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THEMEN 2018

Die Bindungstheorie aus einer Critical Whiteness-Perspektive - Rassismus und Sexismus in europäischen psychologischen Wissenschaften

Portrait Katja Dienstl, MA

Katja Dienstl, MA

Expertinnenstimme

Katja Dienstl, MA

Critical Whiteness Studies

Die Anfänge der Critical Whiteness Studies gehen zurück in das 19. Jahrhundert und hatten ihren Ursprung in den Südstaaten mit der Auseinandersetzung von ‚whiteness' und ‚blackness' durch schwarze* und weiße* Südstaatler*innen im Kampf um mehr Gleichberechtigung.

Sojourner Truth, afroamerikanische Abolitionistin und Frauen*rechtlerin kritisierte weiße* Mitstreiter*innen, dass „sie in ihrem Kampf für Frauen*rechte längst nicht alle Frauen* berücksichtigen" (Tißberger, 2017, S. 87).

Der weiße* Feminismus war westlich geprägt und erkannte damit nicht die Forderungen und Bedürfnisse der women of color. Diese forderten mehr „Reflexion von Privilegierung, Dominanz und Ethnozentrismus" (Amesberger, Halbmayer, 2008, S. 73) von ihren weißen* Mitstreiter*innen.

Seit den 1990er-Jahren haben sich die Critical Whiteness Studies in vielen wissenschaftlichen Disziplinen verbreitet, besonders in den Human- und Sozialwissenschaften, in Soziologie, Geschichte, Philosophie und in den Rechtswissenschaften. Die Critical Whiteness Studies leiteten einen Perspektivenwechsel in der Rassismusforschung ein, indem sie die Aufmerksamkeit weg vom "Objekt des Rassismus" hin zu den Subjekten richten, die Rassismus (meist unbewusst) (re-)produzieren.

Während Rassismus lange Zeit als ein Problem einer Randgesellschaft wie Rechtsradikalen oder Neonazis, im besonderen aber dem Individuum galt, rücken durch die Critical Whiteness Studies die Mitglieder in der Mitte der weißen* Dominanzgesellschaft, die ‚unverdächtige' Mehrheit in den Fokus. Eine Gesellschaft, die von rassistischen Strukturen geprägt ist, betrifft alle ihre Mitglieder.

Tißberger (2017) schreibt dazu:

Als Weiße* profitieren wir permanent vom strukturellen Rassismus der Gesellschaft und sind damit – wenn auch wider Willen – Teil des Rassismus. Whiteness als Signifikant der rassistischen Gesellschaftsstruktur sorgt für den Profit, den Weiße* durch Rassismus machen und verdeckt zugleich diese Tatsache. (S. 91)

Mit Whiteness* oder Weiß-sein* ist nicht nur die weiße* Hautfarbe und ihre damit verbundene weiße* Identität gemeint, sondern auch das rassistische System der Kategorienbildung, die Stabilisierung von sozialer Ungleichheit und Dominanzverhältnissen. Die Critical Whiteness Studies beschäftigen sich mit hegemonialen Machtstrukturen in einer Gesellschaft, die für die Mehrheitsgesellschaft häufig unhinterfragt hingenommen werden oder unsichtbar sind. Whiteness kann als eine Leerstelle gesehen werden, sie bleibt de-thematisiert, ist unsichtbar, gilt als unhinterfragte Norm. Schwarz-sein* ist die Abweichung von dieser Norm, die thematisiert wird:

„Die ‚Anderen' werden thematisiert, das ‚Eigene' bleibt seltsam unbeschrieben" (Tißberger, 2017, S. 89).

Wachendorfer (2001) meint dazu:

„Weiße müssen also nicht über sich selbst als Weiße sprechen. Es genügt, wenn sie das Schwarzsein thematisieren, weil im Subtext ihr Selbstbild mit dargestellt wird" (S. 90, zitiert nach von Amesberger, Halbmayer S. 125).

Critical Whiteness bezieht sich allerdings nicht nur auf Weißsein* oder Schwarsein*: es bezieht sich auf alle Minderheiten.

Laut Tißberger (2017) „ist Whiteness das symbolische Zentrum einer hegemonialen Ordnung, in der Menschen entweder als weiß* oder als mehr oder weniger ‚off white' positioniert werden. Wer als weiß* ‚durchgeht', ist historisch und geographisch kontingent." (S. 96).

Whiteness ist die Norm, „von der aus Abweichungen und Differenz bestimmt werden" (S. 101). Es ist aber auch auf ‚die Anderen', die „Ab-norm-alen" angewiesen, damit es sich selbst „als normativ und normal setzen kann" (S. 101). Um zu funktionieren muss es ‚die Anderen' also ständig (re-)produzieren. Die ‚Anderen' werden konstruiert und die Ängste, Begehren und Schwächen werden an sie übertragen.

Zuschreibung von negativen Attributen und Verhalten gelten dann kollektiv für eine ganze Gruppe. Die Handlungsweisen der Dominanzgesellschaft, wie z.B. die Veranderung, die Normsetzung oder die soziale Platzzuweisung werden als ‚normal', ‚normativ', nicht aber als rassistisch gesehen. Genauso normal gelten die eigenen Lebensumstände, die der Anderen als Normabweichung.

Die Markierung von Anderen findet durch die Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft statt. Die Mitglieder der normgebenden Mehrheitsgesellschaft sind mit Privilegien und Vorteilen ausgestattet, während rassistisch markierte Personen die Erfahrung von Ausgrenzung und Diskriminierung machen.

Eine dieser Privilegien beschreibt Frankenberg (1996) als „die Erfahrung, daß [sic] die eigene Person neutral, normal und normativ ist (...) oder auch in der Erfahrung, nicht ins Gesicht geschlagen oder zu werden" (S. 55). Die meisten Privilegien, die die Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft erfahren, werden nicht bewusst wahrgenommen.

Tißberger (2017) sagt, Whiteness „bringt einen an Orte, an die rassistisch markierte Menschen nicht (so einfach) gehen können, es öffnet Türen, die für rassistisch Markierte verschlossen bleiben" (S. 118).

Amesberger und Halbmayer (2008) behaupten: „Das Interesse am Anderen bei gleichzeitigem Ausblenden des eigenen Weißseins hat zur Folge, dass die Diskriminierung der Anderen erkannt wird, dies aber nicht automatisch zum Erkennen der eigenen Privilegierung führt, da man sich selbst ja nicht im Blick hat" (S. 124). Viele westliche Theorien hingegen, haben nur sich selbst im Blick und blenden die Existenz ‚der Anderen' sogar aus.

Tißberger (2017) beschreibt diesen „Solipsismus, diese Form der Selbstreferenzialität" als ein typisches Phänomen fürs Weißsein*, „die auch die sozialwissenschaftlichen Methoden durchzieht und ein elementarer Bestandteil der westlichen Episteme ist" (S. 112).

Epistemologie

Epistemologie ist die Erkenntnistheorie - ein Hauptgebiet der Philosophie. Die Erkenntnistheorie fragt danach, welche Voraussetzungen benötigt werden, um zu Erkenntnissen zu gelangen oder auch wie Wissen und Überzeugungen entstehen. Die Critical Whitenes Studies ermöglichen es, einen rassismuskritischen Standpunkt einzunehmen, um auf (unbewusste) Dynamiken und den Rassismus der Mehrheitsgesellschaft aufmerksam zu werden; sie beschäftigen sich mit der „Unsichtbarkeit einer herrschenden Normativität" (Wachendorfer, zitiert nach Tißberger et al., 2009, S. 8).

In der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Kolonialismus wird erkennbar, wer die Macht besitzt, um Wissen zu generieren. Fuchs (2003) beschreibt Europa/den Westen als einen Ort in der Welt, der den Maßstab für ‚alle anderen' bildet: „Dadurch wird in den hegemonialen politischen und wissenschaftlichen Diskursen die Welt als Ort konstruiert, der durch unüberwindliche politische und kulturelle Differenzen gekennzeichnet ist" (S.14).

Das rassistische und sexistische Wissen der neuzeitlichen Wissenschaft fand Einzug in viele heute noch gängigen Theorien. Dazu schreibt Tißberger (2016)

Während diese brachialen Formen rassistischer Wissenschaft nicht mehr existieren, leben viele ihrer Prinzipien in den zeitgenössischen Wissenschaften fort, etwa das Prinzip der Normativität aufklärerischer Ideale und der Kategorisierung von allem, was davon abweicht, als defizitär – ‚not quite/not white', um eine Formulierung Homi Bhabhas (1994) zu verwenden. Diese Prinzipien leben vor allem in den Epistemologien fort. (S. 104)

Die Bindungstheorie

Die Bindungstheorie gilt als eine der populärsten Theorien in der Entwicklungspsychologie und den Sozialwissenschaften. Anhand der Vielzahl an erschienen Publikationen und Fachartikeln in wissenschaftlichen Magazinen für Psychologie oder Pädagogik, sowie in populärwissenschaftlichen Elternmagazinen, ist erkennbar, dass auch im deutschsprachigen Raum das Interesse an der Bindungstheorie in vielen wissenschaftlichen Disziplinen, wie z.B. der Sozialarbeit, der Pädagogik und der Psychologie, gestiegen ist.

Die Bindungstheorie wurde von John Bowlby begründet und gemeinsam mit Mary Ainsworth weiter entwickelt. Die beiden gelten als „der Vater und die Mutter" der Bindungstheorie.

Bowlby definiert Bindung als das gefühlsgetragene Band, welches zwei spezifische Personen miteinander über Zeit und Raum verbindet. Das Verhalten der Personen ist darauf ausgerichtet, Nähe zur anderen Person herzustellen und aufrecht zu erhalten. Bindung entwickelt sich im Laufe des ersten Lebensjahres zu einer und zwei Bezugspersonen und wird in den nächsten Jahren ausgeweitet auf weitere Bindungspersonen. Die Bindungserfahrungen beeinflussen den Menschen über den gesamten Lebenslauf. Für Bowlby spielt Bindung eine lebenslange und lebenswichtige Rolle – „von der Wiege bis zum Grabe".

Bindung entsteht durch feinfühlige soziale Interaktionen zwischen zwei Menschen. Durch die Art, wie die Bindungsperson auf die Signale des Kindes reagiert, lernt das Kind bestenfalls seine Handlungsfähigkeit im Vergleich zur Hilflosigkeit kennen. Aus den gemeinsamen Interaktionen und deren Wesen ergibt sich die Bindungsqualität:

  • die sichere Bindung gilt als die erstrebenswerteste und ‚normale' Ausprägung der Bindungsrepräsentation.
  • Die unsichere Bindung gilt als eine Variante der normativen Bindungsentwicklung, zeugt aber von einer weniger optimalen Mutter-Kind-Beziehung und stellt bereits einen Risikofaktor für die gesunde Entwicklung des Kindes dar.
  • Die desorganisierte Bindung wird bereits als eine erste Variante einer Bindungsstörung gesehen und resultiert aus einem problematischen und unangemessenen Verhalten der Eltern. Und die Bindungsstörung, die meist Resultat von schweren traumatischen Erfahrungen sind.

Die Bindungstheorie stellt an sich selbst den Anspruch universell zu sein, das heißt sie gilt für alle Menschen auf der Welt gleichermaßen. Diesem Anspruch liegen viele Studien, die hauptsächlich an weißen* westlichen Mittelschichtfamilien, bzw. Mutter-Kind-Dyaden durchgeführt wurden, zugrunde.

Die Erkenntnisse der Bindungstheorie werden unhinterfragt angewendet, was insbesondere im migrationsgesellschaftlichen Kontext und dem Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Lebenswelten zu Problemen führen kann. Es stellt sich die Frage, wie eine Theorie universell sein kann, wenn sie hauptsächlich an einem im Westen vorherrschenden Familienmodell erforscht wurde.

Durch Ainsworth's Studien in Uganda behaupten Anhänger der Bindungstheorie, dass der kulturelle und soziale Kontext immer mitberücksichtigt wurde. Doch die Universalität der Bindungstheorie wird bereits von vielen Seiten kritisiert, insbesondere auch die Tatsache, dass die sichere Bindung die einzige erstrebenswerte und ‚normale' Ausprägung der Bindungsrepräsentation sei, und die Abweichung davon als pathologisch zu sehen ist. Bei der Bindungstheorie handelt es sich um eine westliche Theorie, die weiße*, westliche Ideale als die Norm betrachtet. Neuere Studien beweisen, dass einzelne Elemente der Bindungstheorie im ‚Kulturvergleich' keinen Bestand haben, da viele weitere Faktoren mit berücksichtigt werden müssen.

Die Einflussfaktoren auf die Bindungstheorie

Die Bindungstheorie entstand in den Jahren 1940/1950, also während bzw. nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Erziehungsformen dieser Zeit setzten auf Kinder- und Frauenfeindlichkeit und verwehrten den Kindern jegliche Zärtlichkeit oder Geborgenheit. Die Bindungstheorie veränderte das Menschenbild des Kindes: Weg vom Feindbild schaffte die Bindungstheorie eine an den Bedürfnissen des Kindes orientierte und einfühlsame Erziehung.

Bowlby untersuchte Kinder in Waisenhäusern, die von ihren Eltern getrennt wurden. Den schlechten Zustand dieser Kinder führte Bowlby auf die Trennung von der Mutter zurück. Da Bowlby seine Fragen mithilfe der Psychoanalyse nicht vollständig beantworten konnte, begann er sich mit naturwissenschaftlichen Feldern zu beschäftigen.

Die Arbeit von Konrad Lorenz über die Beschreibung der Trennungsangst und Nähesuchen bei Vögeln erweckte die Aufmerksamkeit von Bowlby. Bowlby und Lorenz waren große Anhänger von Charles Darwin. Darwin hat die Wissenschaft maßgeblich beeinflusst und „das Menschenbild einschneidend verändert und nachhaltig geprägt" (Engels, 2009, S. 9). Er versuchte „alle Thesen auf eine naturwissenschaftliche Grundlage zu stellen" und die „Gesetze des Lebens" zu finden (S.23-24).

Charles Darwins Evolutionstheorie bildete das Fahrwasser für das Biologisieren und Naturalisieren von erwünschten oder unerwünschten sozialen Phänomenen - insbesondere von Geschlecht* und Rasse*. Die ‚natürliche' Unterlegenheit von Frauen*, von Nicht-Weißen*, von Kindern und Beeinträchtigen wurde durch Vermessungen ‚wissenschaftlich belegt'.

Die Menschen wurden entlang einer evolutionären Entwicklungslinie als höher- oder minderentwickelt, als primitiv und zivilisiert eingeteilt. Letztendlich gipfelten diese Erkenntnisse in der Ansicht, dass sich der weiße* europäische Mann an der Spitze dieser Entwicklungsleiter befindet.

Sigmund Freud entwickelte seine Annahmen in einer Zeit, die durchdrungen war von kolonialen und rassistischen Annahmen. Er verschiebt den Antisemitismus seiner Zeit in die Abwertung von Frauen* und Nicht-Weißen* und sein eigenes Minderwertigkeitsgefühl verschob er in den „Penisneid" von Mädchen. Die weibliche Sexualität wird als „dark continent" – eine koloniale Metapher - bezeichnet.

Das Konzept der „Uhorde", in der die Männer die Fähigkeit erwerben ihre Triebe zu beherrschen, ist der Ursprung der Zivilisation und präsentiert bis heute nicht-weiße* Kulturen in der Psychologie. In der Psychoanalyse finden wir ebenso die Achse Primitivität und Zivilisiertheit, die gleichgesetzt werden mit Frau und Dunkelheit und Mann und Helligkeit.

Ergebnis I: Mutter-Kind-Dyaden vs. große Familienverbände

Bowlby bezog sich bei seinen Überlegungen auf die Theorien von Charles Darwin und versuchte dabei den evolutionären Ansatz in die Bindungstheorie zu integrieren. Bindung wird als eine evolutionäre Anpassung zur Überlebenssicherung des Kindes gesehen.

Evolutionär betrachtet, macht das Leben in Gemeinschaften Sinn: Die Aufgaben, die für die Pflege und Erziehung der Kinder notwendig sind werden geteilt. Im Notfall kann die Mutterrolle von einer anderen Person übernommen werden und somit das Überleben des Kindes sichern. Diese Lebensform war charakteristisch für den Großteil der Menschen in der Geschichte. Und auch heute noch ist das Modell der gemeinschaftlichen Kinderpflege überall auf der Welt vertreten. Dem Kind stehen viel mehr Bezugspersonen zur Verfügung, als in den Familien, die Bowlby und sein Team untersuchten, was zu einer kulturellen Variation von Bindung führt.

Obwohl Bowlby den Zerfall der Großfamilie in den westlichen Ländern bedauert, wurden ausschließlich Forschungen an Mutter-Kind-Paaren durchgeführt. Ein Widerspruch in Bowlbys Theorie: Er orientiert sich am Familienmodell der weißen* westlichen Mittelschichtfamilien und durch die unhinterfragte Anwendung ihrer Ergebnisse auf alle anderen Lebensformen wird Normativität erzeugt. Dies dazu führt dazu, Abweichungen davon zu pathologisieren und als defizitär zu betrachten. Dieses Beispiel zeigt sehr eindrücklich die Definitionsmacht der westlichen Dominanzkultur.

Bowlby bezeichnet andere Lebensweisen als primitiv - er verwendet also einen Begriff, der als Synonym für Nicht-Weiße*/Rasse* und Weiblichkeit*/Gender gilt. Er benutzt sie allerdings fast ausschließlich positiv, als Vorbild, als Vorlage für das Ursprüngliche. Er hat vermutlich das Bild von den „edlen Wilden" im Kopf, die den Urzustand, das Original von Mutterschaft leben. Diese Idealisierung ist ein koloniales Erbe, denn diese Zuneigung und Faszination für „die Anderen" wird durch die ungleichen Machtbeziehungen strukturiert.

Ergebnis II: Geschlechterrollen in der Bindungstheorie

Das Mainstream-Modell der Bindungstheorie ist mutterzentriert. Die Psychoanalyse wird in der Bindungstheorie reproduziert, indem die Rollenverteilung von Vater und Mutter klar festgelegt ist. Die Frau nimmt eine passive Stellung gegenüber dem Mann ein, die Mutterschaft ist für die Frau die einzige Form befriedigender Produktivität.

In den ersten Jahren ist das Kind mit der Mutter verschmolzen, sie bilden eine Einheit. Erst mit dem Spracherwerb (und Sprache gilt als wichtigstes Kulturgut) tritt der Vater auf den Plan und führt das Kind aus seiner Primitivität und der Verschmelzung mit der Mutter in die Zivilisiertheit. Auch bei Bowlby kommt der Vater erst ins Spiel wenn das Kind zu explorieren beginnt (etwa ab dem 2. Lebensjahr) und die Bindungsqualität des Vaters wird an seiner „Spielfeinfühligkeit" gemessen.

In der Bindungstheorie wird klar benannt, wer wofür in der Kindererziehung zuständig ist: Die Mutter kümmert sich um die Kinder, der Vater sorgt für materielle Sicherheit. Hier handelt es sich um eine klare Rollenzuteilung, die vermutlich aus den Ergebnissen der Naturforscher des 18. Jahrhunderts stammten: durch die schwächere Anatomie und das breite Becken ist die Frau von Natur aus für die Mutterschaft bestimmt. Die Psychoanalyse baut in ihrem Kern auf dieser Geschlechterdifferenz auf und betont die unterschiedlichen Qualitäten von Männern* und Frauen*.

Ausblick und mögliche Lösungen

In der Geschichte hat sich gezeigt, dass Wissen durch viel Phantasie und durch Illustrationen von noch unbekannten Gebieten der Erde auf Weltkarten und Globen entstanden ist. Häufig waren es Bilder von nackten Frauen*, von Amazonen oder von ‚Wilden' und Kannibalen. Auch wenn sich die Darstellung der Karten mit der Zeit veränderte, die Bilder in den Köpfen der Menschen verschwanden damit nicht.

Diese pseudowissenschaftlichen Inhalte dienten lange als Vorlage für die Wissenschaft in der Neuzeit und „der ersten wissenschaftlichen Rassensystematiken des 17. und 18. Jahrhunderts" (Geulen, 2014, S.41). Die in dieser Zeit entstandenen Bilder sind bis heute in den Köpfen der Menschen präsent und sie führten zu Überzeugungen, die bis heute Bestand haben.

So schreibt Tißberger (2016):

Der Zeitgeist des Kolonialismus und Imperialismus – die europäischen Größenfantasien und das Begehren, die kolonial unterworfenen Menschen als natürlich unterlegen darzustellen – führten zur wohl bedeutendsten Komponente europäischer Identität: der Überzeugung, dass die europäische Kultur allen anderen Kulturen und ihren Mitgliedern überlegen ist (vgl. Hall 2004: 147). Diese Überzeugung manifestiert sich in der kolonialistischen Episteme europäischer Wissenschaften seit der Moderne. (S. 105)

Viele Theorien aus der Psychologie und der sozialen Arbeit sind eurozentrisch und werden völlig unreflektiert angewandt. Sie werden als universell anerkannt, obwohl sie nicht für alle Menschen gelten. Die kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte lässt uns Machtstrukturen und hegemoniale Diskurse erkennen und ihre Bedeutung schmälern.

Eine weitere mögliche Lösung ist, die Einteilung in sichere und unsichere Bindungsmuster aufzugeben und die Funktion von unterschiedlichen Bindungsbeziehungen anzuerkennen. Wichtig ist auch die konkrete Lebenssituation als Ausgangspunkt aller Überlegungen zur Bindungsentwicklung sehen. Bei Berücksichtigung der Menge an verschiedenen Kulturen und Lebensformen wird klar, dass es eine riesige Bandbreite an bindungsrelevanten Verhaltensstrategien und Bindungsmanifestationen geben muss.

Für mich hat die Bindungstheorie nach wie vor ihre Gültigkeit, sie muss aber um die Störfaktoren Rassismus und Sexismus bereinigt werden, um in ihrer Anwendung nicht (un-)bewusst Rassismus oder Sexismus zu reproduzieren.

Ich möchte mich auf ein Zitat von Bowlby und Ainsworth (1991) beziehen:

„Die Bindungstheorie, [ist] eine offene Theorie, (...) offen genug, um neue Befunde, die von anderen Herangehensweisen stammen, zu verstehen. (...)" (S. 80-90).

Es war also ausdrücklich der Wunsch von Bowlby und Ainsworth die Bindungstheorie weiter zu entwickeln, sie anzupassen, „Antworten auf noch ungeklärte Fragen zu finden".

Katja Dienstl, MA, Sozialarbeiterin, SAFE®-Mentorin (Sichere Ausbildung für Eltern, Bindungsorientierte Elternberatung und Präventionsarbeit), Bereichsleiterin für die Präventionsarbeit im Verein PIA – Prävention, Beratung und Therapie bei sexueller Gewalt

Literatur

  • [1] Amesberger, H., Halbmayer, B.: Das Privileg der Unsichtbarkeit. Rassismus unter dem Blickwinkel von Weißsein und Dominanzkultur Wien. Braumüller, 2008
  • [2] Bowlby, J.: Maternal Care and Mental Health - A report prepared on behalf of the World Health Organization as a contribution to the United Nations programme for the welfare of homeless children Geneva. WHO, 1952
  • [3] Brickman, C.: Aboriginal Populations in the mind. Race and primitivity in psychoanalysis New York. Columbia University Press, 2003
  • [4] Engels, E-M.: Person, Theorie, Rezeption In: Charles Darwin und seine Wirkung. (S. 9-57), Frankfurt am Main. Suhrkamp Verlag, 2009
  • [5] Frankenberg, R.: Weiße Frauen, Feminismus und die Herausforderung des Antirassismus In: Fuchs. B., Habinger. G., Rassismen & Feminismen. Differenzen, Machtverhältnisse und Solidarität zwischen Frauen., Wien. Promedia, 1996
  • [6] Fuchs, B: „Rasse“, „Volk“, Geschlecht. Anthropologische Diskurse in Österreich 1850-1960 Frankfurt. Campus Verlag, 2003
  • [7] Geulen, C.: Geschichte des Rassismus München. Verlag C.H. Beck, 2014
  • [8] Gilman, S.L.: Freud, Identität und Geschlecht Frankfurt am Main. Fischer Verlag GmbH, 1994
  • [9] Grossmann, K. & Grossmann, K.E.: Bindung und menschliche Entwicklung - John Bowlby, Mary Ainsworth und die Grundlagen der Bindungstheorie (4. Aufl.) Stuttgart. Klett-Cotta, 2015
  • [10] LeVine, R.: Culture and Attachment. Perceptions of the Child in Context. (S.ix-xi) In: Harwood, R.L., Irizarry, N.L., Miller, J.G. (1995), Foreword, New York. The Guilford Press, 1995
  • [11] LeVine, S.: Do Parents Matter? Why Japanese Babies Sleep Soundly, Mexican Siblings Don´t Fight, and American Families Should Just Relax New York. PuplicAffairs, 2016
  • [12] Mageo, J.M.; Qinn, N.: Attachment Reconsidered. Cultural Perspektives on a Western Theory New York. Palgrave Macmillan, 2013
  • [13] Tißberger, M., Dietze, G., Harzán, D., Husmann-Kastein, J.: Weiß-Weißsein-Whiteness. Kritische Studien zu Gender und Rassismus. (2. Aufl.) Frankfurt am Main. Peter Lang GmbH., 2009
  • [14] Tißberger, M.: Dark Continents und das UnBehagen in der weißen Kultur. Rassismus, Gender und Psychoanalyse aus einer Critical-Whiteness-Perspektive Münster. Unrast Verlag, 2013
  • [15] Tißberger, M.: Ain’t I a Woman? Diversity an der Intersektion von Gender und Rassismus In: soziales_kapital. Wissenschaftliches Journal Österreichischer Fachhochschul-Studiengänge Soziale Arbeit. Nr. 15, Standort Linz, 2016
  • [16] Tißberger, M.: Critical Whiteness. Zur Psychologie hegemonialer Selbstreflexion an der Intersektion von Rassismus und Gender Wiesbaden. Springer VS, 2017
  • [17] Ulmann, G.: Reflexion zu Bindungstheorie und Bindungsforschung In: Forum Kritische Psychologie 58. (S. 7-25), Hamburg. Argument Verlag, 2014