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zusammenLeben ohne Gewalt

THEMEN 2020

Wenn Frauen Männer schlagen

Portrait Josef Hölzl

Josef Hölzl

Expertenstimme

Josef Hölzl

Wie umgehen mit Gewalt und Übergriffen in emotionalen Beziehungen

Wir arbeiten in der Gewaltberatung (und Tätertherapie) bei gewaltfrei.BEZIEHUNGLEBEN der Diözese Linz überwiegend nach dem Ansatz der Phaemoberatung/Phaemotherapie. Ein wesentliches Tool dieser Arbeitsweise ist der Gewaltkreislauf (nach Lempert). Durch dieses Modell wird die Gewaltdynamik nachvollziehbar. Damit wird für die Beratung und Therapie von Menschen, die Gewalt ausüben bzw. erleiden, ein professionelles Instrument verfügbar, welches sie unterstützt, aus der Gewaltspirale auszusteigen.

Tabu weiblicher Gewalt

„Wir sind schon seit 14 Jahren ein Paar und schon bald nachdem wir zusammengezogen sind, sind die Konflikte eskaliert. Sie ist total eifersüchtig und wie sie mich dann mal beim Schauen von so pornografischem Zeugs erwischt hat, ist sie völlig ausgerastet und hat begonnen mit den Fäusten auf mich einzuschlagen. Am Anfang dachte ich mir, sie hat halt einmal die Kontrolle verloren - außerdem geschieht mir eh recht, denn was ich ihr angetan habe, ist ja wirklich schlimm".

Beziehungsgewalt ist überwiegend, aber keinesfalls ausschließlich ein männliches Phänomen.
Nicht in Frage gestellt ist, dass in der Erziehung und Pädagogik auch Frauen Gewalt gegenüber Kindern ausüben. Viel tabuisierter ist, dass Frauen auch Gewalt-Täterinnen gegenüber ihren Partner sein können.

Gewalt, körperliche Übergriffe und sexualisierte Gewalt sind häufiger ein Phänomen unter Burschen und Männern. Es sind faktisch zahlenmäßig mehr Männer, die Gewalt ausüben und erleiden. Zeitgleich sind Männer auch vermehrt Opfer von Gewalt und tragen Verwundungen und Verletzungen durch sie davon.

Wenn hier von gewalttätigem Verhalten die Rede ist, so beziehe ich mich auf einen engen Gewaltbegriff. Gewalt wird als Handlungsbegriff definiert - damit werden Begrifflichkeiten und Realitäten, wie strukturelle, politische, psychische und spirituelle Gewalt nicht ausgeklammert oder gar geleugnet. Doch für die konkrete Arbeit (in Beratung und Therapie) mit Täter*innen und Opfern ist eine möglichst genaue Beschreibung und Benennung des Handelns hilfreich, daher braucht es die Engfassung des Gewaltbegriffes. Denn verantwortet und verändert kann nur konkretes Handeln werden und keine Annahmen, Hypothesen, Interpretationen und Erklärungen von gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen.

Konkrete Handlungen sind demnach:

  • jegliche Form von körperlichen Attacken, Übergriffen und Angriffen,
  • jede Form der sexualisierten Gewalt und
  • Ausbeutung,
  • Erpressen,
  • Nötigen,
  • Einsperren,
  • Androhen von direkter Gewalt,
  • Waffen tragen,
  • Stalking,
  • Verfolgung, (auch in den sozialen Medien).

Schreien, sogenanntes aggressives Verhalten gehört nicht dazu, ebenso nicht Sachbeschädigung und Vandalismus, außer, wenn damit die Erzeugung von Angst und Einschränkung von Autonomie und persönlicher Integrität verbunden ist.

Viele andere Formen von grenzverletzendem Verhalten, von verbalen und seelischen Übergriffen (seelischen Repressalien und Grausamkeiten) sind in ihrer Wirkung erlebt oftmals gleich schlimm - letztlich obliegt die Definitionsmacht bei den Betroffenen und Verwundeten. Eine Bewertung von außen (die der Gesetzgeber allerdings für die Sanktionierung vornimmt), kommt vielfach einem neuerlichen Übergriff nahe.

„Es hat aber nicht aufgehört mit der Eskalation - er (Herr N.) bezeichnete anfangs die körperlichen Attacken seiner Partnerin als Eskalation, obwohl sie ihn immer wieder mit Fäusten geschlagen und auch mit Füßen getreten hat - und ich habe ihr wohl immer wieder Anlässe zur Eifersucht gegeben. Ich bin nebenberuflich Musiker und da komme ich leicht mit anderen Frauen in Kontakt. Das darf ich aber eigentlich nicht. Ich will aber nichts von anderen Frauen, denn ich lieb sie ja".

Finden, was von Nutzen ist

Wir kennen Vorgänge, warum, bzw. wozu in Beziehungen Gewalt ausgeübt wird. Leider müssen wir anerkennen, dass neben Hilflosigkeit, Überforderung, mangelnde Konfliktfähigkeit, mangelnde Affektkontrolle auch gewisse Defizite an Empathie-Fähigkeit Gründe sind, warum oder wozu jemand gewalttätig wird.

Das „wozu" als Fragestellung ist deshalb wichtig, weil wir immer wieder erkennen, Menschen üben Gewalt aus, weil sie funktioniert und - sie schafft kurzfristig, wenn auch fatal - einen Nutzen bzw. eine Lösung. Dieses Verständnis ist für Beratung und Therapie wichtig, denn der „Nutzen" ist an sich ein erstrebenswerter Zustand.

Wichtig: Von Nutzen ist auch die Erlangung von Selbstbestimmung, herauskommen aus der Ohnmacht, sich verständlich artikulieren können, eigene Bedürfnisse ausdrücken können, ebenbürtig und gleichberechtigt zu sein, sich emotional lebendig zu fühlen. Beratungsziel ist dann, wie erreichen Täter*innen diesen „Nutzen" ohne übergriffig und gewalttätig zu werden.

Vom Warum? zum Wozu?

Eine Differenzierung in der Betrachtungsweise wird unterstützt durch einen phänomenologischen Zugang zur Gewaltdynamik. Wenn gelingt, dass wir den Übergriff als das begreifbare Phänomen (nahe der Wirklichkeit) betrachten können, ist in diesem Zusammenhang die aktuelle, aktive und auch zeitlich eingegrenzte wahrnehmbare Gewalthandlung ohne Interpretationen, Hypothese und Erklärungsmodellen im Fokus. Eine phänomenologische Zugangsweise inkludiert auch, dass weniger die „Warum-Frage", sondern die Frage nach dem „Wozu" und „Wofür" gestellt werden darf.

Die Frage nach dem „Warum", also die Ursachenforschung mag soziologisch sinnvoll sein, in Beratung und Therapie verleiten sie, dass wir den Begründungen und Erklärungsmodellen der Klient*innen folgen.

Täter*innen haben mehr oder weniger offen die Absicht ihr Gewalthandeln zu verstecken, zu verschleiern und vor allem von sich selbst abzuweisen. Es lassen sich durch die Ursachenforschung bei Täter*innen viele Gründe finden, warum sie in bestimmten Situationen dazu gekommen sind, Gewalt auszuüben. Selbst wenn dies nachvollziehbar ist, eine Entwicklung in Richtung Eigenverantwortung und Veränderung der persönlichen Einstellung zum eigenen gewalttätigen Tun wird dadurch erschwert - ebenso eine Abkehr vom gewalttätigen Verhalten - was letztlich Ziel jeder Beratung und Therapie sein muss.

Bei Opfern hingegen führt die „Warum-frage" zur irrigen Annahme, dass sie letztlich selber schuld seien, das der/die Partner*in übergriffig geworden ist.

Diese Vorstellung der Mitverantwortung bzw. „Mitschuld": „Du bist ja schuld, dass ich nicht anders konnte.", „Du sprichst nicht mit mir.", „Du lässt mich links liegen.", „Du weichst mir bei allen Konflikten aus.", „Du behandelst mich nur von oben herab.", „Du machst mich so rasend eifersüchtig." usw., übernehmen auch Männer, die von ihren Partnerinnen (oder homosexuellen Partnern) geschlagen werden.

Von Vorstellungen, Rollen und Identitäten

„Ich habe mich nicht richtig gewehrt, denn ich will ihr unter keinen Umständen wehtun. Ich habe noch nie jemand geschlagen, ja als Buben haben wir schon gerauft, aber dann nicht mehr".

Bei Männer spielt auch die sog. Sozialisation eine Rolle, d.h., dass es für manche nach wie vor schwierig ist, sich von ihrer herkömmlichen Vorstellung von Männlichkeit zu lösen bzw. ihr Selbstbild zu erweitern. Der geschlechtsspezifische Aspekt spielt bei Frauen, die Täterinnen werden, in der Regel eine untergeordnete Rolle. Schwierige Gefühle, wie Ohnmacht, sich klein und gedemütigt fühlen und Zurückweisungen werden jedoch ebenso als große Belastung wahrgenommen, wenngleich meist nicht mit einem Verlust an Geschlechtsidentität in Verbindung gebracht.

Die Geschlechtsidentität ist bei vielen Männern eine konstruierte, das bedeutet, es sind durch Sozialisierung und äußere Einflussfaktoren meist stereotype Bilder entstanden, die vorgeben, was ist männlich bzw. unmännlich.

Wenn Frauen (Mütter und Erzieherinnen) Kinder schlagen (ein Tabu im Gewaltdiskurs?), sind Überforderung und Hilflosigkeit in Verbindung mit der nicht einlösbaren Vorstellung und Erwartung von perfekter Erziehung ein brisanter Cocktail und damit Auslöser für Gewalt und Übergriffe. Wir gehen hier von der Annahme aus, dass bei Schwierigkeiten in Erziehung und Beziehung Frauen und Mütter sich eher mit tiefgreifenden Versagensgefühlen konfrontiert sehen als Männer. Dies mag sich im Einzelfall durchaus differenzierter darstellen.

Ähnlichkeiten und Unterschiede - Scham versus Angst

„Ob ich sie angezeigt habe, nein, das würde ich niemals tun. Nicht nur dass mir das peinlich wäre, ich will ihr ja auch nicht schaden. Nur jetzt nach acht Jahren halte ich es nicht mehr aus. Ich habe kein Vertrauen mehr und habe immer schon Angst, wann passiert wieder was. Wir hatten schon viele Gespräche über unsere Eskalationen und da ist sie dann einsichtig und es tut ihr leid. Mit jemand reden darüber kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Wie stehen wir denn dann da...?"

Werden Männer Opfer von häuslicher Gewalt, so ist die Dynamik ähnlich jener, wenn Frauen Gewalt erfahren. Allerdings gibt es beachtenswerte Unterschiede:

Männer empfinden das Geschlagen werden durch eine Frau als besonders beschämend und emotional demütigend bzw. erniedrigend. Sie schildern das Empfinden, als Mann auf allen Linien versagt zu haben. Sie reden dann lange nicht darüber, gehen nicht in Beratungsstellen, schon gar nicht zur Polizei. Dort erwarten sie männliche Polizisten anzutreffen, von denen sie annehmen bzw. denen sie unterstellen, das seien ja „richtige" Kerle und die würden sie daher nicht ernst nehmen.

Die meisten Männer, die von ihren Partnerinnen körperlich Gewalt erfahren - außer die Täterin verwendet eine Waffe - berichten nicht von Angst um Leib und Leben. Der Unterschied, dass Männer auf Frauengewalt mit Scham und wenig mit Angst reagieren ist in der Aufarbeitung zu berücksichtigen.

Männer und Frauen fühlen sich den Täter*innen gegenüber ohnmächtig. Frauen, die geschlagen werden leben sehr schnell in der Angst: „... als nächstes bringt er mich um" - auch wenn Männer beteuern, das würden sie nie tun, erzeugen sie beim weiblichen Opfer dieses mächtige Gefühl Angst.

Männer, die von Frauen geschlagen werden empfinden ihre Ohnmacht beschämend, bzw. sie schildern ihre emotionale Lage „nur" als demütigend, weil Scham möglicherweise akzeptierter ist als Angst?

Unterschiedliche Wirkung - gleiche Strategien

Diese Differenzierungen sollten nicht davon ablenken, dass Frauen, die Täterinnen werden, ähnliche Verharmlosungs- und Verschleierungs-Strategien, Erklärungen bzw. Ausreden haben, wie Männer. Auch Sie geben die Verantwortung an das Opfer ab.

Das heißt für die Beratung und Therapie, es gilt herauszuarbeiten, dass für die Konflikt-Eskalation und für emotionale Demütigungen, wie Zurückweisungen, Schweigen, Ablehnung, Kränkung, Fremdgehen, ... beide verantwortlich sind oder sein können. Für die Androhung und Ausübung von Gewalt ist immer und ausschließlich der oder die Täter*in verantwortlich. – „Ja. Und dann haben SIE zugeschlagen." Konfrontiert Täter*innen immer wieder mit ihrer Verantwortung für ihre Tat.

Fazit

Wir erleben in der Dynamik von Gewalt Ähnlichkeiten bei Männern und Frauen und zeitgleich beachtenswerte Unterschiede. Die Genauigkeit in der Differenzierung hilft sowohl potenziellen Täter*innen, wie auch Opfern und sie ist hilfreich für die Aufarbeitung von destruktiven Mustern und für die Erlangung von konstruktiven Konfliktstrategien.

Eines darf jedoch nicht übersehen werden: Die Anzahl von Männern, die in Erwachsenen-Beziehungen gewalttätig werden, ist um ein vielfaches höher. Auch dann, wenn wir eine Dunkelziffer von Gewalt von Frauen an Männern miteinkalkulieren. Zur Dunkelziffer kommt es, weil, weibliche Beziehungsgewalt sowohl individuell, wie auch im öffentlichen Diskurs ein Tabu ist.

Nachwort für die Aufarbeitung in Beratung und Therapie

Folgende drei Ebenen der Gewalt, müssen je nach Gewalthandlung und Situation individuell in einen Bezugsrahmen gesetzt werden:

  • Blick auf das Opfer, auf das Opfersein (Opferempathie),
  • Blick auf die Tat, auf den/die Täter*innen (Spannung: Empathie und Konfrontationen)
  • Blick auf die Berater*innen und auf das Helfersystem (Beratungskompetenz und Zuständigkeit)

Zusammenfassend eröffnet Gewaltberatung und Täter*innen-Therapie einen Beziehungsraum, wo Klientinnen und Klienten ganzheitlich ankommen können. Wir selbst als Berater und Beraterinnen mit unserer Haltung und Kompetenz sind die tragende Säule dieses Bezugsrahmens. Dadurch ermöglichen wir die Arbeit an der Wahrnehmungs- und Gefühlskompetenz, fördern die Selbstregulation und die Empathie-Fähigkeit.

Sich selbst und die eigene Geschichte besser kennen lernen (meine Gewaltgeschichte, meine individuelle Geschichte, meine Beziehungsgeschichte(n), z.B. Herkunftsfamilie, geben einen hoffnungsvollen Ausblick und eine Vision für die Fragestellung: Lebe ich das Leben, das ich leben will - gewaltfrei, ohne Angst und sicher.

Josef Hölzl MSc., Dipl. Ehe-, Familien- und Lebensberater www.beziehungleben.at

Literatur

  • [1] Handbuch Gewaltberatung 2015

    Weitere Informationen
  • [2] Hölzl, J.: Paarberatung bei Beziehungsgewalt – ein risikoreiches Interventionskonzept? In: Focus EFL Beratung. Informationsblatt des Berufsverbandes Diplomierter Ehe-, Familien- und LebensberaterInnen Österreichs. April 2006 (aktuelle Fassung: Manuskript: VPA-Tagung, Paare in Bewegung, Wien 2016)
  • [3] Lempert, J.: Gewalt - Männersache? Grundlagen für eine verändernde Sicht

    Weitere Informationen
    PDF
  • [4] Lempert, J.: Gewaltberatung und Tätertherapie auf Grundlage der Phaemotherapie In: Prömper, H., Jansen, M.-, (Hrg), Männer unter Druck, ein Themenbuch, Budrich, 2012
  • [5] Puchert, R., Scambor, C.: Gewalt gegen Männer Erkenntnisse aus der Gewaltforschung und Hinweise für die Praxis, Polizei und Wissenschaft, Ausgabe 3/2012 2012