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zusammenLeben ohne Gewalt

THEMEN 2015

Gewaltprävention durch eine sichere Eltern-Kind-Bindung

Mag. Martin Sakrausky und Mag. Eva Sakrausky, MSc

ExpertInnen Stimmen

Mag. Eva Sakrausky, MSc und Mag. Martin Sakrausky

Bindung ist für das Leben so grundlegend wie Luft zum Atmen und Ernährung!

Erhöhte Gewaltbereitschaft sowie die Zunahme von Sucht- und Depressionserkrankungen gehören nicht selten zu den Folgen einer problematischen Kindheit. 70 Prozent der schweren Gewalttäter sind als Kinder selbst Opfer von Misshandlung geworden. Ein Grund dafür liegt in der Weitergabe von erlernten Bewältigungsstrategien, Ideologien und Werthaltungen,  die bis hin zum Erwachsenenalter teils unreflektiert blieben, teils aufgrund mangelnder alternativen Konfliktlösungsmodellen weder korrigiert noch umgelernt wurden.

Erkenntnisse der aktuellen Bindungsforschung belegen darüber hinaus, dass vor allem die ersten Bindungserfahrungen richtungsweisend für die weitere emotionale Entwicklung sind und die Persönlichkeit des Kindes grundlegend prägen. Grundsteine für das Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen und Einfühlungsvermögen für andere werden bereits in den ersten Lebensjahren gelegt. Auch die Grundvoraussetzungen für die Fähigkeit Emotionen sowie Stress selbst zu regulieren, werden bereits im Säuglingsalter erworben und im Unbewussten abgespeichert. Dabei sind die Kinder auf die Hilfe ihrer Eltern angewiesen, die möglichst feinfühlig und liebevoll die Bedürfnisse ihrer Kinder beantworten sollen.

Viele Eltern sind genau dabei jedoch überfordert, da sie selbst nie gelernt haben, mit ihrem eigenen Stress, der zum Beispiel durch ein in der Nacht weinendes Baby ausgelöst wird, umzugehen. Die Wahrscheinlichkeit „im Affekt einfach zu reagieren“, um das Schreien endlich zu stoppen, wächst, da die eigene Überforderung durch die erlebte Hilflosigkeit kaum mehr aushaltbar erscheint. Die Gewaltbereitschaft der ursprünglich willigen Eltern, dem Kind liebevoll zu begegnen steigt, da das eigene „Unwohlsein“ überhandgenommen hat.

Deshalb werden Stimmen immer lauter, die eine möglichst frühe Prävention bei Risikokindern fordern. Psychoanalytische, entwicklungspsychologische und neurowissenschaftliche Forschungsergebnisse weisen übereinstimmend darauf hin, wie vielversprechend und nachhaltig frühe Förderungen und Interventionen sind.

Grundlagen der Bindungstheorie

„Bindung ist das gefühlsgetragene Band, das eine Person zu einer anderen spezifischen Person anknüpft und das sie über Raum und Zeit miteinander verbindet.“ (John Bowlby)

Bindung (engl.: attachment) ist die Bezeichnung für eine enge emotionale Beziehung zwischen Menschen. Die Bindung zwischen Eltern zu ihrem Kind entsteht bereits in der Schwangerschaft, in der sich die Gedanken der werdenden Eltern um das Ungeborene kreisen, für das man bereits Verantwortung übernimmt und sich die Zukunft mit dem kleinen Wesen ausmalt.

Das Bedürfnis nach Bindung ist von der Natur angelegt und sichert dem Neugeborenen sein Überleben. So reagieren Eltern mit dem natürlichen Bedürfnis ihr Neugeborenes zu beschützen und es zu pflegen – auch wenn sie selbst müde sind -  während Säuglinge durch deutliches Bindungsverhalten zeigen, dass sie Schutz, Sicherheit, Beruhigung und Geborgenheit brauchen. Das Bindungsbedürfnis steht im Wechsel mit dem Erkundungsbedürfnis. Nur wenn das Bindungsbedürfnis beruhigt ist, kann der Säugling die Umwelt erkunden.

Das Bindungsverhalten besteht altersabhängig aus verschiedenen beobachtbaren Verhaltensweisen wie Lächeln, Schreien, Festklammern, Zur-Mutter-Krabbeln, Suchen der Bezugsperson usw. Es ist genetisch vorgeprägt und bei allen Primatenkindern zu finden, besonders beim Menschen. Das Baby schreit, weil es Hunger hat, sich einsam fühlt, sich ängstigt, es Schmerz verspürt und ist darauf angewiesen, dass seine Bindungsperson das kindliche Signal möglichst rasch wahrnimmt, erkennt und demensprechend entschlüsselt und beantwortet.

Das Kind selbst kann sein eigenes Bedürfnis dabei weder erkennen noch stillen. Es erlebt ein stetig wachsendes Unwohlsein, das sich in körperlicher Anspannung zeigt, die vom Kind selbst noch nicht reguliert werden kann. Es ist von seiner erwachsenen Bindungsperson abhängig, die ihm durch verlässliches Verhalten und Reagieren erleben lässt, dass unterschiedliche Spannungszustände (Hunger, Angst, Langeweile,…) durch unterschiedliche Handlungsweisen gelöst werden können. Es erlebt, dass Stress bewältigbar wird und entwickelt ein Vertrauen, in seine Mitmenschen.

Der Stolz in den Augen, die feinfühlige Zuwendung und das Lob der Bindungsperson steigert das Selbstwertgefühl des Kindes, es fühlt ich nicht nur in seiner gelungenen Aktivität gesehen und wahrgenommen, sondern auch wertgeschätzt. Wird dieses Gefühl verinnerlicht, so wächst langsam und allmählich auch im Kind ein Gefühl, dass sich mit den Worten ausdrücken lässt:

„Ich bin es wert, gesehen, geliebt und gefördert zu werden, meine Eltern lieben mich, so wie ich bin und wie ich mich entwickle, so wie ich die Welt erkunde; und selbst dann, wenn die Dinge schiefgehen, nicht gelingen, freuen sie sich mit mir, unterstützen und motivieren mich, noch mal von vorne zu beginnen, und mit dieser Rückendeckung kann ich die ganze Welt erobern!“

Wie wird man Bindungsperson?

Durch eine wechselwirkende Interaktion zwischen Elternteil und Kind entwickelt sich eine Bindungsqualität.

Die Pflegeperson mit der größten Feinfühligkeit in der Interaktion wird die Hauptbindungsperson für den Säugling.

Die Pflegeperson muss die Signale des Säuglings

  • wahrnehmen
  • prompt reagieren
  • richtig interpretieren
  • angemessen reagieren

Es wird davon ausgegangen, dass das Kind im Laufe des ersten Lebensjahres eine Hierarchie von verschiedenen Bezugspersonen bildet, also gleichzeitig Beziehungen zu mehreren Bindungspersonen herstellen kann, die häufig eine bestimmte Rangfolge einnehmen, an deren Spitze die primäre Bezugsperson steht.

Zu den Faktoren, die darüber entscheiden, welche Bindungsfigur ganz oben auf der Liste steht, gehört:

  • wie viel Zeit die Person dem Kind widmet,
  • welche Qualität die Zuwendung hat,
  • wie groß das emotionale Engagement des Erwachsenen ist und
  • ob die Person regelmäßig zur Verfügung steht.

Dabei können unterschiedliche Bindungsmuster entwickelt werden. So kann das Kind z. B. bei der Mutter ein sicheres Bindungsmuster zeigen, beim Vater dagegen ein unsicher–ambivalentes.

Die primären Bindungspersonen müssen nicht die leiblichen Eltern sein. Emotionale Bindung des Kindes an die Bindungsperson entsteht NICHT durch genetische Verwandtschaft. In der wissenschaftlich fundierten Bindungstheorie gibt es keine Bindung durch Blutsbande.

Die Hauptbindungsperson wird bei größtem Stress aufgesucht und kann am besten und schnellsten beruhigen. Nachgeordnete Bindungspersonen können bei kleinerem Stress trösten und werden als Ersatz für Hauptbindungsperson akzeptiert, wenn diese nicht verfügbar ist.

Bindungsqualität

Aus den Interaktionserfahrungen, die der Säugling mit seinen Betreuungspersonen im Laufe der Zeit macht, resultiert ein Gefühl der Bindung, das je nach Erfahrung unterschiedliche Qualitäten annehmen kann.

Mary Ainsworth erforschte als Erste systematisch die Bindungsqualität („Fremde Situation - Test“) und hat drei Bindungsqualitäten in klinisch unauffälligen Gruppen beschrieben:

  • sicher-gebundene Kinder: suchen Nähe der Mutter, lassen sich trösten, benutzen Mutter als sichere Basis (50 %)
  • unsicher-vermeidend gebundene Kinder: zeigen keine deutliche Trennungsreaktion, ignorieren Mutter bei Wiederkehr und vermeiden Nähe und Kontakt (25 %)
  • unsicher-ambivalent gebundene Kinder: sind ängstlich, zeigen starke Trennungsreaktionen, lassen sich bei Wiederkehr der Mutter kaum beruhigen und zeigen ambivalentes Verhalten (15 %).

Nach dieser Einteilung in die drei Hauptgruppen wurde später durch Mary Main eine weitere Gruppe eingeführt:

  • unsicher-desorganisiert/desorientiert gebundene Kinder: widersprüchliche Verhaltensmuster, unterbrochene und stereotype Bewegungen (5 – 10 %)

Es ist uns wichtig darauf hinzuweisen, dass sicher-gebundene Kinder zwar in den klinisch unauffälligen Gruppen etwa 50 % ausmachen, jedoch nur 8 % in klinischen Gruppen (z. B. Kinder psychisch kranker Eltern, fremd untergebrachte Kinder,…). Sichergebundene Muster finden sich demnach nur in einer kleinen Anzahl von Patienten. 80 % aller Kinder, die Gewalt- und Missbrauchserfahrungen gemacht haben, sind desorganisiert gebunden.

Sowohl feinfühliges Verhalten als auch sichere Bindungsrepräsentationen können nicht vollständig das Zustandekommen des jeweiligen Bindungstyps erklären. Auch die Zuhilfenahme des Temperaments reicht nicht aus. So gibt es Untersuchungen die zeigen, dass der „ökologische Kontext“ (Umfeld, Lebensraum) ebenfalls eine Rolle spielt. So ist z.B. bei Kindern, deren Mütter über längere Zeit an einer Depression leiden, die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie ein unsicher gebundenes Bindungsmuster entwickeln.

Weitergabe von Bindungsmustern

Es besteht ein eindeutiger Zusammenhang zwischen den Bindungserfahrung der Eltern, ihrem Verhalten gegenüber ihrem Säugling und den Bindungsmustern der Kinder. Diese werden zu einem hohen Prozentsatz an die nächste Generation weitergegeben. Bindungsvermeidende Eltern haben erfahren, dass ihre Bedürfnisse zurückgewiesen wurden und reagieren auf die Signale ihres Kindes ebenfalls zurückweisend – auch ihr Kind wird deshalb sehr wahrscheinlich bindungsvermeidend werden und mit all den Nachteilen einer unsicheren Bindung konfrontiert sein. Hier sollten Präventionsprogramme ansetzen!

Gewalthandlungen nach Re-Inszenierung von elterlichen Traumatisierungen

Nach den bisherigen Erfahrungen zeigen ca. 30% der Eltern solche ungelösten traumatischen Erfahrungen, die eine individuelle Psychotherapie benötigen. Besonders diese ungelösten traumatischen Erfahrungen sind von großer Bedeutung, weil die klinische Erfahrung zeigt, dass Kinder ganz ungewollt durch ihre Verhaltensweisen traumatische Erlebnisse und die dazugehörigen Affekte bei ihren Eltern wieder wachrufen („triggern“) können. Diese sind wie „Geister im Kinderzimmer“, die ungerufen kommen.

So kann etwa das Weinen eines Kindes, die Suche nach Zärtlichkeit, Wutanfälle oder auch Forderungen des Kindes nach Nähe und Kontakt ungelöste traumatische Erfahrungen bei der Mutter oder dem Vater in Erinnerung bringen. Wenn dies unkontrolliert und unbewusst geschieht, können sich die Eltern plötzlich im Kampf auf einer imaginären Bühne befinden.

Ihr Kind wird im schlimmsten Fall gleichzeitig Akteur und Opfer in einem alten traumatischen Theaterstück, in dem ihm eine Rolle zugeschrieben wird, die es sich selbst nicht ausgesucht hat. Es kann etwa von selbst zur Zielscheibe und Projektionsfläche für gewalttätige Fantasien werden, und im schlimmsten Fall kann es etwa zu einer realen Wiederholung von Gewalterfahrungen kommen, indem das Kind unbeabsichtigt von der Mutter oder dem Vater geschüttelt wird. Solche oft zeitlich kurzen traumatischen Reinszenierungen können fatale Folgen haben, da das Kind etwa durch eine Hirnblutung oder Augenblutung nach einem Schütteltrauma zeitlebens behindert oder geschädigt sein kann.

Wenn sich zeigt, dass die Eltern solche unverarbeiteten eigenen traumatischen Erfahrungen mitbringen, werden sie von uns darauf hingewiesen, dass diese Erfahrungen wegen der bisherigen Nichtverarbeitung einen großen Risikofaktor darstellen. Es besteht die Gefahr, dass Eltern solche traumatischen Erlebnisse mit ihrem Kind wiederholen und sich dadurch der Teufelskreis von selbst erlebter Gewalt und der Weitergabe dieser in der nächsten Generation wiederholt.

Es muss ein spezielles Ziel von Präventionsprojekten sein, diese Teufelskreise zu durchbrechen. Wenn die Eltern sich motivieren lassen und bereit sind, müssen bereits während der Schwangerschaft in getrennten individuellen Sitzungen im Sinne einer Stabilisierungsphase Traumatherapie angeboten werden. Nach der Geburt besteht die Möglichkeit, in individuellen traumazentrierten psychotherapeutischen Sitzungen durch eine Verarbeitung der traumatischen Erlebnisse mit modernen Methoden der Traumatherapie (z.B. mit EMDR) den Eltern zu helfen. Gerade dies zielt auf eine Prävention einer Wiederholung des erlebten Traumas mit den eigenen Kindern ab. Parallel dazu soll mit den Eltern an ihrem feinfühligen Verhalten ihren Kindern gegenüber gearbeitet werden.

Zusammenfassende Ziele der primären Prävention

  • Förderung der psychischen Gesundheit von Eltern und Kindern
  • Entwicklung von sicherem Bindungsverhalten
  • Sensibilisierung der Eltern für die emotionalen Bedürfnisse ihrer Kinder
  • Einübung von feinfühligem Interaktionsverhalten
  • Verarbeitung von elterlichen Traumatisierungen
  • Durchbrechung von „Teufelskreisen“

Zielgruppen

Werdende Väter und Mütter

  • Erstgebärende
  • Mehrgebärende
  • Paare und Alleinerziehende

Beispiel für ein Präventionsprojekt

„Das Kärntner Elterndiplom“ (www.eltern-diplom.at)

Sakrausky Eva, Mag., MSc – Klinische und Gesundheitspsychologin, Psychotherapeutin, Kindergärtnerin, Elternbildnerin; AVS – Psychologisch-Psychotherapeutischer Dienst für Kinder, Jugendliche und Familien, freie Praxis

Sakrausky Martin, Mag.phil, Dipl. Päd. – Klinischer und Gesundheitspsychologe, Psychotherapeut, Diplompädagoge, Supervisor, Elternbildner; AVS – Psychologisch-Psychotherapeutischer Dienst für Kinder, Jugendliche und Familien, freie Praxis

Literatur

  • [1] Bowlby, J. : Bindung als sichere Basis. Grundlagen und Anwendungen der Bindungstheorie München: Reinhardt, 2008
  • [2] Brisch, K.H. & Hellbrügge, T.: Die Anfänge der Eltern-Kind-Bindung. Schwangerschaft, Geburt und Psychotherapie Stuttgart: Klett-Cotta, 2007
  • [3] Brisch, K.H.: Bindungsstörungen. Von der Bindungstherapie zur Therapie Stuttgart: Klett-Cotta, 2009
  • [4] Brisch, K.H., Grossmann K.E., Grossmann K. & Köhler, L. : Bindung und seelische Entwicklungswege. Grundlagen, Prävention und klinische Praxis. 2. Auflage Stuttgart: Klett-Cotta, 2006
  • [5] Brisch, K.H. & Hellbrügge, T.: Bindung und Trauma. Risiken und Schutzfaktoren für die Entwicklung von Kindern. 2. Auflage Stuttgart: Klett-Cotta, 2006
  • [6] Grossmann, K. & Grossmann K.E. : Bindung – das Gefüge psychischer Sicherheit Stuttgart: Klett-Cotta, 2006
  • [7] Götze, H.K.: Kinder brauchen Mütter. Die Risiken der Krippenbetreuung – Was Kinder wirklich stark macht Graz: Ares Verlag, 2011
  • [8] Jungmann, T. & Reichenbach, C.: Bindungstheorie und pädagogisches Handeln. Ein Leitfaden. 2. Auflage Dortmund: Verlag Modernes Lernen, 2011
  • [9] Nissen, G.: Kulturgeschichte seelischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen. (Kapitel Bindung sichert das Leben) Stuttgart: Klett-Cotta, 2005
  • [10] Suess G.J., Scheuerer-Englisch H., Pfeifer W.-K.P.: Bindungstheorie und Familiendynamik. Anwendung der Bindungstheorie in Beratung und Therapie Gießen: Psychosozial Verlag, 2001

Das Kärntner Elterndiplom
Beispiel für ein Präventionsprojekt