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zusammenLeben ohne Gewalt

THEMEN 2017

Zeitungsinterview zu Täter/Innenarbeit

DSA Arno Dalpra

DSA Arno Dalpra

Expertenstimme

DSA Arno Dalpra 

Interview von Melanie Fetz, NEUE am Sonntag Vorarlberg

Die Gesunde Ohrfeige gibt es nicht!

Nahezu täglich gibt es Meldungen über Gewaltdelikte. Werden die Menschen immer gewalttätiger?

Arno Dalpra: Gewalt ist ein unheimliches, schreckliches Mittel, um ureigenste Interessen durchzusetzen, Angst zu verursachen, zu verunsichern. Gewalt hat es immer schon gegeben und wird es immer geben. Ich denke nicht, dass die Menschen immer gewalttätiger werden. Wir sind achtsam und sensibler in unserer Wahrnehmung Gewalt gegenüber. Aufgrund der globalen Vernetzung ist Gewalt täglich in den Medien, präsent und sichtbar.

Berichtet wird auch über Schlägereien, bei denen auf am Boden liegende Opfer eingetreten wird. Handelt es sich dabei um ein neueres Phänomen?

Dalpra: Das menschliche Seh- und Wahrnehmungsverhalten hat sich mit Fernsehen und Film verändert. Personen, die vor 1972 geboren sind, nehmen Gewalttaten in Fernsehen und Film unmittelbarer wahr als nach 1972 Geborene. Diese sehen mehr den Effekt und die Action. Mitgefühl und Empathie treten in den Hintergrund, daher wird oft weiter geschlagen, obwohl das Opfer schon am Boden liegt.

Mit welchen Themen haben Sie es in der Gewaltberatungsstelle zu tun?

Dalpra: Wir arbeiten mit Menschen, welche massive Grenzverletzungen begehen. Das geht von Anschreien, Drohen, Stalking bis hin zu körperlicher und sexueller Gewalt. Weitere Themen sind Mobbing, Gewalt im öffentlichen Bereich gegenüber Behördenmitarbeitern, in und um Institutionen, Schulen, Kindergärten und Jugendeinrichtungen.

Wie viele Klienten betreuen Sie jährlich?

Dalpra: Vergangenes Jahr hatten wir 497 Anfragen und 590 Klienten waren bei uns in Beratung. Und was interessant ist: Drei Viertel unserer Klienten melden sich selbst.

Kommen denn auch Frauen zur Beratung?

Dalpra: Ja, wir betreuen des Öfteren auch Frauen, die ihre Männer oder Kinder bedrohen oder schlagen. Aber etwa 90 Prozent der häuslichen Gewalt ist männlich. Größtenteils sind es also Männer, die in Beratung sind. Eine Frau als Täterin ist nach wie vor ein Tabuthema. Genauso wie ein Mann als Opfer eines ist. Gewalt wird oft geschlechtsspezifisch interpretiert. Will man aber gegen Gewalt arbeiten, ist dies ein falscher Zugang. Gewalt ist ein Problem, das Menschen haben.

Gibt es einen Unterschied in der Arbeit mit Frauen im Gegensatz zu jener mit Männern?

Dalpra: Wenn es darum geht zu erkennen, was man getan hat, reagieren Frauen und Männer ident. In der zweiten Phase geht es dann darum, Sicherheiten einzubauen. Die Täter erstellen sozusagen ein Fieberthermometer, mit dem sie messen, ab welchem Zeitpunkt sie gefährlich werden. In der Wahrnehmungskompetenz gibt es da Unterschiede. Frauen sind oft schneller an jenem Punkt, an dem sie formulieren können, was ihre Gewalttätigkeit beeinflusst. In der letzten Phase, in der es um die Aufarbeitung der Einflüsse aus der Biografie geht, ist das Setting wieder ähnlich. In dieser Phase geht es dann darum, Aggression und Gewalt zu differenzieren.

Inwiefern kann dies differenziert werden?

Dalpra: Vielen Tätern fehlt die Aggression als Ventilfunktion. Sie sind lange total beherrscht und werden dann sofort gewalttätig. Aggression ist ein nicht immer angenehmes Ventil, ermöglicht aber noch eine Versöhnung. Gewalt hingegen zerstört Kontakte, Beziehungen, fügt Schmerzen zu, macht Angst und hinterlässt lediglich Verlierer.

Handelt es sich bei Gewalttätern oft auch um Menschen, die in der Kindheit selbst Gewalt erlebt haben?

Dalpra: Die Biografie spielt bei jedem Menschen eine Rolle. Personen, die selber geschlagen worden sind, können oft eine höhere Sensibilität gegenüber dem Schmerz des Gegenübers empfinden, weil sie ihn selbst erlebt haben. Aber wir haben sehr viele Klienten, die nicht schlagender Gewalt ausgesetzt waren und trotzdem dieses Mittel anwenden. Keine Kindheit – und mag sie noch so glücklich sein – läuft beschwerdefrei und ohne große Konflikte ab. Leben heißt ganz oft, sich mit verletzenden und kränkenden Situationen auseinanderzusetzen. Der eine hat ein bisschen mehr Glück, der andere weniger. Aber jeder hat sein Päckchen zu tragen.

Nach Gewaltverbrechen stellt sich oft die Frage nach dem Warum ...

Dalpra: Das Warum beruhigt eventuell die Menschen, die mit offenen Fragen betroffen das Geschehen verfolgen. Es bringt aber keine große Erklärung. Die Taten werden nicht besser, wenn wir Ursachen kennen. Der Täter muss für sein Tun die Verantwortung übernehmen und tragen. Gewalttaten sind schrecklich und bleiben es. Es wird uns beispielsweise unbegreiflich bleiben, was Anders Breivik dazu veranlasst hat, 77 Menschen zu töten. Es wird uns ebenfalls unbegreiflich bleiben, was den Familienvater in Graz veranlasst hat, durch die Fußgängerzone zu rasen, um Tod, Elend und Entsetzen zu hinterlassen.

Was das Thema Schlagen betrifft, so entschuldigen sich die Täter mitunter damit, dass ihnen die Hand ausgerutscht ist. Oder dass dies eine einmalige Sache war. Wie gehen Sie mit solchen Entschuldigungen um?

Dalpra: Einmalig oder ausgerutscht gibt es nicht. Die Tat ist geschehen. Und damit hat sich der Täter auseinanderzusetzen. Es gibt heutzutage noch immer die unselige Diskussion über die gesunde Ohrfeige. Die gibt es aber nicht. Jeder, der von einer gesunden Ohrfeige spricht und behauptet, er habe sie unbeschadet überstanden, erinnert sich daran. Eine Ohrfeige schön zu reden ist eine starke „Verarbeitungsleistung".

Wie schwierig ist es, aus dem Kreislauf der Gewalt auszubrechen?

Dalpra: Wer schon einmal versucht hat, sein Leben umzugestalten, weiß, wie schwierig dies ist. Vor allem für jemanden, der sein Leben umgestalten muss, weil er gewalttätig ist. Für viele Menschen, die zuschlagen, ist oft nicht erkennbar, was sie anrichten. Sie sehen meist nur das Ergebnis und bagatellisieren ihr Tun. Aber jeder Schlag ist ein Übergriff, und jeder Schlag ist Gewalt. Was allerdings oft passiert, wenn Gewalt im Spiel ist: Es wird geschwiegen. Und das Schweigen ist ein Biotop, in dem Gewalt extrem wuchert. Verhalten ist veränderbar. Aber es ist notwendig, dass die Person, die Gewalt anwendet, erkennt, was sie tut, und Verantwortung übernimmt.

Wie hoch ist die Zahl der Rückfälle?

Dalpra: Rückfälle gibt es, dies ist in unserer Arbeit eine große Belastung für Berater sowie Klienten. Der Schutz des Opfers steht hier an erster Stelle – die Konsequenzen hat der Täter zu verantworten und zu tragen. Wir handeln nach dem Grundsatz: Wir ächten die Tat und achten den Menschen – Klienten nutzen die Möglichkeit, uns zu kontaktieren, wenn sie merken, dass sie wieder gefährlich werden.

Ist dies oft der Fall?

Dalpra: Ja, es ist eindeutig erkennbar und beobachtbar, das Gefährder auf sich achten und auch bemerken, wenn sie gefährlich werden. Sie nehmen Kontakt mit uns auf, um den andern nicht mit ihrer Gewalt zu gefährden. Gewalt ist ein Verhalten, und Verhalten ist veränderbar.

In Vorarlberg gibt es ein österreichweit einzigartiges Projekt. Täter werden bei Wegweisungen von der Polizei um Erlaubnis gebeten, die Daten an das ifs weiterzuleiten. Die Betroffenen werden dann von Gewaltberatern kontaktiert. Was sind die bisherigen Erkenntnisse?

Dalpra: In Vorarlberg gibt es pro Jahr etwa 300 Wegweisungen. Zirka 60 bis 100 Personen jährlich sind mit der Weiterleitung ihrer Kontaktdaten einverstanden. Nach einer Wegweisung befindet sich der Gefährder in einem unbeobachteten und unbetreuten Status. Wir erreichen aber in den ersten 72 Stunden nach der Gewaltanwendung etwa 90 Prozent der Betroffenen. Über die Hälfte kommt in weiterer Folge zu Beratungsgesprächen.

Warum ist es Ihrer Meinung nach so wichtig, dass die Täter innerhalb von 72 Stunden kontaktiert werden?

Dalpra: Je schneller wir die Gefährder erreichen, desto weniger sind die Entschuldigungskultur und das Bagatellisieren ausgeprägt. Es ist noch unmittelbar wirklich, was geschehen ist. Und auch der Gewalttäter steht noch unter diesem Einfluss. Je länger es dauert und je mehr Kontakte zu anderen Personen er hat, desto mehr bagatellisiert er sein Verhalten. Vielleicht spricht er auch mit einem Anwalt, der den Fall aus juristischen Gesichtspunkten beleuchtet. Für den Täter ist dann viel von der Eigenverantwortung delegiert. Sprich, er muss sich nicht mit der Tat und seiner Verantwortung auseinandersetzen. Und dies ist ein großes Defizit.

Sie sind wegen dieser Erkenntnisse ja unlängst auch in Wien vorstellig geworden, oder?

Dalpra: Das Problem ist, dass der Gesetzgeber zwar vorgesehen hat, dass das Opfer nach einer Wegweisung kontaktiert wird, nicht aber der Täter. Das ist uns aus genannten Gründen unverständlich. Wir haben deshalb mit dem Innenministerium und mit dem Justizministerium Kontakt aufgenommen. Und haben auch mit Unterstützung des Landes Vorarlberg eine Anregung gemacht, dass das Sicherheitspolizeigesetz abgeändert wird. Also dass ergänzt wird, dass auch die Täter von psychosozialen Einrichtungen kontaktiert werden.

Die Forderung besteht ja schon seit Längerem. Warum ist Ihrer Meinung nach bislang nichts passiert?

Dalpra: Die Antwort auf diese Frage ist schwierig. Ich vermute, dass es eventuell finanzielle Gründe hat.

Sehen Sie hinsichtlich der Gewaltprävention irgendwelche Lücken?

Dalpra: Wir stellen grundsätzlich fest, dass eine Scheu besteht, Gewalt zu benennen. Vielmehr wird versucht die Tat zu verstehen, die Tathandlung rückt in den Hintergrund. Aber gerade für dieses Handeln gilt es die Verantwortung zu übernehmen. Für sein Tun ist jeder selbst verantwortlich. Vielfach wird Gewalt als berechtigte und einzige Lösung betrachtet. Auch die Gewalt der Sprache sollten wir nicht bagatellisieren. Die Flucht in die virtuelle Welt beeinflusst unsere Empathie und das Mitgefühl füreinander. Im Kontakt miteinander zu sein, miteinander zu sprechen, eine Konflikt- und Streitkultur zu entwickeln sind wichtige Schritte in der Gewaltprävention.

DSA Arno Dalpra, Psychotherapeut, Gewaltberater®, Leiter der "Ifs Gewaltberatung"