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zusammenLeben ohne Gewalt

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Was sind ihre Strategien?

Sexueller Missbrauch ...

  • ... wird vom Täter vorher geplant, die Opfer haben nur selten eine Chance, sich diesem Vorhaben zu entziehen.
  • ... wird vom Täter so getarnt, dass das Kind nicht weiß, was mit ihm passiert.
  • ... beginnt häufig mit „zufälligen“ sexuellen Berührungen, die vom Täter entweder nicht kommentiert oder als Spiel und Ausdruck großer Zuneigung bezeichnet werden.

Der Täter versucht den sexuellen Missbrauch geheim zu halten:

  • Er versucht beim Opfer ein Gefühl von Gegenseitigkeit herzustellen: Fragen wie „Macht dir das Spaß?“ oder „Findest du das schön?“ geben dem Opfer das Gefühl, für das Geschehene verantwortlich zu sein.
  • Die vom Täter geforderte Geheimhaltung wird mit Drohungen untermauert, die im Opfer Schuldgefühle entwickeln: „Deine Mutter wird krank, wenn sie das erfährt“, „Ich bringe mich um, wenn du das jemandem erzählst“, „Ich komme ins Gefängnis und du in ein Heim“.

Manche Kinder fragen sich, ob sie sich den Missbrauch nur eingebildet haben:

Die bisher bekannte Bezugsperson wird durch das unverständliche Verhalten ein stöhnender, bedrohlicher Fremder – der sich nachher noch durch die Erklärung „Niemand wird dir glauben“ – was sich oft bewahrheitet – absichert.

Der Geheimhaltungsdruck ist einer der Gründe für die Sprachlosigkeit und Handlungsunfähigkeit des Opfers.

Geheimhaltung ist eines der zentralsten Merkmale des Missbrauches – auf unterschiedlichsten Ebenen.

Das Geheimnis hinterlässt selten sofort sichtbare Spuren am Körper: Bei 85% der Missbrauchsopfer wird nach außen hin nichts sichtbar, wie es etwa bei Schlägen oder anderen Misshandlungen der Fall wäre.

Die zweite Ebene der Geheimhaltung ist die intrapsychische: Missbrauchte Kinder versuchen so zu tun, als ob ihnen der Missbrauch nicht passiert oder als ob sie nicht dabei wären. Der Missbrauch ist ein traumatisches Erlebnis, d. h. es kommt zu Ereignissen, die ihre Sinne nicht mehr fassen können, Ereignissen, die sie eigentlich nicht mehr aushalten können ...

Um so eine Situation überleben und ertragen zu können, sind Kinder so kreativ, dass sie sich „wegbeamen“ – oder dissoziieren, wie der Fachausdruck lautet: Wenn der Missbrauch beginnt, dann ist es so, als ob sie aus sich selber herausgehen und zur Decke schweben. Dann bleibt unten eine andere Person, und das Kind sieht nicht einmal zu ...

Geheimhaltung gibt es auch auf der interaktionellen Ebene zwischen Täter und Opfer: Der Täter spricht nicht über den Missbrauch, er benennt ihn nicht. Er sagt nur, dass es ein Geheimnis bleiben soll.

Die Sprache wird ritualisiert. Wobei es immer Eingangs- und Ausgangsrituale gibt: Ist etwa der Vater der Täter, so sind Eingangs- und Ausgangsrituale scheinbar ganz alltägliche Worte oder Handlungen. So kann beispielsweise die Aufforderung „Geh deine Mathematikaufgabe machen“ für das Kind bedeuten, dass es gewisse Dinge tun muss: z.B. in sein Zimmer gehen und dort den Täter erwarten. Ausgangsritual kann beispielsweise auch sein, dass das Kind einen Kuss auf die Stirn bekommt – was in einem anderen Zusammenhang eine liebevolle, väterliche Geste ist. Es wird nicht benannt, was passieren wird, aber es ist für das Kind ganz deutlich, was getan werden muss.

Ein Faktor der Geheimhaltung ist für Kinder auch, dass der Täter während des Missbrauchs zu einer anderen Person wird: Stimme und Gesichtsausdruck verändern sich, die Erregung lässt seinen Atem schneller werden, ihn stöhnen.

Der Vater, der da mit dem Kind im Bett liegt und es missbraucht, ist jemand anderer, Fremder und nicht der, der ihm nachher das Bussi auf die Stirn drückt.

Die Tat selbst wird nie benannt und darf nicht genannt werden – sie muss geheim bleiben. So werden die Tat und das Geschehene für das Kind erst real, wenn es das Kind benennen kann, wenn es darüber sprechen kann, wenn jemand das vom Kind Erzählte wiederholt. Bis zu diesem Zeitpunkt bleibt es auf einer Zwischenstufe des Bewusstseins.