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zusammenLeben ohne Gewalt

THEMEN 2018

"Wohin mit der Wut" - Prävention und Interventionsmöglichkeiten bei der Begleitung von älteren/alten Menschen mit (hohen) Unterstützungsbedarf

Portrait Mag.a Wilma Steinbacher

Mag.a Wilma Steinbacher

Expertinnenstimme

Mag.a Wilma Steinbacher

"Wenn man z.B. das Problem der Gewalt im Alter umfassend bekämpfen will, müssen die Menschen unbedingt auf allen Ebenen alle möglichen Formen partnerschaftlicher Zusammenarbeit eingehen, um so eine wirksame Gegenwehr aufzubauen."[1]

Trotz zunehmender Beachtung in der Öffentlichkeit ist einerseits das Bewusstsein noch zu schärfen, dass Misshandlung älterer Menschen in vielen Erscheinungsformen vorkommt und nicht akzeptabel ist und dass es andererseits wirksame Möglichkeiten der Prävention gibt.

Gerade in Bezug auf das häufig mit dem Begriff "häusliche Gewalt" charakterisierte Problemfeld der Viktimisierung von Frauen braucht es noch vielfältige Maßnahmen und Hilfeangebote und es in aller Regel keine formelle Altersbegrenzung nach oben gibt, ist de facto doch eine Konzentration auf das jüngere und mittlere Erwachsenenalter festzustellen. Es fehlt vielfach noch das Bewusstsein dafür, dass Gewalt durch den Opfern nahe stehende Personen sich in das höhere Lebensalter hinein fortsetzen oder - zum Beispiel in Folge gesundheitlicher Veränderungen oder von Einschnitten in den Lebensbedingungen - im Alter erstmals auftreten bzw. sich im Alter intensivieren kann.

Aber auch für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Einrichtungen im Alten- und Behindertenbereich sind noch praxisgerechte Konzepte zu erarbeiten, die zur nachhaltigen Umsetzung betrieblicher Maßnahmen motivieren. Dies gilt insbesondere für Themen, wie Erfahrungen körperlicher Gewalt sowie für scham- oder ekelbesetzte Situationen, denen sie sich häufig im Betreuungs- und Pflegealltag stellen müssen und wenig bzw. kaum offen besprochen werden.

Ein weiterer Aspekt ist ebenfalls zu berücksichtigen. Wenn wir von Gewalt gegen ältere Menschen sprechen, dürfen wir Gewalt nicht zu eng verstehen. Ältere/alte Menschen mit (hohen) Unterstützungsbedarf können Gewalt auch z.B. durch Vernachlässigung erfahren, durch Fehlernährung, vermeidbaren Dekubitus oder unnötige Maßnahmen, die die Freiheit einschränken. Auch Mängel bei der Betreuung und Pflege können Gewalt auslösen.
Notwendig ist, dass nicht nur über Gewalterfahrungen Älterer gesprochen, sondern auch über Präventionsansätze diskutiert wird.

Die beiden skizzierten Themenkomplexe "Gewalt in Partnerschaften" bzw. "Gewalt in der familialen Betreuung und Pflege" und Interventionskonzepte zur demenz-spezifischen Lern- und Prozessbegleitung in Einrichtungen wurden bislang kaum im Zusammenhang diskutiert.

Zwischen Institutionen, die im Bereich der Altenarbeit tätig sind und jenen, die zum Thema Gewalt in Partnerschaften arbeiten, gibt es wenig Verknüpfungen und kaum systematischen Austausch. Aus diesem Grund ist es notwendig, dass Institutionen, die den Bereich "Gewalt im Alter" bearbeiten, verstärkt kooperieren und zielgruppenspezifische Maßnahmen zur Aufklärung, Sensibilisierung und Schulung erhalten.

Hierzu gehören vor allem:

  • Ärzte und Ärztinnen,
  • Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Einrichtungen der Alten- und Behinderten-arbeit,
  • Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen,
  • Geistliche,
  • Beraterinnen und Berater in bestimmten psychosozialen Einrichtungen sowie
  • Polizistinnen und Polizisten (insbesondere solche, die regelmäßig oder im Schwerpunkt mit Fällen "häuslicher Gewalt" befasst sind).

Wichtig dabei ist und darauf weisen die bisherigen Erkenntnisse und Diskussionen hin, dass in Bezug auf Unterstützungsangebote, die sich direkt an von Gewalt bedrohte und betroffene ältere Menschen richten, diese in niedrigschwelliger, thematisch offener und nicht in stigmatisierender Form sein sollen.

Anforderungen an Präventions- und Interventionsmöglichkeiten

Im Folgenden werden beispielhaft Anforderungen an Präventions- und Interventionsmöglichkeiten andiskutiert; Grundlage sind Ergebnisse von erarbeiteten Handlungsstrategien in Arbeitsgruppen und gesichteter Literatur.

Etablierung von Beratungsangeboten in niederschwelliger Form für ältere/alte Menschen

Proaktiver und zugehender Ansatz ist aufgrund der Zugangsbarrieren in diesem Bereich besonders wichtig, sowohl zugehende - d.h. räumlich aufsuchende -, als auch proaktive - d.h. durch Anbieter initiierte - Unterstützungsmöglichkeiten sind zu entwickeln. Dafür ist örtliche Nähe wie auch die Vernetzung mit lokalen Angeboten notwendig.

Öffentlichkeitsarbeit und Sensibilisierung von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren

Notwendig ist die Sensibilisierung der Öffentlichkeit und insbesondere der Betroffenen; dabei sollte es darum gehen deutlich zu machen, dass auch ältere Frauen und Männer Opfer von Gewalt in Partnerschaften und Ehen werden, dass Betroffene Hilfe und Unterstützung benötigen und dass ihnen verschiedene Unterstützungsangebote zur Verfügung stehen. Dies kann nichtinvolvierte Personen (z.B. Nachbarschaft) zum Handeln bewegen und ältere Opfer ermutigen, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Wichtig ist die Sensibilisierung der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Diensten und Einrichtungen, die von älteren Personen verstärkt in Anspruch genommen werden, im medizinischen, betreuerischen und pflegerischen Bereich, im psycho-sozialen und seelsorgerischen Bereich; hier ist an Schulungen wie auch an die gezielte Verbreitung von Informationsmaterial zu denken; die Einbindung von Ärzten ist hier vordringlich.

Kooperation und Koordination

Notwendig ist eine engere Kooperation und gegenseitiger Austausch von Einrichtungen der Altenarbeit und des Sozial- und Gesundheitswesens einerseits und Organisationen, die von Gewalt betroffenen Frauen und Männer Unterstützung anbieten. Notwendig ist andererseits ein wechselseitiges Training, Informationen über die jeweiligen professionellen Sichtweisen auf das Problem und über die jeweiligen Unterstützungsmöglichkeiten. Ideal ist, wenn Netzwerke zur dauerhaften Kooperation dazu aufgebaut werden.

Anforderungen an Einrichtungen, die das Thema aktiv aufgreifen wollen

In der Praxis zeigt sich bzw. wird hingewiesen, dass es älteren Frauen leichter fällt, mit Beraterinnen der gleichen Altersgruppe zu sprechen. Für eine erste Kontaktaufnahme zu älteren Frauen sind offene Veranstaltungen (z.B. Vorträge, Ausstellungen) hilfreich. Oft nutzen Ältere solche Gelegenheiten, um sich über Beratungsangebote zu informieren und die Mitarbeiterinnen schon einmal zu sehen um sich dann zu einem späteren Zeitpunkt an die Beratungsstelle zu wenden.

Bereitstellung adäquater vorübergehender und dauerhafter Wohnmöglichkeiten von gewaltbetroffenen älteren und alten Menschen

Diese Form von Wohnmöglichkeit muss noch viel stärker in der Praxis zur Umsetzung kommen. Hintergrund ist, dass aus vielen Gesprächen bzw. Untersuchungen berichtet wird, dass ein Teil der älteren misshandelten Personen besonders ruhebedürftig ist. Hier sind in bestehenden Einrichtungen und/oder speziell errichteten Einrichtungen Anpassungen bzw. Flexibilität noch erforderlich.

Weitere präventive Ansätze

Sensibilisierung, Vorurteilabbau, Schulung von Angehörigen, Umgebungsgestaltung, Vorinformation über Betreuungs- und Pflegebelastung, intergenerative Begegnungen, Suizidprävention, Psychotherapie, Schulung von Deeskalationsmaßnahmen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Einrichtungen.

Zusammenfassung und Ausblick

Grundsätzlich kann gesagt werden, dass Gewalt gegen ältere/alte Menschen ein individuelles und gesellschaftliches Problem ist, welches nur durch Einsatz aller Beteiligten und mit Unterstützung der Politik verringert werden kann.

Somit ist die Sensibilisierung, das Interesse an Veränderungen sowie die Bewusstwerdung von individuellen und strukturellen Verdrängungsmechanismen notwendig. Die vielfältigen Bilder von körperlicher, psychischer, sozialer, struktureller und kultureller Gewalt verdeutlichen, wie vielschichtig eine Gewaltsituation sein kann und wie notwendig eine differenzierte und auch einzelfallbezogene Sichtweise ist. Daher ist Biographiearbeit, die die die Vorgeschichte auch miteinbezieht, ganz wichtig.

In der Familie ist es oft nicht möglich, exakt zwischen "Täter" und "Opfer" zu unterscheiden. Vielmehr handelt es sich um gewaltfördernde destruktive Beziehungsstrukturen ("Pathobiose"). Diese gründen häufig auf Persönlichkeitsfaktoren, Duldung von Gewalt als gesellschaftlich "normal", inneren und äußeren Stress sowie sozialer Isolation und unzureichender privater und professioneller Unterstützung.

Daher ist "Hilfe vor Strafe" Grundlage aller Gewaltintervention. Entscheidend ist, dass keine Gewalthandlung bagatellisiert oder entschuldigt werden kann, sondern Alternativen gefunden werden müssen. Immer noch gibt es viel zu wenige Möglichkeiten für Betroffene, Unterstützung zu erhalten, z.B. durch Notruf- bzw. Beratungstelefone oder Krisenberatungsstellen. Die bestehenden Einrichtungen verdeutlichen, dass auf individueller und struktureller Ebene Veränderungen auch im Vorfeld schon bewirkt werden, auch wenn hierzu derzeit kaum empirisch wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse vorliegen.

Verabschiedet aber werden sollte sich bei Forschungen über Präventions- und Interventionsansätze gegen Gewalt von der Vorstellung, dass diese so messbar sind, wie ein Warenprodukt oder im Produktionsprozess. Prävention und Intervention sollen nicht primär an negativen Zielen wie Gewaltbekämpfung und Gewaltkontrolle, sondern sich an positiven Zielsetzungen wie Lebensqualität, Selbstbestimmung, Sicherheit und positive Sozialbeziehungen, sowohl im privaten Bereich als auch in Einrichtungen, orientieren.

Abschließend soll nochmals hingewiesen werden, dass für Präventions- und Interventionsmöglichkeiten ein multiprofessionelles, Disziplinen übergreifendes Arbeiten, wie z.B. zwischen den Disziplinen Sozialwissenschaften, Kriminologie, Sozialarbeit, Betreuung und Pflege, Geriatrie, Gerontologie und Psychologie, notwendig ist.

[1] Weltgesundheitsorganisation (2002): Weltbericht Gewalt und Gesundheit. Weltgesundheitsorganisation Regionalbüro für Europa, Kopenhagen, S. 4. www.euro.who.int, 2018

Mag.a Wilma Steinbacher Vorsitzende Pro Senectute - Verein für das Alter in Österreich

Literatur

  • [1] Baur, N., Hell, D.: Schamgefühl – hilfreicher Schutz oder notwendiges Übel? In: NeuroTransmitter 2007, S. 62-68, 2012
  • [2] Görgen, T., Herst, S., Nägele, B., Newig, A., Kemmleitner, I., Kotlenga, S., Mild, N., Pigors, K. & Rabold, S.: "Ich habe gehofft, das wird besser mit den Jahren": Sexuelle Gewalter-fahrungen älterer Frauen (KFN-Materialien für die Praxis, Nr. 1) Hannover: Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen, 2005
  • [3] Gurk, S.: Ursache und Wirkung In: Altenpflege 34, S. 40-43, 2009
  • [4] Kohl, H., Landau, H.: Gewalt in sozialen Nahbeziehungen. Frankfurter Tage der Rechtspolitik 2000 Neuwied: Luchterhand
  • [5] Marks, S.: Scham - die tabuisierte Emotion, 3. Auflage Ostfoldern, Patmos Verlag, 2011
  • [6] Scott, M., Mckie, L., Morton, S., Sedoon, E. & Wasoff, F.: "...and for 39 years I got on with it". Older Women and Domestic Violence in Scotland Edinburgh: Health Scotland, 2004

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