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zusammenLeben ohne Gewalt

THEMA: Gewaltprävention in der Schule

Expertinnenstimme

Moira Atria

Dr. Moira Atria

Dr. Moira Atria

Gewaltprävention – eine Frage des Wollens

Viel ist in den letzten Jahren zum Thema Gewalt bzw. Gewaltprävention in der Schule geschrieben worden; eine gewisse gesellschaftliche Sensibilisierung ist endlich erreicht. Dennoch wird von vielen Lehrer/innen und Eltern Gewaltprävention immer noch als etwas von ihrem Denken, Fühlen und Tun Getrenntes gesehen - ein Thema für Experten, für Leute mit Spezialausbildung oder für besonders Interessierte und Engagierte.

In diesem Beitrag möchte ich Gewaltprävention als etwas beschreiben, das Tag für Tag passiert - oder eben nicht passiert, als etwas, das uns ganz persönlich betrifft.

Erscheinungsformen

Begriffsdefinitionen, Erscheinungsformen und Prävalenzraten zum Thema Gewalt in der Schule sind ausreichend beschrieben und diskutiert worden. Eine sehr komprimierte Veranschaulichung für den Bereich der Gewalt unter Schüler/innen könnte wie folgt lauten: Neben körperlicher Gewalt, kennen wir auch verbale und psychische Gewalt, aber auch Vandalismus; eine besonders problematische Form der Gewalt ist das sog. Bullying (Mobbing), weil hier ein Opfer "ausgesucht" und systematisch gequält wird, das sog. Cyberbullying, bei dem das "Opfer" auch noch im Internet diffamiert wird, bringt eine zusätzliche Steigerung des Leids.

Opfer - Täter

Schätzungen sprechen davon, dass etwas 5-10% aller Schüler/innen unter Bullying leiden, wobei die Persönlichkeit des Opfers - entgegen landläufiger Meinungen - praktisch keine Rolle spielt (jeder und jede kann "Opfer" werden); "Opfermerkmale" wie Schüchternheit, Hilflosigkeit... lassen sich nämlich eher als Folge denn als Ursache verstehen, zumal eingefahrene Verhaltensmuster dazu neigen, automatisch aufzutreten. Im Gegensatz dazu gibt es sehr wohl Merkmale, die es wahrscheinlich machen, dass ein Kind, ein Jugendlicher gewalttätig wird: 1) Impulsivität und damit verbunden ein mangelnder Zugang zur eigenen Gefühlswelt ("plötzlich ist er ausgezuckt") sowie 2) die regelmäßige Beschäftigung mit Gewalt, denn sie erhöht die Verfügbarkeit; Lernen basiert ja genau auf diesem Prinzip.

Gruppendynamik

Doch die bloße Konzentration auf jene die "austeilen" und jene, die "einstecken" greift zu kurz. Gewalt in der Schule wird heute überwiegend als ein Gruppenphänomen verstanden (Schulklasse, Clique...), Gruppendynamik spielt also eine große Rolle. Deswegen ist es auch enorm wichtig, wie die Umgebung - die Mitschüler/innen, Lerhrer/in, Eltern - auf eine gewalttätige Handlung oder deren Androhung reagiert. Kurz: So zu tun, als wäre nichts geschehen, kommt einem Tolerieren und Akzeptieren gleich. Es bedeutet: "Das, was Du tust, was ihr tut, ist o.k. - geschliffener: im Rahmen unserer geltenden Normvorstellungen - denn wenn etwas unseren Rahmen sprengt, schreiten wir Erwachsene ein und versuchen, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen".

Keine Toleranz für Gewalt

Was heißt das für das Verständnis von Gewaltprävention?

Im Grunde ließe sich Präventionsarbeit als das Vorbeugen und adäquate Reagieren auf Gewalt auffassen. So gesehen stünden zwei Kernfragen im Vordergrund: Wie schafft man einen gewaltfreien Raum? Und wie schützt man diesen vor Übergriffen? Diese beiden Fragen im je konkreten Lehrerkollegium, in der je konkreten Elternschaft, in der jeweiligen Schulklasse neu zu beantworten, wäre das eigentliche Anliegen von Prävention. Sie wäre somit ein Prozess, ein Tun, ein Suchen, ein Ausprobieren, ein Aus-Erfahrungen-Lernen...

Um das zu verdeutlichen, verwende ich drei Begriffe: Prävention als 1) verinnerlichte Haltung, 2) kontinuierliches Handeln und als 3) methodisches Vorgehen (z.B. Programm, Projekt, Freifach, Workshop, Initiative, Aktion).

Prävention als verinnerlichte Haltung

Als Haltung verstanden werde ich darauf aufmerksam, dass meine ganz persönlichen Wertvorstellungen, Überzeugungen, Wünsche... wesentlich dazu beitragen, wie ich in einer gegebenen Situation reagiere. Angenommen, Sie erfahren, dass ein etwa 9-jähriges Kind in Ihrer Umgebung leidet (z.B. weil er seit Schulbeginn gehänselt wird und seine Sachen verschwinden). Da macht es doch einen großen Unterschied, ob Sie der Ansicht sind, dass man sich im Leben eben wehren können muss ("Wenn einer deppert kommt, dann hau zurück"), oder dass Sie das Ganze nichts angeht ("Macht Euch das untereinander aus") oder ob Sie der Ansicht sind, dass Sie als Erwachsene(r) auch hier eine Sorgepflicht haben - vielleicht nehmen Sie diese sogar gerne an, weil sie den Wunsch haben, in einer Welt zu leben, in der gegenseitiger Respekt wichtig ist (und weil Sie sehen, dass diese Welt aus vielen kleinen Sphären, also auch der Ihren, zusammengesetzt ist).

Prävention als kontinuierliches Handeln

Als Handeln verstanden heißt das nichts anderes, als dass Ihre Haltung (Wie stehe ich zu Gewalt?) Ihr Tun prägt. Ihre Gedanken (Was ist überhaupt Gewalt? Was könnte ein gewaltfreier Raum sein?) und Ihre Gefühle (Wie geht es mir, wenn...) führen letztendlich zu Ihrem Tun. Ich z.B. empfinde Mitgefühl, wenn ich sehe, wie viele Kinder, Jugendliche, LehrerInnen und Eltern in Zusammenhang mit Schule leiden und das ist für mich die Hauptmotivation meines Engagements - z.B. hier in Form dieses Beitrags.

Beide Aspekte, Haltung und Handeln, zeigen auf, wie wichtig die Rolle der Erwachsenen ist. Eigentlich kann nur durch sie Präventionsarbeit bewusst gestaltet. Die Kernfrage lautet damit: Wer übernimmt Verantwortung?

Dazu ist es notwendig, Handlungsräume auszuloten, sowie Zeit und Energie zu investieren. Die Unterscheidung dessen, was eine einzelne Person, eine Gruppe von Personen oder eine größere Gemeinschaft bewirken können, gehört dazu. Die allerwichtigste Frage lautet aber: Wollen wir das überhaupt? Will ich überhaupt für das, was um mich passiert, Verantwortung übernehmen? Ist es mir ein Anliegen, mich persönlich mit dem Thema Gewalt zu beschäftigen? Oder bin ich schon zu erschöpft? Zu frustriert? Und falls ja, wäre ich trotz Erschöpfung oder Frustration zumindest bereit, andere in ihren Bemühungen zu unterstützen? Oder wenigstens ihnen wirklich Erfolg zu wünschen? Auch geistige Unterstützung wirkt und ist für andere spürbar - Willensbildung bedeutet Positionierung.

Prävention als methodisches Vorgehen

Mit Prävention als methodisches Vorgehen sind konkrete Programme, Projekte... gemeint, in denen systematisch versucht wird, bestimmte Verhaltensweisen zu lernen und andere zu verlernen. Zurzeit wenden sich die meisten Programme ausschließlich an Kinder bzw. Jugendliche - Programme für Erwachsene werden kaum angeboten. Ein weiteres Problem ist, dass kaum ein Programm die Frage des Wollens, also der Willensbildung, in den Vordergrund rückt.

Gute Programme müssten aber mit der Erarbeitung einer gemeinsamen Haltung (Willensbildung) in Sachen Prävention beginnen - Was wollen wir? Was wollen wir nicht? Ihre Einbettung in das Schulganze müsste eine Selbstverständlichkeit sein - zumindest sollten laufende Initiativen dem Lehrkörper, der Elternschaft bekannt sein und deren Grundsätze prinzipiell geteilt werden, d.h. sie sollten expliziert, erörtert, diskutiert werden! Wie sollte sonst eine Übertragung auf den Alltag möglich werden? Diese Übertragung (von gewaltpräventiven Grundsätzen auf das alltägliche Handeln aller Betroffenen) müsste aber das zentrale Anliegen überhaupt sein.

Folgende Schritte sind sinnvoll (auf Ebene der Schule, der Klasse, des Horts, der Gruppe, warum nicht: der Familie, der Pfarre, des Clubs usw.):

  • Sensibilisierung für das Thema: Gibt es immer wieder kehrende Probleme, die uns das Leben erschweren?
  • Verantwortungsübernahme: Will ich, wollen wir, für diese Probleme Verantwortung übernehmen? Das könnte damit beginnen, dass wir uns zumindest darüber einigen, dass Probleme auf uns eine Auswirkung haben und prinzipiell auch von uns in Angriff genommen werden können.
  • Gemeinsame Haltung, z.B. Gibt es Dinge, die wir nicht mehr dulden wollen? Und gibt es Dinge, die wir gleichzeitig in uns stärken wollen? Z.B. könnten sich Erwachsene auf folgenden Vorsatz einigen: "Ich will nicht mehr negativ über andere Personen aus der Schule/Klasse/Familie... sprechen, statt dessen aber genau sagen, welches Verhalten mich ganz konkret stört und welches Verhalten ich mir statt dessen wünsche, wobei ich keine Forderung stellen will - mir reicht es (zunächst), dass der andere erfährt, was ich brauche, um mich wohl zu fühlen".

Erst nachdem diese drei Schritte erreicht sind, können konkrete Maßnahmen - Programme, Projekte, Freifächer, Workshops, Initiativen, Aktionen - zielführend geplant werden. Information und Abstimmung werden für ein so geplantes Vorhaben notwendig sein, daher auch ein gewisses kommunikatives Know-how. Die Auswahl der Personen, die eine tragende Rolle spielen sollen, fällt leichter, wenn man weiß, was man will. Dann kann man weiterfragen: Wen hätten wir gerne? Wer ist für uns - jenseits von Bescheinigungen - in seiner Haltung und in seinem Tun glaubwürdig? Was bietet diese Person an?

Präventionspraxis dahingehend zu vertiefen, dass zu Beginn ein gemeinsames Übereinkommen, eine gemeinsame Haltung, ein gemeinsamer Wille erarbeitet wird, sehe ich als eine wesentliche Aufgabe. Gute Präventionsarbeit hat etwas mit den Durchführenden ganz persönlich zu tun, sie wirkt sich auf unser Denken und unser Fühlen aus. Vielleicht auch in der Hinsicht, dass Einzelne (Lehrer/innen, Schüler/innen, Eltern) endlich erleben dürfen, dass sie mit ihren Werthaltungen und ihren Fragen nicht allein sind, dass es auch noch andere Menschen in ihrer Umgebung gibt, die sich wünschen, in einer freundlicheren, respektvolleren Umgebung zu leben, Menschen, die auch bereit sind, an einer solchen Umgebung zu mitzuarbeiten. Diese Einzelnen könnten so zur Keimzelle jenes gewaltfreien Raumes werden, der vor Übergriffen geschützt werden soll (siehe oben).

Dr. Moira Atria, Psychologin, Beratung - Coaching - Supervision

Literatur

  • [1] Alsaker, F. : Quälgeister und ihre Opfer. Mobbing unter Kindern - und wie man damit umgeht. Bern: Hans Huber., 2003
  • [2] Atria, M., & Spiel, C.: Viennese Social Competence (ViSC) Training for Students: Program and Evaluation. New York: The Haworth Press, 2007
  • [3] Mitschka, R. : Die Klasse als Team: Ein Wegweiser zum Sozialen Lernen in der Sekundarstufe. Wien: Veritas, 1999
  • [4] Smith, P. K.: Violence in schools: The response in Europe. London: RoutledgeFalmer, 2003
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