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zusammenLeben ohne Gewalt

THEMEN 2019

Die Kraft der Widerständigen - Resilienz in der Begleitung von Burschen und Männern

Portrait Mag. Dr. Ernst Ehrenreich

Mag. Dr. Ernst Ehrenreich

Expertenstimme

Mag. Dr. Ernst Ehrenreich

Als Kind habe ich gerne den Erzählungen der "Alten" gelauscht - und war dabei von deren Ausdauer und "Widerständigkeit" im bergbäuerlichen Leben mit der Natur beeindruckt. Auch das Kreuz, dass im Herrgottswinkel jener Höfe hing, erzählt die Geschichte vom widerständigen Weg eines Mannes, der unsere Kultur wie kaum ein anderer geprägt hat. 

In der Gestalt Jesu verdichteten sich die Erfahrung von Generationen, dass Scheitern wesentlich zum Menschsein gehört - und das Leben auch unter widrigsten Bedingungen (wieder) zum Durchbruch kommen kann. In unserer modernen, säkularisierten Welt lässt sich eine ähnliche Dynamik im Phänomen der "Resilienz" beobachten.

Ausgangspunkt ist die Entdeckung, dass manche Kinder, die unter belastenden Umständen aufwuchsen, sich positiv entwickelten und ihr Leben zu meistern lernten, während andere ein Scheitern erleben mussten. Die Resilienzforschung kann als Suche nach dieser "Kraft der Widerständigen" verstanden werden. 

Als die amerikanischen Psychologinnen Emmy E. Werner und Ruth S. Smith 1955 begannen, alle auf der hawaiianischen Insel Kauai in diesem Jahr geborenen Kinder in einer Längsschnittstudie über 40 Jahre lang zu begleiten, wurde ihnen Folgendes deutlich: Etwa dreißig Prozent der von ihnen untersuchten 698 Kinder waren "Hochrisikokinder", weil sie gleichzeitig mehrere Risikofaktoren (z.B. chronische Armut, Geburtskomplikationen, psychische Erkrankung der Eltern, belastete Familienverhältnisse) zu bewältigen hatten. 

Ein Drittel von ihnen zeigte sich im Lauf der Jahre erstaunlich widerstandsfähig und entwickelte sich positiv. Dazu schreibt Werner rückblickend, "Ich erkannte, dass das Aufwachsen unter solchen Bedingungen nicht bedeutete, dass sich jedes Kind notwendigerweise schlecht entwickelte, denn wir untersuchten nicht nur das Leben derer, die ‚untergingen', sondern auch derer, die ‚erfolgreich überlebten'". 

Ausschlaggebend für die unterschiedliche Entwicklung und das "Überleben" sind vielfältige personale, familiäre und soziale Faktoren. Zu den personalen Schutzfaktoren gehören z.B. eine positive Selbst-Wahrnehmung und Lebenseinstellung, die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und Selbstkontrolle, eine realistische Selbsteinschätzung, das Vorhandensein von Zielen, sowie eine gesunde religiöse Orientierung. 

Als familiäre Schutzfaktoren gelten u.a. 

  • die Stabilität der Familie, 
  • eine sichere Beziehung zu Eltern, Geschwistern, Kindern und auch 
  • ein gewisse ökonomische Sicherheit. 

Die sozialen Schutzfaktoren umfassen beispielsweise 

  • positive Rollenmodelle, 
  • die Qualität der Bildungsinstitutionen und 
  • die Integration in prosoziale Gruppen. 

Neuere Forschungen betonen die Prozesshaftigkeit, Situationsabhängigkeit und Multidimensionalität von Resilienz. Damit eröffnet sich eine Fülle von Möglichkeiten im Beratungsprozess, Impulse zur Bewusstwerdung und Stärkung der persönlichen Widerstandsfähigkeit zu geben.

Ein Ansatzpunkt für solche Impulse, ist die körperliche Situation des Klienten. Meist drücken sich persönliche Krisen ja auch in Form von körperlichen Symptomen aus, die im Beratungsgespräch oft zuerst thematisiert werden.

Der israelische Stressforscher Aaron Antonovsky, der den Begriff der Salutogenese geprägt hat, versteht Krankheit und Gesundheit nicht mehr als einander ausschließenden Zustände, sondern als Pole eines Kontinuums. Als wesentlicher Faktor zur Bündelung der Widerstandsressourcen und Stärkung der Gesundheit benennt er das Kohärenzgefühl (sense of coherence) - eine kognitive wie affektiv-motivationale Grundhaltung. 

Während Antonovsky davon ausging, dass dieses Grundgefühl ab dem Erwachsenenalter eine vergleichsweise stabile Größe darstellt, arbeitete die salutogenetische Forschung (analog zur Resilienzforschung) die Vielschichtigkeit und lebenslange Dynamik der protektiven Faktoren heraus.

Auch das Geschlecht scheint innerhalb dieser multifaktoriellen Dynamik eine erkennbare Rolle zu spielen. So kommen einige der Längsschnittstudien zum Schluss, dass Mädchen bis zur Pubertät seltener als Jungen an psychischen Störungen erkranken. Ab der Pubertät kehrt sich das Verhältnis dann um, wobei depressive Erkrankungen und Essstörungen bei Mädchen besonders zunehmen. Im Erwachsenenalter erholen sich (wenigstens die in der Kauai-Studie untersuchten Frauen) eher als ihre männlichen Kollegen, was sich auch in deren besserer sozialen Integration widerspiegelt.

Grundsätzlich Anfälliger zeigen sich Jungen im Hinblick auf Lernbehinderungen und externalisierende Verhaltensstörungen, während Mädchen eher für internalisierende Störungen empfänglich sind. Verantwortlich für die abweichende Resilienz von Jungen und Mädchen scheinen unterschiedliche, kontextabhänginge Faktoren zu sein.

Jungen und Männer machen in ihrer Entwicklung zum Teil andere Erfahrungen als Mädchen und Frauen; damit sind sie unterschiedlichen Risiken ausgesetzt, können aber auch ihre Ressourcen dementsprechend entwickeln. Zudem werden Auffälligkeiten bei Jungen früher und häufiger bemerkt, weil diese Probleme eher externalisieren (z.B. durch aggressives Verhalten). Oft liegt hier der Grund, dass Burschen und Männer in der Männerberatung landen.

Externalisierte Gewalt ist dabei häufig wie die "Spitze eines Eisberges" - dessen Großteil unsichtbar bleibt - und auch im Beratungsgespräch nur in Bruchstücken thematisiert wird. Folgt man dabei dem Resilienz-Ansatz, so gilt es die Symptome an der Oberfläche ernst zu nehmen - und zugleich der personalen, familiären und sozialen Dimension "im Untergrund" Raum zu geben.

Die vielfältigen, subjektiven Lebenswelten der Burschen und Männer bergen deren spezifischen Risiken - aber auch deren individuelle Ressourcen. Durch das biografische Erzählen des "Alltags" im Beratungsprozess können beide Aspekte schrittweise sichtbar und bewusst werden. Zugleich erhält die Biografie des Burschen / Mannes Wertschätzung - schon allein durch die investierte Zeit und das wache Zuhören des Beraters.

"Mein Leben ist interessant und wertvoll genug, um in der Beratung im Zentrum zu stehen". Ein Schlüssel zur Entwicklung - auch schwieriger Situationen - ist die Arbeit am Kohärenz-Gefühl. Dabei steht im Zentrum, was für den Burschen / Mann im Rahmen seiner Lebenswelt - und darüber hinaus - erstrebenswert ist, was subjektiv Sinn" macht, dem eigenen Leben einen roten Faden verleiht und wofür es sich zu kämpfen lohnt.

Die Orientierung der Aufmerksamkeit auf diese weiterführenden Ressourcen und Ziele wird damit schrittweise eingeübt. Zugleich braucht es ein kritisches Korrektiv durch den Berater, da der subjektive Sinn nicht alle Mittel heiligt. Im Kohärenzgefühl fließen viele der im Beratungsprozess angestoßenen Themen zusammen - die Arbeit daran erfolgt also oft auch athematisch und indirekt.

Machbarkeitsdenken (von Seiten des Klienten und des Beraters) stößt dabei regelmäßig an seine Grenzen, da es sich beim Kohärenzgefühl um eine Art von Vertrauen handelt, das in tieferen Schichten des Menschen angelegt und dem direkten Zugriff durch Methoden und Interventionen entzogen ist.

Mit Kohärenz kann man nur (wieder) in Berührung kommen - und zwar dort wo ein Mensch mit seinem eigenen Leben - mit sich selbst - ehrlich in Berührung kommt. Dabei kann das Erzählen, Zuhören, Nachfragen und Konfrontieren im Rahmen der Beratung helfen. Damit schließt sich der Kreis zum Staunen meiner Kindheit.. über harte, oft abgründige Lebenswelten, in die ich - zuhörend - einen Blick werfen darf, und die vielfältige Widerständigkeit ihrer Erzähler.

Mag. Dr. Ernst Ehrenreich, Theologe und Pädagoge - Team der Männerberatung Mannsbilder Innsbruck

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