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zusammenLeben ohne Gewalt

THEMEN 2015

Zugang von Frauen mit Behinderungen zu Opferschutz- und Unterstützungseinrichtungen bei Gewalterfahrungen

Mag.a Anna Schachner

Mag.a Anna Schachner

Expertinnenstimme

Mag.a Anna Schachner

Gewalt an Frauen mit Behinderung ist nach wie vor in Österreich wie auch anderen europäischen Ländern allgegenwärtig. Ein Großteil der Frauen mit Behinderungen erlebt im Laufe ihres Lebens ganz unterschiedliche Formen von Gewalt und steht einer Vielzahl von Barrieren gegenüber, auch wenn sie Unterstützung und Schutz nach einer Gewalterfahrung suchen. Die Gewalterfahrungen von Frauen mit Behinderungen sind häufig komplexer und vielschichtiger als bei nicht-behinderten Frauen, vor allem dann, wenn sie von anderen Menschen abhängig sind. Das erhöht einerseits das Gewaltrisiko und hält andererseits die betroffenen Frauen zusätzlich oft davon ab, Unterstützung zu suchen.

Mit dieser Problemstellung befasste sich das zweijährige, von der Europäischen Kommission finanzierte Projekt „Zugang von Frauen mit Behinderungen zu Opferschutz- und Unterstützungseinrichtungen bei Gewalterfahrungen". Das Projekt wurde vom Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte koordiniert und in Österreich gemeinsam mit queraum. kultur- und sozialforschung sowie Ninlil – Empowerment und Beratung für Frauen mit Behinderung umgesetzt. Beteiligt waren auch die Universitäten Gießen (Deutschland), die University of Leeds und Glasgow (Großbritannien) sowie die University of Iceland (Island).

Forscherinnen mit und ohne Behinderungen gingen dabei der Frage nach, welchen Formen der Gewalt Frauen mit Behinderungen gegenüberstehen und wie ein barrierefreier Zugang zu Opferschutz- und Unterstützungseinrichtungen für diese Frauen gesichert werden kann. Ziel war es, Hinweise und Erkenntnisse zum Zusammenhang von Biographien der Frauen, Behinderungen und Gewalt zu erfassen sowie notwendige Schritte zur barrierefreien Nutzung von Hilfeleistungen zu eruieren. Dafür wurden in Österreich Fokusgruppen und biografische Interviews mit 27 Frauen mit unterschiedlichen Arten von Beeinträchtigungen geführt und mit den Einschätzungen von Einrichtungen/ Organisationen im Gewaltschutzbereich durch eine Fragebogenerhebung und Einzelinterviews ergänzt.

Die wichtigsten Erkenntnisse der Studie aus Österreich werden folgend beschrieben. Dabei kommen Frauen mit Behinderung durch Zitate selbst zu Wort.

Welche Formen der Gewalt erleben Frauen mit Behinderungen im Laufe ihres Lebens?

Frauen mit Behinderung erleben im Laufe ihres Lebens ganz unterschiedliche und vielfältig ausgeprägte Formen von Gewalt, die von Diskriminierung im Alltag, struktureller Gewalt, psychischer Gewalt bis hin zu physischer und sexualisierter Gewalt reichen. Meist beginnen Gewalterfahrungen schon in der Kindheit der befragten Frauen mit Behinderungen.

"Es gibt keinen Ort, an welchem nicht Gewalt an Frauen mit Behinderungen ausgeübt wird." (Zitat Frau mit Behinderung)

Die Orte, an denen Gewalt ausgeübt werden kann, sind nach den Erfahrungen der befragten Frauen, sehr weitreichend:

  • im eigenen Haushalt (durch Familienmitglieder, PartnerInnen),
  • in Ausbildungszentren (durch LehrerInnen, anderen Auszubildenden),
  • am Arbeitsplatz (durch MitarbeiterInnen und Vorgesetzte),
  • in unterschiedlichsten Institutionen der Behindertenhilfe (durch BetreuerInnen, SozialarbeiterInnen, andere Menschen mit Behinderungen),
  • im Gesundheitssystem (durch ÄrztInnen, PflegerInnen) oder auch
  • im Alltag und der Freizeit (durch FreundInnen, NachbarInnen, Persönliche AssistentInnen und fremde Personen)

Alle befragten Frauen erlebten körperliche Gewalt und ein überwiegender Teil sexuelle Gewalt. Schilderungen reichen bis hin zu Gewalt durch jahrelange sexuelle Missbräuche und Vergewaltigungen. Die Täter sind beinahe alle im nahen sozialen Umfeld der Frauen zu finden (vgl. Nationaler Empirischer Bericht Österreich 2014). Viele Frauen mit Behinderungen (etwa die Hälfte der Befragten) erleben körperliche und sexualisierte Gewalt bereits in der Kindheit, die manchmal auch in direkter Verbindung mit der Behinderung steht:

"Der Großvater wollte das einzige Enkelkind fördern, ich sollte hören können. Ich hab damals ein Hörgerät um den Hals getragen, mit den Kabeln im Ohr. Da hat er mir manchmal draufgeschlagen auf das Ohrstück und dann habe ich geblutet. Es war so furchtbar. Und der Keller mit dem Hörtest! Ich hatte solche Angst. Es war so unheimlich für mich als kleines Kind. Und der Großvater hat mich dort hineingezerrt." (Interview mit einer Frau mit Hörbeeinträchtigung)

Alle in Österreich interviewten Frauen schilderten strukturelle und psychische Gewalt im Laufe ihres Lebens, wie Erfahrungen der Fremdbestimmung, Diskriminierung oder auch Geringschätzung, Drohungen, Unterdrückungen und Missachtung der Privatsphäre.

"Gewalt beginnt für mich dort, wo ich fremdbestimmt werde." (Zitat Frau mit Behinderung)

Die hohe Anzahl an struktureller und psychischer Gewalterfahrung wird nach Meinung der Frauen meist durch die Abhängigkeit von anderen Menschen und Institutionen aufgrund der Behinderungen und dem daraus resultierenden Machtungleichgewicht gefördert. Aufgrund der Abhängigkeit fällt es den Frauen mit Behinderungen oft noch schwerer als Frauen ohne Behinderungen aus diesen komplexen Gewaltsituationen auszubrechen und Unterstützung zu suchen.

"Gewalt ist so... wie ein Zustand, wo ich als Frau keine Möglichkeit habe, als Frau zu leben. Wo ich meiner geistigen und körperlichen Freiheit beraubt bin." (Zitat Frau mit Behinderung)

Einige Frauen beschreiben die Problematik, dass sie insbesondere als Mädchen und junge Frauen oftmals aufgrund ihrer Behinderung als „asexuelle Wesen" wahrgenommen wurden, somit nicht über ihr sexuelles Leben verfügen können und keine Aufklärung erhielten. Häufig fehlt, aus Sicht der Frauen, das Wissen und das Bewusstsein für Gewalt, für eigene Grenzen und die Fähigkeit "Nein" zu sagen.

"Man hat halt einfach damals (Anm. im Heim) überhaupt nicht dran gedacht, dass das auch einmal erwachsene Männer und Frauen werden und dass die genauso wissen sollen und wollen, wie man tut und was man vielleicht nicht tun soll, wenn man eine Beziehung möchte oder so. Oder Familie war ja kein Thema, dass du einmal Familien hast, Themen wie Kinder, Sexualität und Empfängnisverhütung oder eben auch, wo deine Grenzen sind, dass du auch „Nein" sagen darfst, wenn irgendwas nicht passt oder dir irgendwer zu nahe kommt. Ich meine, das wären Themen, über die wir genauso hätten aufgeklärt werden müssen. Nicht?" (Zitat Frau mit Behinderung)

Diese unterschiedlichen Formen der Gewalt, die Frauen im Laufe ihres Lebens erfahren, bringen eine Vielzahl von Auswirkungen mit sich. Alle Frauen schildern Gefühle der Hilflosigkeit, Ohnmacht und Angst. Große Unsicherheit, mangelndes Selbstbewusstsein und fehlendes Vertrauen führten häufig dazu, keine Unterstützung zu suchen oder aus der „Gewaltspirale" auszubrechen. Wurde jedoch nach Unterstützung gesucht, so waren es für einige Frauen vor allem Freunde, Fachpersonen (wie PsychologInnen/ TherapeutInnen) oder auch Selbsthilfegruppen und Empowermentbewegungen von Frauen mit Behinderungen, die den Frauen in den Situationen helfen konnten.

Viele Frauen mit Behinderungen konnten jedoch aufgrund ihrer eigenen Stärke und Kraft, die sie trotz jahrelanger Diskriminierung und Gewalt entwickelt haben, Veränderung in ihrem Leben bewirken und den Gewaltdynamiken entkommen (vgl. Nationaler Empirischer Bericht Österreich 2014).

"Und wie mir das klar war, zu dem Zeitpunkt, bin ich nach außen gegangen. Gewusst haben es eh schon einige, aber ich hab's nicht gesagt. Ich hab's erst gesagt, wie ich gewusst hab: Ok, ich muss mir selber helfen und kann nicht erwarten, dass mir wer hilft." (Zitat Frau mit Behinderung)

Vor welchen Barrieren stehen Frauen mit Behinderungen, wenn Sie Schutz und Unterstützung bei Gewalterfahrung suchen?

Nur wenige Frauen mit Behinderungen suchen Opferschutz- und Unterstützungseinrichtungen, wie Frauenhäuser und Gewaltschutzzentren, auf. Die Gründe dafür sind zahlreich. Neben baulichen Barrieren und fehlendem Zugang zu Informationen sind die meisten Unterstützungsangebote nicht auf die Lebensbedürfnisse von Frauen mit Behinderungen angepasst. Zudem fehlt vielen Frauen mit Behinderungen auch das Wissen über ihre Rechte und die Möglichkeit, diese einzufordern. Zudem hat die Untersuchung gezeigt, dass Frauen mit Behinderungen oft Angst davor haben, nicht ernst genommen zu werden.

"Ich habe den Missbrauch nicht erzählt, weil ich gehörlos war, ich konnte es nicht sagen. Ich habe viele psychische Probleme gehabt und viel geschluckt, weil ich es nicht sagen konnte. Ohne Kommunikation geht das nicht. Und sie hätten auch nicht geglaubt, was ich erzähle, weil ich gehörlos war. Als hörendes Kind wäre es mir da sicher besser gegangen, ich hätte es sagen können." (Zitat Frau mit Behinderung)

Eines der vielen Ergebnisse aus der Befragung der Opferschutz- und Unterstützungseinrichtungen war, dass es insbesondere für blinde, sehbeeinträchtigte, gehörlose und hörbeeinträchtigte Frauen einen deutlichen Mangel an Unterstützung gibt. Viele befragte MitarbeiterInnen finden es sehr wichtig, ihre Angebote für Frauen mit Behinderungen zugänglicher zu machen, bedauern aber, über zu wenig Wissen über die komplexen Lebenssituationen von Frauen mit Behinderungen und ihre Gewalterfahrungen zu verfügen (vgl. Nationaler Empirischer Bericht Österreich 2014).

Für die Gewaltausübenden bleibt die Gewalt allerdings zum überwiegenden Teil ohne Konsequenz. Die Untersuchung hat gezeigt, dass Menschen mit Behinderungen von Behörden oft als weniger glaubwürdig und verlässlich angesehen werden, wenn sie Fälle von Gewalt berichten oder zur Anzeige bringen. Nach Meinung der Frauen mit Behinderungen scheitern viele Unterstützungsstrukturen immer noch an den "Barrieren in den Köpfen", welche in der Gesellschaft und vielen MitarbeiterInnen von Unterstützungseinrichtungen und Behörden, weiterhin vorherrschen. So ist nach wie vor das Thema "Gewalt an Frauen mit Behinderungen" ein Tabuthema.

"Einmal die Bevölkerung wachrütteln, dass es so etwas überhaupt gibt, weil ich glaube viele wollen das gar nicht wissen." (Zitat Frau mit Behinderungen)

Zukunftsperspektiven und Verbesserungspotenziale

Ein zentrales Ergebnis der Studie war, dass die Verbesserung der Situation von Frauen mit Gewalterfahrung und eine adäquate Unterstützung nur dann gelingt, wenn einerseits die unterschiedlichen Barrieren in Opferschutz- und Unterstützungseinrichtungen sowie auf politischer und gesellschaftlicher Ebene abgebaut werden und andererseits auch eine stärkere Präventionsarbeit bei Mädchen und Frauen mit Behinderungen stattfindet. Wichtig ist es dabei, das Selbstwertgefühl von Mädchen und Frauen mit Behinderung zu stärken, ausreichende und barrierefreie Informationen aufzubereiten und beispielsweise bereits in Schulen über das Thema Gewalt und Diskriminierung aufzuklären (vgl. Nationaler Empirischer Bericht Österreich 2014).

"Das Bewusstsein der Mädchen stärken, nicht „du hast eine Behinderung, du kannst nichts", das Gegenteil. Versuch das zu erreichen, was du erreichen willst. Gut, dass man als Blinder kein Tiefseetaucher wird, das ist klar, aber versuch das, was du kannst, zu erreichen." (Zitat Frau mit Behinderungen)

Die Prävention sowie eine Verbesserung der Situation von gewaltbetroffenen Frauen mit Behinderungen können vor allem aber nur dann gelingen, wenn Frauen mit Behinderungen zukünftig umfassende Gleichstellung erfahren und keinem Abhängigkeitsverhältnis unterliegen. So ist es Ziel und Wunschvorstellung vieler gewaltbetroffener Frauen mit Behinderungen, in einer inklusiven Gesellschaft leben zu können, in denen die Kategorien "Behinderungen" oder "Geschlecht" keine Rolle spielen.

Mehr Details zur Studie und alle Informationen zum Download (Endbericht, vergleichender Länderbericht, auch in leichter Sprache, Broschüren für Opferschutz- und Unterstützungseinrichtungen, Gebärdensprachvideos und Audiodateien) finden Sie auf der Projektwebsite.

Mag.a Anna Schachner, MA studierte Soziologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Wien und Humboldtuniversität zu Berlin. Sie ist seit 2012 für queraum. kultur- und sozialforschung in europäischen und nationalen Projekten sowie Evaluationen tätig. Ihre Arbeitsschwerpunkte umfassen die Inklusion benachteiligter Personengruppen, Gewaltforschung und Disability Studies sowie Gesundheitsförderung.

Literatur

  • [1] Schachner, Anna; Sprenger, Claudia; Mandl, Sabine; Mader, Helena: Zugang von Frauen mit Behinderungen zu Opferschutz- und Unterstützungseinrichtungen bei Gewalterfahrungen. Nationaler Empirischer Bericht Österreich. 2014
    PDF

www.queraum.org
queraum. kultur- und sozialforschung

women-disabilities-violence.humanrights.at/Publikationen
Details zur Studie und alle Informationen zum Download (Endbericht, vergleichender Länderbericht, auch in leichter Sprache, Broschüren für Opferschutz- und Unterstützungseinrichtungen, Gebärdensprachvideos und Audiodateien)