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zusammenLeben ohne Gewalt

THEMEN 2018

"Ein Mädchen tut so etwas nicht…" Geschlechtsspezifisches Training für Gewalt ausübende Mädchen und junge Frauen von IMMA e.V. in München

Portrait von Steffi Sfeir

Steffi Sfeir

Expertinnenstimme

Steffi Sfeir

Mädchengewalt ist immer noch ein wenig beachtetes und beforschtes Thema, das allenfalls medienwirksam vermarktet wird, um prügelnde, pöbelnde und erziehungsresistente Mädchen und junge Frauen vorzuführen (Steingen, Gehring-Decker, Knors 2015).

Eigentlich dürfte es so etwas gar nicht geben, denn es passt nicht in das nach wie vor gängige gesellschaftliche Bild, wie Mädchen und Frauen zu sein haben. Sie sollen friedfertig, sozial, kommunikativ und harmonisch sein. Fallen Mädchen und Frauen aus dieser Rolle und erfüllen die weiblich zugeschriebenen Attribute nicht, wird dies weniger akzeptiert als bei gleichaltrigen Jungen.

Mädchen und junge Frauen üben meist dann Gewalt aus, wenn sie in hohem Maße verzweifelt sind, denn häufig sind sie nicht nur Täterinnen sondern Opfer von Gewalt, Vernachlässigung und/oder sexuellem Missbrauch.

Eine erste Intervention findet häufig bedauerlich spät statt, denn die jungen Frauen halten die äußere „alles ist gut" - Fassade sehr lange aufrecht (Best Practice Guideline-Results from the European project "Girls Using Violence – Intervention and Prevention"). Bei vielen Mädchen und jungen Frauen richten sich die Aggressionen zunächst eher nach innen, bevor sich die Gewalt nach außen äußert. Somit haben sich bereits negative Entwicklungsabläufe manifestiert, bevor es zu einer ersten Intervention kommt.

Ein Bilck auf die Lebensgeschichte gewalttätiger junger Frauen

Um nachzuvollziehen, warum junge Frauen gewalttätig werden können, braucht es einen Blick auf ihre Lebensgeschichte.

Gizem (17 Jahre, Name geändert), türkischer Migrationshintergrund, eines von drei Kindern. Zunächst lebte Gizem mit beiden Elternteilen und ihren Geschwistern in einem kleinen Dorf in der Nähe von München. Schon früh hat sie die immer wiederkehrenden Misshandlungen des Vaters gegenüber der Mutter mitbekommen, die häufig unter Alkoholeinfluss des Vaters passierten. Auch sie und ihre Geschwister waren immer wieder Opfer der körperlichen Misshandlungen.

Als Gizem neun Jahre alt war, verließ der Vater die Familie von heute auf morgen und hatte längere Zeit keinen Kontakt zu seinen Kindern und der Ehefrau. Nach einem Jahr und einer gescheiterten Zweitbeziehung, zog er wieder bei der Ursprungsfamilie ein. Es gab mehrere Umzüge in zum Teil sehr beengte Wohnverhältnisse. Nach einer Zeit des harmonischen Miteinanders kam es wieder zu Gewalttätigkeiten und der Vater zog mehrmals aus und wieder ein.

Gizem ließ sich in Obhut nehmen, da sie das Klima zu Hause nicht mehr aushielt. Nach dem erneuten Auszuge des Vaters, hatte Gizem keinen Kontakt mehr zu ihm. Ein weiterer schwerer Einschnitt im Leben der jungen Frau war der Umzug der Schwester zum Vater und der gemeinsame, unvorbereitete Weggang von Vater und Schwester in die Türkei.

Trotz mehrerer Schulwechsel und ihrer Hintergrundgeschichte, schaffte Gizem den qualifizierten Mittelschulabschluss, doch die weitere Berufsplanung gestaltete sich schwierig. Wegen mehrerer Einträge bei der Polizei und letztlich wegen einer gefährlichen Körperverletzung musste Gizem für vier Wochen in den Arrest in die Jugendvollzugsanstalt und bekam im Anschluss eine Weisungsbetreuung und hatte einen Trainingskurs zu absolvieren.

Die Lebensgeschichten von gewaltausübenden Mädchen lesen sich, wie in diesem Beispiel, meist ähnlich. Ihre Biografien sind von inkonsistenten Erziehungsstilen, Gewalttätigkeit, emotionaler Verwahrlosung und wenig Sicherheit geprägt. Die traumatischen Erlebnisse können sich auf die Entwicklung, das Verhalten und die psychische Gesundheit der Mädchen auswirken.

Eine gesunde soziale Kompetenz und eine konstruktive Konfliktfähigkeit sind in so einem Umfeld schwer zu erlernen. Diese Biografien tragen meist nicht zu einer stabilen Identitätsentwicklung bei. Die Mädchen und jungen Frauen leiden häufig unter einem verminderten Selbstwertgefühl. Somit kann jeder interessierte Blick als Angriff gewertet und die eigene Gewaltausübung als Selbstwirksamkeit erlebt werden. Da sie in ihrem Leben wenig Handlungsalternativen mitbekommen haben, ist für sie Gewalt ein legitimes Mittel.

Psychische Störungen, Substanzmissbrauch, Schulabbrüche, frühe Schwangerschaften und gewalttätige Partner*innenschaften sind häufige Begleiterscheinungen in ihrem Leben (Steingen, Gehring, Knors 2016).

Auf den ersten Blick gilt dies alles auch für Jungen und junge Männer. Und doch wachsen Mädchen und junge Frauen wie anfangs erwähnt mit unterschiedlichen Wert- und Normvorstellung auf, welche die Gesellschaft an sie heranträgt. Von Jungen und jungen Männern wird z.B. eine gewisse Durchsetzungsfähigkeit erwartet, während von Mädchen und jungen Frauen dies weniger erwünscht ist. Daher gestaltet sich die Ausübung von Gewalt hinsichtlich der Arten, Formen und Kontexte geschlechtsspezifisch unterschiedlich.

Mädchen und Frauen verhalten sich eher gewalttätig, um auf Konflikte und Probleme in Beziehungen zu reagieren. Das heißt, die Gewalthandlung hat mehr eine psychische Komponente (soziale Gewalt), wie z.B. übles Nachreden, Beleidigungen, Abwertungen, Anstiften zu Gewalttaten als eine offen ausgetragene körperliche Gewalt, die darauf abzielt, die zwischenmenschlichen Beziehungen ihrer Opfer zu zerstören. Jungen und Männer gehen mehr in körperliche Auseinandersetzungen, um ihre Interessen durchzusetzen, während verdeckte Formen von Gewalt kaum zum Tragen kommen.

Trainingskurse und Ausbildungen

Doch wohin mit den Mädchen und jungen Frauen, die Gewalt ausüben?

Für Jungen und junge Männer gibt es eine Vielzahl von Trainingskursen, doch Mädchen und junge Frauen sind hier eher eine Randerscheinung, auch aufgrund der im Vergleich geringen Fallzahlen an weiblichen jugendlichen Straftäterinnen.

Die Trainingskurse und Ausbildungen der Trainer*innen sind in langer Tradition rein männlich geprägt und werden den Bedürfnissen der Mädchen und jungen Frauen, die Gewalt ausüben, meist nicht gerecht. Inhalte und Umgang mit männlichen Straftätern werden den weiblichen Straftäterinnen übergestülpt, mit wenig oder gar keiner Beachtung von speziellen Schutz- und Risikofaktoren oder gesellschaftlichen Sozialisationsbedingungen, die nur Mädchen und junge Frauen betreffen. Diese sind eher der Gefahr ausgesetzt, weiterhin Opfer von Gewalt zu bleiben, z.B. durch Gewalt geprägte Partner*innen. Auch die Fähigkeiten der Mädchen und jungen Frauen, schnell in Kontakt zu treten und sich selbst zu reflektieren, findet in traditionell männlichen Trainingskursen wenig Eingang.

In Deutschland gibt es einige wenige Einrichtungen, die mädchenspezifische Trainingskurse anbieten und die auf die speziellen Erfordernisse von Mädchen und jungen Frauen hinsichtlich ihrer Lebensgeschichte und vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Verhältnisse eingehen.

Zora Gruppen und Schulprojekte von IMMA e.V. in München bietet geschlechtsspezifische Trainingskurse für Gewalt ausübende Mädchen und junge Frauen. Die IMMA e.V. ist eine feministische Einrichtung, die sich in langer Tradition auf die besonderen Schutz-, Beratungs- und Präventionsbedürfnisse für Mädchen und junge Frauen spezialisiert hat.

Zentraler Kern der Trainings ist es, die Teilnehmerinnen zu ermutigen, zukünftig gewaltfrei zu handeln und eine erneute Viktimisierung zu vermeiden. Dabei soll sich die bisher nach außen gelebte Aggressivität nicht nach innen verlagern, sondern sozialverträglich ausgelebt werden können.

Ziele der Trainings

  • Wahrnehmung und Umgang mit eigenen Gefühlen
  • Steigerung der Empathiefähigkeit
  • Verantwortungsübernahme für das eigene gewalttätige Verhalten durch die Konfrontation mit der Tat
  • Erlernen eines konstruktiven Umgangs mit Aggressivität vor dem Hintergrund der Reflexion der eigenen Geschlechterrolle; Aufzeigen von sozialverträglichen Möglichkeiten zum Aggressivitätsabbau
  • Einüben von neuen, gewaltfreien und prosozialen Verhaltensweisen
  • Erhöhung des Selbstbewusstseins und der eigenen Wertschätzung
  • Kennenlernen von Hilfsangeboten bei selbst erlebter häuslicher oder Partner*innenschaftsgewalt

Um diese Ziele zu verwirklichen braucht es einen klaren stabilen Rahmen, Vertrauen in der Gruppe und feste Bezugspersonen, die als positive Rollenmodelle für die Mädchen und jungen Frauen fungieren können.

Ein weiterer wichtiger Aspekt hinsichtlich einer Verhaltensänderung ist der zeitliche Aspekt und die Größe der Gruppe. Um eine gute Arbeitsatmosphäre zu schaffen, in der die Mädchen und jungen Frauen sich öffnen und an sich selbst arbeiten können, braucht es ausreichend Zeit und eine Gruppe von maximal sechs Mädchen und jungen Frauen. Nur so ist ein individueller Fokus auf die Hintergründe der Gewalttaten, die Ressourcensuche, das Einüben von Handlungsalternativen und die Reflexion über die weitere Lebensgestaltung möglich.

Ein weiterer Punkt ist die Vernetzung mit Jugendhilfeträger*innen, die bereits mit dem Mädchen oder der jungen Frau arbeiten, so dass ein ganzheitliches Arbeiten gegeben ist.

Im Training von Zora bei IMMA e.V. soll all das vereint werden, um einen Veränderungsprozess bei den Mädchen und jungen Frauen zu initiieren und sie auf dem Weg in ein selbstbestimmtes, gewaltfreies Leben zu begleiten.

Steffi Sfeir, staatlich anerkannte Erzieherin, Studium der Sozialpädagogik an der KFH in München, Weiterbildung zur Fit for Life Trainerin und Antiaggressivitäts- und Coolnesstrainerin®, seit 2004 Mitarbeiterin von Zora IMMA e.V., vorher in der Schutzstelle von IMMA e.V. und in unterschiedlichen Einrichtungen der Behindertenhilfe tätig

Literatur

  • [1] Steingen, Gehring, Knors: Mädchengewalt: Verstehen und Handeln. Das Kölner Anti-Gewalt-Programm für Mädchen Göttingen, 2016
  • [2] Hausschild, Tanja: Mädchendelinquenz und jugendstrafrechtliche Sanktionen - Eignung und pädagogische Umsetzung der ambulanten Maßnahmen nach dem JGG Norderstedt, 2004
  • [3] Silkenbäumer, Mirja: Biografische Selbstentwürfe und Weiblichkeitskonzepte aggressiver Mädchen und junger Frauen Berlin, 2007

www.interventionandprevention.com
Best Practice Guideline-Results from the European project “Girls Using Violence - Intervention and Prevention” 2015: www.interventionandprevention.com (23.01.2018)