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THEMEN 2020

Transkulturelle Biographiearbeit und biographische Sensibilität in der Arbeit mit Jugendlichen mit Fluchtgeschichte

Portrait Mag.a Dr.in Annemarie Schweighofer-Brauer

Mag.a Dr.in Annemarie Schweighofer-Brauer

Expertinnenstimme

Mag.a Dr.in Annemarie Schweighofer-Brauer

„Was hast Du mitgenommen auf die Flucht?" „Meine Geschichte. Zwar war sie schwer, aber ich konnte sie tragen."

Den Satz in der Überschrift formulierte Mohammed Alikaj als Titel für einen Workshop zur Transkulturellen Biographiearbeit für die Landesarbeitsgemeinschaft Mädchen* und junge Frauen* in Sachsen e.V., den wir 2018 gemeinsam leiteten.

Viele Menschen, die geflüchtet sind, kommen mit nicht viel mehr als ein paar Kleidungsstücken, ihrem Handy, eventuell einem Pass und ein paar Dokumenten, geschützt in Plastikfolie, hier an. Und mit sich selbst als inkarnierter Erinnerung.

Wenn sie Menschen finden, die ihnen „ihr Ohr leihen", ist viel gewonnen. Beim Erzählen verwandeln sie sich im Ohr, im Gehirn und im Gefühl der Zuhörenden von Projektionsflächen zu Menschen.

Erkundung bei Fachleuten

Die folgenden Ausführungen basieren neben meiner Praxiserfahrung und meinen konzeptionellen Beiträgen zur Transkulturellen Biographiearbeit auf Interviews mit Fachleuten aus der Sozialen Arbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen mit Fluchtgeschichte.

Farah Khalifeh studiert Soziale Arbeit. Für IFAK e.V. (Verein für multikulturelle Kinder- und Jugendhilfe – Migrationsarbeit) befasste sie sich mit Bedarfen Geflüchteter und der Entwicklung passender Angebote. Sie betreibt einen Instagram sowie Facebook Kanal zum beruflichen und bildungsmäßigen Empowerment arabischsprachiger Frauen.

Mohammed Alikaj studiert ebenfalls Soziale Arbeit und arbeitete mehrere Jahre im Jugendzentrum Hip in Bonn. Er ist als Referent an Schulen und als Erwachsenenbildner zu Themen wie Rassismus und Partizipation tätig sowie gemeinsam mit mir zur Transkulturellen Biographiearbeit.

Beide hatten die Kriegszeit in Syrien als Jugendliche erlebt und Biographiearbeit einige Zeit nach ihrer Ankunft in Deutschland als hilfreiches Mittel zur Bearbeitung belastender Erfahrungen und beim Einleben in eine neue Situation kennengelernt.

Malte Jacobi ist Mitarbeiter im Projekt „Irgendwie hier" der Landesarbeitsgemeinschaft Jungenarbeit NRW. „Irgendwie hier" betreibt Praxisförderung vor Ort sowie Trägerqualifizierung und gibt Stellungnahmen ab im Bereich der geschlechtersensiblen Arbeit mit geflüchteten Jungen, jungen Männern.

Susanne Reitemeier-Lohaus arbeitet im Jugendzentrum Zitrone in Duisburg; sie leitet das Projekt „HeRoes gegen Unterdrückung im Namen der Ehre – ein Projekt für Gleichberechtigung" in Duisburg, bei dem sich auch geflüchtete junge Männer engagieren. Sie tauschen sich machtkritisch rund um die Themen Ehre, Sexismus(men) und weitere Diskriminierungsformen aus.

Petra Kurek leitet das Mädchenzentrum Mabilda in Duisburg, das zu einem hohen Anteil von Mädchen zwischen 6 und 18 Jahren mit Fluchtgeschichte besucht wird. Sie erhalten dort Hilfe bei Hausaufgaben, Mittagessen, Freizeitangebote, Deutschunterricht. Mabilda führt Projekte zu Selbstbehauptung an Schulen durch. Auch die Mütter der Mädchen bekommen Deutschunterricht im Mädchenzentrum.

Das Jugendzentrum Zitrone, Heroes und das Mädchenzentrum Mabilda entwickelten mit weiteren Trägern das Newcomer Netzwerk, das seit 2015 im Stadtteil geflüchteten, neu angekommenen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Angebote macht und dafür sorgt, dass sie diese auch wahrnehmen können.

Die Menschen sind ohnehin biographisch anwesend

„Ja, das ist ja sozusagen, das kommt automatisch, wenn die über etwas reden wollen, dann erzählen sie automatisch über ihre Geschichte oder Biographie."
(Farah Khalifeh)

Grundsätzlich stellt sich in der Sozialen Arbeit nicht die Frage, ob biographisch gearbeitet werden soll. Es geht gar nicht anders. Denn die Klient*innen kommen aus ihrer Geschichte; also aus kognitiven, emotionalen und körperlichen Lernprozessen. Das Gelernte – sowohl das automatisierte als auch das bewusste – ist für das Verständnis der gegenwärtigen inneren und äußeren Situation wesentlich. Und es ist bei der Exploration von Veränderungs- und Interventionsmöglichkeiten wesentlich.

Das Bedürfnis, von früheren Erfahrungen zu erzählen, ist ohnehin da – bei vielen Erwachsenen ausgeprägt, sobald sie spüren, dass jemand sich interessiert; bei Jugendlichen, wenn sie merken, dass sie in einer geschützten Situation gehört werden. Kinder drücken sich biographisch oft nicht unmittelbar verbal aus, sondern z.B. in Zeichnungen (dazu Petra Kurek weiter unten) oder ganz nebenbei beim Spielen.

In den Jahresgruppen des Projekts Heroes, so Susanne Reitemeier-Lohaus, tauschen sich die jungen Männer mit Migrations(familien)geschichte und/oder Fluchterfahrung biographisch zu Erfahrungen rund um das Thema Ehre aus. Es werden auch Methoden der Biographiearbeit wie die Biographielinie eingesetzt. Malte Jacobi berichtet, dass im Rahmen des Projekts „Irgendwie Hier" in den letzten beiden Jahren Jungengruppen angeboten werden, in denen die Teilnehmenden von ihren eigenen Themen ausgehend tätig werden und sich z.B. künstlerisch ausdrücken. Während der ersten Jahre waren Gruppenthemen von Fachleuten, die diese Gruppen leiteten, vorgeschlagen worden.

Als die Person, die ich geworden bin, in meinem biographisch-gegenwärtigem Facettenreichtum gehört, gesehen, wahrgenommen zu werden, befriedigt ein tiefes menschliches Bedürfnis. Von da aus ist die Veränderung von Zuständen und Situationen, die Leiden erzeugen und den Aufbruch zu neuen Ufern behindern, angehbar.

Menschen, die geflüchtet sind, hilft der Vergleich von Gewesenem und Jetzigem, um die neuen Lebensumstände zu begreifen. Biographische Unterschiedsbildung zwischen damals und jetzt, dort und hier, ermöglicht eine veränderte Perspektive auf die gegenwärtige Situation und die Möglichkeiten zur Verbesserung.

Was meinen die Begriffe „biographische Sensibilität" und „Biographiearbeit"?

In der Sozialen Arbeit mit Jugendlichen mit Fluchterfahrung ist die verlässliche, kontinuierliche Beziehung wesentlich, damit diese ankommen und sich neu wiederfinden können. Ausgebildete biographische Sensibilität qualifiziert diese Beziehungsarbeit.

Biographische Sensibilität entsteht aus

  • Selbstreflexion
  • Zuhören
  • Weiterfragen
  • beständigem Training
  • Erfahrungswissen

Sie ist ein erlerntes, trainiertes Kommunikationsverhalten.

Sie ermöglicht, gemeinsam mit den Klient*innen von den Erinnerungsmaterialien ausgehend

  • Bedürfnisse wahrzunehmen
  • Möglichkeiten zur Lebensgestaltung und Entscheidungsspielräume bewusst zu machen
  • aus Bedürfnissen Ziele zu entwickeln
  • mögliche Lösungen zu explorieren
  • Lösungsschritte und -wege in Angriff zu nehmen

Biographische Sensibilität führt zur Erweiterung des Horizonts des*der Sozialarbeiter*in. Mit den wahrgenommenen und gehörten Geschichten bildet das Gehirn verschiedene und auch widersprüchliche Konzepte dazu, was alles gewesen sein könnte; womit ein beobachtetes Phänomen zusammenhängen könnte.

Mit diesen Konzepten lassen sich Hypothesen zum Wahrgenommenen bilden und schnell wieder revidieren, verwerfen, ergänzen, vertiefen, erweitern. Biographische Sensibilität bedeutet, Jugendliche als Wesen zu verstehen, die sich durch schon früher oder gerade gelernte kognitive Konzepte und emotionale Zustände beständig (neu) verwirklichen.

Biographiearbeit benötigt biographische Sensibilität. Für die Biographiearbeit werden aber spezielle Zeit-Räume eingerichtet. Dort beschäftigen sich die Teilnehmenden methodisch angeleitet mit Erinnerungsthemen.

Biographiearbeit bringt Erinnerung in Bewegung, indem sie ungewohnte Zugangsweisen zur Erinnerung anbietet. Erinnerung wird nicht einfach erzählt, sie wird z.B. mit Hilfe kreativer Methoden stimuliert und in Bewegung gebracht. Und sie wird auf der Metaebene reflektiert: 

  • Was ist mir an unserem Prozess aufgefallen?
  • Was hat mich besonders bewegt?
  • Was nehme ich mit?
  • Was wird mich weiter beschäftigen?

Biographiearbeit will vorrangig nicht Vergangenheit erforschen und dokumentieren. Biographiearbeit dient dem Leben im Hier und Jetzt und dem Wegeöffnen Richtung Zukunft.

Pädagogik braucht die Biographie der Fachleute

Biographische Sensibilität erfordert, zugleich mit der Aufmerksamkeit für die Erzählungen anderer, biographische Selbsterfahrung und -reflexion. Die Interviewpartner*innen stimmen darin überein, dass die Reflexion eigener Erfahrung in der Pädagogik zum fachlichen Standard gehört. Sie beschreiben, dass sie sich in der Arbeit mit Jugendlichen mit ihren reflektierten biographischen Erfahrungen zur Verfügung stellen.

Selbsterfahrung/-reflexion zu Zuschreibungsthemen

Jugendliche mit Flucht-, Migrationsgeschichte, dunkler Hautfarbe sind konfrontiert mit stereotypen Wahrnehmungen und Zuschreibungen, mit kränkenden, abwertenden Verhaltensweisen von Mitmenschen, mit diskriminierenden Strukturen.

Weiße Fachkräfte sind gefordert, unter anderem durch biographische Selbstreflexion ihre Wahrnehmungsfähigkeit für Diskriminierungen und Abwertungen zu schärfen, diese nicht unbewusst zu reproduzieren; und die Wahrnehmungsfähigkeit für eigene Privilegierungen und deren Wirkung in der Beziehungsarbeit zu erhöhen.

Erleben am eigenen Leib, wie Biographiearbeit wirkt

Das eigene Erleben, wie Biographiearbeit, biographische Selbsterkundung wirkt, sensibilisiert für die Möglichkeiten und Grenzen des biographischen Arbeitens mit anderen Menschen.

Eigene biographische Erfahrungen bei den Jugendlichen einbringen

Susanne Reitemeier-Lohaus bringt eigene biographische Erfahrungen in die Beziehungsarbeit mit den Jugendlichen ein. Dies vermittelt den Jugendlichen, dass sie nicht allein sind mit den Erfahrungen bzw. dass sie nicht die einzigen sind, denen es so geht oder gegangen ist. Die erwachsenen Fachleute sprechen Erfahrungen an, die möglicherweise analog sind zu denen der Jugendlichen, ohne zu behaupten, dass sie gleich seien.

Besonders auch im Kontext von Crosswork1 wird die weibliche* Fachkraft als authentisches Beispiel von realer vielfältiger Weiblichkeit erlebbar. Ebenso stellen sich allgemein in der geschlechtersensiblen Kinder- und Jugendarbeit als männlich gelesene Fachkräfte sowohl für Jungs als auch für Mädchen sowie als weiblich gelesene Fachkräfte für Mädchen als Modell für vielfältiges, konkretes Menschsein zur Verfügung.

Bedeutsamkeit angenommener ähnlicher biographischer Erfahrung

Farah Khalifeh fand bei ihrer Arbeit zu Bedarfen und Bedürfnissen Geflüchteter heraus, ebenso wie Mohammed Alikaj im Kontakt mit den Kindern im Jugendzentrum, dass die angenommene ähnliche Herkunft eine Basis für ein Zutrauen von Verständnis schuf.

Vertrauen im geschützten Raum

Biographiearbeit findet in einem geschützten Raum statt. Die Schweigepflicht aller Anwesenden wird zu Beginn vereinbart. Biographisches sich Anvertrauen der Kinder und Jugendlichen erfordert oft aber eine Vieraugensituation; oder auch eine Situation, in der der Fokus zunächst nicht auf dem Erzählen liegt.

Kinder oder Jugendliche, sagt Mohammed Alikaj, erzählen etwa beim Fußballspielen. Gemeinsame Tätigkeiten (wie kochen), Ereignisse (z.B. der Tod eines gemeinsamen Bekannten, wie Susanne Reitemeier-Lohaus berichtet) geben Anlass zum transkulturellen und biographischen ins Gespräch kommen.

In der Biographiearbeit werden Übungen so eingeleitet, dass die Zuhörenden das Gehörte möglichst nicht beurteilen oder unerbetene Ratschläge erteilen. In biographischen Sharing-Runden bringen die Teilnehmenden gleiche oder ähnliche Erfahrungen ein und wie es ihnen dabei gegangen ist. „Ich kenne das/etwas Ähnliches von..." „Mir ist es auch schon einmal so gegangen..."

Das Anvertrauen erfordert Zeit-Räume: zunächst um die gegenseitige Vertrauenswürdigkeit abzuschätzen und Erfahrungen mit der Vertrauenswürdigkeit der Anderen zu machen.

Petra Kurek berichtet, dass es lange dauerte, bis die Mädchen, die 2015 im Grundschulalter ins Mädchenzentrum kamen, von sich, der Flucht, ihren Familien erzählten.

Nach einigen Jahren nahmen 16 Mädchen an einem Kunstprojekt teil, die die Mabilda Mitarbeiterinnen schon gut kannten und einschätzen konnten: „Ich male, was ich fühle. Frieden und Entspannung in und nach Zeiten des Krieges".

Die Ausstellung zu dem Projekt wurde inzwischen an verschiedenen Stellen gezeigt. Sie beinhaltet viele Bilder zu Heimat, Verlust von Heimat, Schmerz und Traurigkeit, aber auch zum Wegefinden, Muthaben. Mit den Bildern begannen die Mädchen von ihren Fluchterfahrungen zu erzählen.

„Flucht verschärft alle pädagogischen Themen"

Was ist nun das Spezifische in der Biographiearbeit mit Jugendlichen mit Fluchterfahrung? Gibt es etwas Spezifisches?

Den in der Überschrift zitierten Satz, sprach Malte Jacobi während des Interviews aus. Die Interviewpartner*innen kommen zu dem Ergebnis, dass Jugendliche nach einer Flucht grundsätzlich dieselben Themen, Interessen, Vorlieben in die Jugendarbeit mitbringen, wie Jugendliche ohne Fluchterfahrung: 

  • Erleben in der Familie
  • Freundschaft
  • Sexualität
  • Partnerschaft
  • Drogen
  • Feiern
  • Werte in der Welt
  • Gewalt
  • Freiheiten
  • Musik
  • Konzerte
  • Sport
  • tanzen
  • singen
  • sich kreativ betätigen mit Rollenspiel
  • Filmen
  • Humor und lustig Sein
  • sich Wegschmeißen vor Lachen
  • Mobbing
  • digitale Welt etc.

Mit der Not, der Not-Wendigkeit Überlebensstrategien unter widrigen Bedingungen zu entwickeln, rücken manche Themen näher, verschärfen sich und fehlen für andere Themen altersangemessen Möglichkeiten, diese zu erleben.

Von den Widerfahrnissen im Herkunftsland, in der Herkunftsregion, -stadt und auf der Flucht bringen sie Erfahrungen und Erinnerungen mit, die Jugendlichen und Sozialarbeiter*innen im Aufnahmeland fremd sind; ebenso wie die Erfahrungen der eigenen Großeltern, die im oder nach dem Zweiten Krieg geboren, aufgewachsen sind, die vielleicht aus Schlesien oder Ostpreußen ins westliche Deutschland flüchten mussten, den Jugendlichen und Sozial*arbeiterinnen im Aufnahmeland fremd sind.

Sozialarbeiter*innen, die mit geflüchteten Jugendlichen tätig sind, sind von daher gefordert, sich Wissen zu diesen Erfahrungszusammenhängen anzueignen, auch durch empathisches Zuhören; dem Raum zu geben, was sich zeigen möchte; ihre biographische Sensibilität zu verfeinern; und wie in der Jugendarbeit sonst auch Umgebungen, Materialien, Projekte zur Verfügung zu stellen, in denen die Jugendlichen da sind, in denen sie Erfahrungen bearbeiten, Gegenwart gestalten. Jugendliche mit Fluchterfahrung sind ebenso wie alle Jugendlichen Individuen und mit stereotypen Konzepten nicht zu fassen.

Wirkung biographisch sensibler Jugendarbeit bei den Jugendlichen

Zunächst ermöglichen biographische Fragen zur rechten Zeit, im richtigen Setting, dass Dämme brechen, wie Malte Jacobi das ausdrückt. Über lange Zeit nicht Sagbares, nicht einmal Denkbares, Zurückgehaltenes, möglicherweise mit Schamgefühlen Verbundenes, quälend Verschwiegenes bricht sich eine Bahn. Jugendliche erleben dies (wie Erwachsene auch) als befreiend, wenn es in einer sicheren Umgebung, mit empathisch Zuhörenden passiert, auf Verständnis, Interesse, Anteilnahme trifft. Biographisches Erzählen im geschützten Raum sorgt für Entlastung.

Das Vertrauen der Jugendlichen in sich und die Gesprächspartner*innen wächst – damit das Erleben von Sicherheit, nachdem das Sicherheitsgefühl, das Vertrauen in die Welt oft heftig erschüttert wurden. Das erfordert möglicherweise einen tastenden Prozess des allmählichen sich Öffnens zu vertrauens-würdigen Menschen hin. In der Gruppe ist dies gefährlicher als im Vieraugengespräch mit dem*der Jugendarbeiter*in.

Jugendliche werden sich bewusster darüber, wie sie und wer sie geworden sind und wie sie von da aus weiter gehen wollen. Biographiearbeit unterstützt Identitätenentwicklung, macht Wirksamkeitserfahrungen bewusst, hilft bei der Stabilisierung und Anpassung in der neuen Situation und auch bei der Anpassung der neuen Situation an sich selbst.

Sie üben Selbsterforschung und Perspektiventwicklung und nehmen diese Lernerfahrung mit in ihr Leben, in ihren Alltag. Susanne Reitemeier-Lohaus beschreibt als wichtigste Wirkung, dass die Jugendlichen sich „verdammt nochmal" ernst genommen und akzeptiert fühlen, indem sie äußern, was in ihnen ist und damit Gehör finden, in einem anerkennenden pädagogischen Raum, der dadurch Selbsterfahrungen, Grenzerforschung (möglichst) zuschreibungsfrei zulässt. Sie erleben oft, mundtot gemacht zu werden. Rassistische Zuschreibungen können still machen. In diesem Sinn empowern sich Jugendliche mittels Biographiearbeit.

Mag.a Dr.in Annemarie Schweighofer-Brauer, Studium der Geschichte und Politikwissenschaft; Mitarbeiterin des AWO Kreisverbandes Wesel (DE) und Honorarkraft des Instituts für gesellschaftswissenschaftliche Forschung, Bildung und Information (FBI) (AT), freiberufliche Erwachsenenbildnerin.

Literatur

  • [1] Delfos, Martine . F.: „Sag mir mal…“. Gesprächsführung mit Kindern Weinheim: Beltz, 2015
  • [2] Biographiearbeit für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund In: Forum Erziehungshilfen 2/2005, S. 140-143, Juventa Verlag: Weinheim, 2005
  • [3] Lattschar, Birgit: Verstehen, wertschätzen und anerkennen: Biografiearbeit mit Flüchtlingskindern In: Brinks, Sabrina/Dittmann, Eva/Müller, Heinz (Hg.): Handbuch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Kinder- und Jugendhilfe, Walhalla Fachverlag: Regensburg, 2016
  • [4] Miethe, Ingrid: Biographiearbeit: Lehr- und Handbuch für Studium und Praxis Beltz Juventa: Weinheim und München, 2017
  • [5] Schmitt, Caroline/Homfeldt, Hans Günther: Flüchtlingskinder besser verstehen: Die transnationale Biografiearbeit 2014
  • [6] Schweighofer-Brauer, Annemarie: Transkulturelle Biographiearbeit Innsbruck-Bozen, 2014

    Weitere Informationen
  • [7] Stein, Susanne (deutsche Version): Trauma Bilderbuch. Das Kind uns seine Befreiung vom Schatten der großen, großen Angst, kostenloser download in 13 Sprachen 2017

    Weitere Informationen
  • [8] Realize Projekt Partnerorganisationen: Transkulturelle Biographiearbeit. Ein Handbuch 2012
    (zuletzt eingesehen 19.9.2020)

    Weitere Informationen
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