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zusammenLeben ohne Gewalt

Thema: Trauma - eine nachhaltige Folge von Gewalt

Expertinnenstimme

Buchcover: Traumatherapie bei Kindern und Jugendlichen

Mag.a Gabriele Juri

Trauma

Die Erfahrung einer ernsthaften Bedrohung der körperlichen und psychischen Identität der eigenen oder anderer Personen verbunden mit intensiver Furcht, Hilflosigkeit oder Grauen können ein Trauma, d.h. eine seelische Verletzung, hervorrufen. Die negativen Langzeitauswirkungen, die solche Erfahrungen auf Kinder haben können, sind mittlerweile wissenschaftlich gut nachgewiesen (Landolt & Hensel, 2012). Durch die Unterscheidung der Begriffe „Trauma-Ereignis“, „Trauma-Reaktion“, „Trauma-Erfahrung“ und „Trauma-Folgen“ hat Dorothea Weinberg (2005) für mehr Trennschärfe gesorgt. Nachfolgend sollen diese Begriffe genauer dargestellt werden:

Trauma- Ereignis

Die Spannbreite potenziell traumatisierender Ereignisse ist weit. Sie reicht von Naturkatastrophen und Unfällen bis zu körperlicher, psychischer und sexueller Gewalt. Bei Kindern kann auch Vernachlässigung und Trennung von Bezugspersonen traumatisierend wirken.

Trauma-Reaktion

Darunter versteht man die unmittelbare Reaktion auf ein Trauma-Ereignis. Diese ist überwiegend biologisch determiniert, und es kann, je nach Temperament des Individuums zur Aktivierung von Kampf, Flucht, Erstarrung oder Täuschung kommen.

Trauma-Erfahrung

Die Trauma-Erfahrung beschreibt das Zusammenspiel des Trauma-Ereignisses, seiner subjektiven Wahrnehmung und Bewertung und der instinktiven Trauma-Reaktion.

Trauma-Folgen

Die Reaktionen nach einer Trauma-Erfahrung können als Trauma-Folgen bezeichnet werden. Unmittelbar nach einer Trauma-Erfahrung kann eine akute Belastungsreaktion wahrgenommen werden. Die Symptomatik zeigt ein gemischtes und wechselndes Bild. Sie beginnt mit einer Art "Betäubung", Bewusstseinseinengung und eingeschränkter Aufmerksamkeit und führt zu einer Unfähigkeit, Reize zu verarbeiten und zu Desorientiertheit. Diesem Zustand kann ein Rückzug aus der Umweltsituation oder Unruhe und Überaktivität folgen. Es kann zu einem teilweisen oder vollständigen Erinnerungsverlust an die Trauma-Erfahrung kommen (vgl. International Classification of Diseases, 10. Version).

Die akuten Symptome können in kürzer- oder längerdauernde Anpassungsstörungen übergehen, wie z.B. in depressive Störungen oder Störungen des Sozialverhaltens. Sehr häufig entwickelt sich eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), die in der nachfolgenden Tabelle genauer dargestellt wird. Zur Erfassung komplexer Trauma-Folgen, vor allem bei Vernachlässigung und Deprivation wurden Begriffe wie Traumabedingte Entwicklungsstörung (Developmental Trauma Disorder–DTD) und Komplexe Entwicklungsstörung nach Frühtraumatisierung (KEF) geprägt und Diagnosekriterien dazu erarbeitet.

Diese wurden in die internationalen Diagnosemanuale jedoch noch nicht aufgenommen. Die Folgen eines Traumas sind umso gravierender, je jünger ein Kind zur Zeit der Trauma-Erfahrung war, je öfter diese auftrat und je näher die TäterInnen dem Kind standen. D.h. Trauma-Erfahrungen in der Familie oder im sozialen Nahraum wirken sich auf Kinder besonders gravierend aus (vgl. Weinberg, 2010).

Diagnosekriterien einer PTBS gemäß DSM-IV-TR

Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen, 4. Version, revidiert.

Kriterium A

A1: Erleben eines traumatischen Ereignisses

A2: Reaktion mit intensiver Furcht, Hilflosigkeit, Entsetzen oder bei Kindern mit aufgelöstem oder agitiertem Verhalten

Kriterium B

Wiedererleben des Traumas (mindestens 1 Symptom)

B1: Wiederkehrende belastende Erinnerungen; Bei Kindern: traumatisches Spiel

B2: Wiederkehrende belastende Träume

B3: Handeln oder Fühlen, als ob das traumatische Ereignis wiederkehrt. Bei Kindern: traumaspezifische Neuinszenierung

B4: Intensive psychische Belastung bei Konfrontation mit traumabezogenen Hinweisreizen

B5: Körperliche Reaktionen bei Konfrontation mit traumabezogenen Hinweisreizen

Kriterium C

Anhaltende Vermeidung von Traumahinweisreizen; Abflachung der allgemeinen Reagibilität (mindestens 3 Symptome)

C1: Bewusstes Vermeiden von Gedanken, Gefühlen oder Gesprächen, die mit dem Trauma in Verbindung stehen

C2: Bewusstes Vermeiden von Aktivitäten, Orten oder Menschen, die Erinnerungen an das Trauma wachrufen

C3: Unfähigkeit, einen wichtigen Aspekt des Traumas zu erinnern

C4: Vermindertes Interesse oder verminderte Teilnahme an wichtigen Aktivitäten

C5: Gefühl er Losgelöstheit oder Fremdheit von anderen

C6: Eingeschränkte Bandbreite des Affekte

C7: Gefühl einer eingeschränkten Zukunft

Kriterium D

Anhaltende Symptome erhöhten Arousals (Grad der Aktivierung des zentralen Nervensystems) (mindestens 2 Symptome)

D1: Schwierigkeiten ein- oder durchzuschlafen

D2: Reizbarkeit oder Wutausbrüche

D3: Konzentrationsschwierigkeiten

D4: Hypervigilanz (erhöhte Wachheit)

D5: Übertriebene Schreckreaktion

Kriterium E

Das Störungsbild dauert länger als 1 Monat

Kriterium F

Das Störungsbild verursacht klinisch bedeutsames Leiden oder Beeinträchtigung in mindestens einem wichtigen Lebensbereich

Mag.a Gabriele Juri, Klinische Psychologin, Gesundheitspsychologin, Psychotherapeutin.

Literatur

  • [1] Dilling H., Mombour W. & Schmidt M.H.: Internationale Klassifikation psychischer Störungen: ICD-10 Kapitel V (F). Klinisch diagnostische Leitlinien. Bern: Huber, 2011
  • [2] Landolt M. A., Hensel T.: Traumatherapie bei Kindern und Jugendlichen Göttingen: Hogrefe, 2012
  • [3] Saß H., Wittchen H.-U. & Zaudig M.: Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen. (DSM-IV-TR): Textrevision. Göttingen: Hogrefe, 2003
  • [4] Weinberg D.: Traumatherapie mit Kindern. Strukturierte Trauma-Intervention und traumabezogene Spieltherapie. Stuttgart: Klett-Cotta, 2005
  • [5] Weinberg, D.: Psychotherapie mit komplex traumatisierten Kindern. Behandlung von Bindungs- und Gewalttraumata der frühen Kindheit. Stuttgart: Klett-Cotta, 2010
  • [6] BMWFJ (Hg.): Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Leitfaden für die Kinderschutzarbeit in Gesundheitsberufen Wien, 2011

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