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zusammenLeben ohne Gewalt

THEMA: Risiken digitaler Medien

Expertinnenstimme

Maria Rösslhumer

Mag.a Maria Rösslhumer

Mag.a Maria Rösslhumer

Gewalt an Frauen und Kindern in neuen Kleidern

Chancen und Risiken neuer Medien - Schutz und Hilfe bei Gewalt

Die modernen Medien wie Internet, Facebook und Twitter gehören mittlerweile zum Alltag vieler Menschen und spielen im täglichen Leben eine zentrale Rolle. Neue Technologien schaffen neue, schnelle und grenzenlose Formen der Kommunikation, vor allem im Berufsleben, aber auch im privaten Bereich.

Das Leben ohne Internet, Handys und Kommunizieren in Social Media-Netzwerken wäre heutzutage kaum mehr vorstellbar. Kinder und Jugendliche wachsen mit diesen Technologien auf, und für sie ist der Umgang mit der Cyberwelt zur Selbstverständlichkeit geworden. Beinahe alle Kinder und Jugendlichen verfügen heute über ein eigenes Handy und einen eigenen Computer. Auch für Erwachsene nimmt die Bedeutung der neuen Technologien immer mehr zu, was beispielsweise dadurch erkennbar wird, dass Online Dating ein riesiger Markt geworden ist. Hunderte Homepages locken mit der PartnerInnensuche im Internet, und viele große Anbieter/innen haben laut Schätzungen über Tausende von Mitgliedern.

Cyberwelt und neue Gewaltformen

Die Cyberwelt birgt jedoch auch neue Gefahren: Gewalt erscheint in neuen Kleidern und bietet unzählige Möglichkeiten zur Gewaltausübung. Neue Medien werden missbraucht, um die persönlichen Rechte von Menschen zu verletzen und einzuschränken. Cyber-Stalking, Cyber-Mobbing, Cyber-Bullying, Cyber-Grooming und Happy Slapping, wie die neuen Gewaltformen bezeichnet werden, kommen nicht selten im Zusammen­hang mit Partnergewalt und Gewalt in der Familie vor.

Auch Sexismus, sexuelle Gewalt und sexuelle Belästigung spiegeln sich in der digitalen Welt wider. So können über Websites wie z.B. YouPorn jederzeit unzählige pornografische Filme mit sexistischen Geschlechterbildern und Gewaltinhalten abgerufen werden. Der Zugang dazu wird immer einfacher - auch für Kinder und Jugendliche. Ferner nützen Sexualstraftäter und Pädophile die Freiheit des Internets, und der weltweite Handel mit Kinderpornografie ist eine traurige Tatsache.

„Herkömmliche“ Gewalt an Frauen und Kindern

Gewalt ist nichts Neues; sie tritt täglich in vielen Facetten in Erscheinung. Sowohl im persönlichen und familiären als auch im öffentlichen und beruflichen Umfeld. Die öffentlich erfassten Zahlen von Gewalt an Frauen und deren Kindern in der Familie sind erschütternd. Noch schockierender ist die Faktenlage, wenn man bedenkt, dass viele Taten im Dunkeln bleiben und Frauen ihre Gewalterfahrungen nicht anzeigen oder öffentlich machen, also die Dunkelziffer hoch ist.

Die Statistik der österreichischen Frauenhäuser zeigt, wie viele Frauen mit ihren Kindern vor ihren misshandelnden (Ex)Partnern flüchten müssen. 2010 waren es 3.448 Frauen und deren Kinder. Die Polizei ist fast stündlich wegen familiärer Gewalt im Einsatz, die 2010 zu 6.599 Wegweisungen und Betretungsverboten österreichweit führten; in rund 90% der Fälle sind Frauen und Kinder die Betroffenen und Männer die Täter.

Jährlich werden schätzungsweise 30-40 Frauen von ihrem Beziehungspartner ermordet. Über Gewalt an Kindern gibt es weniger gesicherte Daten, aber das Ausmaß ist gravierend. Stalking/Beharrliche Verfolgung, Mobbing, sexualisierte Gewalt und verbale Gewalt in Form von Beschimpfungen, Bedrohungen, Demütigungen etc. finden auch ohne Internet oder Handys statt.

Waren Delikte wie „Cyber-Mobbing“ und „Cyber-Stalking“ vor wenigen Jahren noch völlig unbekannt, so suchen nun zunehmend mehr Frauen Hilfe in den Frauenberatungsstellen und Opferschutzeinrichtungen zu diesen Thematiken. Seit 2006 ist Stalking in Österreich ein Strafdelikt , das 2011 bereits 2.584 mal angezeigt wurde.

Was ist das Charakteristische der Cybergewalt?

Während sich Gewalt in der Familie, Gewalt  an Frauen und an Kindern meist im Geheimen und ohne Zeug/innen abspielt, so ist es im Internet genau umgekehrt: Gewalt wird öffentlich und für viele User/innen einsehbar, was meist eine bewusste Absicht und Strategie der Täter/innen ist. Opfer von Cybergewalt sind hauptsächlich von psychischer Gewalt betroffen. Kennzeichnend ist auch die Geschwindigkeit mit der verletzende und beleidigende Mitteilungen verbreitet werden und zwar rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr.

„Der PC im Wohn- oder Schlafzimmer wird zum Tatort. Das Zuhause ist kein sicherer Ort mehr. Es gibt keinen Abstand mehr zum Gewaltgeschehen. Das Internet ist durchgehend verfügbar, es kann jederzeit wieder etwas Neues passieren, und es gibt praktisch keine Pause mehr.“ (Medienpädagogin Sandra Gerö)

Gewalt bekommt aufgrund der erwähnten Faktoren eine unkontrollierte Dynamik. Wie viele und welche User/innen von den diffamierenden Informationen Kenntnis erhalten, ist für Opfer nicht kontrollierbar. Die Freiheit des Internets bietet Täter/innen zahlreiche Möglichkeiten, um Menschen zu kontrollieren, zu verfolgen, zu demütigen, zu verletzen, im alltäglichen Leben einzuschränken und „die vermeintliche Anonymität im Internet kann das asoziale Verhalten von Tätern verstärken“. (Gerö)

Auswirkungen der Cybergewalt

Gewalterfahrungen im Internet können für Opfer genauso oder vielleicht sogar noch schwerwiegendere Folgen haben, weil das geschriebene Wort immer wieder gelesen werden kann und daher vielleicht noch verletzender ist. Wie gravierend die Auswirkungen von Cybergewalt auf die Opfer sein können, zeigt sich darin, dass es bereits mehrere tragische Fälle in Österreich gab, in denen sich Opfer von Cyber-Stalking oder Cyber-Mobbing das Leben genommen haben.

Viele Betroffene werden krank und/oder verlieren ihre Wohnung oder Arbeitsstelle, so wie der Fall jener Frau zeigt:

Eine hilfesuchende Frau wendet sich an eine Beratungsstelle: Sie erzählt von ihren Stalking-Erfahrungen durch den Ex-Freund. Er lässt sich besonders gemeine Sachen einfallen, wie die Bestellung einer teuren Kaffeemaschine auf ihren Namen. Er schickt ihr massenweise SMS und verschafft sich Zugang zu ihren E-Mails.

Er ist noch dazu ein Kollege in der derselben Arbeitsstelle – einer Jugendorganisation. Er dichtet gemeinsam mit den Jugendlichen ein Lied mit dem Inhalt „Ich stelle mir vor, du liegst nackt in der Badewanne, und ich schmeiße das Radio hinein". Anschließend schickte er ihr dann ähnliche Fotoaufnahmen. Schließlich stellt er frühere persönliche, zum Teil intime Urlaubsfotos von ihr ins Internet.

Der gemeinsame Arbeitgeber erfährt davon, stellt die Betroffene (!) daraufhin zur Rede und erklärt ihr, dass diese Fotos nicht mit der Arbeit vereinbar seien. Sie bekommt immer mehr Angst, weil sie als die „Schuldige" bezichtigt wird und verliert schließlich sogar ihren Job.

Charakteristisch ist auch, dass Opfer diese Formen der Gewalt meist unterschätzen und sich keine oder lange keine (professionelle) Hilfe holen.

Wer sind die Opfer? Wer die Täter/innen?

Verlässliche Zahlen über Gewaltdelikte und Strafanzeigen in Verbindung mit neuen Medien gibt es noch wenig. Internationale Studien haben jedoch ergeben, dass meist Kinder und junge Erwachsene Opfer von Gewalt in neuen Medien sind – so ist jeder fünfte Jugendliche von Cyber-Stalking und Cyber-Mobbing betroffen. 

Grundsätzlich kann jedoch jeder Mensch, der neue Medien nützt und damit kommuniziert, Opfer von Cybergewalt werden. Auch jene, die sie nicht oder kaum benützen. Viele werden davon überrascht und erfahren plötzlich, dass jemand über E-Mails Persönliches gegen den eigenen Willen verbreitet, diskriminierende Aussagen trifft oder dass der eigene Partner oder die eigene Partnerin ein intimes Foto ins Internet stellt. (siehe Petra Grimm)

Es kann sein, dass persönliche „Gespräche“ im Chat, auf Facebook oder in Blogs oder Twitter gegen den eigenen Willen und ohne Wissen an andere Menschen weitergeleitet und veröffentlicht werden. Es kommt nicht selten vor, dass plötzlich ein privates Bild oder intimes Foto auf einer Website aufscheint. Eine fremde Person, eigene Liebespartner/innen oder Ex-Partner/innen stellen ohne Einwilligung private und persönliche Bilder oder Filme ins Internet, v.a. in YouTube. Oft wird nicht gefragt, ob alle Beteiligten damit einverstanden sind.

Besonders Frauen erleben nicht selten, dass ihr Partner oder Ex-Partner sie über Internet oder GPS verfolgt und genau wissen will, wo sie sich gerade befindet. Sie merken oft nicht oder erst sehr spät, dass ihre SMS oder E-Mail-Nachrichten vom Partner gelesen werden. Es gibt auch Fälle, in denen Beratungsgespräche oder Gerichtsverhandlungen mit Handys mitgeschnitten und gefilmt wurden und auf YouTube veröffentlicht wurden.

Mag.a Maria Rösslhumer, Politikwissenschafterin, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF), Leiterin des europäischen Netzwerkes WAVE (Women Against Violence Europe) und der Frauenhelpline gegen Gewalt 0800/222 555.