 Vöcklabruck, www.beziehungleben.at)

Eine Paarberatung hier fortzuführen wäre wohl eine große Versuchung, denn als Berater sieht man, dass die Verantwortung für die Konfliktmuster des Paares bei weitem nicht nur seine Sache allein ist. Und es stimmt tatsächlich, dass die Frau sehr viel in den Konflikt einbringt – aber eben in den Konflikt und nicht in die Gewalthandlung.

Unterscheidung von Konflikt und Gewalthandlung

Es ist strikt zwischen Konflikt und Gewalthandlung zu unterscheiden. Den Konflikt eskalieren können beide, die Gewalt wird in der Regel immer nur einer – meist der Mann – ausüben. Natürlich kann es sehr sinnvoll sein, dass ein Opfer (z.B.: in einer Einzelberatung/Therapie) für sich klärt, wie es seine Grenzen schützen kann und es wird auch lernen, zu unterscheiden, bei wem die Verantwortung für das Schlagen liegt. Das ist insofern wesentlich, weil gerade im Beziehungskontext Opfer gefährdet sind, das gewalttätige Verhalten von ihrem eigenen Verhalten abhängig zu machen und meinen daher, sie hätten es in der Hand, das ein Täter seine Gewalt verändert. Ein fataler Irrtum, denn nur der Täter kann dies allein verändern. In der Paarberatung bei aktueller Gewaltgefährdung, wird sich das Opfer fragen, welchen Beitrag es leisten kann, damit der Täter endlich aufhört.

Paarberatung wirkt unter anderem auch deshalb, weil ein scheinbares Ungleichgewicht zwischen einem Paar wieder näher der Balance und damit zu einer Ebenbürtigkeit zwischen zwei Partnern verhilft und geht auch von dem Wissen aus, das die Verantwortung für Konflikte und Krisen immer auch bei beiden Partnern liegt. Eine Vorgehensweise bzw. Haltung, welche bei Gewaltbeziehungen so nicht zutrifft, da das Beziehungsgleichgewicht durch Gewalt schwer beeinträchtigt ist. Das ist es auch, wenn ein Partner eine Außenbeziehung eingeht oder Alkoholiker ist – nur mit dem ganz entscheidenden Unterschied, dass durch Gewalt oder deren Androhung Angst erzeugt wird und das Opfer allein dadurch meist in seinem Handlungsspielraum stark eingeschränkt wird.

Interventionskonzept

Was ist nun mit der Schuld, welche einerseits viele Täter den Opfern gegenüber empfinden (weil eine Beziehung besteht) nachdem sie sie geschlagen haben und merken, was sie damit anrichten. Wird die Paarberatung zu einem späteren Zeitpunkt fortgesetzt (wie im obigen Beispiel) ist eine Entschuldigung durchaus Thema, aber eben erst, wenn ein Täter ganz bestimmte Verhaltensweisen verändert und dazugehörige Einsichten gewinnt:

  • Wenn er für die Gewalthandlung die alleinige Verantwortung übernimmt.
  • Wenn er der Frau verdeutlichen kann, dass sie wieder sicher bei ihm ist (das bedeutet auch, dass sie keine Angst mehr hat).
  • Wenn er gelernt hat mit Konflikten offensiver (aggressiver) umzugehen.

Letztlich wird Gewaltberatung zu einem Interventionskonzept, wodurch ein Mann die Möglichkeit bekommt, dass er für seine gesamte Lebensgestaltung eine Verantwortung übernimmt, die er so nicht gewohnt ist.

Riehl-Emde zitiert in ihrem Buch einen Auflösungsansatz von V. Goldner, welcher für sich gesehen sehr zielführend erscheint, dies aber nur ist, wenn die Verantwortungsthematik für die Gewalthandlung geklärt ist – geklärt in dem Sinn, dass die Verantwortung für die Tat beim Täter liegt und bei aller Polarisierung der Geschlechter und einer von Machtkämpfen und Destruktivität geprägten Beziehungsdynamik davon auch nicht abgelenkt wird:

„Zur Lösung chronifizierter Gewalt empfiehlt Goldner, dass beide ihre Ähnlichkeiten verstehen lernen, d.h. dass der Mann sein Abhängigkeitsbedürfnis anerkennt und die Frau ein Bewusstsein als unabhängiges Subjekt entwickelt. Damit ist auch verbunden, dass die Frau internalisierte Vorstellungen von Hilflosigkeit aufgibt und Gewalt nicht hinnimmt oder gar erwartet.“ (Vergl. Rhiel-Emde, Liebe im Fokus der Paartherapie S 207)

In einer akuten Gewaltbeziehung geschieht diese Bewusstwerdung der beiden Partner günstigenfalls in einer jeweiligen Einzelberatung. Das Abhängigkeitsbedürfnis des Mannes ist erweiterbar mit den Begriffen Ohnmacht, Hilflosigkeit und Angstgefühlen. Gefühle, welche in einer Vorstellung von hegeonialer Männlichkeit wurzeln. (Vergl. Klaus Ottomayer, Männer zwischen öffentlichem Auftritt und persönlichem Zweifel, aus Jungen-und Männerarbeit, Hrsg Hannes Krall)

Wie in der von Franz Baumgartinger beschriebenen Fallgeschichte deutlich wird, erlebt sich Stefan als beschämt und schuldig, ja es ist sogar davon die Rede, dass seine Frau gewonnen hat. Durch die Offenlegung in der Beratung wurde sie plötzlich zur „moralischen Gewinnerin“. Stefan ist nun ein einsichtiger Mann, vor allem ist er einer, der die Beziehung verbessern will, also auch die Gewalt verändern möchte. Aber nicht wenige Männer gehen bei einer Offenlegung im Rahmen einer Beratung in Widerstand und Abwehr, oder wie es Lempert / Oelemann beschreiben:

Da es Männern ohnehin schwer fällt, sich etwas sagen zu lassen und über sich zu sprechen, ist es ihnen im Beisein ihrer Frau und einer Beraterin geradezu unmöglich. In einem solchen Moment versucht der Klient nur, sein Gesicht nicht zu verlieren. Unter diesen Bedingungen führt eine Konfrontation zu einer Eskalation, statt zu einer Annäherung und Bewußtseinsänderung. Im besten Fall wird dem „unfähigen“ Therapeuten die Schuld zugewiesen, im schlechtesten Fall muss die Frau „es ausbaden“. (Lempert/Oelemann, …dann habe ich zugeschlagen, Gewalt gegen Frauen, Auswege aus einem fatalen Kreislauf, S 114)

Genaue Definition von Gewalt

Der moralische Sieg der Frau von Stefan ist ein Phyrrussieg und wird die Gewalt nicht beenden, auch wenn es für das Opfer einen kurzfristigen Ausgleich für erlittenen Schmerz und Angsterleben bringt. Ein Gewinn, der letztlich keine Entwicklung, sondern neuerliche Gefahr bringt, weil Täter im Beziehungskontext nicht in erster Linie Gewalt ausüben (und androhen) um über den anderen Macht zu haben, sondern um in ganz bestimmten Situationen eine für sie zutiefst lähmende Ohnmacht, Hilflosigkeit, manchmal auch Angst und ein sich „klein fühlen“ abwehren, also wegschlagen. Sie übergeben dadurch die Ohnmacht, das „sich klein fühlen“ oder Angstgefühle dem Opfer. Aus der Sicht des Opfers geht es sehr wohl um Machtausübung, und es wird die Gewalttätigkeit als Machtmissbrauch erleben.

…eine Person kann mit seelischen Mitteln genauso gequält, manipuliert oder zu etwas gezwungen werden, wie mit körperlicher Gewalt, obwohl die seelische Gewalt in der Regel weniger dramatisch erscheint als die körperliche. Mittel körperlicher Gewalt bzw. Machtausübung sind Schläge, Stöße, Stiche und Verbrennungen. Zu den Mitteln seelischer Gewalt gehören Drohungen von Liebesentzug oder tatsächlicher Liebesentzug, wie zum Beispiel tage- oder wochenlang nicht mit dem Partner zu sprechen... Dazu gehören auch die Ausübung von Zwang, Erpressung,… (Rhiel-Emde, Liebe im Focus der Paartherapie, S 204)

Diese Gewaltbegriffe und Beschreibungen verhelfen zwar dazu, eine zerstörerisch und abhängig machende bzw. von Machtmissbrauch geprägte Paardynamik zu verstehen, für unsere Diskussion ist ein strikterer Gewaltbegriff notwendig. Zu sehr verführen die Vermischung von körperlicher Gewalt und seelischen Repressalien und Übergriffen zu einem Vermischen von Verantwortung und Schuld. Denn vieles, was als seelische Gewalt beschrieben wird, ist ein geschlechterneutrales Verhalten, und ein schlagender Mann kann einer Frau zu Recht vorwerfen, dass sie ihn mit so genannten seelischen Grausamkeiten lange genug gequält hat, und er wird eine Rechtfertigung für seine Tat finden. Es heißt jetzt nicht, dass seelische Übergriffe, Abwertungen, Diffamierungen, Liebesentzug nicht auch schlimm sind, aber sie sind eben keine körperliche Gewalt.

Gewaltberatung/Gewaltpädagogik wendet sich gegen eine Verwässerung des Gewaltbegriffs. Eine genaue Definition ist in der Arbeit mit Gewalttätern unumgänglich: Gewalt ist jede Form von körperlicher Beeinträchtigung und ihre Androhung. (vergl. Oelemann/Lempert, Endlich selbstbewusst und stark S 24)

Jetzt kommt es tatsächlich immer wieder, wenn auch selten, vor, dass eine Frau ihren Mann schlägt. Ein männlicher Klient hat dies so beschrieben:

„Irgendwann, als die Streitereien immer heftiger wurden, meine Frau immer lauter, wütender und auch verzweifelter wurde, hat sie mich geschlagen. Für mich war das eine Genugtuung, so unter dem Motto, so jetzt hab ich dich, jetzt bist du die Schuldige, …“

Auf die Frage, ob er denn Angst hätte, also Angst im Sinne von Bedrohung an Leib und Leben, kam ein kurzes und eindeutiges „Nein“.

Erst durch diese existenzielle Angst bekommt Gewalt diesen lebens- und beziehungsfeindlichen Aspekt, welche auch bewirkt, dass Opfer letztlich immer mehr gelähmt und handlungsunfähig werden.

Nun ist dieser Stefan aus der obigen Falldarstellung ein einsichtiger Mann, er möchte die Beziehung fortführen, weiß aber nicht, wie er das konstruktiv und vor allem ohne Gewalt tun kann.

Ergebnisse einer Gewaltberatung

In der Gewaltberatung wird Stefan folgendes lernen, reflektieren und einüben:

  • Verstehen des Gewaltkreislaufes: wie funktioniert dies bei ihm?
  • Was macht er, wie lässt er es dazu kommen, dass er in gewissen Situation gewalttätig wird?
  • Wie kann er die Dynamik unterbrechen, welche Maßnahmen und Ressourcen stehen ihm hier zur Verfügung?
  • Nachdem er kurzfristig lernt, aus einem für ihn (und vor allem für seine Partnerin) gefährlichen Konflikt auszusteigen um nicht wieder zu schlagen, wird er nach und nach lernen, wie er bestimmter für sich einstehen kann, also z.B. der Partnerin ein erwachsenes, gegebenenfalls streitbares Gegenüber zu werden.
  • Er wird lernen, dass Männlichkeit viel breiter und vor allem sehr individuell definierbar ist, denn Männer schlagen auch deshalb, weil sie gewisse Erfahrungen, wie Ohnmacht, etwas nicht mehr im Griff haben, als äußerst unmännlich definieren.
  • Dazu wird er lernen, dass die Wahrnehmung von Gefühlen – die Wahrnehmung und nicht die Bewertung, in unserem Ansatz gibt es demnach keine sog. negativen und positiven Gefühle - lebendig machen und jedem Menschen ganz selbstverständlich zu Eigen sind. Das wird ein männlicher Täter einem männlichen Berater einfach eher glauben als einer Frau als Gegenüber. Das ist ein Grund, warum gerade in der Gewaltberatung männliche Berater von Vorteil sind. Ein anderer ist, weil Männer letztlich die Sozialisation des Gegenübers viel eher und nahbarer begreifen können – da braucht es oft nicht viele Erklärungen.
  • Er wird Selbstwahrnehmung einüben, das macht ihn empfindsamer den eigenen Grenzen gegenüber. Viele Täter haben die Selbstwahrnehmung irgendwann abgestellt und durch dieses Ausschalten der Selbstwahrnehmung macht er es sich leichter, andere zu verletzten. Selbstwahrnehmung ermöglicht dem Mann einerseits früher aus einer möglichen Gewaltdynamik auszusteigen und andererseits ist sie hilfreich, um für das Opfer Empathie aufbringen zu können. Opferempathie ist eine Voraussetzung für eine spätere authentische Entschuldigung.
  • Durch den Berater wird er bestätigt bekommen: „Schwierigkeiten in einer Beziehung sind etwas ganz Normales, fassen Sie nur Mut,..!“ Dieser Satz klingt zwar etwas banal, wird aber mit hoher Wahrscheinlichkeit bei den Klienten Besserungerwartungen und Hoffnungen auslösen, so dass Selbstheilungskräfte aktiviert werden. Oder wie es Rudolf Sanders weiters formuliert: „.. so schöpfen die Beteiligten Mut für ihr Leben für die Gestaltung und Bewältigung ihres Alltags und machen Empowerment-Erfahrungen (vgl. Rudolf Sander, Partnerschule: Ein Weg zur Gewaltprävention in Ehe und Familie). Diese Normalitätsbekundung kann durch authentische Anteilnahme des Beraters bestätigt werden, bestätigt in dem Sinne: "...ich weiß das von mir, manchmal ist das Leben in einer Beziehung wirklich schwierig..."

Falldarstellung 2

Paarberatung in Gewaltbeziehungen ist aus einem weiteren Grund ein Risikofaktor. Dazu folgende Falldarstellung:

Robert und Elisabeth kommen auf ihren Wunsch in die Paarberatung. Robert wirkt selbstbewusst, ist im Gespräch eher fordernd. Elisabeth ist die ruhigere, allerdings vermag sie trotzdem sehr deutlich ihre Unzufriedenheit in der Beziehung auszudrücken. Vor allem belastet sie, dass er wenig zu Hause ist und wenn er dann da ist, sollte alles im Haus und mit den Kindern so laufen, wie er es sich vorstellt. Sie wirft ihm vor, dass er dann mit den Kindern schimpft, und sie selbst kann ihm eigentlich auch nichts recht machen. Er wiederum wirft ihr tatsächlich auch vor, dass sie die Kinder nicht im Griff hat, dass es im Haushalt nicht klappt, obwohl sie seiner Meinung nach genug Zeit hätte.

Im Beisein des Beraters traut sich die Frau ihrem Mann gegenüber eine Kränkung auszusprechen, die sie sehr belastet und erzählt schließlich, wenn er dann völlig genervt ist, nichts mehr so läuft, wie er es sich vorstellt, wird er grob und da kommt ihm schon mal die Hand aus... Das wiederum will er nicht auf sich sitzen lassen, sie übertreibe und außerdem ist ihr Verhalten zu Hause wirklich nicht zu tolerieren. „Du bist ja schließlich auch selber schuld, dass es immer wieder eskaliert ...“ ist sein letzter Satz zu diesem Thema.

Ein weiterer Beratungstermin wird vereinbart, aber es kommt nicht zum Gespräch. Die Frau sagt den Termin telefonisch ab. Erst später wurde deutlich, was nachher abgelaufen ist. Er warf ihr bereits beim Hinausgehen aus der Beratungsstelle vor, dass sie Privates ausplaudere und die Tatsachen zu ihren Gunsten dargestellt hätte. Er verbot ihr, jemals wieder mit jemanden über ihre familiäre Situation zu reden und droht ihr mit Gewalt, falls ihr je wieder etwas über die Lippen kommen würde.

Im Schutze des Beraters hatte die Frau den Mut gefunden, ihre Gewalterfahrung mit dem Mann zu erzählen. Zu Hause, wo dieser Schutz wegfiel, bekam sie die Rechung präsentiert. In diesem Fall war es eine massive Einschüchterung durch die Androhung von Schlägen – das genügt meist schon, dass ein Gegenüber Angst hat, ich kenne aber auch Fälle, wo die Frau nach Offenlegung richtiggehend verprügelt wurde. Die Gewaltspirale drehte sich plötzlich schneller und heftiger.

Sinnvolle Strategien

Welche Strategien erscheinen hier hilfreich:

  • Den Mann und die Frau sofort darauf hinzuweisen, dass mit der Offenlegung erfahrungemäß die Gewalt nicht beendet ist.
  • Der Frau (auch im Beisein des Mannes) zu sagen, dass es sich neben der persönlichen Verletzung auch um einen strafbaren Tatbestand handelt, für die sie nicht verantwortlich ist.
  • Sicherheitsmassnahmen zu überlegen.
  • Den Mann einzuladen (aufzufordern), wenn er der Beziehung eine Chance geben möchte, sein Gewaltproblem gesondert zu bearbeiten und zu verändern.

Zu Beginn einer Gewaltberatung muss ein Mann damit konfrontiert werden, was er angerichtet hat, auch damit, dass es für seine Partnerin (und die Kinder) schlimm ist, was er getan hat – gerade aus diesem Grund halten sie Abstand von ihm.

Die Frau braucht jedoch Raum und Einfühlung, damit sie erkennt, was ihr angetan worden ist, und sie erkennt dadurch möglicherweise die ganze Tragweite ihrer Situation, vor allem auch dann, wenn sie früher schon Gewalt erlitten hat.

Durch diese Grundhaltung der Parteilichkeit dem jeweiligen Klienten gegenüber wird sie zwangläufig ihr Gegenüber "verraten". (vergl. Lempert/Oelemann, …dann habe ich zugeschlagen, Gewalt gegen Frauen. Auswege aus einem fatalen Kreislauf, S 113)

Mit dieser eindeutigen Haltung des Paarberaters/Therapeuten verlässt ein Berater/Therapeut den sog. neutralen Boden. Der eine Partner, in diesem Fall meist der Mann, wird den Berater als Verbündeten der Frau betrachten – das ist er zwar nicht wirklich, sondern er bezieht klar Stellung zur Gewalthandlung, wird aber trotzdem den Boden des Respekts beiden gegenüber nicht verlassen.

Dies wird in diesem Setting nicht ankommen. Eine Paarberatung in dieser akuten Krise fortzuführen wird äußerst mühsam sein.

Jellouschek beschreibt die Rolle des Beraters, des Therapeuten sehr bildhaft, wenn es sich bei der Paarberatung um eine Dreiecksbeziehung handelt:

„Es geht um sehr intensive Gefühle und existenzielle Erfahrungen von Liebe, Hass und Leidenschaft, von Angst, Verletzung und Verlassenwerden. Das Beratungszimmer bevölkert sich mit Feen und Hexen, Helden und Unholden, die durch diese Gefühle von den Beteiligten kreiert werden. Es ist schwierig, als Therapeut nicht ständig entweder fasziniert oder aber abgestoßen zu sein. Der wichtigste Grundsatz beim Umgang mit diesen Gefahren heißt für mich: Kontakt herstellen!“ (vergl. Hans Jellouschek, Warum hast du mir das angetan, S 147)

Er beschreibt dann weiter, dass ein echter Kontakt Verstehen, ja sogar Mögen ermöglicht, auch dem gegenüber, der moralisch der Schuldige ist. Das sind Haltungen, welche auch in der Täterberatung zu den Grundprinzipien, ja letztlich die Methode an sich sind – in einer Paarberatung, wo einer Gewalt ausübt, werden ebenso zwischen Faszination und Abstoßen, ja sogar Ekel, konfrontiert werden.

Was wir nicht erleben werden, sind diese bildhaften Gefühle, wie sie Jellouschek mit Helden, Hexen, Feen und Unholden beschreibt, denn zu sehr wird die Wahrnehmung der Situation von Beklemmung, Angstgefühlen, oft lautlosen Schuldzuweisungen und vor allem interpretierten Phantasien erfüllt sein.

Ebenso ist es schwierig für einen Berater/Therapeuten Verständnis für eine Gewalttat aufzubringen – letztlich darf er die Tat gar nicht verstehen wollen. In der Täterberatung ist dies nicht anders, allerdings soll über den Kontakt zum Klienten sehr wohl das Verstehen für den Täter möglich sein, denn andernfalls wird er immer das Monster bleiben (vergl. Lempert/Ölemann, Handbuch der Gewaltberatung).

Mir ist bewusst, dass in vielen Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen bzw. Einrichtungen, welche Paar- und Familienberatung anbieten, nicht so leicht die Möglichkeit einer getrennten Beratung von Tätern und Opfern umsetzbar sein wird. Gewaltberatung unterscheidet sich in einigen zentralen Punkten von Beratung (auch von Psychotherapie) mit Einzelpersonen, doch das übersteigt jetzt diese Ausführungen.

Es bleibt allerdings ein erstrebenswertes Ziel, mit dem Phänomen Gewalt im Rahmen der Beratung gesondert umzugehen, bestenfalls ein Setting zu schaffen, wie es Baumgartinger im ersten Fallbeispiel skizziert hat, andernfalls ist zu wissen, das bei einer Fortführung der Paarberatung bestimmte Risiken in Kauf genommen werden. Diese können zwar durch eine bewusste und gut überlegte Herangehensweise vermindert werden, aber eben nur vermindert – und das alleine erfordert von Beratern und Beraterinnen eine erhöhte Anstrengung. Beratung mit schwierigen Paaren ist an sich schon Herausforderung genug, was dafür spricht, ein eigenes Setting für diesen Bereich zu bedenken und einzuführen.

Gründe gegen Paarberatung bei Gewalt eines Partners

Zusammenfassend ergeben sich letztlich drei Begründungen, welche gegen eine Weiterführung von Paarberatung bei Gewalt eines Partners sprechen:

  • Im geschützten Rahmen traut sich die Frau als Opfer über ihre Erfahrung zu sprechen – zu Hause im ungeschützten Rahmen bekommt sie dann dafür die „Antwort“ und wird geschlagen bzw. hat Angst, Gewalt ausgesetzt zu sein.
  • Die Verantwortungsübernahme wird verhindert, da im Setting der Paarberatung der Paarkonflikt mit der Gewalt vermischt und verwoben wird (auf einmal ist das Opfer ebenso für die Tat verantwortlich). Das Prinzip "Für den Konflikt sind immer beide verantwortlich, für die Gewalt nur der Täter" wird unterwandert.
  • Der/die BeraterIn kann das Prinzip der Allparteilichkeit bzw. BeraterInnenneneutralität letztlich nicht aufrechterhalten – denn zum Prinzip der Verantwortungsübernahme ist es unabdingbar, dass BeraterInnen zur Gewalt Stellung beziehen d. h. diese auch ablehnen und dieses Verhalten nicht gutheißen.

    Die Haltung: Empathie für den Täter aber klare Entsolidarisierung von seinem Verhalten, ist letztlich nicht durchzuhalten, weil die Klienten dies als Parteinahme verstehen werden. Wir wissen, dass bei Paarkonflikten die einzelnen Partner versucht sind, den/die BeraterIn für ihr/sein Anliegen zu gewinnen. Es kommt zu einer verwirrenden und letztlich eskalierenden „Dreiecksituation“ in der Paarberatung.

Josef Hölzl, MSc, Mitarbeiter bei gewaltfrei.BEZIEHUNGLEBEN.AT (Familienberatung der Diözese Linz)

Literatur

  • [1] Riehl-Emde, Astrid: Liebe im Fokus der Paartherapie Klett-Cotta, Stuttgart
  • [2] Jellouschek, Hans: Warum hast du mir das angetan? Untreue als Chance Piper-Verlag GmbH, München
  • [3] Oelemann, B., Lempert, J.: „...dann habe ich zugeschlagen“ Gewalt gegen Frauen. Auswege aus einem fatalen Kreislauf. München: dtv, 1998
  • [4] Männer gegen Männer-Gewalt (Hrsg.): Handbuch der Gewaltberatung. OLE – Verlag, Hamburg, 2002
  • [5] Ottomayer, Klaus: Männer zwischen öffentlichem Auftritt und persönlichem Zweifel In: Krall, Hannes, Jungen- und Männerarbeit, Bildung, Beratung und Begegnung auf der „Baustelle Mann“, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden
  • [6] Sanders, Rudolf: Partnerschule – Ein Weg zur Gewaltprävention in Ehe und Familie In: Beratung Aktuell, Zeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung, Heft 3, 2. Jahrgang, Junfermann Verlag, 2001