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THEMEN 2016

Leichte Sprache - Klar und deutlich

Georg Wimmer

Georg Wimmer

Expertenstimme

Georg Wimmer

Die Leichte Sprache wurde ursprünglich für Menschen mit geistiger Behinderung entwickelt. Der Kreis der Adressaten ist inzwischen aber viel größer.

Viele Artikel in Zeitungen sind schwer zu verstehen. Sie enthalten Fremdwörter und lange Sätze. Auch die Briefe vom Sozialamt sind schwer zu lesen. Deshalb gibt es die Leichte Sprache. Leichte Sprache ist einfacher zu lesen. Die Sätze sind kürzer und enthalten keine schwierigen Wörter. So kann man komplizierte Sachen besser verstehen.

Das Behinderten-Gleichstellungs-Gesetz gibt es auch in Leichter Sprache.

So oder so ähnlich könnte ein Zeitungsartikel über Leichte Sprache in Leichter Sprache beginnen. Entstanden ist die Idee der Leichten Sprache in den 1990er Jahren in der Behindertenrechts-Bewegung, über die USA und Skandinavien kam sie in den deutschen Sprachraum. Barrieren, so der Grundgedanke, erschweren nicht nur die Fortbewegung in Gebäuden und im öffentlichen Raum. Auch beim Zugang zu Informationen gibt es Hindernisse, die sich dem Leser und der Leserin in den Weg stellen wie eine Wendeltreppe dem Rollstuhlfahrer.

Jeder Mensch macht in seinem Leben die Erfahrung, dass er Texte nicht versteht. Das betrifft Gebrauchsanleitungen, Behördenschreiben, Versicherungsbestimmungen, Geschäftsberichte, Informationen zum Konsumentenschutz usw. Laut einer Untersuchung in Deutschland sind rund 80 Prozent der Informationen von Unternehmen und Behörden auf einem Sprachniveau verfasst, das dem von Akademikern entspricht. Das verstehen aber nur zehn Prozent der Bevölkerung. Dabei fehlt es Unternehmen und Behörden nicht nur am Bewusstsein, sondern auch am Wissen, wie sie Inhalte auf den Punkt bringen. In jedem Fall rufen unverständliche Informationen Gefühle hervor. Wer glaubt, etwas nicht zu verstehen, schämt sich. Wer der Meinung ist, der Texter hätte sich mehr Mühe geben können, wird sich ärgern.

Keine eigene Sprache, sondern eine Varietät

Bei der „Leichten Sprache" handelt sich nicht um ein eigenes Sprach-System, sondern vielmehr um eine besondere Ausdrucksform, eine Varietät der Standardsprache, vergleichbar etwa der Jugendsprache. Unter „Leichter Sprache" wird eine besonders vereinfachte Sprachform verstanden, die auf eine bessere Verständlichkeit abzielt. Für dieses stark praxisorientierte Modell gibt es eine Reihe von Regeln. Die wichtigsten davon lauten:

  • Ein Satz soll nur einen Gedanken enthalten
  • Ein Satz soll höchstens zwölf Wörter lang sein
  • Abstrakte Konzepte sind zu erklären
  • Aktive Sprache statt Passiv-Konstruktionen
  • Dativ anstelle von Genitiv

Gerade die Regel wonach der zweite Fall durch den dritten Fall zu ersetzen ist, sorgt häufig für Kopfschütteln. Einleuchtend wird diese Bestimmung, sobald man an den Spracherwerb von Kindern denkt, die den zweiten Fall lange nicht anwenden. Statt „das Haus des Lehrers", werden sie also sagen: „das Haus vom Lehrer". Genauso heißt es auch in Leichter Sprache. Zu vermeiden sind hier überdies die folgenden, im Standard-Deutsch durchaus üblichen, Wendungen und Konstruktionen:

  • Verneinungen
  • Konjunktiv
  • Nominal-Stil
  • Sprichwörter und Metaphern

Auch Zahlengaben sollen nach Möglichkeit unterbleiben. Statt „im Jahre 1596" würde es in Leichter Sprache einfach heißen „vor langer Zeit".

Verständnis und Lesbarkeit haben aber nicht nur mit Sprache an sich zu tun, sondern ebenso damit, wie Informationen präsentiert werden. Deshalb gibt es eigene Regeln für die Gestaltung. Diese betreffen zum einen Schriftgröße, Zeilenabstände und Schriftarten. Zum anderen geht es um die Gliederung eines Textes, um Verwendung von Zwischen-Titeln und Aufzählungen, die das Erfassen und in der Folge das Verstehen erleichtern.

Als weiteres wesentliches Element der Leichten Sprache gilt, dass Übersetzungen von Personen der Zielgruppe geprüft werden. Zielgruppe sind in erster Linie Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen oder auch „Menschen mit Lernschwierigkeiten", wie sie sich selber nennen. Für weitere Personenkreise gibt es noch keine speziellen Konzepte. Und hier beginnt die Kritik.

Unter „Menschen mit Lernschwierigkeiten" können solche mit einer schweren kognitiven Beeinträchtigung ebenso subsumiert werden wie Personen mit einer leichten Leseschwäche. Und sollen nicht auch Menschen mit geringen Deutsch-Kenntnissen von barrierefreier Sprache profitieren? Hier wird es bei strenger Regelauslegung tatsächlich schwierig, einen Text zu schreiben, der alle zufriedenstellt. Kritik am zum Teil niedrigen Niveau von Übersetzungen in Leichte Sprache ist ebenfalls berechtigt. Entsprechende Beispiele werden in diversen Foren und Blogs genüsslich ausgebreitet. Gut gemeint ist nicht immer gut genug.

Bleibt die Schönheit auf der Strecke?

Viel weniger beeindrucken wird die Befürworter der Leichten Sprache dagegen ein Einwand des Philosophen Konrad Paul Liessmann. Der vertritt sinngemäß die Ansicht, dass Menschen insgesamt verlernen sich anzustrengen, wenn ihnen Dinge so leicht verständlich präsentiert werden. Zudem, so Liessmann, gehe mit der Leichten Sprache die Schönheit gerade des Deutschen verloren. Dem lässt sich der Vergleich mit der Rollstuhlrampe entgegenhalten. Je nach Geschmack mag man eine Wendeltreppe für kunstvoller und letztlich schöner halten. Die Realität zeigt aber, dass Rampen und barrierefreie Zugänge – allen Gesetzen zum Trotz –Treppen eher nicht verdrängen werden.

Menschen, die nicht gut lesen können, brauchen leicht verständliche Information. Nur so können sie am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Auf die nachfolgenden Generationen trifft das immer weniger zu. Laut verschiedenen Studien können beinahe 20 Prozent der Jugendlichen in Österreich nicht sinnerfassend lesen. Wer diesem Trend mit bewährtem Amtsdeutsch begegnet, darf sich nicht wundern, wenn das Interesse an Wahlen und anderen demokratischen Prozessen weiter sinkt.

Nur langsam greift der Gedanke von der Wichtigkeit barrierefreier Nachrichten um sich. Wer googelt, der findet Informationen des Sozialministeriums in Leichter Sprache, Gesetzestexte und Hausordnungen, aber ebenso Krimis. Es gibt einen Duden für Leichte Sprache und eine leicht verständliche Bibel-Übersetzung. Das Internet-Lexikon Hurraki bietet eine Enzyklopädie nach dem Vorbild von Wikipedia, die Tageszeitung Kurier liefert auf ihrer Website täglich Nachrichten in Leichter Sprache. Bei All diesen Initiativen handelt es sich um Zusatzangebote. Sie werden die schwer verständlichen Formulierungen nicht verdrängen.

Zwar gilt in Österreich seit Anfang 2016 das neue Behindertengleichstellungsgesetz, das Barrierefreiheit auch für Informationen vorsieht. Deshalb von einer gesetzlichen Verankerung der Leichten Sprache zu sprechen wäre aber übertrieben. Die entsprechende Passage ist hinreichend allgemein formuliert, sodass sich ein Anspruch auf Leichte Sprache bestenfalls herleiten lässt. Als barrierefrei gelten Informationsquellen nämlich dann, „wenn sie für alle Menschen ohne besondere Erschwernis und ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind". Zumindest auf viele Behördenschreiben trifft das sicher nicht zu.

Georg Wimmer ist Journalist und Autor. Er lebt in Salzburg, wo er die „Leichte Sprache Textagentur" gegründet hat.