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zusammenLeben ohne Gewalt

THEMEN 2013

Suizid – wenn er nicht gelingt – kann es zu einem Neuanfang kommen

Clemens Schermann

Mag. Clemens Schermann

Expertenstimme

Mag. Clemens Schermann

Suizid ist gewalttätiges Handeln gegen das eigene Leben – oft mit der Absicht, sich zu töten. Zumeist wird nach einem Suizid nach Ursachen und Erklärungen gesucht, weil es ein heftiges Ereignis mit oft letalem Ausgang ist, das keinen Sinn ergibt. Selbst wenn er angekündigt ist, und er offensichtlich als Protest, als „letzte Waffe“ oder aus purer Verzweiflung vollzogen wird, hinterlässt diese Tat viele Fragen, auf die keine Antworten passen wollen. Damit ist auch klar, dass ein Suizid neben den individuellen Folgen auch auf das Umfeld eine mächtige Auswirkung hat. „Ich habe meine Angehörigen gewaltig erschreckt“, sagte eine Frau, die ihren gut geplanten Suizid überlebt hat.

Gott sei Dank gibt es bei Selbstmord keine gesellschaftliche Diskriminierung und Strafverfolgung mehr. Die Forschungsergebnisse etwa von Erwin Ringel, der in den 1950er Jahren durch die Beschäftigung mit Suizidüberlebenden das „präsuizidale Syndrom“ unter anderem für präventive Zwecke beschrieben hat, haben viel zur Erweiterung des gesellschaftlichen Bewusstseins beigetragen.

Meine Erfahrungen als Gewaltberater und Tätertherapeut haben auch meinen Zugang in der Arbeit mit Menschen beeinflusst, die einen Suizid überlebt haben. Im Folgenden stehen diesen Erfahrungen Pate, die nahe legen, dass es sinnvoll ist, das „postsuizidale Syndrom“ zu nutzen, um Menschen bei der Veränderung zu unterstützen, die sie glaubten, mit Gewalt herbeiführen zu können. Und dass sie eben nicht mehr in den Kreislauf verfallen, der sie schließlich wie in einer Sogwirkung zu einem nächsten Versuch führt.

Es geht hier also nicht darum, suizidale Handlungen und Verhaltensweisen zu erklären, sondern meine Erfahrungen sollen eher eine Anregung sein für den (therapeutischen) Umgang mit Menschen, die einen Suizid überstanden haben. In meinem sechsmonatigen Praktikum in einer psychiatrischen Klinik habe ich immer wieder erlebt, welche Leiden manche Menschen ausstehen, nachdem sie einen Suizid überlebt haben. Gleichzeitig habe ich auch erfahren, wie hilfreich es diese Menschen empfunden haben, dass sie jemand auf die Tat angesprochen hat und dass jemand mit ihnen die Ereignisse und Empfindungen darum herum - ohne zu bewerten - buchstabieren half. Darüber zu schweigen und sich allein allfälligen Ursachen zuzuwenden, scheint mir fahrlässig.

Die Tage danach – „Was habe ich da getan?“

Wie immer die Situation nach einer suizidalen Handlung ist, ob auf der Intensivstation, der psychiatrischen Klinik, oder einfach zu Hause, wo ein Angehöriger dazugekommen ist, spielen verschiedene meist sehr starke Gefühle mit. Vom Erschrecken, „was habe ich getan“, bis zur niederschmetternden und verzweifelten Feststellung, „ich habe es nicht geschafft“, reichen die Empfindungen nach dem „Erwachen“. Jedenfalls ist es immer eine Art Schock, der in der Folge Hilflosigkeit, Scham, Traurigkeit und andere heftige Gefühlsregungen entfaltet. Viele sind nicht im Stande, in dieser Situation irgendetwas zu sagen oder klar zu spüren, was ist.

Wenn in den ersten Tagen neben intensivmedizinischer Interventionen zur Überlebenssicherung auch klare Gespräche dazukommen, ist der Mensch mit seinen Gefühlen und Gedanken nicht allein. Er braucht aber niemand, der ihm erklärt, was er getan hat, oder es gar bewertet – auch wenn es gut gemeint ist, Schuldgefühle zu beschwichtigen oder Traurigkeit und Ratlosigkeit wegzureden. Es geht zunächst einmal darum, einen Menschen zu erleben, der sich mir zuwendet, und um das Erfassen, was passiert ist, wie ist es dazu gekommen und was jetzt ist. Auch wenn sich suizidale Menschen an einzelne Ereignisse davor erinnern können, diese ja auch geplant und konkrete Schritte dazu gesetzt haben, ist oft irgendwo „der Faden gerissen“, wo sie nicht mehr genau wissen, was war. Es geht darum, klar zu stellen, „wie bin ich dahin gekommen, wo ich jetzt bin“.

Alleingelassen beginnen Suizidüberlebende in dieser Situation zu grübeln, sich zu beurteilen – und meist zu verurteilen. Manche finden dabei sehr schnell auch zur eigenen Entlastung widrige Umstände und Verhaltensweisen anderer Menschen, die sie möglicherweise in diese verzweifelte Lage gebracht haben, die zu dieser Tat geführt haben. Weder das Beurteilen ist hilfreich noch das Erklären der Umstände, denn beides lenkt vom emotionalen Empfinden und von der eigenen Beteiligung, vom eigenen Tun ab – es verstärkt sogar die Hilflosigkeit, die zu beenden oft der Gewaltakt gesetzt worden ist. So können diese Selbstgespräche nicht die gewünschte Entlastung bringen, vielmehr eröffnen sie einen neuen Kreislauf, die Hilflosigkeit so lange in Schach zu halten, bis es nicht mehr geht.

„Was habe ich denen angetan?“ - Wie aus der Einsicht, wieder zu leben, Schuldgefühle werden.

Zumeist wird sehr schnell gemerkt, dass durch diesen Gewaltakt, viele Angehörige ordentlich erschreckt wurden. Selbst wenn so ein Effekt in einzelnen Fällen beabsichtigt war, ist die daraus entstehende Dynamik eher gegenteilig. Die schockierte Reaktion der Umgebung reduziert das Vertrauen und irritiert jede Beziehung. Und da jeder Mensch mehr oder weniger stark auf die soziale Akzeptanz anderer angewiesen ist, wird das Weiterleben schwierig. Selbst wenn viele Menschen nicht mit dem Finger auf einen Suizidüberlebenden wie auf einen Ausgestoßenen zeigen, hat der-/diejenige immer – oder  zumindest lange Zeit – das Gefühl, dass es so ist.

Klare Gespräche statt gutgemeinter Erklärungen und Begründungen:
Tröstende Worte helfen wenig – sie bewirken ein verstärktes Grübeln und Abwerten. Der/die Suizidüberlebende braucht Gespräche, dass er/sie Kontakt herstellen und wieder Vertrauen gewinnen kann. Das geht nur behutsam, denn die Betroffenen sind sehr sensibel auf jede Art von Beschwichtigung weil sie das Bewusstsein nähren, dass das Gegenteil der Fall ist.

Wie Suizidüberlebende in der Nachbarschaft, in einem Dorf wieder Vertrauen gewinnen können, ist zumeist eine Herausforderung an alle Beteiligten. Es kann gleichzeitig eine Chance werden, Neues dazuzulernen. Wenn jemand mit anderen darüber zu sprechen gelernt hat – etwa in einem Beratungssetting, gibt es gute Prognosen, dass auch die Kommunikation in einem vertrauten gesellschaftlichen Kontext verändert wird.

Depression, Verzweiflung und andere postsuizidale Phänomene

Ein Suizidversuch verstärkt oft vorhandene depressive Dispositionen. Wichtig ist es dann, im Gespräch das Erlebte zu benennen und im Sprechen, Kontakt zum Zuhörenden herzustellen. Den Vorfall ebenso wie die Gefühle dabei ungeschehen machen zu wollen, ist eine Fluchttendenz, in die Therapeut/innen hineingezogen werden. Erklärungen und Vertröstungen sind gedankliche und sprachliche Fluchtreaktionen und fördern eine Depression.

Eine medikamentöse Behandlung ist unterstützend sinnvoll, wenn sie nicht das Gespräch behindert oder ersetzt.

Verzweiflung ist nach so einer verzweifelten Tat oft das, was bleibt. Angehörige erleben das mit und reagieren in dieser extremen Hilflosigkeit oft damit, Betroffene zu bemitleiden oder abzulenken. Für begleitende Menschen braucht es Selbsterfahrung mit der eigenen Angst und den Mut, einen Menschen in diesem Zustand wahrzunehmen – sozusagen mit ihm vor dem Abgrund zu stehen und hineinzuschauen, um ihn in seinen Gemütsbewegungen zu begleiten, dass er sie spüren und buchstabieren kann, sodass er dieses „Loch“ wahrnehmen kann, aber nicht dem Sog nach unten folgen muss. Zumeist braucht es dazu nicht vieler erklärender Worte, lediglich einige, um den Kontakt auszudrücken und zu tarieren.

Ist da jemand? – von der Bedeutung des Kontaktes

So einfach es klingt, es ist in solchen Extremsituation äußert schwierig und eines der wenigen Heilmittel: Da ist jemand mit mir und spricht mit mir über mich, über das, was geschehen ist, über das was ich getan habe. In diesem Kontakt wächst Vertrauen – zunächst bloß in das eigene Empfinden und Wahrnehmen, das ist die Basis für weitere Schritte in ein neues Selbstvertrauen.

Es bedarf einiger Übung und Erfahrung, mit Menschen „nur“ in Kontakt zu treten. Marshal Rosenberg benennt in seiner „gewaltfreien Kommunikation“ einen Aspekt dieses Vorgangs „Wahrnehmen ohne zu bewerten“. Es ist aber mehr, weil auch ein aktives „In-Kontakttreten“ eine Rolle spielt, das nuanciert auf die Kontaktaktivität des Gegenübers eingeht und ein klares Kontaktangebot macht, das absichtslos ist – eben nur in Kontakt treten, reden und sein. Ganz besonders herausfordernd ist dieses Kontaktnehmen, wenn ein Mensch noch ganz überschwemmt ist mit den Gefühlen, die ihn zu einer Gewalttat gegen sich motiviert haben, und mit ganz anderen Gefühlen, wo er merkt, dass er dies überlebt hat.

Konfrontation mit der eigenen Angst

Gerade in Situationen, wo das Helfen geboten ist, weil etwa Gefahr in Verzug ist, braucht es Menschen, die klar mit ihren eigenen Empfindungen – vor allem Ängsten – umgehen können. Zu schnell wird die eigene Hilflosigkeit in solchen Augenblicken vermischt mit der wahrgenommenen Angst oder Verzweiflung des Gegenübers und zum Motor für gutgemeinte Handlungen, die den Kontakt unterbrechen. Dadurch wird beim Suizidüberlebenden in einer inneren Reaktion die Gewissheit verstärkt, nicht liebenswert und wertvoll zu sein aufgrund seiner Handlung und des aktuellen Zustands.

Ebenso führt das beliebte Suchen nach dem Warum weg von dem, was ein Mensch in diesem Augenblick erlebt, in einen Zustand, den es nicht mehr gibt. Oftmals wird dadurch zum derzeitigen Leid noch anderes aus früheren Erlebnissen hinzugefügt. Das gießt Öl ins Feuer der Verzweiflung.

Ein phänomenologisches Zugehen anstatt erklären und beurteilen.

Wenn wir die suizidale Handlung mit einem Überlebenden besprechen, geht es einerseits um eine detaillierte Beachtung des Hergangs und gleichzeitig ist es ein aufmerksames und liebevolles Aufsammeln aller Empfindungen und Impulse, die dabei eine Rolle gespielt haben und die jetzt der/die Betroffene erlebt. Von entscheidender Bedeutung ist das zu besprechen, was der/die Betroffene getan hat, jenseits von Erklärungen und Begründungen. Dies fördert die Selbstverantwortung und Kompetenz, die gerade in diesem Augenblick entscheidend ist dafür, wie es weitergeht. Wenn das verabsäumt wird, droht ein Hineintriften in eine Dynamik, die zu einer ähnlichen oder stärkeren Gewalt gegen sich führt. Das ist ähnlich dem Gewaltkreislauf, wie ihn Joachim Lempert aus der Täterperspektive dargestellt hat. (Siehe: www.euline.eu/gewalt/gewaltkreislauf.php)

Ein Fallbeispiel: Eine mehrfach suizidale Frau mit immer heftigeren Methoden konnte durch die Konzentration auf das, was sie bei diesem Gewaltakt getan hat, im Gespräch ihre Tendenz, in extreme Gefühlszustände zu flüchten, unterbrechen. Sie bemerkte, dass diese neue Erfahrung einen Unterschied in ihrer Selbstwahrnehmung und -einschätzung machte. In weiteren Begegnungen und Gesprächen konnte diese Erfahrung ausgeweitet und gefestigt werden. So kann der überlebte Suizid zu einem Wendepunkt im Leben eines Menschen werden.

Sprechen kann man nur mit jemandem, der bereit und im Stande dazu ist. Wenn jemand den Vorfall nicht wahrhaben will, ihn lieber bagatellisiert oder umdeutet, braucht es möglicherweise viel Zeit, dass ein tragfähiger Kontakt aufgebaut werden kann, in dem ein Mensch im Stande ist, über sich zu sprechen. In manchen Fällen wird es gar nicht möglich sein und nicht immer kann ein weiterer Suizidversuch verhindert werden. Auch und gerade wenn man einen Menschen liebt, kann man ihn nicht bewahren oder festhalten.

Mag. Clemens Schermann, Gewaltberatung der Caritas Eisenstadt