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Gewalt und Vernachlässigung im Leben älterer Menschen

Dr.in Anita Buchegger-Traxler, MPH

Dr.in Anita Buchegger-Traxler, MPH

Die demographische Entwicklung bringt vor allem für die ältere Generation Herausforderungen im Alltagsleben mit sich, im Besonderen für die Wohn- und Lebenssituation. Das Leben in der eigenen Wohnung wird so lange wie möglich angestrebt, selbst im Fall von Gebrechlichkeit, Krankheit und/oder Betreuungs- oder Pflegebedarf.

Laut dem österreichischen Hochaltrigenbericht leben drei Viertel der alten Menschen in der eigenen Wohnung. Dass diese Wohnform für alte Menschen nicht immer sicher ist, zeigt eine Kurznotiz in der Neuen Zürcher Zeitung vom 17. Juni 2017: „Jeder sechste Mensch über 60 Jahren wird nach neuen Schätzungen missbraucht oder schlecht behandelt. Betroffen seien weltweit 141 Millionen Menschen, berichtet die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Das Spektrum reiche von Beschimpfungen über finanzielle Ausbeutung und Vernachlässigung bis zu körperlicher Gewalt. ‚Die Misshandlung Älterer nimmt zu', sagte eine Sprecherin der WHO-Abteilung, die sich mit Fragen des Alterns beschäftigt." Eine Zunahme von Vernachlässigung, Verwahrlosung und Gewalt im Leben älterer Menschen wird auch von Beschäftigten in sozialen Dienstleistungseinrichtungen Oberösterreichs wahrgenommen. Dies war der Anlass, im Rahmen einer dreisemestrigen Lehrveranstaltung des Studiengangs für Soziale Arbeit an der FH Oberösterreich dieses Thema zu bearbeiten.

In den folgenden Ausführungen wird die gesichtete Literatur zu den Risikofaktoren und den Folgen von Gewalt an alten Menschen zusammengefasst. Im Anschluss werden einige Überlegungen zu Handlungsoptionen, resultierend aus den empirischen Ergebnissen aus der vorhin genannten Studie, vorgestellt.

Risikofaktoren

Gewalt beeinträchtigt die Lebensqualität, vermindert die Überlebensquote und wird bzw. muss zu einem öffentlichen Thema werden. Aus der Analyse von Studien finden sich bestimmte Risikofaktoren für Gewalt gegen ältere Menschen, die es zu beachten gilt (siehe Buchegger-Traxler 2017: 7):

  • Abhängigkeitsverhältnis, z.B. aufgrund von Hilfe- und Unterstützungsbedarf
  • Leben im gemeinsamen Haushalt von Pflegebedürftigen und Pflegenden, innerfamiliäre Konflikte und problematische Familiendynamiken
  • Demenz, Behinderung oder Beeinträchtigung
  • Mentale Probleme, Depression, eigene Gewalterfahrungen auf Seiten der Täter/innen
  • Mangelnde Problem- bzw. Konfliktbewältigungsstrategien
  • Suchtverhalten auf Seiten der Pflegenden
  • Inadäquate Wohnverhältnisse
  • Überforderung und Belastungen in der Familie
  • Soziale Isolation der Familie, schwache soziale Netzwerke, schlechte Einbindung in die Gemeinde
  • Risikofaktoren im makrosozialen Bereich: negative gesellschaftliche Einstellungen gegenüber dem Altern und alten Menschen, Geringschätzung von Pflegetätigkeiten, Zerfall von Familienstrukturen

Folgen

Gewalt gegen ältere Menschen ist ein Verstoß gegen die Menschenrechte und auch niemals akzeptabel. Problematisch ist vor allem, dass Gewalterlebnisse von den Betroffenen meist verschwiegen werden. Die Folgen häuslicher Gewalt gegen ältere Menschen sind tiefgreifend und lassen sich wie folgt zusammenfassen (siehe Hirsch 2009: 20):

  • Gefühle der Erniedrigung, Beschämung, Missachtung und Hoffnungslosigkeit bis zur Selbstaufgabe
  • Zunehmende Isolation, Vereinsamung und Angst vor Dritten
  • Pathologische Trauerreaktion und reaktive Depression, Auftreten von psychosomatischen Erkrankungen
  • Hilflosigkeit, Abhängigkeit und Lähmung von Aktivitäten
  • Vermehrung und Chronifizierung von Ängsten
  • Körperliche und psychische Beeinträchtigung nach massiver körperlicher Gewaltanwendung
  • Verlust von Vertrauen in Angehörige oder Professionelle, wenn diese die Täter/innen sind
  • Destruktive Umgangsweisen mit sich selbst bis hin zum Suizidversuch
  • Abgleiten in die Armut nach finanzieller Ausbeutung

Bei der Wahrnehmung von Gewalt und Vernachlässigung hat gerade der private Nahbereich alter Menschen eine zentrale Bedeutung. Diesbezüglich ist allerdings ein Paradoxon festzustellen: Die an der FH Oberösterreich durchgeführte Studie hat gezeigt, dass die Verursacher/innen von Gewalt und Vernachlässigung ebenso im privaten Nahbereich zu finden sind.

Der Grund für diese Missstände liegt aus Sicht der befragten Hausärzte/-ärztinnen, Vertreter/innen der Sozialberatungsstellen und interviewten Fachkräfte im sozialen Dienstleistungsbereich meist in einer Überforderung der Angehörigen. Hinzu kommt die mangelnde Zivilcourage des Umfeldes von Betroffenen. Im Fall einer Meldung an die Öffentlichkeit fehlt es meist an einer standardisierten Vorgehensweise einer möglichen Intervention.

Eine sozialökologische Betrachtung des Phänomens Gewalt und Vernachlässigung von Menschen im Alter hilft, Handlungsoptionen auf verschiedenen Systemebenen zu erkennen. Die folgenden Überlegungen stützen sich auf die Erkenntnisse aus der Literatur und der oben genannten empirischen Studie (siehe Buchegger-Traxler 2017: 13).

Systemebenen

Ebene des Individuums und des Mikrosystems

Die Ebene des Individuums und des Mikrosystems beinhalten präventive Elemente, z.B. eine ressourcenschonende Lebensweise (gesunde Ernährung, rechtzeitige Vorsorgeuntersuchungen, Bewegung und körperliche Aktivität, lebenslanges Lernen), eine angemessene Altersversorgung unter Einbeziehung der Angehörigen und nahestehenden Personen, Erstellen eines Pflegeplans, Bereitschaft, Unterstützungsangebote anzunehmen.

Ebene des Mesosystems

Die Ebene des Mesosystems umfasst die Pflege und Aufrechterhaltung des Freundes- und Bekanntenkreises, eine Offenheit für Geschehnisse im sozialen Umfeld, eine aktive Beteiligung in der Gemeinschaft (z.B. ehrenamtliche Tätigkeit), eine Haltung, die Pflegebedürftigkeit nicht als Privatsache ansieht.

Ebene des Exosystems

Auf der Ebene des Exosystems ist zu überlegen, wie das mittelbare Umfeld im Leben alter Menschen einzubeziehen ist (z.B. der Nahversorger ums Eck, Vereine in denen die Personen tätig sind). Akteur/Innen in diesen Systemen sind ebenso aufgerufen, auf Abweichungen von Verhaltensweisen alter Menschen in ihrem Umfeld zu achten und gegebenenfalls adäquat zu reagieren. Dazu gehört, das Leben im Alter, auch Gewalt und Vernachlässigung, in anderen Systemen anzusprechen, in der Öffentlichkeit zu thematisieren.

Unser Leben ist von Gesetzen, Normen und Werten beeinflusst, also Dimensionen des Makrosystems. Werthaltungen bzw. Einstellungen gegenüber sozialen Phänomenen, gegenüber alte Menschen in unserer Gemeinschaft sind von den in unserer Gesellschaft vorherrschenden Werthaltungen geprägt. Eine verstärkte Präsenz der Anliegen älterer Menschen in der Öffentlichkeit kann zu einer Sensibilisierung der Menschen beitragen. Eine interviewte Person bringt dies auf den Punkt: „... also das Schlagwort Sensibilisierung ist sowieso das Um und Auf, das wird immer im Beruf eine Rolle spielen, gerade weil es auch um Beziehungen geht, das ist so und auch bis zum hohen Alter hin". Ein würdevolles Leben im Alter muss Thema werden.

Nicht zuletzt ist die zeitliche Dimension der Entwicklung, die Beachtung markanter Punkte in der Biographie (Pensionsantritt, Tod des Partners oder der Partnerin, gesundheitliche Beeinträchtigung) wichtig. Eine aufmerksame Begegnung mit alten Menschen lassen Risikofaktoren frühzeitig offensichtlich werden.

Bei der Betrachtung des Phänomens Gewalt und Vernachlässigung von alten Menschen in unserer Gesellschaft muss auch erkannt werden: Es gibt keine Patentrezepte – jede Situation ist anders und bedarf einer individuellen Betrachtung. Die steigende Lebenserwartung und die damit einhergehenden Herausforderungen für das Leben im Alter brauchen einen öffentlichen Diskurs. Das Bild des Alter(n)s verlangen positive Perspektiven eines erfolgreichen, produktiven, bewussten und solidarischen Alters.

Präventive Angebote

Präventive Angebote spielen in diesem Zusammenhang eine große Rolle (z.B. präventive Hausbesuche von erfahrenen und besonders geschulten Vertreter/innen von Gesundheits- und Sozialberufen). Eine gesellschaftliche Teilhabe in Form einer Förderung der Mobilität in der näheren Wohnumgebung (z.B. Seniorentageszentren) und Angebote geriatrischer Gesundheitsförderung (z.B. geriatrische Zentren mit multiprofessioneller Besetzung) sind Wege, die sich in anderen Ländern bewährt haben. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie weisen deutlich auf einen Unterstützungsbedarf der pflegenden Angehörigen hin.

Hier gilt es insbesondere, auf derartige Angebote aufmerksam zu machen (z. B. Gesprächsgruppen, Kurse für pflegende Angehörige, Tagesbetreuung, Erholungstage, Angehörigen-Entlastungsdienst usw.). Ein Sichtbarmachen der professionell oder ehrenamtlich tätigen Personen im Bereich der Altenarbeit ist dabei hilfreich. Schließlich sind wir alle aufgefordert, mögliche Missstände aufzuzeigen und publik zu machen.

Zum Abschluss sei noch auf die Menschenrechte hingewiesen: Gewalt gegen ältere Menschen ist ein
Verstoß gegen die Menschenrechte und niemals akzeptabel!

Zusammenfassung

Die demographische Entwicklung bringt für die ältere Generation Herausforderungen bei der Bewältigung des Alltagslebens. Verschiedene Beeinträchtigungen führen oft zu einem Abhängigkeitsverhältnis v.a. von betreuenden Familienangehörigen. Die Ergebnisse einer Studie an der FH Oberösterreich Studiengang Soziale Arbeit zeigen, dass Betreuungs- und Pflegeaufgaben für die Angehörigen vermehrt zu Überforderungen führen können.

Die Gefahr von Gewaltanwendungen verschiedener Dimensionen erhöht sich, von Vernachlässigung bis zu körperlicher Gewalt. Beschäftigte der mobilen Dienste in Oberösterreich beobachten vermehrt verwahrloste Wohnsituationen und Vernachlässigung von alten Menschen. Um diesem Phänomen entgegen wirken zu können, sind umfassende Unterstützungen durch Fachkräfte und eine gesteigerte Sensibilisierung der Öffentlichkeit notwendig.

Dr.in Anita Buchegger-Traxler, MPH, Soziologin in Forschung und Lehre tätig; Lektorin an der Johannes Kepler Universität Linz, FH Oberösterreich Studiengang Soziale Arbeit, FH für Gesundheitsberufe Studiengang Ergotherapie, Altenbe­treuungs­­schule des Landes Oberösterreich.

Forschungsschwerpunkte: Arbeitsbedingungen im sozialen Dienstleistungsbereich, Alterssoziologie, Familiensoziologie, Migration.

Aktuelle Tätigkeit: Institut für Ausbildungs- und Beschäftigungsberatung, Projektmanagement in der Koordinierungsstelle für AusBildung bis 18.

Literatur

  • [1] Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz: Hochaltrigkeit in Österreich. Eine Bestandsaufnahme. 2. Auflage 2009
  • [2] Buchegger-Traxler, Anita: Gewalt und Vernachlässigung im sozialen Nahraum älterer Menschen. In: soziales_kapital. Wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschulstudiengänge soziale arbeit, Band 17/2017, S. 4-18, 2017

    Weitere Informationen
  • [3] Hirsch, Rolf D: Keine Gewalt gegen Niemand? Gewaltprävention für alte Menschen. In: thema Pro Senectute, Nr. 6, S. 13-32.