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zusammenLeben ohne Gewalt

THEMEN 2019

Leiborientierte Gewaltprävention in Pflege und Betreuung

Portrait Anton Stejskal MSc

Anton Stejskal MSc

Expertenstimme

Anton Stejskal MSc

Ausgangssituation

Menschen in pflegenden und betreuenden Berufen sind täglich mit den Befindlichkeiten und Emotionen alter bzw. kranker Menschen sowie ihrer Angehörigen konfrontiert. Äußern sich diese in Aggression oder Gewalt sind Pflege- und Betreuungspersonen auf mehreren Ebenen gefordert: Sie sollen die Situation konstruktiv gestalten und sie sollen professionell mit den eigenen Gefühlen umgehen.

Dazu kommen strukturelle Rahmenbedingungen, die durchorganisiert und geregelt sind und immer wieder mit den Autonomiebedürfnissen der BewohnerInnen kollidieren. Gesetzliche Regelungen, die einen sicheren Rahmen bieten sollen, erweisen sich vor allem in der Anwendung auf an Demenz erkrankte und anderweitig psychisch beeinträchtigte Menschen wenn nicht als wirkungslos, so doch oft als perspektivenlos.

Inmitten all dieser Herausforderungen gibt es jedoch auch Zeiten der gelingenden Zusammenarbeit, des erfreulichen Miteinander-seins. Was wirkt in diesen oft für selbstverständlich genommenen Momenten? Professionalität gepaart mit Hausverstand schafft Atmosphären von Sicherheit und Geborgenheit. Humor und Leichtigkeit nehmen Situationen ihre Schwere und lassen Menschen lachen. Die liebevolle und gleichzeitig klare Ausstrahlung von Pflege- und Betreuungspersonen gibt einem demenzkranken Menschen Orientierung und erleichtert oder ermöglicht überhaupt erst die notwendige Pflegemaßnahme.

Was aber ermöglicht uns Menschen das Wahrnehmen von Atmosphären, von Emotionen und Handlungen in der Begegnung mit Anderen? Was ist das Medium von Beziehungen? Was ist der Sender und Empfänger von Stimmungen, die den Unterschied machen zwischen Frieden und Gewalt? Der menschliche Leib.

Schmetterlinge und Schönheitsoperationen

Der Leib (nach dem althochdeutschen Wort lib für "Leben") ist gleichbedeutend mit unserer subjektiv-empfundenen Lebendigkeit. Der Philosoph Gernot Böhme nennt den Leib das, "als was ich mich selbst spüre". Die Befindlichkeit, ein weites Herz, Schmetterlinge im Bauch, eine Übelkeit, Hunger, aber auch unsere Stimmung, Ausstrahlung, eine gefühlte Enge, Weite oder Spannung. Der Leib ist auch das Medium unserer Beziehungen, weil er immer auch schon in unser Umfeld hinein wirkt und die Ausstrahlung anderer auffängt. In seiner momentanen Einzigartigkeit ist unser Leib immer so, "wie er gerade ist" und auch nicht korrigierbar.

Der Begriff Körper stand bis ins 18. Jahrhundert für den toten Körper (siehe "Schiffskörper, Flugkörper", heute auch „Fremdkörper", etc.) und erfuhr erst danach einen Bedeutungswandel. Er steht für die Summe unserer Einzelteile. Das objektive „Werkzeug", das wir gestalten, reparieren, optimieren können, sei es durch beispielweise Krafttraining, Schlaf- oder Aufputschmittel, Schönheitsoperationen, digitale Hautimplantate. Aber auch durch medizinische Errungenschaften wie künstliche Hüftgelenke, die es Menschen erlauben, sich schmerzfrei zu bewegen.

Vereinfachend gesagt: Körper ist Werkzeug , Leib ist Beziehung – zu mir selbst und anderen.

Unsere Leiblichkeit läuft größtenteils im Hintergrund d.h. vor-bewusst und vor-sprachlich mit. Für unser Thema ist sie deswegen von so großer Bedeutung, da sie bis zum letzten Atemzug und auch unter veränderten Bewusstseinszuständen erhalten bleibt. Ein demenzkranker Mensch ist noch lange Zeit "leiblich erreichbar". Es ist bloß eine andere Sprache, deren Wörter und Grammatik man kennen sollte.

Selbstfürsorge als Primärprävention – eine Erlaubnis

Der erste Schritt in einer strukturierten leiborientierten Gewaltprävention ist die Selbstfürsorge. Menschen, die auf sich achten und über ihre Bedürfnisse und Befindlichkeiten etwas aussagen können, sind weniger gewaltbereit als solche, die keinerlei Kontakt zu sich selber haben. Im Folgenden ist die vielleicht wichtigste "Übung", um für sich selbst zu sorgen, beschrieben: Den eigenen Raum halten.

In den ersten drei Lebensjahren entwickelt sich die Fähigkeit der Empathie. Wir lernen die Gefühle und Emotionen anderer Menschen wahrzunehmen und sie einzuordnen, indem wir sie in uns selber abbilden (nennen wir sie emotionale Empathie). Ein zweiter Aspekt ist die kognitive Empathie (sie entsteht ca. ab dem 5. Lebensjahr in Form der Selbst-Andere-Differenzierung), die es uns erlaubt, uns in andere hinein zu versetzen, die Welt mit ihren Augen zu sehen und ihr Verhalten und ihre Entscheidungen nachzuvollziehen.

Eine Form von Empathie wird jedoch oft übersehen – die leibliche Empathie. Wir spüren an unserem Leib, wie es anderen geht – ein plötzlicher Druck, ein Spannungsgefühl, aber auch Freude und Lust können auf uns "überspringen". Fällt uns das nicht auf und geben wir das Gefühl nicht zurück, kann es passieren, dass wir es den Rest des Tages (oder länger) mit uns herumtragen. Entsprechend werden unsere Stimmung und unsere weiteren Handlungen aussehen. Alles nur, weil uns diese "Übertragung" nicht bewusst wurde und wir uns nicht davon abgrenzen konnten.

Pflegepersonen, die sich sehr über das intuitive Erspüren des Zustandes der BewohnerInnen definieren, sind hier besonders gefährdet. Als mögliche Strategie in spannungsgeladenen Situationen hat sich ein 4-Schritt-Modell bewährt:

  1. Stopp: Bemerke ich ein Körpergefühl, das ich im Moment davor noch nicht spürte, spreche ich ein inneres "Stopp" aus.
  2. Distanzierung: In einem nächsten Schritt distanziere ich mich vom wahrgenommenen Gefühl, ich "gebe das Gefühl zurück", mit dem inneren Satz: "Das ist deins – nicht meins".
  3. Validierung: Es ist, was es ist" – das Vorgefallene wird gemeinsam mit dem Gegenüber angesprochen und benannt.
  4. Maßnahme: Erst jetzt wird eine passende Handlung gesetzt.

Schritt 1 und 2 gewährleisten, dass ich reflexions- und handlungsfähig bleibe. Mit ein wenig Übung dauern sie nur wenige Momente.

Für Selbstfürsorge on the job braucht es eine „Erlaubnis", eine gemeinsame Verpflichtung aller (die Führungskraft muss das vorleben!), dass leibliche Selbstwahrnehmung und -äußerung und die damit verbundene Distanzierung erlaubt und erwünscht sind. Mit Selbstwahrnehmung ist keinesfalls eine körperlich-narzisstische Nabelschau gemeint, sondern ein reflektierter Umgang mit der eigenen leiblichen Befindlichkeit. Nimmt der/ die MitarbeiterIn eine Belastung wahr, darf diese geäußert werden und eine passende Gegenmaßnahme ergriffen werden, bis wieder ein Zustand des Gleichgewichts bzw. Wohlbefindens erreicht ist. Damit kann einer fatalistisch-resignativen Haltung von "Wir schaffen das schon" oder "Das gehört halt zu unserem Beruf dazu" entgegengewirkt werden.

Körperübungen sind ein weiterer, wichtiger Aspekt der Selbstfürsorge. Da hier der Leib instrumentiert und trainiert wird, sprechen wir in diesem Fall von "Körper". Es handelt sich dabei um Zentrierungs- und Atemübungen; Techniken, um den Schwerpunkt entlang einer inneren Lotlinie zu senken; Schütteln, um Stresshormone schneller abzubauen; Dehnen, um die Faszien (bindegewebige Hüllen, die den ganzen Körper durchziehen) als das wichtigste Organ der Innenwahrnehmung geschmeidig zu erhalten; u.v.m.

Leibdimensionen

Leiborientierte Maßnahmen folgen einer inneren Grammatik. Zu deren Bestandteilen zählen: Raum-Zeit, Polaritäten und ihr sinngebender Bezugspunkt, sowie Aktivität.

Der Leib existiert immer in Raum und Zeit. Er erstreckt sich aus seinem Innenraum in den Außenraum und erschafft eine zeitliche Dauer, die er (meistens) mit anderen Menschen teilt. Kennen wir die Phänomene, die dabei auftreten, können wir sie gezielt beeinflussen. Zu den wichtigsten zählen Nähe und Distanz, Enge – Weite, Fremdes – Bekanntes und Resonanz als Spannungsphänomen (Rosa, 2016).

Bei alten und kranken Menschen zu spüren, welche Nähe oder Distanz sie gerade brauchen, ist essentiell. Über Sprache, rechte körperliche Nähe, vorbereitende Maßnahmen, räumliche Abtrennung kann einer Aggression vorgebeugt werden. Auch der zeitliche Aspekt ist dabei kritisch. Leiborientierte Pflegepersonen kennen den Unterschied zwischen zyklischer und linearer Zeit. Bin ich hier und jetzt bei und mit dem Menschen (zyklisch) oder wünsche ich mir insgeheim, dass die Pflegemaßnahme schon vorüber ist und bin in Gedanken schon beim Nächsten (linear)?

Wichtig ist auch zu wissen, was der Bezugspunkt z.B. der Polaritäten Nähe-Distanz ist. Beide haben nur einen Sinn, wenn ich weiß, dass es eigentlich um Kontakt mit jemandem oder etwas geht. Es macht einen Unterschied in der Begegnung mit einer Bewohnerin, ob ich verzweifelt nach der richtigen Nähe oder Distanz suche, oder ob ich weiß, dass es um Kontakt geht und sich die rechte Distanz ganz selbstverständlich daraus ergibt. Die Haltung, aus welcher Position heraus jemand agiert, ist leiblich spürbar!

Jeder kennt den Ausspruch "In der Situation wurde es eng" und weiß, wie sich das leiblich anspürt. Der Atem wird flacher, die Hände feucht, der Blick starr, Muskelgruppen verspannen sich, Angst entsteht (das Wort Angst entstand aus Enge). Bemerke ich das rechtzeitig, kann ich meine leiblich-empathische Resonanz unterbrechen und meine innere Weite aufsuchen. Deeskalationsmaßnahmen aus dieser Haltung heraus werden besser greifen als wenn ich selber gestresst bin.

Die drei grundlegenden Aktivitäten leiblicher Interaktionen sind (Selbst)Wahrnehmung, Stellungnahme und Äußerung/Handlung (vgl. v. Uexküll, 1986):

  1. Wie nehme ich jemanden wahr? Bin ich sofort auf mich zurückgeworfen, beleidigt und nehme es persönlich? Oder gelingt es mir, mit offenem Herzen und Blick mein Gegenüber wahr- und anzunehmen? Neige ich zu "fürsorglicher Konfluenz (Verschmelzung)" oder bin ich zu distanziert? Wie nehme ich überhaupt sinnlich wahr – bin ich ein visueller, auditiver, olfaktorischer, ... Typ? Die Antwort liegt in meiner Leibbewusstheit.
  2. Zu meiner Wahrnehmung Stellung zu nehmen und dazu etwas auszusagen, darin besteht der geistige Freiraum, über den Viktor Frankl gesprochen hat. Ich bin der Situation nicht ausgeliefert, bleibe (weitgehend) ruhig und reflektiert und kann damit auch wirklich "beim" anderen sein. Wenn das gelingt – wenn sich ein/e BewohnerIn gehört und angenommen fühlt – dann gelingen Beziehungen und Frieden bleibt erhalten.
  3. Beide Schritte sind die Basis für Handlungen. Übergehe ich sie, laufe ich Gefahr, in einen blinden Aktionismus zu geraten. Eine Frage: Wie wirkt jemand leiblich auf Sie, der handelt um des Handelns willen?

Handeln können wir auf zwei Arten – wir machen etwas Ähnliches oder wir machen etwas Fremdes:

  • Ähnliches fördert Vertrauen. Wir benennen das Gemeinsame, schaffen einen sicheren Raum und geben Halt mit einem "Ja".
  • Fremdes provoziert Klarheit. Wir benennen Unterschiede, zeigen Alternativen auf und geben Widerstand mit einem "Stopp".

Leibliche Frühwarnzeichen

Primäre Gewaltprävention findet in den Zeiten statt, wo alles gut geht und ruhig ist. Daher ist es wichtig, die ersten Anzeichen von Aggression schnell zu erkennen. Einige leibliche Äußerungen wurden bereits erwähnt, wie Atmung, Blick, Körperhaltung, ... Aber auch für eine "enge, schwere, angespannte Atmosphäre" sollten MitarbeiterInnen sensibel sein und rechtzeitig nachfragen bzw. gegensteuern.

Ein weiteres wichtiges Indiz ist die Sprache. "Witzige" Bemerkungen auf Kosten anderer, Sarkasmus, Zynismus sowie jede Form von abwertenden Bemerkungen sind oft Zeichen von Überforderung (auch bei MitarbeiterInnen!) und sollten sofort angesprochen werden. Hier sind vor allem die Führungskräfte als Regulativ gefragt. Werden Entwertungen nicht geduldet, gibt das allen Beteiligten Sicherheit und Orientierung.

Leibliche Präsenz als wichtigstes Führungsinstrument – das "Wunder der Anwesenheit"

Führungskräfte müssen für alle Beteiligten spürbar anwesen sein. Gernot Böhme schreibt:

„Anwesenheit ist leibliche Anwesenheit. [...] Diese Erfahrung der Anwesenheit ist immer auch eine Selbsterfahrung. Man ist anwesend [...] aber dabei erfährt man auch die eigene Präsenz. [...] Der Ausdruck „anwesend sein" impliziert, dass wir in einer ausgedehnten Dauer hier anwesend sind. Und es ist immer eine geteilte Anwesenheit mit anderen Menschen oder mit Dingen, ein Zusammenleben gewissermaßen."

Wird der Führungsraum nicht ausgefüllt, nehmen ihn sehr schnell andere ein. Umso wichtiger ist es, dass eine Führungskraft ein Verständnis von Leiblichkeit und atmosphärischer Führung (Julmi, Rappe, 2018) hat. Selbstfürsorge und ein Verständnis des empathischen "4-Schritts" ermöglichen es ihr, auch in engen Situationen Weite zu bewahren und schnell und angemessen zu agieren.

Einer der Hauptgründe für Aggression und Gewalt ist, dass Menschen nicht wissen oder nicht spüren, wo ihr Platz ist bzw. ob sie in einer Gemeinschaft dazugehören (ein großes Thema bei demenzkranken Menschen). Hier braucht es klare verbale und non-verbale Kommunikation seitens der Führung. Sie steht im Zentrum des Hauses, sie ist der Drehpunkt, die Achse, um die herum sich die anderen Beteiligten zyklisch (!) organisieren. Dann läuft die gemeinsame Sache "rund".

Wenn es "kracht"

Manchmal helfen keine Präventionsmaßnahmen und auch ein ausgefeiltes Instrumentarium an leiblichem Gespür und Methoden versagt. Die Situation eskaliert, es kommt zu gewalttätigen Übergriffen. Abgesehen von Krisenplänen sind jedoch auch hier Leibkriterien zu berücksichtigen. Gelingt es mir (z.B. als Pflegeperson gegenüber einem Bewohner) gefasst und kontrolliert zu bleiben und spüre ich die rechte Distanz zum Gegenüber? Traue ich mich, so authentisch "Stopp" und "Nein" zu sagen, dass mich der Aggressor ernst nimmt? Und vor allem: Behalte ich den Zugang zu meiner Leib-Intelligenz? Diese bildet die Grundlage des Hausverstandes, der in gewaltvollen Situationen kreative und ungewöhnliche Lösungen ermöglicht.

Nachsorge für Pflegepersonen, die von Gewalt betroffen waren, sollte leiborientiert sein. Wo am Körper ist das Ereignis noch spürbar? Gelingt es, die relevanten Körperzustände (im Sinne von "zuständlich" = nicht dynamisch) zu benennen, ist die Chance groß, dass die leidvolle Erfahrung gut verarbeitet wird. Die wichtige Erfahrung wird integriert und die traumatisierende Erfahrung wird losgelassen.

Resümee

Vieles, was hier geschrieben wurde, wird MitarbeiterInnen in Pflege- und Betreuungsberufen aus ihrem Arbeitsalltag bekannt sein. Der Unterschied bezüglich Gewaltprävention kann erstens darin bestehen, in diesen alltäglichen Handlungen eine Systematik zu erkennen, die auch beeinflusst und methodisch gesteuert werden kann. Und zweitens, dass Pflegepersonen immer aktive GestalterInnen der momentanen Atmosphäre und Situation sind.

Anton Stejskal MSc, Psychosozialer Berater, Lehrtrainer für Integrative Körperarbeit, Cranio-sacral Osteopath, Logopädagoge (Viktor Frankl Zentrum), Berater für Organisationsentwicklung (ÖAGG), Psychodrama-Theaterleiter (ÖAGG); langjährige Erfahrung als Teamentwickler und Trainer im Spitalsbereich und in Sozialhilfeorganisationen.

Literatur

  • [1] Böhme, G.: Bewusstseinsformen Paderborn: Fink, 2017
  • [2] Bauer, J.: Warum ich fühle, was du fühlst. Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone. München: Heyne, 2005
  • [3] Frankl, V. E.: Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. O.J. München: dtv., 2007
  • [4] Julmi C., Rappe G.: Atmosphärische Führung. Stimmungen wahrnehmen und gezielt beeinflussen. München: Hanser, 2018
  • [5] Rosa, H.: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehungen. Berlin: Suhrkamp, 2016
  • [6] Uexküll v., T.: Psychosomatische Medizin München: Urban & Schwarzenberg, 1986