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zusammenLeben ohne Gewalt

THEMEN 2014

Der Begriff Psychische Gewalt und Aspekte der Begriffsdiskussion für die Präventionsarbeit mit Kindern

Die ExpertInnen aus dem Kinderbereich sprechen klar von psychischer Gewalt und wollen diesen Begriff auch als fachlich fundiert wissen. Dieser Begriff ist auch klar definiert und inhaltlich ausformuliert.

Alle anwesenden ExpertInnen sind sich aber einig, dass eine Diskussion um die Begrifflichkeiten und eine Differenzierung der Begriffe sinnvoll bzw. notwendig ist:

  • Für die praktische Arbeit ist es wichtig, immer Kontext- u. situationsabhängig zu betrachten: z.B. in der Beratung, Therapie, oder bei rechtlicher Beurteilung oder zur Bewusstseinsbildung.
  • Differenzierung ist nötig, wenn alles Gewalt wäre, führe dies zu einer "Inflation" des Begriffs, zur Beliebigkeit; und um Bewusstsein zu schaffen.
  • Aggression als wichtige Reaktion auf Ereignisse, Situationen, Handlung zu sehen und sich damit auseinanderzusetzen; Zugang zu Gefühlen wie Wut, Kraft für Frauen- und Männer zu bekommen; die Auseinandersetzung mit Themen: wo liegt die Grenze zwischen eingreifen oder tolerieren oder strafen?
  • Ist "Aggression" als Verharmlosung von "Gewalt" betrachtet? Wie werden die Begriffe begriffen?
  • Gewalt will Konsequenz, Ausgleich, Verurteilung;
  • Gewalt schreckt ab und verhindert Auseinandersetzung;
  • Hilfreich ist es, wenn Handlungen konkret und detailliert beschreiben werden.

Konsequenzen der Differenzierung:

  • Vorsicht mit Zuschreibungen, Begrifflichkeiten klären
  • Differenzierung erzeugt Haltung; Selbstreflexion, Bildungsangebote;
  • Gefühle benennen und zulassen und den Umgang dessen zu lernen.

Welche Aspekte ergibt die Diskussion für die Präventionsarbeit im pädagogischen Alltag mit Kindern?

Laut Gabriele Haug-Schnabel sind Konflikte Teil der Kooperation, nicht ihr Gegensatz, sie gehören dazu. Konflikte unter Kleinstkindern sind eine sozio-emotionale Herausforderung. Konflikte bedeuten für Kleinstkinder Stress, pädagogische Fachkräfte brauchen ein hohes Maß an professioneller Responsivität und umfangreiches Entwicklungswissen, angeleitete Blickschulung, damit sie konfliktträchtige Situationen bereits im Vorfeld erkennen, professionell begleiten und ev. verringern können.

Eigenbeobachtung/-reflexion von PädagogInnen ist nötig (Reaktion auf aggressive Anfragen, Widerspruch, Verweigerung) und Fähigkeit der echten sprachlichen Spiegelung des Gefühls des Kindes.

Wenn Gefühle und Wahrnehmungen einfühlsam erfasst und sprachlich passend bestätigt werden, kann das Kind alle Gefühle äußern, muss es Gefühle nicht verdrängen und ein Kind erfährt am meisten über sich. Diese sprachliche Spiegelung / "emotional-soziale Sprachförderung" muss in den Alltag integriert werden, darf nicht in spezielle Förderstunden ausgelagert werden.

Ein Kind muss lernen, dass alle Gefühle anerkannt und benannt werden können, aber im Zusammenleben nicht alle aus den Emotionen entstehenden Handlungen zu akzeptieren sind.
Ursachen von Aggression/für Aggressionsentwicklung: Einerseits in der Anlage oder anderseits in der Umwelt - Ursachennetz von bio-psycho-sozialen Wechselwirkungen, dies gilt auch für geschlechtsspezifisches Gewaltverhalten.

Hilflose und aggressive Reaktion der Erwachsenen (Eltern, PädagogInnen, Sozialarbeit) auf Aggressivität der Kinder führt zu verstärkter Aggressivität der Kinder gegenüber anderen Kindern, Eltern, Lehrern. Bei Jugendlichen geht dieser Kreislauf oft über Polizei und Justizssytem weiter.
Der Prozess der Wechselwirkungen führt zu einer Teufelsspirale der Gewalteskalation.

Die Antwort darauf kann nur Prävention durch Hilfe für überforderte Eltern und PädagogInnen sein.

Information für PädagogInnen:

  • Weil unterschiedliche persönliche/soziale Konstellationen zu unterschiedlichen Arten von Aggression führen (aus Frust, Lust, Trauer, Spaß, reaktiv, geplant), müssen Maßnahmen individuell auf jedes Kind ausgerichtet sein (Mädchen-/Jungenarbeit sind noch zu globale Ansätze).
  • Weil verschiedenen Aggressionsarten unterschiedliche Emotionen zugrunde liegen, muss Prävention auch emotionales Lernen umfassen (eigene Gefühle und affektive Reaktionen auf andere kennen lernen), also nicht nur kognitives und soziales Lernen.
  • Präventionsprogramme müssen auf neuestem Forschungsstand beruhen (viele Programme sind alltagspsychologisch, esoterisch; Katharsis-These, die an Gewaltabbau durch ausagierte Aggression glaubt, wirkt max. kurzfristig)
  • Psychische Voraussetzungen für friedliches, tolerantes Verhalten, können sozialpädagogisch und psychotherapeutisch gefördert werden durch (pädagogisches "Breitband-Antibiotikum")
  • Vermittlung von Sicherheitsgefühlen statt Misstrauen in andere,
  • Resilienz statt dauernd Opfer von Stress zu sein,
  • Empathie; korrekte Wahrnehmung des Gefühlsausdrucks /Gedanken anderer,
  • Ärger- und Impulskontrolle;
  • gut dosiertes Selbstwertgefühl;
  • Fairness und Gerechtigkeit gegenüber anderen;
  • Kommunikations-, Kooperations- und Konfliktlösungsfähigkeit

Klaus Wahl sieht folgende Konsequenzen für die Prävention:

  • Die von langer Evolutionsgeschichte stabil im Gehirn einprogrammierten Mechanismen der Aggression sind von außen kaum zu beeinflussen.
  • Man kann höchstens versuchen, gegen manche Stress- und Bedrohungsfaktoren zu desensibilisieren, äußere Auslöser abzubauen, gewalthemmende Normen zu lehren und Belohnungen für Friedlichkeit anzubieten.
  • Angesichts der früh angelegten Entwicklungsstörungen aggressiver Menschen sollen Hilfen früh ansetzen (im Elternhaus, beim Kind, in Kindergärten und Grundschulen) und lange dauern, weil punktuelle Projekte (Aktionstage, Kurzprogramme) wenig wirksam/nachhaltig sind.
  • Hoch- und mehrfachbelastete Familien, die kaum Hilfe nachfragen, brauchen aufsuchende Hilfen.


Grundbedingungen für evidenzbasierte Präventionsprogramme:

  1. Klar formulierte Ziele - messbaren Erfolgskriterien
  2. Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstands über (bio-psycho-soziale) Risikofaktoren und Wirkungsmechanismen
  3. Beeinflussbarkeit der Faktoren und Mechanismen
  4. Getestete/bewährte Vermittlungsmethoden an Eltern & Kinder
  5. Geschultes Personal und strategische Kooperation der Akteur/innen
  6. Früher Beginn und Nachhaltigkeit der Maßnahmen
  7. Individueller Problemzuschnitt (Eltern, Kind/Jugendlicher, Aggressionstyp)
  8. Wissenschaftlich seriöse Evaluation langfristiger Wirkung
  9. Auch die effektivsten Maßnahmen würden Aggression nicht von der Erde bannen, weil Familien in einem liberalen Rechtsstaat nicht einer so umfassenden Kontrolle oder liebevollen Belagerung ausgesetzt werden können, wie es das Ziel erfordern würde: Zielkonflikt Hilfe & Kontrolle.

Mag. (FH) Theresia Ruß, Diplomsozialarbeiterin, Leiterin, Mediatorin von Kidsnest GmbH - Kinderschutzzentrum Amstetten

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