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zusammenLeben ohne Gewalt

THEMEN 2017

Cybermobbing und Gender – Work-in(g) Progress

Dr. phil. Sebastian Rauter-Nestler

Dr. phil. Sebastian Rauter-Nestler

Expertenstimme

Dr. phil. Sebastian Rauter-Nestler

Prolog

Das Gewaltphänomen Cybermobbing lässt sich nur adäquat fassen, wenn es im Rahmen einer vollständig mediatisierten Gesellschaft gesehen wird. Dessen Ursachen liegen also nicht bei den Medien allein, sondern vorrangig in der Mediennutzung, die stets als soziale Praxis zu verstehen ist. Diesen Zusammenhang greift der hier vorgestellte, durch das Mädchenzentrum Klagenfurt entwickelte Workshop auf, der sich an Jugendliche ab zwölf Jahren richtet.

Durch die Fokussierung auf das alltägliche Nutzungsverhalten der Workshopteilnehmer_innen wird ein kritisches Bewusstsein im Umgang mit persönlichen Daten in Sozialen Netzwerken erlernt und der Beitrag auf die geschlechtliche Identitätsfindung im Sinne von (un-)doing gender beleuchtet. Damit setzt der Workshop einen Schwerpunkt auf die Gewaltprävention, vermittelt aber auch geschlechtssensibel Lösungsstrategien für den Anlassfall.

Kontext des Workshopkonzepts

Die Erkenntnis, »dass Gesellschaft heute vor allem in den Medien stattfindet« (Adolf 2006: 19), ist mittlerweile ein medienwissenschaftlicher Allgemeinplatz. Längst sind die westlichen Wohlstandsgesellschaften auf einer Entwicklungsstufe angelangt, auf der die Medien nicht mehr bloß als ›Ergänzung‹ zur Gesellschaft fungieren, sondern »zum Zentrum des gesellschaftlichen Seins geworden« (ebd.: 121) sind. Diese gesellschaftliche Zentralität der Medien bedeutet auch, dass sie einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf Prozesse der Heranbildung von Identität haben, insbesondere auf solche der geschlechtlichen Identität.

Mit Bezug auf das von Judith Butler (1991) grundlegend entwickelte Konzept einer performativen Herstellung von Geschlecht, sind Medien machtvolle Agenten in den alltäglichen sozio-kulturellen Praktiken eines doing gender, können aber ebenso im Rahmen einer Kritik an bestehenden Geschlechterordnungen einen wichtigen Beitrag zu einem undoing gender leisten. So findet nicht nur Gesellschaft in den Medien statt, sondern auch die gesellschaftliche Herstellung von Geschlecht. Außerhalb akademischer Diskurse sind dies jedoch eher wenig verbreitete Positionen.

Im alltäglichen Kontext sind Medien, solange sie wie gewünscht funktionieren, kein Gegenstand kritischer Reflexion, rufen aber dort, wo sie ihre vorgesehene Funktion nicht erfüllen, schnell eine reflexhafte Dämonisierung auf den Plan: Medien werden zu einem die ›Normalität‹ bedrohenden Ausnahmezustand erklärt, was vor allem auf die sogenannten Neuen Medien zutrifft.

Die rund um den Begriff Cybermobbing vor allem im Pressediskurs um sich greifende Dämonisierung Sozialer Netzwerke gab dem Mädchenzentrum Klagenfurt im Jahr 2013 Anlass zur Konzipierung des medienpädagogischen Workshops Net Attack – Wenn das Internet dir blöd kommt. Sicherlich ist Cybermobbing ein »weltweit [...] wachsendes Problem, [...] weil einer Studie der Europäischen Union zufolge das Alter der Kinder, die Zugang zum Internet haben, immer weiter sinkt« (Mitic-Pigorsch 2012), eine Abwehrhaltung im Sinne einer medienpessimistischen Bewahrpädagogik aber keine adäquate Position.

Erfolg versprechender ist es, so die Grundidee des Workshops, bereits vorhandene Medienkompetenzen aufzugreifen und diese hinsichtlich möglicher Gefahren der Nutzung von Sozialen Netzwerken um eine selbstreflexive Komponente zu erweitern.

Ein solcher Ansatz bewegt sich permanent im Spannungsfeld der Gefahren und Chancen der Mediennutzung, wobei dem Aspekt des (un-)doing gender gemäß dem Selbstverständnis des Mädchenzentrums ein zentraler Stellenwert zukommt. Denn Medienwirkungen liegen in nur geringem Maße in den Medien selbst begründet.

Sie sind vielmehr eine Frage ihres Gebrauchs, der immer in sozio-kulturellen Kontexten stattfindet. Insofern muss die kritische Reflexion von Mediengebrauch und Medienwirkungen der Dreh- und Angelpunkt des Workshops sein, auch wenn dies bisweilen eine komplexe multiperspektivische Herausforderung darstellt. Diese gilt es jedoch anzunehmen, denn eindimensionale, reduktionistische Ansätze erfüllen lediglich den Zweck einer »Beruhigungsspritze für Eltern und Öffentlichkeit und mindern überdies vorhandene Medienkompetenz« (Krotz 2010: 544).

Theoriebezüge

Soziale Netzwerke sind Teil einer kulturellen Logik, die jede Kommunikation in eine Warenform überführt, so dass »unsere halb-privaten und weitgehend öffentlichen Identitäten den Eigentümern der Sozialen Medien zu fröhlichem Reichtum« (Lovink 2012: 22) verhelfen.

Plattformen wie Facebook oder Instagram sind deshalb so populär, weil es ihnen gelingt, ihre Geschäftsinteressen an unseren Daten zu verbergen und mit scheinbaren Vorteilen wie einem großen Freundeskreis und sozialer Beliebtheit zu punkten. Wir befinden uns inmitten dessen, was Gilles Deleuze (1993) als Kontrollgesellschaft beschreibt.

Hier wird soziale Kontrolle, die sich der Methoden des Marketings bedient, durch ein freiheitliches Aussehen maskiert: Wer denkt schon an Kontrolle, wenn Facebook mit dem Slogan »Auf Facebook bleibst du mit Menschen in Verbindung und teilst Fotos, Videos und vieles mehr mit ihnen« wirbt? Soziale Netzwerke bedienen tief verankerte gesellschaftliche Prinzipien wie Wettbewerb, Konkurrenz und Selbstmanagement im Sinne eines ludic turn in spielerischer Form, so dass die Nutzer_innen nicht bemerken, dass sie sich einer Kontrolle unterwerfen. Was wie eine Erweiterung der persönlichen Möglichkeiten erscheint, läuft letztlich darauf hinaus, das Nutzungsverhalten »mit bestimmten Unternehmenszielen zur Deckung zu bringen« (Reichert 2015: 68).

Die Lösung in einer totalen medialen Abstinenz zu suchen, griffe jedoch zu kurz – wie sollte dies innerhalb vollständig mediatisierter Gesellschaften auch funktionieren? Darüber hinaus würde eine solche Abstinenz auch jegliche kritisch-emanzipatorische Mediennutzung verhindern. Mediennutzung findet stets in einem ambivalenten Spannungsfeld zwischen Macht und Widerstand statt, in welchem die Nutzer_innen mitunter große Kunstfertigkeiten im Entwickeln eigensinniger und emanzipativer Gebrauchspraktiken beweisen.

Es gilt also, die Entwicklung kritisch-selbstreflexiver Medienkompetenzen bei der Nutzung Sozialer Netzwerke zu fördern: »Eine kritische Medienkompetenz [...] zergliedert Medienkultur als Gebilde der sozialen Produktion und Auseinandersetzung, und lehrt die Lernenden, den medialen Repräsentationen und Diskursen gegenüber kritisch zu sein. Sie weist aber auch auf den wichtigen Punkt hin, die Medien als Formen von Selbstausdruck und sozialem Aktivismus zu verwenden.« (Kellner 2005: 275)

Die Workshoppraxis

In diesem Sinne betrachtet der Workshop das Thema Cybermobbing als Phänomen einer vollständig mediatisierten Gesellschaft und stellt daher immer wieder die alltäglichen Nutzungspraktiken in den Mittelpunkt, wenn es darum geht, mögliche Gefahren bereits im Vorfeld zu identifizieren, aber auch Chancen zur selbstbestimmten Mediennutzung zu entwickeln. Das große Interesse an diesem Angebot seitens der Schulen in Kärnten zeigt die Notwendigkeit der außerschulischen Unterstützung zu diesem Thema.

Auch Ingrid Paus-Hasebrink und Philip Sinner (2016) regen dazu an, »dass sich Lehrkräfte und Schulen vertrauenswürdige Partner von außen suchen [...] – die Last dürfe nicht allein auf den Lehrenden lasten, denn viele Eltern, auch in Österreich, vertrauen hinsichtlich der Vermittlung von Medienkompetenz (mangels eigener Fähigkeiten) auf die Kindergärten und Schulen.« (Ebd.: 26)

Institutionell ist dieser Workshop an das Mädchenzentrum Klagenfurt angebunden, einen feministischen gemeinnützigen Verein, der im Jahr 1995 gegründet wurde und sich seither mit gleichstellungsorientierter Arbeit mit und für Mädchen* und junge Frauen* auf unterschiedlichen Ebenen befasst. Seit Gründung des Vereins spielt das Thema Gewaltprävention, vor allem im primärpräventiven Bereich, eine wesentliche Rolle.

In Reaktion auf jugendkulturelle Entwicklungen und die individuellen Bedürfnislagen der Zielgruppe des Mädchenzentrums, rückt das Thema Neue Medien und in diesem Kontext auch das Phänomen Cybermobbing immer mehr in den Mittelpunkt der sozialpädagogischen Arbeit. Der JIM-Studie (2014) zufolge geben 17 Prozent der befragten Jugendlichen an, dass bereits Falsches oder Beleidigendes über sie im Internet veröffentlicht wurde, 38 Prozent waren Personen bekannt, die über das Internet gemobbt wurden.

Bei Cybermobbing kommt im Vergleich zu Mobbing erschwerend hinzu, dass sich das Opfer durch die ständige Präsenz in den Medien den Beleidigungen, Belästigungen, Bloßstellungen etc. schwerer entziehen kann. Zusätzlich wird sehr schnell eine breite Öffentlichkeit erreicht, wobei die Täter_innen scheinbar anonym bleiben. Rückmeldungen von Jugendlichen zufolge sinkt durch den fehlenden Face-to-Face-Kontakt die Hemmschwelle für Gewalthandlungen.

Das primärpräventive Workshopangebot für den schulischen sowie außerschulischen Bereich wurde im Jahr 2013 im Rahmen der Präventionsarbeit im Mädchenzentrum Klagenfurt erstmals für gemischtgeschlechtliche Gruppen entwickelt und praktisch erprobt. Der Workshop richtet sich an Jugendliche ab zwölf Jahren und soll einen Rahmen bieten, sich mit der eigenen Mediennutzung zu beschäftigen.

Im Zentrum stehen dabei die Reflexion der eigenen Internetnutzung und die geschlechtssensible Wahrnehmung, Benennung und Vermeidung von gewalttätigen Handlungen im Netz, sei es in einer Täter_innen- oder Opferposition Ebenso thematisiert wird die Frage, was Daten in ökonomischer Hinsicht wert sind. Diese Fragen werden durch den Einsatz von unterschiedlichen Methoden und Materialien – beispielsweise Brainstorming, Kleingruppenarbeiten, Diskussionsrunden, Filmbeispiele, Internetrecherche, Profile in Sozialen Netzwerken, Collagen, Informations- und Arbeitsblätter – bearbeitet und diskutiert.

Erfahrungen

Im Rahmen der praktischen Umsetzung dieses Angebots, vor allem in der Altersgruppe der 12- bis 14-Jährigen, werden geschlechtsspezifische Unterschiede deutlich. Es zeigt sich, dass bei Jungen, wenn sie in diesem Alter überhaupt Soziale Netzwerke nutzen, eher das Thema Sport und Computerspiele im Mittelpunkt steht, der Fokus bei den Mädchen hingegen die körperbezogene Selbstpräsentation und Inszenierung durch Fotos (Selfies) und Text ist. Die Recherche des eigenen Namens im Internet bringt Überraschungen und einige erstaunte Gesichter, wenn die Teilnehmer_innen herausfinden, dass beispielsweise Klassenfotos aus der Volksschulzeit ohne ihr Wissen zu finden sind.

Interessant ist auch, welche Auswirkungen die im Internet fehlende Face-to-Face-Interaktion hat. Hierzu erstellen die Teilnehmer_innen eine Collage aus Texten und Bildern, die in ihrem Profil zu finden sind. Im Rahmen einer Diskussionsrunde wird dieses Material einem Ampelsystem zugeordnet, wobei rot etikettierte Informationen als bedenklich, gelbe als unentschieden und grüne als unbedenklich hinsichtlich einer Veröffentlichung im Internet gelten.

Die Teilnehmer_innen sollen hiermit einen Eindruck über die verschiedenen Meinungen innerhalb der Gruppe bekommen und über unterschiedliche Standpunkte zu Risikofaktoren der eigenen Profile diskutieren. Außerdem soll der Rezeptionskreis eine Rolle spielen. Verändert sich die Meinung zu den Informationen, wenn beispielsweise einerseits der Freundeskreis, andererseits Eltern, Lehrer_innen und Arbeitgeber_innen als potentielles Publikum mitgedacht werden? Hierbei wird oft klar, dass kaum ein Bewusstsein für die öffentliche Zugänglichkeit zu allen im Internet vorhandenen Informationen ausgeprägt ist. Die Übung gibt hierzu wertvolle Denkanstöße.

Einen weiteren Lerneffekt hinsichtlich eines reflektierten Umgangs mit persönlichen Informationen bringt eine Übung zum Errechnen des ökonomischen Wertes persönlicher Daten, wie sie beispielsweise bei einer Registrierung für ein Soziales Netzwerk erhoben werden. Viele Schüler_innen kommen dabei schnell auf einen Betrag von 30 Euro und mehr. So wird schnell klar, dass die Konzerne mit persönlichen Daten viel Geld verdienen. Vor allem Jugendliche ab 15 Jahren nehmen dies zum Anlass, über ihr Nutzungsverhalten nachzudenken und zukünftig vielleicht weniger von sich preiszugeben. So ergibt sich für viele Jugendliche als Fazit des Workshops, dass weniger persönliche Daten im Internet die Angriffsfläche für Cybermobbing verringern.

Aufgrund einer außerordentlichen aktuellen Finanzierung seitens des Landes Kärnten wird eine umfassendere Erprobung der Workshopinhalte mit einer größeren Anzahl an Vergleichsgruppen aus unterschiedlichen Regionen (Stadt, Land) sowie aus unterschiedlichen Altersgruppen ermöglicht. Damit kann noch mehr und differenzierter über den Umgang von Jugendlichen mit Neuen Medien, über geschlechtsspezifische und altersbezogene Unterschiede sowie weitere relevante Themen in Erfahrung gebracht werden, wodurch das Präventionsangebot noch genauer auf bestehende Bedürfnisse ausgerichtet werden kann.

Gemäß dem Slogan aus dem Leitbild des Mädchenzentrums »hinschauen, nachdenken, lernen und umsetzen« erfüllt der Workshop also mehrere Funktionen: Hinschauen auf den Umgang mit (Neuen) Medien und ihren Beitrag zu (un-)doing gender (auch, aber nicht nur, im Zusammenhang mit gewaltbereiter Mediennutzung), hierüber nachdenken und hieraus lernen, um schließlich neue Konzepte umzusetzen, die sich eng an den Bedürfnissen ihrer Zielgruppe orientieren.

Dr. phil. Sebastian Rauter-Nestler ist Lektor für Philosophie und Medienkulturtheorie an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Senior Lecturer im Fachbereich Kulturwissenschaften und Kommunikationswissenschaften an der Zeppelin Universität Friedrichshafen sowie freier Mitarbeiter zu Medienthemen im Mädchenzentrum Klagenfurt.

Literatur

  • [1] Adolf, Marian: Die unverstandene Kultur. Perspektiven einer Kritischen Theorie der Mediengesellschaft Bielefeld: Transcript, 2006
  • [2] Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1991
  • [3] Deleuze, Gilles: Postskriptum über die Kontrollgesellschaften In: ders.: Unterhand-lungen 1972–1990. S. 254–262., Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1993
  • [4] JIM: Jugend, Information, (Multi-)Media. Basisstudie zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, 2014
    PDF
  • [5] Kellner, Douglas: Neue Medien und neue Kompetenzen: Zur Bedeutung von Bildung im 21. Jahrhundert. In: Winter, Rainer, Medienkultur, Kritik und Demokratie. Der Douglas Kellner Reader, S. 264–295, Köln: Herbert von Halem, 2005
  • [6] Krotz, Friedrich: ienkompetenz. Die »Stiftung Medientest« als Antwort auf strukturelle Probleme der Entwicklung der Medien. Wiesbaden: VS Verlag, 2010
  • [7] Das halbwegs Soziale. Eine Kritik der Vernetzungskultur. Bielefeld: Transcript, 2012
  • [8] Mitic-Pigorsch, Katja: Cybermobbing: Der stumme Hilferuf der Amanda Todd (†15) Online [Zugriff 21.11.2012], 2012

    Weitere Informationen
  • [9] Paus-Hasebrink, Ingrid, Sinner, Philip: Zur Rolle des Internets bei Kindern und Jugendlichen. Nutzungspraktiken und Handlungsempfehlungen In: Informationen zur Deutschdidaktik (ide). Zeitschrift für den Deutschunterricht in Wissenschaft und Schule, 4-2016, S. 19–28., 2016
  • [10] Reichert, Ramón: Digitale Selbstvermessung. Verdatung und soziale Kontrolle In: zfm. Zeitschrift für Medienwissenschaft, H 13, S. 66–77., 2015