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zusammenLeben ohne Gewalt

THEMEN 2020

Erasmus-Projekt "Geschlechtergerechtigkeit und Schule"

Portrait Mag.a Renate Tanzberger

Mag.a Renate Tanzberger

Expertinnenstimme

Mag.a Renate Tanzberger

Stellen Sie sich vor, Sie sind Lehrer*in und erleben folgende Situationen:

  • Eine Schülerin von Ihnen wird immer unaufmerksamer im Unterricht und erscheint Ihnen sehr bedrückt. Sie bekommen mit, dass die Schülerin seit einigen Monaten einen Freund hat, der eifersüchtig ist, zunehmend kontrollierender wird und auch schon gewalttätig war.
  • Sie gehen durchs Schulhaus und Ihnen fällt auf, dass nur Bilder und Zitate von „großen Männern" zu sehen sind.
  • Bei der Bildungsberatung erzählt Ihnen ein Schüler, dass er gerne mit Kindern arbeiten würde, seine Eltern aber finden, das sei kein Job für einen Mann.
  • Schülerinnen beschweren sich bei Ihnen über einen Kollegen, der frauenfeindliche Sprüche von sich gibt.
  • Als Sie in der Pause an einer Garderobe vorbei gehen, merken Sie, wie ein paar Schüler einen Mitschüler in die Ecke drängen und ihn als „schwule Sau" beschimpfen.
  • Ein Elternpaar teilt Ihnen in der Sprechstunde mit, dass ihre Tochter nicht an der Klassenfahrt teilnehmen wird, weil sie Sorge haben, dass es kein Essen geben wird, das halal ist und dass ihre Tochter in einem Raum ohne Aufsicht übernachten müsse.
  • Als Sie die Klasse betreten, hören Sie, wie ein Schüler sagt: „Wenn eine ‚nein' sagt, meint sie eigentlich ‚ja'. Die Mädls zieren sich einfach immer am Anfang."

Was diese Situationen mit unserem Erasmus+-Projekt zu tun haben, kläre ich etwas später auf. Zunächst gehe ich auf den Verein EfEU sowie auf die Ziele und die Umsetzung des Projekts ein.

EfEU und Informationen zum Erasmus+-Projekt

Der Verein EfEU widmet sich den Schwerpunkten Gender, Diversität und Bildung. Ziel unseres Vereins ist es, zur Geschlechtergleichstellung und zum Abbau von Geschlechterstereotypen in Bildungsorganisationen beizutragen.

Als wir daher gefragt wurden, ob wir uns vorstellen können, uns an einem Erasmus+-Projekt mit dem Titel „Towards Gender Sensitive Education" zu beteiligen, haben wir gerne zugesagt. Unsere Projektpartner*innen sind die Masaryk Universität und das Gender Information Centre NORA - GIC NORA (Brno/Tschechische Republik) sowie die ELTE Universität - Institut für Pädagogik und die Hungarian Women's Lobby - HWL (Budapest/Ungarn).

Unsere Ausgangsüberlegung waren, dass 

  1. Geschlechterstereotypen einen großen Einfluss auf Schüler*innen und ihre Lernchancen haben,
  2. Schule die Möglichkeit bietet, Fragen der Gleichstellung auf den verschiedenen Handlungsebenen des schulischen Lehrens und Lernens zu thematisieren und
  3. Lehrkräften dabei eine besondere Rolle zukommt.

Das Projekt startete 2017 und in einer ersten Phase widmeten wir uns einer Desk Research, bei der wir nationale Dokumente bzgl. Schul- bzw. Hochschulbildung und Gender in den drei beteiligten Ländern verglichen. Und hier zeigte sich, dass Österreich gute gesetzliche Grundlagen für die Umsetzung von geschlechtssensibler Pädagogik bietet.

Unsere Projektpartner*innen in Ungarn und in der Tschechischen Republik führten außerdem Ethnografische Forschung in Schulen durch. Die Ergebnisse dieser Beobachtungen veröffentlichten wir ebenso wie die Auswertungen von Fokusgruppengesprächen mit Lehrer*innen, Lehramtsstudierenden und Fortbildner*innen in einem Comparative Report [1] und sie flossen in unsere Weiterarbeit ein.

In der nächsten Phase konzipierten wir – im Austausch mit den Projektpartner*innen – Trainings zu geschlechtssensibler Pädagogik für Lehramtsstudierende und für Lehrkräfte der Sekundarstufe I. 

Die Durchführung in Österreich erfolgte 2018/19 in Form einer Lehrer*innen-Fortbildung in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Wien sowie mittels einer Lehrveranstaltung an der Universität Wien im Rahmen der Lehramtsausbildung. Parallel dazu waren wir an der Entwicklung von fünf Videos beteiligt, die Geschlechterfragen im Unterricht bzw. in der Schule thematisieren.

Unsere Erfahrungen mit den in den Trainings eingesetzten Methoden stellen wir nun in einem Handbuch zur Verfügung. Wir verstehen dieses als Toolkit für Aus- und Fortbildner*innen, die (angehende) Lehrkräfte für das Thema Geschlecht und Bildung sensibilisieren und qualifizieren wollen. Viele der Methoden/Übungen können aber auch direkt von Lehrkräften im Unterricht eingesetzt werden.

In der letzten Phase (die bis Herbst 2020 dauern wird) verbreiten wir die Ergebnisse des Projekts in Form von Artikeln [2], einer eLecture „Gemeinsam gegen Diskriminierung" [3] sowie mittels Veranstaltungen. Coronabedingt wird sowohl das Treffen mit Personen aus dem Bildungsbereich (Ministerium, Pädagogische Hochschulen, Universitäten) als auch eine öffentliche Veranstaltung für Fortbildner*innen, Lehrkräfte, Studierende und andere Interessierte erst im Herbst 2020 stattfinden.

Nun möchte ich noch näher auf die Videos und das Handbuch ein- und der Frage nachgehen, wie diese mit den anfangs vorgestellten Situationen zusammenhängen.

Videos

In fünf jeweils ein-minütigen Videos beleuchten wir die Verantwortung von Schule/Lehrer*innen in Zusammenhang mit homophobem Bullying, Lehrer*in-Schüler*innen-Interaktionen, Berufsberatung, sexuelle Belästigung und Wertschätzung von Diversität.

Im Video „Parallelszene: So oder so" geht ein Mädchen durch ein Schulhaus und kann auf magische Weise Situationen verändern, die ihr negativ auffallen. Als sie an einer Galerie mit Fotos von ausschließlich berühmten Männern vorbeikommt, fügt sie beispielsweise das Bild von Roza Bedy Schwimmer, einer ungarischen Feministin und Pazifistin, ein.

Sie verändert die Bilder in einem Schaukasten, der Mädchen und Buben ausschließlich in sehr traditionellen Rollen zeigt. Sie lässt das Wort „Schwuchtel", das sich auf einer Garderobentür befindet, verschwinden.

Bildausschnitt aus dem Video Parallelszene, So oder so Bildauschnitt aus dem Video Doppelstandard Bildausschnitt aus dem Video Berufsberatung

Bildausschnitt aus dem Video Sexuelle Belästigung Bildausschnitt aus dem Video Homophobes Bullying

Beim Video über sexuelle Belästigung wird eine Schülerin bedrängt und die unterschiedlichen Reaktionen von Seiten der Schule (sie nicht ernst nehmen bzw. sie unterstützen) haben Auswirkungen auf ihr späteres Leben.

Diese und die drei weiteren Videos sind als Teaser gedacht, um eine Auseinandersetzung zum jeweiligen Thema zu starten. Sie bieten einen niederschwelligen Einstieg, im Handbuch, das ich noch vorstellen werde, sind sie mit Reflexionsfragen versehen und manchmal auch in eine größere Aktivität eingebunden.

Das Video „Parallelszene" kann beispielsweise mit einem Beobachtungsbogen verbunden werden, mit dem Lehrkräfte, aber auch Schüler*innen, durch ihr Schulgebäude gehen und feststellen können, wie weit Gleichstellung und Diversität sichtbar sind.

Die Videos, die von Kateřina Hausenblasová and Tereza Peroutková gemacht wurden, gibt es jeweils in Deutsch, Englisch, Tschechisch und Ungarisch auf der Projektwebsite [4] und wir freuen uns sehr, wenn sie Einsatz finden.

Handbuch

Während ich diese Zeilen schreibe, ist die englischsprachige Ausgabe des Handbuchs, mit dem wir dazu beitragen wollen, die Genderkompetenz von (angehenden) Lehrkräften zu erhöhen, in der Phase des Layouts. Wenn Sie diesen Artikel lesen, ist es wahrscheinlich schon auf der Projektwebsite [5] verfügbar. Die Ausgaben in Deutsch, Tschechisch und Ungarisch sollten Ende Juni folgen.

Inhalt des Handbuchs: Towards Gender Sensitive Education

Im Hauptteil des 190-seitigen Handbuchs stellen wir 50 Methoden vor, die wir in unseren Pilotkursen eingesetzt haben und beschreiben sie ausführlich, mit den Kategorien: 

  • Ziele – erwartete Ergebnisse
  • Arbeitsform
  • Dauer
  • Vorbereitung und Material
  • Ablauf
  • Tipps
  • Varianten
  • Aufgepasst

Dabei geht es um 

  • das Beginnen eines Kurses,
  • um Begrifflichkeiten (Geschlecht/Gender),
  • um geschlechterdifferenzierende Sozialisation,
  • Wechselwirkungen zwischen Schule und Gesellschaft,
  • geschlechtersensiblen Unterricht (allgemein und bezogen auf die Unterrichtsfächer),
  • Berufswahl,
  • LGBTIQ* und Schule,
  • schulbezogene geschlechtsspezifische Gewalt, aber auch 
  • um Aktivitäten außerhalb der Präsenzzeiten (Einsatz von Beobachtungsbögen, Medien- und Schulbuchanlysen, Textarbeit) sowie 
  • um Wrap-up-Aktivitäten und Evaluierung.

Das Anfangskapitel mit dem Titel „Theaterarbeit als Möglichkeit zur Erforschung der Welt" widmet sich dem Potenzial von Methoden und Techniken aus der Theaterarbeit in der Arbeit mit Lehrkräften. Passend dazu gibt es auch eine Sammlung mit über 20 kurzen Geschichten, großteils basierend auf Erfahrungen der Teilnehmer*innen der Pilotkurse, die mit diesen Methoden bearbeitet werden können.

Abgesehen von den fünf von uns produzierten Videos beschreiben wir weitere 11 Videos, mit denen wir gerne in unseren Trainings arbeiten – diese sind den oben erwähnten Kapiteln jeweils thematisch zugeordnet.

Einen weiteren Benefit stellt das Kapitel „Kursdesign" dar. Hier finden sich fünf Kurse (für Lehrkräfte oder Lehramtsstudierende), die (in Präsenzphasen und in Aktivitäten außerhalb dieser Phasen) 30 Stunden abdecken und mit den Übungen innerhalb des Handbuchs verknüpft sind.

Zurück zum Anfang

Die anfangs beschriebenen Situationen werden in unserem Handbuch auf unterschiedliche Weise bearbeitet: durch theaterpädagogische Methoden (Improvisation, Soziodrama, Forumtheater, ...), durch Beobachtungsbögen, durch die von uns erstellten oder empfohlenen Videos, mittels Diskussion von Texten. All dies lebt vom Engagement der Trainer*innen und den Erfahrungen und dem Sich-Einlassen der Teilnehmer*innen.

Ich hoffe, mit meinem Text neugierig gemacht zu haben und freue mich, wenn wir Rückmeldung zu unseren Videos und zum Handbuch bekommen.

Wenn es uns mit dem Handbuch (und in Folge mittels Trainings, die von uns oder anderen Trainer*innen abgehalten werden) gelingt, dass Lehrkräfte sich verantwortlich fühlen, in diesen oder ähnlichen Situationen einzugreifen, wenn sie geschlechtersensible Pädagogik als eine Bereicherung erleben und wenn sie Anregungen bekommen haben, wie sie zu einer geschlechtergerechteren (Schul-)Welt beitragen können, haben wir unser Ziel erreicht.

Dass es dafür auch Ressourcen durch die (Bildungs-)Politik braucht sei der Vollständigkeit halber an dieser Stelle ebenfalls erwähnt.

EU Flagge und Hinweis auf Förderung durch das Programm  Erasmus+ der Europäischen Union 

Mag.a Renate Tanzberger vom Verein EfEU

 

Literatur

  • [1] Kateřina Hodická (GIC-NORA), Dagmar Krišová (MU), Lilla Lukács (ELTE), György Mészáros (ELTE), Lenka Polánková (MU), Dorottya Rédai (ELTE), Réka Sáfrány (HWL), Claudia Schneider (EfEU), Lukáš Slavík (GIC-NORA), Renate Tanzberger (EfEU): Gender in national education documents and teaching resources, and in teachers' pedagogical approaches and everyday teaching practices in Austria, the Czech Republic and Hungary. Comparative report Brno, Budapest, Vienna, 2019
    PDF
  • [2] Dagmar Krišová, Dorottya Rédai, Claudia Schneider: Project: Enhancing gender sensitivity of teacher trainee students in Austria, the Czech Republic and Hungary (Inspiration) In: Sociální pedagogika |Social Educationvolume 8, issue 1, S. 112–113, April 2020., 2020
    PDF
  • [3] eLecture "Gemeinsam gegen Diskriminierung" 2020

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  • [4] Gender Sensed Outputs - Videos (in Englisch, Deutsch, Tschechisch und Ungarisch)

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  • [5] Towards Gender Sensitive Education-Handbuch (in Englisch, Deutsch, Tschechisch und Ungarisch) 2020

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