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zusammenLeben ohne Gewalt

THEMEN 2018

Herausforderung für PädagogInnen im Umgang mit traumatisierten Kindern

Portrait Sonja Katrina Brauner

Sonja Katrina Brauner

Expertinnenstimme

Sonja Katrina Brauner

Die Herausforderungen für PädagogInnen wachsen stetig. In einer öffentlichen Kindergruppe findet man ebenso positive Vielfalt vor, wie auch vielschichtige Problemstellungen. Mir war es wichtig, für Kinder und Erwachsene erklär- und verstehbare Modelle zur Traumatisierung zu entwickeln.

Was ist ein Trauma?

Der Begriff Trauma (griech.: Wunde) lässt sich bildhaft als eine "seelische Verletzung" verstehen, zu der es bei einer Überforderung der psychischen Schutzmechanismen durch ein traumatisierendes Erlebnis kommen kann. Als traumatisierend werden im Allgemeinen Ereignisse wie schwere Unfälle, Erkrankungen und Naturkatastrophen, aber auch Erfahrungen erheblicher psychischer, körperlicher und sexueller Gewalt sowie schwere Verlust- und Vernachlässigungserfahrungen bezeichnet.

Wie ein Trauma erlebt bzw. verarbeitet wird, ist individuell sehr unterschiedlich. Wesentlich ist das Erleben von zu viel, zu schnell und zu plötzlich.

Besonders schlimm werden Traumatisierungen durch andere Menschen eingeordnet. Das Men-made-desaster ist abseits jeglicher Vorstellung von Menschlichkeit und Entwicklung. Vor allem Kinder stehen diesen Situationen mit großer Ohnmacht und Hilflosigkeit gegenüber.

Ich habe bildhafte Erklärungen für Kinder entwickelt, die im pädagogischen Alltag angewendet werden können, um das Kind zu unterstützen:

1.2 Erklärung der traumatischen Erkrankung für Kinder

„Stell Dir vor, es passiert etwas ganz Schlimmes und Du bist dem ausgeliefert. Du kannst nicht weglaufen, Dich nicht wehren, sondern musst das, was passiert ist, irgendwie aushalten. Dein Körper reagiert dann so ähnlich, wie wenn Du Dir körperlich weh tust, vielleicht hinfällst und eine Wunde platzt auf. Zuerst erschreckst Du Dich, siehst das Blut, aber meistens spürst Du noch keinen Schmerz, der kommt erst später. Dein Körper ist klug, er hilft uns in jeder noch so schlimmen Situation zu überleben. Aber die Schmerzen sind nicht weg, sondern „frieren" ein.

Es ist, wie wenn sich ein Eisblock um das Erlebte bildet. Manchmal spürst Du vielleicht Deine Gefühle und Deinen Körper nicht mehr. Das gehört dazu, denn Dein Körper reagiert normal, auf etwas völlig Unnormales, was Menschen nicht widerfahren sollte.


Wenn Dein Körper in mehr Sicherheit und Ruhe kommt, frieren die erlittenen Schmerzen auf. Dann passiert es, dass Du das fühlst, was Du mir beschrieben hast. Es ist wie ein Krug, in dem das viele schmelzende Wasser überläuft und es gibt noch keine Wanne, die es auffängt."

1.3 Die Feuerwehr im Kopf

Es gibt in Deinem Kopf eine Art Feuerwehr, die losfährt, wenn eine Gefahr droht und versucht das, was passiert ist, zu löschen. Wenn Du von zu Hause wegrennen musst, weil Dein Haus brennt, reagiert Dein Körper dann in der Situation meist völlig richtig. Er versucht wegzulaufen, sich zu wehren und alles zu tun, um die Situation zu bewältigen. Dein Körper reagiert normal auf ein unnormales Erlebnis. In diesem Moment kannst Du aber nicht mehr daran denken, dass Du Deine Lieblingsspielsachen einpacken möchtest oder dass Du mit Deinem besten Freund verabredet bist. Dein Körper hilft Dir zu überleben. Wenn aber alles zu viel ist, stellt sich Dein Körper tot.

„DER KÖRPER REAGIERT NORMAL AUF EIN UNNORMALES EREIGNIS"

In dieser Situation hat Dein Kopf so viel zu tun, dass er nicht planen kann. Du denkst nicht an morgen und was Du für die Schule brauchst. Dir fällt auch nicht Deine Lieblingsspeise ein. Manchmal verschlägt es Dir vielleicht sogar die Sprache und Du bist stumm. Dein Körper reagiert und Teile in Deinem Kopf sind wie weggesperrt.

Es gibt drei große Bereiche in unserem Gehirn, die wichtig sind, dass Du Dich jeden Tag wohlfühlst und Deine Aufgaben erledigen kannst. Es gibt den großen Bereich der Planung. Wenn Du Deine Schultasche für den nächsten Tag packen musst, weißt Du welche Fächer am nächsten Tag dran sind hast und welche Hefte Du dafür in Deine Schultasche packen musst. Genauso kannst Du Deine Hausübungen machen, wenn Du Dir die Nummern angestrichen hast, die Du dann ausfüllst.

Ein weiterer großer Bereich ist das Sprachzentrum. Wenn Du etwas denkst, siehst oder fühlst möchtest Du es gerne ausdrücken, so dass Du verstanden wirst. Vielleicht kennst Du die Formulierung „Mir hat es die Sprache verschlagen". Das passiert, wenn in Deinem Gehirn alles zu viel ist und das, was Du erlebt hast, nicht mehr sprachlich ausgedrückt werden kann.

Sicher gibt es Erinnerungen, die schön sind. Dein letzter Geburtstag oder als Deine Oma Dir Dein Lieblingsgericht gekocht hat. Wenn alles auf einmal zu schnell und zu heftig passiert kann es sein, dass Deine Erinnerungen auf einmal für Dich weg sind. Unser Körper ist aber intelligent, er versucht alles wieder einzuordnen, so wie Du Deine Bücher und Spielsachen in ein Regal ordnest.

Nach einiger Zeit kann es sein, dass Du das, was passiert ist, vergessen hast. Dir geht es gut, Du spielst mit Deiner Familie und Deinen Freunden und Du hast Spaß. Auf einmal erlebst Du z.B. beim Lagerfeuer mit Deinen Freunden einen großen Stich ins Herz und Du siehst wieder das brennende Haus, aus dem Du fliehen musstest. Das Haus ist jetzt in Deinem Kopf, die Feuerwehr versucht alles zu löschen, aber für Deinen Kopf ist das zu viel. Du fühlst Dich genauso wieder wie in der Situation im ersten Bild.

„DER KÖRPER VERGISST NICHTS, EGAL WIE ALT ER IST"

Du sitzt mit Deinen Freunden am Lagerfeuer und brätst vielleicht Würstchen oder Marshmellows, die Feuerwehr in Deinem Kopf versucht jetzt das brennende Haus zu löschen.

Sie fährt um das Haus in Deinem Kopf herum, aber Du fühlst dich nicht besser. Es kann sein, dass einer der drei großen Bereiche so abgetrennt ist, wie mit Stacheldraht. Du willst Deine Schultasche packen, vergisst aber immer wieder die richtigen Hefte für den nächsten Tag. In der Schule erlebst Du, dass Du obwohl Du zuhörst, nicht verstehst was die Lehrerin sagen will.

Dein Gehirn reagiert wie in einer Notsituation. Vielleicht willst Du eine Geschichte erzählen und auf einmal fallen Dir wichtige Erlebnisse dazu nicht mehr ein. Es kann auch passieren, dass Du Dinge vergisst, die Du vorher nicht vergessen hast. Die schlimme Erfahrung, das Trauma ist in Deinem Körper wieder auf die Reise gegangen.

1.4 Wir finden gemeinsam eine Lösung

Du erzählst mir, dass sich Dein Kopf schlecht anfühlt, Du nicht schlafen kannst und Du Dich insgesamt unwohl fühlst. Ich habe Dir vorher erklärt, woher das kommt. Du kannst da nichts dafür. Aber jetzt brauchst Du jemanden, der Dir hilft, das neu zu ordnen.

Es ist wie, wenn Dein Zimmer/ Schultasche etc. nicht aufgeräumt ist und jemand hilft Dir, das gemeinsam mit Dir zu tun. Ich helfe Dir, im Kindergarten/in der Schule die Dinge zu ordnen/aufzuräumen und gemeinsam zu lernen, wo die Regeln sind. Es ist wie ein Mosaik, das neu gelegt wird. Stell Dir vor, es ist heruntergefallen, einige Steine haben sich gelöst, sind vielleicht kaputt gegangen oder weg. Wir legen Teile des Mosaiks neu, so dass es wieder schön ist, aber anders aussieht.

Der 10-Punkte Plan: Die notwendigen Hilfen nach einer Traumatisierung

Nach einer kindlichen Traumatisierung habe ich in meiner jahrzehntelangen Arbeit einen 10-Punkte-Plan entwickelt, der sich in meiner pädagogischen und psychotherapeutischen Praxis sehr bewährt hat. Um diese Punkte zu beachten braucht man keine spezielle Ausbildung. Die wesentliche Voraussetzung um Kinder gut zu unterstützen ist ein einfühlsamer und liebevoller Umgang mit verbindlicher Präsenz.

2.1. Das Kind braucht einen sicheren Ort

Nach einem traumatischen Erlebnis braucht jedes Kind einen Ort, an dem es sich uneingeschränkt sicher und geborgen fühlen kann. Alles was für das Kind belastend und bedrohlich war, darf an diesem Ort nicht mehr zugegen sein. Zuallererst muss den Personen, die dem Kind Schaden zugefügt haben, der Zutritt verweigert werden. Jeder Kontakt ruft eine erneute Traumatisierung (Retraumatisierung) hervor. Kinder dürfen keinen Täterkontakt haben!

Erinnerungsstücke der Traumatisierung, wie Fotos, Kleider, Geschenke sollten nicht mehr im Gesichtsfeld des Kindes sein. Das Kind sollte einen Raum haben, um ihn selbst (oft auch mit Hilfe) zu gestalten. Unterstützende und liebevolle Erwachsene müssen an seiner Seite sein, um die schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten.

2.2. Das Kind braucht liebevolle und vertrauenswürdige Erwachsene

Das Kind befindet sich nach schrecklichen Erlebnissen wie im „Freien Fall". Umso mehr braucht es liebevolle und mitfühlende Erwachsene, die Verantwortung übernehmen und es auf den nötigen Ebenen unterstützen. Am wichtigsten sind die Bindungspersonen, die dem Kind gut tun und Vertrauen geben.

Die emotionale Beziehung steht im Vordergrund, genauso braucht es aber (bei Bedarf) medizinische und psychotherapeutische Unterstützung, eventuell auch juristische Hilfe. Alle HelferInnen sollten sich gut vernetzen und professionell miteinander arbeiten. Der Fokus muss immer das Wohl des Kindes sein.

2.3. Das Kind braucht einen Platz, um zur Ruhe zu kommen

Nach einer Traumatisierung ist die Aufregung auf allen Seiten oftmals sehr groß. Es passiert gleichzeitig sehr viel und alle HelferInnen versuchen das Beste zu tun. Bei allem guten Willen aber wird bisweilen übersehen, dass sich das Kind noch in einem Zustand extremer Reizüberflutung befindet. Es möchte von allem, was passiert ist, nichts mehr hören, sehen oder fühlen. Es braucht Ruhe und Schutz. Darauf sollte unbedingt geachtet werden, vor allem wenn viel Aktivität nötig ist, um Schritte in Gang zu setzen, das Kind zu schützen.

2.4. Das Kind braucht Stabilität und Struktur

Jedes Kind braucht Stabilität und Schutz, um gesund wachsen zu können und sich gut zu entwickeln. Sind die Grundfesten des Vertrauens aber sehr erschüttert, ist ein zusätzliches Netz an Unterstützung nötig.

Traumatisierte Kinder vergewissern sich oft viel häufiger ihrer Beziehungen. „Bist Du noch da?" Hast Du mich lieb"? Beschützt Du mich?" sind die zentralen Fragestellungen, mit denen wir umgehen müssen. Antworten wie „Das siehst Du ja" oder „Sicher" sind für manche Kinder zu wenig. Sie brauchen deutlich mehr Körperkontakt und Zuwendung als vorher.

Ein regressives Verhalten nach schlimmen Traumatisierungen gehört zur normalen Symptomatik. Das Kind will an der Hand gehen, im Bett schlafen, die Bindungsperson im Blick haben, um wieder sein sicheres Terrain aufzubauen.

2.5. Das Kind braucht Spielangebote

Kinder, die begeistert gespielt haben, können nach einer Traumatisierung eventuell an nichts mehr Freude finden. Das Lieblingshobby verstaubt in einer Ecke, das Kind wirkt scheinbar gleichgültig. Die Motivation selbst etwas zu tun ist bisweilen zu groß und kaum überwindbar. Es braucht uns, um gemeinsam wieder Freude am Spiel zu finden. Anfangs ist es notwendig, gemeinsam mit dem Kind Spiele zu machen, die es selbst getan hat, bzw. neue Spiele auszuprobieren. Insofern ist es sehr wichtig, dass wir ein Kind unterstützen, wieder Begeisterung und Lebensfreude mit unterschiedlichen Spielangeboten wecken.

2.6. Das Kind braucht Zeit

Jeder Mensch hat seine eigene Zeit, um eine Traumatisierung zu verarbeiten. Symptome können sich sehr schnell oder erst nach vielen Jahren zeigen. Der Körper entwickelt sein eigenes intelligentes Modell, mit großer Belastung umzugehen. Insofern ist es sehr wichtig, nichts beschleunigen zu wollen, wo ein Prozess noch nicht abgeschlossen ist. Lassen sie dem Kind Zeit, sein Tempo zu entwickeln. Es wird deutlich zeigen, wann und welche Unterstützung es braucht.

2.7. Das Kind braucht einen Platz, der das Geschehene nicht bewertet

Ein Kind ordnet für sich seine Traumatisierung mit seinem kindlichen Verständnis ein. Wir als Erwachsene sehen die Tragweite und das Geschehene viel deutlicher. Ebenso können wir die Folgen für sein weiteres Leben anders beurteilen. Sehr wichtig ist jetzt, dem Kind gegenüber keine Bewertungen abzugeben. Es lebt im Hier und Jetzt. Aussagen in Bezug auf Folgeschäden können es sehr ängstigen. Eine zeitliche Perspektive haben jüngere Kinder noch nicht entwickelt. Es ist sehr wichtig, ihm seine Zeit zu lassen, um eigene Bewertungskriterien zu entwickeln.

2.8. Das Kind braucht Normalität

So schrecklich das Erlebte war, das Leben geht weiter - im Kindergarten, in der Schule, in der Freizeit. Normalität und Alltag stabilisieren und geben Halt. Kinder, die traumatisiert sind, brauchen gerade das sehr dringend. Außerdem ist eine natürliche und altersadäquate Behandlung nötig, die sich nicht oder nur wenig von der von Gleichaltrigen unterscheidet. Keinem Kind tut eine sehr exponierte Position gut. Kinder wollen in der Gruppe mit ihren Freunden spielen und sich entwickeln.

2.9. Das Kind braucht nach Bedarf therapeutische Angebote

Nicht jedes Kind braucht sofort ein therapeutisches Angebot. Oftmals ist ein Judoverein hilfreicher, um Selbstbewusstsein aufzubauen, der Fußballclub, den die Freunde besuchen und Halt geben oder die Jungschar im Ort, die Stabilität gibt, die bessere Alternative zur Therapie. Alltagsstabilisierung, das sich-in-der-Welt-wiederfinden sind die wichtigsten und ersten Schritte, damit ein Kind seine Traumatisierung verarbeiten kann. Natürlich sollte es immer Therapieangebote geben, wenn sich Symptome zeigen, die im Alltag hinderlich sind und das Kind einen Leidensdruck spürt und dringend eine professionelle Unterstützung braucht. Aber nicht für alle Kinder ist sofort die therapeutische Begleitung das Richtige.

2.10. Das Kind braucht Geduld

Kinder zeigen ihre traumatische Symptomatik sehr unterschiedlich. Oftmals ist sie sehr versteckt und wird nicht verstanden. Vergesslichkeit wie auch Vermeidungstaktik können Hinweise sein. Vergessene Hausübungen, Kleidungsstücke, die nicht mehr auffindbar sind, Ängstlichkeit, wo nie Angst bestanden hat, sind einige Symptome, die Erwachsene oft zum Verzweifeln bringen. Das Allerwichtigste ist viel Geduld. Im Gehirn wird nach einer Traumatisierung alles umgebaut und es braucht Zeit, Liebe und Geduld, bis wieder alles an einem guten Platz ist.

"Jedes Kind ist einzigartig und verfügt über einzigartige Potenziale zur Ausbildung eines komplexen, vielfach vernetzten und zeitlebens lernfähigen Gehirns. Ob und wie es ihm gelingt, diese Anlagen zu entfalten, hängt, wie die neueste Gehirn- und Bindungsforschung zeigt, ganz wesentlich davon ab, ob ein Kind ein Gefühl von Vertrauen, Sicherheit und Geborgenheit in intensiven Beziehungen zu unterschiedlichen Menschen entwickeln kann. Sind solche optimalen Entwicklungsbedingungen vorhanden, lernt es neue Situationen und Erlebnisse nicht als Bedrohung, sondern als Herausforderung zu bewerten, und die in seinem Gehirn angelegten Verschaltungen auszubauen, weiterzuentwickeln und zu festigen."

(vgl. Prof. Hüther: Die Bedeutung emotionaler Sicherheit für die Entwicklung des kindlichen Gehirns, In: Kinder brauchen starke Wurzeln. Karl Gebauer/Gerald Hüther, 2005, S.5 ff).

Sonja Katrina Brauner, Psychotherapeutin, Pädagogin, Supervisorin und Vortragende seit 1987. Sie ist in der Privatpraxis seit 2002 und im Betreuungszentrum Hemayat für Folteropfer und Kriegsüberlebende (2007 bis heute) in Wien aktiv.

Literatur

  • [1] Brauner, Sonja Katrina: Traumatisierte Kinder - Ein Theorie- und Praxisbuch für den pädagogischen Alltag Wolters Kluwer Deutschland GmbH, 2018
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