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zusammenLeben ohne Gewalt

THEMEN 2018

Radikal gegen Extremismus - Theorie und Praxis 20-jähriger muslimischer Jugendarbeit

Portrait Nedžad Moćević

Nedžad Moćević

Expertenstimme

Nedžad Moćević

Warum solch ein Buch?

Die Grundidee dieses Buches ist es, das Phänomen des Dschihadismus zu verstehen und Handlungsstrategien dagegen aufzuzeigen, die sich entweder bereits bewährt haben oder die neu in die Wege geleitet werden können.

Dabei war uns wichtig, diese Form des Extremismus multiperspektivisch zu analysieren und unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche zu behandeln, in denen ihm entgegengetreten werden kann oder in denen er gefördert wird.

Zwei Perspektiven waren dabei entscheidend, nämlich einerseits die Gesellschaftskritik und andererseits die Selbstkritik.

Im Spannungsfeld dieser Perspektiven ergeben sich zwei Extrempositionen:

  • Die eine versucht, die Gesellschaft komplett aus der Verantwortung zu nehmen und sieht jegliche Verantwortung bei "den MuslimInnen" oder "dem Islam". Dieser Logik nach beginnt der Terror mit der religiösen Sozialisation und "die MuslimInnen" müssen "sich davon befreien". Dabei wird gerne ausgeblendet, welche Hindernisse, "die Gesellschaft" MuslimInnen in den Weg legt beziehungsweise wie globale Ungerechtigkeiten politischer und ökonomischer Art zu Perspektivlosigkeit und Zorngefühlen führen. Manche VertreterInnen dieses Lagers sehen dabei auch Mainstream-MuslimInnen nicht als Verbündete im Kampf gegen Extremismus, sondern als Teil des Problems.
  • Die andere extreme Position stellt MuslimInnen lediglich als Opfer der gesellschaftlichen Umstände dar und verortet keinerlei Verantwortung bei den MuslimInnen. Diese sind natürlich nicht die Ursache von Terrorismus im Namen des Islams und dürfen nicht in Sippenhaft genommen werden - dies heißt jedoch nicht, dass muslimische Communities nicht ihren Beitrag leisten und selbstkritisch reflektieren können, wo es "Fehler" innerhalb der Religionspraxis und Auslegung gibt, die Gewaltbereitschaft im Namen des Islams rechtfertigen könnten.

Aus diesem Grund verbindet dieses Buch die beiden Elemente und paart Gesellschaftskritik mit Selbstkritik. In Bezug auf Selbstkritik war es uns wichtig, das Buch in Kooperation mit einer etablierten, muslimischen Jugendorganisation zu schreiben, die zwei Jahrzehnte lange Erfahrung auf dem Gebiet der Begleitung von Jugendlichen hat - der Muslimischen Jugend Österreich (MJÖ).

Viele MuslimInnen beklagen, dass sie angesichts der häufigen medialen Thematisierung "des Islam" auf Anschuldigungen und Rassismen reagieren müssen und so zu wenig Zeit zur Selbstreflexion und -kritik bleibt. Das Buch behandelt daher neben den gesellschaftlichen Faktoren, die Radikalisierung begünstigen, bewusst auch die Ideologie des Dschihadismus, die sich auf die Quelltexte des Islams (Kuran und Sunnah) beruft.

Unserer Erkenntnis zufolge hat der Islam "damit etwas zu tun", nur sehen wir die religiösen Texte nicht als Ursache für Terror, sondern als Rechtfertigung. Die Art und Weise wie eine Person einen Text (in dem Falle den Quran) liest, sagt viel mehr über die Person aus als über den Text.

Die Ursachen sehen wir in Kränkungen, Hoffnungslosigkeit, Frust, Zorn, Ausgrenzung und Ungerechtigkeitsempfinden. Aus diesem Grund kann in diesem Kontext unserer Ansicht nach Selbstkritik niemals ohne Gesellschaftskritik gedacht werden.

Was sind die Inhalte?

Die Inhalte des Buches gliedern sich in einen theoretischen und einen praktischen Teil.

Theoretischer Teil

Im theoretischen Teil werden zunächst die theologischen und historischen Hintergründe beleuchtet, die den heutigen Terror im Namen des Islam in Form einer Al-Qaeda oder eines IS verständlich machen ("Religiös argumentierter Extremismus - eine ideengeschichtliche und theologische Betrachtung" und "Takfir - das Absprechen der Zugehörigkeit zum Islam - eine theologische Betrachtung").

Hier wird besonders die tiefe Verwurzelung dieser fanatischen Praktiken in der islamischen Geschichte aufgezeigt, die bereits in der Frühphase des Islam im 7. Jahrhundert auftauchten. Zwar wurden diese Formen vom Mainstream-Islam abgelehnt, fanden jedoch unter unterschiedlichen geschichtlichen Rahmenbedingungen immer wieder Einzug in der religiösen Praxis.

In den folgenden drei Kapiteln versuchen die Autoren die Ursachen von Fanatisierung und Extremismus aus soziologischer und psychologischer Perspektive zu betrachten. In diesen Artikeln geht es vor allem um die besagte Gesellschaftskritik: Was sind Rahmenbedingungen, die die Fanatisierung begünstigen und wie können unterschiedliche Gesellschaftsbereiche (muslimisch oder nicht-muslimisch) einen Beitrag gegen dschihadistischen Extremismus leisten?

Ein Beispiel dafür:

Dschihadistische Attentate verunsichern unsere Gesellschaft zutiefst. Doch darüber hinaus werden solche Vorfälle von rechten Gruppierungen instrumentalisiert und die Skepsis gegenüber MuslimInnen geschürt.

In weiterer Folge kann dies zu einer Zunahme von anti-muslimischen Rassismus führen, was wiederum bei den Betroffenen ein Gefühl der Marginalisierung und des Nicht-Dazugehörens auslösen kann. Dies wiederum bereitet den Boden für Ohnmachtsgefühle und Frust und macht empfänglich für extremistische Strömungen.

Eine einfache Präventionsmethode, die sich dadurch ableitet und ein/e jede/r umsetzen kann: MuslimInnen nicht in Sippenhaftung zu nehmen.

Praktischer Teil

Im zweiten Block des Buches analysieren die Autoren unterschiedliche good-practice-Modelle aus der Jugendarbeit, die sich im Laufe der Jahre bewährt haben:

Die "österreichisch-islamische Identität", die nicht entweder das eine oder das andere, sondern bewusst beides ist (Hybridität), kann Antwort auf Rassismus ("daham statt Islam") und dem Gefühl, zwischen zwei Stühlen zu sitzen, sein. Ein anderes Beispiel zeigt, dass sich soziales Engagement gut als Mittel gegen Radikalisierung eignet, weil es gegen das Empfinden von Machtlosigkeit und Ungerechtigkeit wirkt.
Fazit

Mit diesem Buch hoffen wir einen Beitrag geleistet zu haben, der sowohl ein muslimisches als auch nicht muslimisches Publikum anspricht. Und da insbesondere diejenigen, die entweder „das hat nichts mit dem Islam zu tun" oder "MuslimInnen distanzieren sich nicht von Terrorismus" immer wieder aufs Neue wiederholen.

Die Autoren

Nedžad Moćević, M.A., ist selbstständiger Trainer, Referent und Berater im Bereich Interkulturalität und Diversität. Außerdem ist er für die "Beratungsstelle Extremismus", als Junior Researcher an der FH Salzburg (Soziale Arbeit) und als Referent des Friedensbüros Salzburg tätig.

Mag. Alexander Osman ist Kommunikationswissenschaftler, ausgebildeter Mediator, Trainer für religiöse Diversität und Referent für die Themen religiös begründeter Fanatismus und Prävention.

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