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zusammenLeben ohne Gewalt

THEMEN 2014

Definitionen

Eine Zusammenfassung aus Klaus Wahl: Wurzeln von Aggression und Gewalt

Ausgehend von Autoaggression bis hin zum Völkermord und je nach Disziplin unterschiedlich. Gewalt rechtfertigende und kritisierende ideologische Konstruktionen konkurrieren in Religion, Politik, Militär, bei Friedensbewegungen und wird als Kampfbegriff für das Verhalten des jeweils anderen verwendet. Aggression und Gewalt sind zu betrachten nach Mikro-Makrobereich (von Familie bis hin zum Krieg), unorganisiert bis hin zu organisiert (von Wirtshausschlägerei bis zu Konzentrationslagern), physisch und psychisch (von verprügeln bis hin zu verleumden), nach Vorläufern, Erscheinungsweisen und Konsequenzen. Die Aufzählung kann beliebig fortgesetzt werden.

Aggression:

Wird gesehen als in der Evolution herausgebildetes Ensemble von Überlebensmechanismen. Zur Verteidigung und Gewinnung von Ressourcen eingesetzte (bis hin zu schädigende) Mittel mit dem Ziel des Reproduktionserfolgs. Aggression wird durch Emotion, Frustration, Schmerz, Temperament und soziale Umstände aktiviert oder gehemmt (direkte, aktuelle, proximale Ursachen) Impulsive, reaktive, instrumentell-geplante, psychopathische, lustvolle Aggression. Aggressivität ist das individuelle Potential für Aggression.

Gewalt:

Stellt die gesellschaftlich oder staatlich jeweils historisch und/oder kulturell nach unterschiedlichen Normen bewertete und behandelte Aggression dar. Sie ist je nach der Situation gesellschaftlich geboten (bei Boxern,…), gewünscht, geduldet oder geächtet und bestraft. Sie ist oft in eine hierarchische Struktur eingebettet (vgl. juristische Konstruktionen wie väterliche/staatliche Gewalt).

Stellt man diese Definitionen den Ergebnissen aus den Expertenreihen der Vernetzungsträger gegenüber, erkennt man den Unterschied deutlich:

Aggression ist:

positiv besetzt mit Selbstbehauptung, mit Durchsetzungskraft, mit Antriebskraft, ist ein Überlebensmechanismus. Sie ist eine treibende Kraft in Konflikten. Empowerment ist die Kraft, die man braucht um sich zu wehren; ein Zustand, eine Empfindung, ein Gefühl, wie auch Wut oder Zorn. Negativ gesehen kann sie zerstörerisch wirken und ohnmächtig machen. Sie kann nach innen und außen gerichtet sein. Teil der Entwicklungsaufgabe ist es, mit Aggression umgehen zu lernen. Aggression ist angelegt und braucht für die Gesellschaft verträgliche Formen; der Mensch braucht ein Beziehungsangebot, dann kann Aggression Lebenskraft und Energie bedeuten;

Gewalt ist:

eine grenzüberschreitende Handlung; eine destruktive Kraft; eine persönliche und strukturelle Einschränkung; andere zu verletzen auf verschiedene Art und Weise; bei Selbsthemmung und  Zornstau (ausgehend von Angst, Trauer…) sich nicht zu spüren und dann zerstörerische Auswirkungen leben; Gewalt ist, was Angst erzeugt und mit Absicht verletzend gemeint ist; körperliche Gewalt ist leichter zu definieren als psychische; Gewalt ist mehr als Respektlosigkeit, Respektlosigkeit ist strafrechtlich nicht erfasst.

Die Position der VernetzungsträgerInnen lautet: Aggression ist nicht Gewalt!
Eine Differenzierung der beiden Ausdrucksformen/Handlungen wird als nötig erachtet, weil

  • auf bewusst gesetzte Gewalttaten ein Verbot ausgesprochen werden muss (es braucht eine eindeutige Haltung, kein "verstehendes" agieren);
  • bei Aggressionen das nicht möglich ist, weil "Selbstoffenbarungen" nicht verboten werden können.


Benützt wird diese Differenzierung in der Männerberatung, weil (weibliches) ag­gressives Verhalten/Sprechen nicht gleichgesetzt werden soll mit (männlichem) physisch-gewalttätigen Verhalten. Letzteres soll nicht mit ersterem entschuldigt werden können. Die Differenzierung soll auch in der Arbeit mit Schülern ein­gesetzt werden, weil Lehrkräfte auf physische Gewalt besser reagieren könnten, wenn verbale/psychische Gewalt nicht als Gewalt bezeichnet würde (siehe Arno Dalpra, Expertenstimme auf www.gewaltinfo.at mit Verweis auf internat. Positionen).   

Was bedeutet es für

  • den Gewaltdiskurs, wenn zwischen "harmloser" verbaler Gewalt und "echter" Gewalt unterschieden wird? Ist es eine Rolle rückwärts mit Verharmlosung der psychischen Gewalt?
  • Umgang mit psychischer Gewalt, wenn diese nicht als Gewalt, sondern als "grenzverletzendes Verhalten" bezeichnet wird? weniger schwerwiegend und ernst zu nehmen?

Aspekte der Diskussion für die Präventionsarbeit im pädagogischen Alltag mit Kindern.

Literatur

  • [1] Klaus Wahl: Wurzeln von Aggression und Gewalt. In: Kalcher / Lauermann (Hrsg), Die Macht der Aggression. Internationale Pädagogische Werktagung Salzburg, G&G Verlag, Salzburg, 2012