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zusammenLeben ohne Gewalt

THEMEN 2019

Menschen- vor allem Mädchenhandel in Nicaragua und speziell im Projektgebiet von MIRIAM in ländlichen Gemeinden an der Grenze von Nicaragua zu Honduras

Portrait Dr.in Doris Huber

Dr.in Doris Huber

Expertinnenstimme

Dr.in Doris Huber

Aufgrund der geographischen Lage des Projektgebiets im "Departamento de Chinandega" in der Nähe der Grenze zu Honduras und an einer der Hauptverkehrsstraßen des Landes gelegen - vom Grenzposten El Guasaule sind es nur vier Kilometer bis zum gröβeren Ort Somotillo und von dort nur etwa 100 km bis zum größten Hafen Nicaraguas, Corinto - wird das Problem des Menschenhandels "Trata de Personas" in den letzten Jahren zunehmend stärker wahrgenommen.

Diese "Sklaverei des 21. Jahrhunderts"[1] konzentriert sich in Nicaragua hauptsächlich auf das Departamento de Chinandega und auf Orte, die in- und ausländische Touristen besuchen, wie etwa die Hautpstadt Managua und die Kolonialstadt Granda im Süden des Landes.

Vor allem Frauen sowie Mädchen und Burschen im Jugendalter aus einkommensschwachen Familien aus ländlichen Gemeinden und ohne berufliche Perspektiven werden von den MenschenhändlerInnen mit falschen Versprechungen in andere Orte des Landes oder über die Grenze nach Honduras und weiter nach Guatemala verschleppt, wo sie der Zwangsprostitution bzw. der Ausbeutung als Arbeitssklaven zum Opfer fallen. Angesichts der sozialen und politischen Krise in Nicaragua und der zunehmend schwierigeren wirtschaftlichen Situation der Bevölkerung hat sich in den letzten Monaten das Problem des Menschenhandels noch verstärkt.

Im Februar 2015 trat das Gesetz gegen Menschenhandel "Ley 896 Contra la Trata de Personas" in Kraft[2], das den Behörden einen verstärkten gesetzlichen Rückhalt gibt und ihnen mehr Handlungsspielraum ermöglicht. Nach diesem neuen Gesetz kann Menschenhandel als schweres Verbrechen mit bis zu 14 Jahren Haft geahndet werden, darunter fallen Organhandel, betrügerische Adoptionen mit dem Zweck von sexuellem Missbrauch und kommerzieller sexueller Ausbeutung, Entführungen etc. zum Beispiel in Tourismusgebieten.

Trotzdem gibt es von Seiten des Staates kein Engagement, Fälle von Menschenhandel ausreichend zu dokumentieren. In den Polizeistationen gibt es wenig spezialisiertes Personal, was laut dem Forscher Augusto Will vom Institut für Sozialforschung und öffentliche Politik IEEPP dazu beiträgt, dieses Verbrechen "unsichtbar zu machen"[3].

Es gibt auch deshalb wenig offizielle polizeiliche Anzeigen, da Menschenhandel mit dem organisierten Verbrechen im Zusammenhang steht und schlecht fassbar ist. Einmal jenseits der Landesgrenze ist Interpol für die Fälle zuständig, was sich jedoch in der Praxis als äußerst schwierig darstellt. Viele Familien geben sich auch - wissentlich oder unwissentlich - aus Scham oder Unsicherheit lieber der Illusion hin, dass "der Sohn oder die Tochter eine gute Arbeit im Ausland gefunden hat und sich bloß länger nicht gemeldet hat."

Methodische Arbeit des MIRIAM-Teams zur Prävention von Menschenhandel

Die Mitarbeiterinnen von MIRIAM setzen sich seit 2006 im Rahmen mehrerer Projektvorhaben tatkräftig für die Durchsetzung der Rechte von Frauen, Kindern und Jugendlichen auf Bildung, ökonomische Unabhängigkeit und ein Leben ohne Gewalt ein und koordinieren ihre Tätigkeit mit verschiedenen Organisationen und staatlichen Behörden im Projektgebiet. Dabei kommt dem Bildungsprogramm zur Prävention aller Formen von Gewalt und Menschenhandel in Form von regelmäßigen Workshops und kleineren Vorträgen zu sozialpsychologischen und rechtlichen Themen besondere Bedeutung zu.

Diese Bildungsveranstaltungen finden in den Dörfern und in den teilweise sehr entlegenen Landgemeinden statt, entweder im Rahmen einer Gemeindeversammlung, bei den "visitas casa a casa", den Hausbesuchen des Projektteams in Dörfern und Siedlungen sowie in Gesundheitszentren und an den Grund- und Sekundarschulen. Dabei werden die Anwältinnen und Psychologinnen des Projekts von den Universitätsstipendiatinnen von MIRIAM unterstützt, die ihrerseits eine begleitende Ausbildung zu Promotorinnen für Gewaltprävention erhalten. Bei den Veranstaltungen wird auch gut verständliches Informationsmaterial (Faltblätter, Broschüren, Plakate) über die verschiedenen Themen verteilt.

Die partizipativen Methoden und das vertrauensvolle Gesprächsklima tragen wesentlich zur Bewusstseinsbildung und zu einem besseren Wissen über die Rechte von Frauen, Kindern und Jugendlichen bei, aber auch auf welche Weise diese Rechte durchgesetzt werden können - denn: "Ein Recht, das man nicht kennt, ist ein verlorenes Recht!".

Den Betroffenen wird Mut gemacht, Risiken zu erkennnen, den Gewaltzyklus zu durchbrechen, Information und Unterstützung im MIRIAM-Büro zu suchen und einen neuen Anfang für ein selbstbestimmtes Leben zu wagen.

Der Zusammenarbeit mit den Schulen kommt besondere Bedeutung zu, da Kinder und Jugendliche später als Erwachsene mit anderen Werten und positiven Haltungen ihre persönlichen und sozialen Beziehungen gestalten können.

In Koordination mit den DirektorInnen und LehrerInnen der Landschulen werden auch Seminare und Workshops für Mütter und Väter der Elternvereine durchgeführt. Dabei geht es vor allem um Themen wie Erziehung ohne Gewalt, positive Kommunikation in der Familie als wichtiges Element zur Prävention von Gewalt und Menschenhandel, u.ä.

Bei den Workshops mit Jugendlichen über Menschenhandel werden vor allem zwei Themenbereiche speziell angesprochen:

Menschenhandel

  • Risikogruppen und Ursachen ihrer Gefährdung;
  • die Strategie der MenschenhändlerInnen, um ihre potentiellen Opfer zu überzeugen;
  • psychologische und soziale Folgen von Menschenhandel;
  • wer bietet Unterstützung?
  • Kann man Anzeige erstatten?
  • Welche Hindernisse können auftreten?
  • Welche Präventionsmöglichkeiten gibt es und wie kann man sie umsetzen?

Soziale Netzwerke

  • Welche sozialen Netzwerke gibt es?
  • Wie nützen sie MenschenhändlerInnen um ihre Opfer zu überzeugen?
  • Ratschläge für eine verantwortungsvolle Nutzung der sozialen Netzwerke.

Die Herausforderung besteht darin, sowohl in den Workshops als auch in den Beratungsgesprächen die Jugendlichen zu informieren und zu stärken und mit ihnen gemeinsam an der Überwindung von Angst und Unwissenheit zu arbeiten.

Gleichzeitig sollen Familien motiviert werden, Unrecht wie sexuelle Gewalt oder die Verschleppung von Mädchen und Burschen nicht länger zu verschweigen, sondern öffentlich zu machen bzw. bei der Polizei anzuzeigen und die psychischen Hemmschwellen zu überwinden.

[Managua, Nicaragua im März 2019]

Das Projekt der "Stärkung von Gendergerechtigkeit, Förderung und Durchsetzung der Rechte von Frauen, Kindern und Jugendlichen" im ländlichen Norden Nicaraguas wird von der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit ADA, dem Land Kärnten und verschiedenen kirchlichen Organisationen aus Österreich, der Schweiz und Deutschland unterstützt.

Dr. Doris Huber, Geschäftsführerin des MIRIAM-Bildungsprojekt zur Frauenförderung