Hier finden Sie Hilfe

zusammenLeben ohne Gewalt

THEMEN 2012

Expertinnenstimme

Mag.a Renate Tanzberger

Mag.a Renate Tanzberger

Plädoyer für einen geschlechtergerechten Sprachgebrauch

Stellen Sie sich vor ...

dass Sie eine Straßenbefragung machen und darum bitten, drei Politiker (oder drei Künstler oder drei Sportler) zu nennen. Glauben Sie, wird sich das Ergebnis unterscheiden, wenn Sie dezidiert nach drei Politikerinnen und Politiker (bzw. drei Künstlerinnen und Künstler, drei Sportlerinnen und Sportler) fragen?

Oder bitten Sie Kinder zwei Tischler bei der Arbeit zu zeichnen oder zwei Lehrer in der Schule. Welches Geschlecht – denken Sie – werden die Personen auf den Zeichnungen haben?

Sicher macht es noch einen Unterschied, ob in einer Berufsgruppe mehrheitlich Männer oder Frauen arbeiten. In der Zeichnung mit den zwei Lehrern wird wahrscheinlich noch eher eine Frau vorkommen als in der Zeichnung mit den zwei Tischlern.

Ich bin überzeugt davon, dass Sprache unser Denken verändert. Das haben auch zwei Wissenschafterinnen Dagmar Stahlberg und Sabine Sczesny von der Universität Mannheim nachgewiesen: Sie baten Studierende darum, drei Sportler, Sänger, Politiker oder Moderatoren zu nennen. In einer Variante wurde nach drei Sportler/innen, Sänger/innen, Politiker/innen oder Moderator/innen gefragt und siehe da: Im zweiten Fall wurden mehr Frauen genannt als wenn ausschließlich die männlichen Formen angegeben waren.

Wie männlich geprägt die Sprache ist

wird deutlich, wenn die Verhältnisse einmal umgedreht dargestellt werden. Im 1977 erstmalig erschienenen Roman "Die Töchter Egalias" der norwegischen Autorin Gerd Brantenberg sind zum einen die Geschlechtermachtverhältnisse umgedreht, zum anderen zieht sich eine weiblich geprägte Sprache durch den ganzen Roman. Daher kann beispielsweise der Sohn Petronius nur formulieren, dass er Seefrau werden will. Seine Schwester lacht ihn aus. "Eine männliche Seefrau! Der blödeste Ausdruck seit Wibschengedenken!" Was uns beim Lesen komisch vorkommt, ist umgekehrt selbstver­ständlich. Eine Landeshauptfrau wurde längste Zeit Landeshauptmann genannt, weil es doch um die Funktion geht und nicht um das Geschlecht. Und nicht selten ist im Sport, wenn es um Frauenteams geht, von Frauenmannschaften die Rede. Beim Wort Männerfrauschaft würden wohl alle den Kopf schütteln und nachdenken müssen, was damit gemeint sein kann.

Sprache hat Bedeutung

Wie wichtig das Thema Sprache ist, wird deutlich, wenn Volksgruppen dafür kämpfen, ihre Sprache sprechen zu dürfen, wenn in Kärnten eingefordert wird, dass Ortstafeln zweisprachig beschriftet werden oder wenn die Berufsbezeichnung Krankenschwester für Männer als untragbar empfunden wird.

Sich für eine geschlechtergerechte Sprache einzusetzen heißt nicht, andere Themen der Gleichstellung nicht ernst zu nehmen. Aber warum soll es um ein Entweder – Oder gehen? Dürfen wir eine geschlechtergerechte Sprache erst erwarten, wenn alle anderen Probleme gelöst sind? Eine geschlechtergerechte Sprache führt nicht automatisch zu einer Welt, in der Gleichstellung verwirklicht ist, aber sie verändert mit Sicherheit das Denken. Wenn beispielsweise von Gesetz wegen die Stellenausschreibung "Gesucht: Bauingenieur/in" lauten muss oder in einer Ausschreibung eine Kindergartenpädagogin bzw. ein Kindergartenpädagoge gesucht wird, dann werden sich sicher nicht gleich viele Frauen wie Männer für diese beiden Jobs bewerben, aber zumindest ist schon heute sichtbar gemacht, dass für beide Berufe Frauen wie Männer in Frage kommen. Und vielleicht bewirkt dies, dass ein Bub oder Mädchen sich diesen – derzeit noch für sie eher untypischen – Beruf für sich vorstellen kann.

Immer wieder höre ich das Argument, dass eine geschlechtergerechte Sprache zu grammatikalischen Problemen führen würde und im Alltag (in Schrift und Sprache) nicht praktikabel wäre. Mir selbst ist die Sichtbarmachung von Frauen in der Sprache inzwischen zum Selbstverständnis geworden. Ich kann gar nicht anders als jedes Mal zu merken, wenn ausschließlich in der männlichen Form gesprochen wird oder sich Frauen als Lehrer vorstellen. Ich bin überzeugt davon, dass geschlechtergerechtes Formulieren gelernt werden kann. Es bedarf dazu einer Sensibilisierung, eines Bewusstseins für die Bedeutung des Themas und eines Willens zur Umsetzung. Und mit ein bisschen Übung wird geschlechter­gerechtes Formulieren zur Selbstverständlichkeit.

Aber Geschlecht ist doch nicht die einzige Kategorie!

Ein nicht-diskriminierender Sprachgebrauch beschränkt sich nicht auf das Sichtbarmachen von Frauen (indem statt von Politikern von "Politikerinnen und Politikern" geredet wird oder "PolitikerInnen" bzw. "Politiker/innen" geschrieben wird). Bei einer sensiblen Verwendung der Sprache sollen zum Beispiel auch junge und alte Menschen, Menschen mit Behinderung, Schwule / Lesben / Transgender, Migrantinnen und Migranten sichtbar und respektvoll behandelt werden. Das kann etwa dadurch geschehen, dass in Volksschullesebücher nicht nur Anna und Peter vorkommen, sondern auch Ayse, Goran, Elita und Mohammed. Oder, um ein zweites Beispiel zu nennen: Wenn Politiker_innen geschrieben wird, soll mittels Gendergap, also dem Unterstrich, ausgedrückt werden, dass es Personen und Theorien gibt, die sich gegen das zu einfache Mann-Frau-Schema wenden (im Sinne von "es gibt mehr als zwei Geschlechter").

In jedem Fall geht es bei einem gender- und diversitätsgerechten Sprachgebrauch darum, aus der Tradition der Personen bzw. Personengruppen diskriminierenden Sprache auszusteigen. Das mag manchmal auch anstrengend sein, aber lohnend ist es auf jeden Fall.
Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim kreativen Formulieren!

Mag.a Renate Tanzberger: Obfrau des Vereins zur Erarbeitung feministischer Erziehungs- und Unterrichtsmodelle. Bildet fort und schreibt u.a. zu gendersensibler Pädagogik, Mädchen- und Bubenarbeit, Gewalt/Prävention, Berufsorientierung.

Literatur

  • [1] Karin Wetschanow : Geschlechter­gerechtes Formulieren. BMUKK, Wien, 2010
    PDF, 57 kB
  • [2] Maria Buchmayr, Marion Falzeder: Geschlechtergerecht in Sprache und Bild. Stabsabteilung für Gleichstellungspolitik an der Johannes Kepler Universität Linz, 2009
    PDF, 671 kB
  • [3] Irmtraud Voglmayr: Leitfaden für einen nicht-diskriminierenden Sprachgebrauch in Bezug auf junge und alte Menschen, Menschen mit Behinderung, Frauen / Männer, Schwule / Lesben / Transgender, Migrant/innen und Menschen mit einer anderen religiösen Zugehörigkeit BMWA, Wien, 2008
    PDF, 2 MB
  • [4] Eine Sprache für Frauen und Männer.

    Weitere Informationen