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zusammenLeben ohne Gewalt

Gewalt an / unter Männern

Verhaltensweisen

Wie bei weiblichen Betroffenen stellt sich auch bei misshandelten Männern die Frage, warum sie bei ihrer Partnerin bleiben. Festgestellt wurde, dass die Beweggründe von weiblichen und männlichen Opfern sehr ähnlich sind:

  • Sie haben bereits in der Herkunftsfamilie Gewalt erfahren – Gewalt ist sozusagen „normal“.
  • Die Übergriffe haben selten stattgefunden und wurden nicht als gravierend wahrgenommen.
  • Es mangelt an alternativen Lebenskonzepten.

Zur Frage nach dem Umgang von Männern mit Gewalt in Partnerschaften zeigt sich, dass Männer eher defensiv reagieren, als selbst gewalttätig gegen ihre Partnerin zu werden. Welche Strategie sie im Einzelfall wählen, hängt dabei von verschiedenen Faktoren ab:

  • vom Austausch zwischen Opfer und Täterin (Möglichkeit über die stattgefundene Gewalthandlung zu sprechen, über Ursachen und Folgen zu reflektieren und bestehende Probleme zu diskutieren und zu lösen);
  • vom Schweregrad der Verletzung;
  • vom angenommenen und/oder empfundenen Erfolg der jeweiligen Bewältigungsstrategie;
  • von der Billigung der Gewalthandlung (stammt das Opfer aus einer Familie, in der körperliche Gewalt angewandt wurde, so wird es Gewalt in einer Partnerschaft eher tolerieren);
  • vom Vorhandensein anderer sozialer Beziehungen als Alternative zur Gewaltbeziehung.

Die nachfolgend dargestellten Strategien sollen einen Überblick über Bewältigungsmöglichkeiten geben. In der Praxis werden sie von den Betroffenen oft parallel oder hintereinander eingesetzt.

Konsequenzen ziehen

Das Opfer sucht oder fordert eine Veränderung oder stellt die Beziehung selbst in Frage. Diese Strategie wird vor allem dann gewählt, wenn die Gewalthandlung als tiefer Einschnitt in die Beziehung empfunden wurde, wenn kein Austausch stattfinden konnte bzw. dieser zu keiner Veränderung führte. Sie ist allerdings sozial sehr kostenintensiv und verläuft meist konflikthaft. Die Konsequenzen können folgende sein:

Rache, Vergeltung und Verweigerung

Die geplanten Racheakte, mit denen sich das Opfer für die erlittenen Verletzungen und Demütigungen revanchiert, reichen vom Verbreiten von Gerüchten, über Liebesentzug, gewalttätige Attacken bis hin zum Mord.

Trennung, Scheidung, Abbruch und vorübergehende Auflösung der Beziehung

Diese Strategie wird meist dann gewählt, wenn die Gewalt nicht benannt werden kann oder nicht als Grund für die (räumliche) Trennung angegeben werden soll, um so dem Image von Opfer und Täterin nicht zu schaden.

Die Praxis zeigt allerdings, dass misshandelte Männer seltener als von Gewalt betroffene Frauen eine Beziehung beenden. Eine wichtige Rolle bei der Entscheidung für die Trennung spielen die Tiefe der Beziehung und die subjektive Billigung der Übergriffe. Je enger die Partnerschaft ist und je legitimer Gewalt dem betroffenen Mann erscheint, desto geringer ist seine Bereitschaft, sich zu trennen.

Mobilisierung von Ressourcen

Um Ressourcen zu mobilisieren, d.h., Hilfe bei Dritten zu suchen, muss der/die Betroffene sich erst einmal als Opfer definieren. Meist wird diese Strategie gewählt, um Täterinnen an weiteren Gewalttaten zu hindern. Nachteilig wirkt sich aus, dass die Gewalt als solche thematisiert werden muss, was zu einer Schädigung des sozialen Ansehens führen kann. Unterschieden wird zwischen informellen und formellen Ressourcen.

Informelle Ressourcen:

Zu ihnen zählen Freunde, Bekannte und Familie. Sie werden grundsätzlich häufiger mobilisiert als formelle Ressourcen, da sie eine Konfliktlösung im „Privaten“ ermöglichen. Im Vergleich zu Frauen wenden sich aber Männer erheblich seltener an Freunde und Verwandte um Hilfe.

Formelle Ressourcen:

Exekutive und Justiz werden von misshandelten Männern sehr selten kontaktiert. Als Grund dafür wird angeführt, dass Männer befürchten (müssen), dass ihnen weniger Glauben geschenkt wird als Frauen. Männer erstatten meist erst dann Anzeige, wenn sie von ihrer Partnerin mit einer Waffe bedroht oder angegriffen wurden.

Ergebnisse aus der Evaluation der Umsetzung des österreichischen Gewaltschutzgesetzes scheinen dies zu bestätigen. Danach führte das Einschreiten der Exekutive signifikant seltener zu einer Wegweisung oder Festnahme, wenn ein Mann von Gewalt betroffen war.

Normalisierung

Normalisierung bedeutet in diesem Zusammenhang ein Anpassen, ein Tolerieren der Gewaltsituation. Vorteilhaft wirkt sich dabei aus, dass die Beziehung ohne große Veränderungen bestehen bleiben kann und es zu keinen sozialen Folgekosten kommt. Problematisch ist jedoch, dass das Selbstwertgefühl des Opfers mehr oder minder stark beeinträchtigt wird und die seelische Gesundheit gefährdet werden kann.

Normalisierung im engeren Sinn:

Das bedeutet, dass Gewalt als üblich, alltäglich wahrgenommen wird. Da Gewalt zur männlichen Sozialisation in vielen Kulturen zählt, wird angenommen, dass diese Strategie sehr häufig von männlichen Gewaltopfern gewählt wird.

Bagatellisierung:

Im Gegensatz zur Normalisierung wird bei dieser Strategie der Normbruch zwar definiert, doch als bedeutungslos für den Mann angesehen. Diese Strategie wird sehr häufig eingesetzt, da Männer erst bei schwerer Gewaltanwendung durch die Partnerin Hilfe in Anspruch nehmen.

Rechtfertigung:

Die Gewalt wird zwar als Normbruch und als schädigend wahrgenommen, jedoch durch die Umstände legitimiert. Es wird angenommen, dass diese Strategie in Paarbeziehungen nur sehr selten angewandt wird – am ehesten vermutlich im Falle von Notwehr.

Entschuldigung:

Auch in diesem Fall wird die Gewaltanwendung vom Opfer als Normbruch und als schädigend definiert, doch wird sie damit erklärt, dass sich der/die Täter/in während des Übergriffs in einer psychischen Ausnahmesituation befunden habe.

Studien belegen, dass sich vor allem Täterinnen im Rahmen von Strafverfahren dieser Strategie bedienen – z.B. behaupten, „geisteskrank“ zu sein. Allerdings fehlen Erhebungen, wie oft in diesen Fällen der Partner das Opfer der begangenen Gewalttat war.

Bilanzierung:

Bei dieser Strategie stellt das Opfer die Kosten, die durch die Gewalttat entstehen dem Nutzen, der aus der Beziehung erwächst, gegenüber. Bleibt die Bilanz positiv, wird die Beziehung weitergeführt.

Problematisierung:

Die Gewalttat wird vom Opfer als nicht gerechtfertigt angesehen, doch die Beziehung zum/zur Täterin soll aufrecht bleiben. Das Opfer verlangt allerdings eine Änderung des Status quo (z.B. der/die Täterin soll mit dem Trinken aufhören, sich beherrschen, sich einer Beratung/Psychotherapie unterziehen).

Hilflosigkeitsreaktionen:

Die Gewalttat wird als Normbruch mit gravierenden und schädigenden Folgen gesehen, der weder gerechtfertigt noch entschuldbar ist. Das Opfer sieht jedoch keine Möglichkeit den derzeitigen Stand der Beziehung zu verändern bzw. in Frage zu stellen. Die Folgen sind oft Resignation und auch Depression.