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zusammenLeben ohne Gewalt

THEMEN 2022

Primäre Ziele in der Gewaltberatung und Gewaltpädagogik - Überlegungen für ein fokussiertes Verstehen von Gewaltdynamiken

Hölzl Josef, MSc

Expertenstimme

Hölzl Josef, MSc

Wenn schon von primären Zielen in der Gewaltberatung und Gewaltpädagogik[1] die Rede sein soll, kann man auch nachgeordnete Ziele beschreiben, oder besser, die sogenannten „positiven Nebenwirkungen" von Gewaltberatung und Gewaltpädagogik.

Gewaltberatung/Tätertherapie und Gewaltpädagogik sind vorerst keine Maßnahmen, um Geschlechter-Gerechtigkeit bzw. Gender-Diversität zu fördern, oder bei meist männlichen Klienten die Vorstellungen von Männlichkeit zu verändern aber eine Grundlage dafür. Zudem zeigt die Erfahrung aus der Praxis, um nachhaltige Entwicklung, Verhaltensveränderung zu indizieren, ist die Einbeziehung vieler aktueller Lebensthemen, wie Biografie, Sozialisation und Geschlechterrollen, der Klienten hilfreich.

Das Wissen aus der Praxis und aus der Geschlechterforschung zeigt uns, dass Männer und männliche Jugendliche durch bestimmte Verhaltensweisen eine traditionelle bzw. hegemoniale Männlichkeit inszenieren, weil sie damit bestimmte Erwartungen bedienen. Erwartungen welche unter anderem durch Sozialisationsbedingungen entstehen und diesen Bedingungen sind Menschen in ihrem Aufwachsen grundsätzlich vorerst „machtlos" ausgesetzt.

Der Begriff „Hegemoniale Männlichkeit" stammt von dem australischen Männerforscher R. W. Connell, der inzwischen eine Frau ist und eine Geschlechtsangleichung zur Frau vollzogen hat. Connell beschreibt vier Grundmuster, wie Männer miteinander umgehen:

  1. Hegemonie
  2. Unterordnung
  3. Komplizenschaft und
  4. Marginalisierung.

Hegemonial verhalten sich Männer, wenn sie Frauen und andere „niedrigere" Männer ausschließen oder unterordnen und ihre Dominanz durch Waffenbesitz und Gewaltausübung absichern.

Marginalisiert werden vielerorts die schwulen Männer, die in einer überwiegend heterosexuell ausgerichteten Gesellschaft Diskriminierung und Unterordnung erfahren, oder auch Schwarze in einem „weißen" System und Proletarier in einem bürgerlichen. Connell's Grundgedanke ist, dass alle Männer, auch diejenigen, die untergeordnete oder komplizenhafte Männlichkeiten leben, von der so genannten „patriarchalen Dividende" profitieren. Am meisten aber profitiert der Typus der hegemonialen Männer, nur er ist ungebrochen in dieses System eingepasst und steht an seiner Spitze[2].

Aus der Annahme heraus, wie in der eigenen Gruppe Anpassung und Statusgewinn herstellbar sind, werden sogenannte stereotype Verhaltensweisen angewendet, weil sie funktionieren und sich bewährt haben: Diese zeigen sich ...

  • im eingeschränkten Umgang mit Gefühlen. Vor allem Gefühle wie Angst, Traurigkeit Scham, Verletzlichkeit müssen versteckt, abgewehrt oder abgewertet werden.
  • im missbräuchlichen Umgang mit Alkohol und anderen Substanzen.
  • in der Angst vor Homophobie oder dem „Unmännlichen".
  • in der traditionellen Berufswahl.
  • im stereotypen Imponiergehabe.
  • in der Abwertung des Weiblichen.

Aber auch rassistische und frauenverachtende Ausdrucksformen sowie andere mehr gehören dazu. Das muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass Männer (und männliche Jugendliche) tatsächlich diese Gesinnung haben, denn es ist unter anderem auch eine Attitüde, um im Gruppendruck bestehen zu können, bzw. um nicht Außenseiter zu sein.

Zugehörigkeit zur Gruppe scheint eine besondere Triebfeder für angepasstes und stereotypes Verhalten zu sein. Das „In-Kauf-Nehmen" von Gewalt ist nur ein Teil von diesem sozialen Anpassungsverhalten. Im Konkreten kann das bedeuten, lieber zuschlagen oder selber geprügelt werden, als für ein Weichei gehalten zu werden[3], aber auch männliche Jugendliche, die behaupten, eine Frau würde ich nie schlagen (einen Mann aber notfalls schon), „passiert" es dann aber trotzdem, dass sie in bestimmten Situationen die Partnerin schlagen, – weil sie in ihrer Grundüberzeugung Gewalt als Handlungsoption eben nicht ausschließen.

Zur Entstehung von Gewalt und zerstörendem Verhalten (destruktiver Aggression) - die Erfüllung seelischer Grundbedürfnisse - ein unseliger Zusammenhang

Um die Gewaltdynamik, vor allem die Entstehung von Gewalt und zerstörendem Verhalten, besser verstehen zu können, ist die Annahme hilfreich, dass vor allem Kinder und Jugendliche in ihrem Heranwachsen auf die Erfüllung von einigen seelischen Grundbedürfnissen angewiesen sind. Joachim Bauer spricht zusammenfassend von drei Kategorien:

  • Bindung: Beziehung, Verlässlichkeit, Klarheit, Sicherheit, Stabilität
  • Akzeptanz: Sehnsucht, gesehen zu werden, Anerkennung zu bekommen, respektiert zu werden, so wie man ist.
  • Zugehörigkeit: Soziale Einbindung in Familie und Gesellschaft, eine Chance in der Umgebung haben, in der man lebt, Teilhabe am Arbeitsmarkt und Wohlstand.[4]

„Bei näherem Hinsehen und einem Vergleich der Lebensläufe der Betroffenen, wird eine Parallele deutlich: Alle diese Menschen haben schlimme Erfahrungen mit Ausgrenzung erlebt. Sei es Mobbing an Schulen, Perspektiven- und Chancenlosigkeit am Arbeitsmarkt, innerfamiliäre Ausgrenzung oder gesellschaftliche Diskriminierung in Folge von Krankheit, Behinderung oder Geschlecht. Wir folgern: Radikalisierung ist kein exklusives Phänomen bei so genannten Fremden. Und wir folgern: Ausgrenzung schafft Radikalisierung [...]"[5]

Die Missachtung dieser Grundbedürfnisse, egal ob im System Familie, Schule, oder in der Gesellschaft, erzeugt bei Menschen Kränkung, Demütigung und das Gefühl der Ausgrenzung. Gesellschaftlich betrachtet steht eine neoliberale Geisteshaltung dem Bedürfnis nach Erfüllung dieser oben genannten seelischen Grundbedürfnisse immer wieder auch im Widerspruch. Sie geht aus von der Idee des Spiels der freien Kräfte (bis hin zur extremen Prämisse: es gibt ein Überlebensrecht der Stärkeren), und eine Folge kann sein, dass z. B. viele junge Menschen keinen Job und keine gute Ausbildung bekommen und damit gesellschaftliche Ausgrenzung und Nicht-Teilhabe erleben.

Die brüchigen Bindungserfahrungen von manchen Jugendlichen auf Grund ihrer sozial fragilen Familienverhältnisse werden hier noch gar nicht berücksichtigt, obwohl sie ein zentraler Faktor für mangelnde Bindungs-, Akzeptanz- und Zugehörigkeitserfahrung sind.

Erkenntnisse der aktuellen Gehirnforschung weisen darauf hin, dass sich der psychische Schmerz, hervorgerufen durch Ausgrenzung, im Gehirn ähnlich sichtbar messen lässt, wie körperlicher Schmerz.[6] Diesen Schmerz will man mit verschiedenen Strategien bewältigen. Dank der psychischen Abwehrkräfte (Resilienz) und Selbstheilungsmöglichkeiten, können viele Menschen mit Schmerz konstruktiv umgehen und werden nicht süchtig, nicht psychisch krank, nicht „bindungsbeeinträchtigt" und nicht gewalttätig.

Gewalt und Aggression nicht „dasselbe"

Die Gewalt und der Gewaltbegriff werden als Handlungsbegriff mit Absicht reduziert und hier direkt mit männlicher Geschlechtsidentität in Verbindung gebracht. Gewalt ist weniger ein „politischer Begriff" mit einem umfassenden Handlungs- und Betätigungsfeld. Er wird zumindest in der Vorannahme damit auch nicht mit verbaler Gewalt, mit psychischer Gewalt oder mit einem weiten Aggressionsbegriff vermengt, sondern lautet als Handlungsbegriff für die konkrete Beratungsarbeit mit Tätern:

„Gewalt meint jede Verletzung der körperlichen Integrität einer Person durch eine andere. Gewalt bezieht über körperliche Gewalthandlungen hinaus auch Formen psychischer Gewalt mit ein, insoweit diese von Gewalt begleitet sind oder auf deren Androhung beruhen." [7]

Aggressivität ist eine mögliche Verhaltensform, um sich durchzusetzen, sich zu behaupten und sich abzugrenzen. Die Fähigkeit zur Aggression ist auch Voraussetzung, um konfliktfähig zu sein. „Etymologisch besagt der Begriff Aggression „herangehen an ...". Insofern kann aggressives Verhalten bedrängend und „gewaltig" wirken, doch beinhaltet und intendiert es keine körperliche Gewalt oder deren Androhung.

Aggression ist dann keine Vorstufe zur Gewalt. Aggression hat eine konstruktive kommunikative Funktion. Sie ist ein kommunikatives Signal, das darauf aufmerksam machen möchte, dass ein körperlicher oder psychischer Schmerz empfunden wird. Wenn in der Kindheit keine sicheren Bindungen (sondern unsichere und ambivalente) zu Bezugspersonen erlebt wurden, kann es jedoch zu Hemmungen kommen, Aggression zu kommunizieren (Aggressionshemmung).

Eine Folge kann sein, dass Menschen dadurch eingeschränkte Möglichkeiten haben, ihre Bedürfnisse auszudrücken bzw. zu kommunizieren. Wenn Kommunikation, also Ausdruck von Bedürfnissen und Grundgefühlen, nicht mehr möglich ist, kann es zur Entstehung von (physischer) Gewalt kommen.

Soziale Ausgrenzung, Zurückweisung, Verachtung, Demütigung oder Ohnmacht werden (auch gehirnphysiologisch), als Schmerz[8] erlebt und als Bedrohung wahrgenommen. Seelischer Schmerz wird als solcher wenig wahrgenommen und identifiziert und kann deshalb nicht adäquat gezeigt bzw. kommuniziert werden.

Stattdessen werden z. B. Schmerz und die seelische Verwundung, welche durch die sogenannten seelischen Grausamkeiten abgespeichert werden, als dumpfes Gefühlskarussell beschrieben, bestenfalls bei männlichen Jugendlichen als „unbändige" Wut („Ich könnte alles zusammenhauen." oder „Ich stehe ständig unter Strom.") wahrgenommen werden. Von der Umgebung werden den Jugendlichen hohe Reizbarkeit, mangelnde Impulskontrolle, missbräuchlicher Umgang mit Alkohol und Nikotin (gelegentlich auch Drogen) attestiert.

Die dunkle Seite der Aggression

Hinter manch destruktiver Aggression versteckt sich Selbstzweifel und Selbstkritik. Wir meinen unsere Identität und unseren sozialen Status vor Abwertung und Diskriminierung durch ein Aufrechterhalten des äußeren Funktionierens schützen zu müssen. Das ist auf Dauer äußerst anstrengend und macht noch mehr ratlos, verzweifelt, wütend und schürt eine tiefe Versagensangst. Destruktive Aggression, wie dauerhafte Wutgefühle, Neigung zu Gewalttätigkeit, übermäßiger Konsum von Alkohol und anderes Suchtverhalten, lassen uns Traurigkeit, Schmerz, Ängstlichkeit und Einsamkeit nicht spüren[9].

In weiterer Folge wird die Annahme abgeleitet, dass es einen Zusammenhang zwischen subjektiver Geschlechtszugehörigkeit und dem Phänomen Gewalt gibt. Gewalt wird von Lempert auch als „Abwehrverhalten" beschrieben:

Allgemeingut ist die Behauptung, es gehe dem Täter um die Ausübung von Macht, aber kein Mann schlägt seine Partnerin in einer Situation, in der er sich psychisch stark und physisch kraftvoll und lebendig fühlt. Ebenso wenig schlägt er zu, um den Konflikt zu lösen, bzw. in der Absicht ein Problem aus der Welt zu schaffen. Gewalt wird in Situationen ausgeübt, in denen der Täter nicht mehr weiter weiß, in denen er nicht versteht, was geschieht, und in denen er seiner drohenden Ohnmacht zu entkommen sucht. Gewalt ist ein Abwehrverhalten. Es zielt nicht darauf ab, positiv etwas herzustellen, sondern einzig und allein drauf, etwas zu vermeiden[10] (sadistisch, psychopathisch und kriminell motivierte Gewalthandlungen werden damit nicht beschrieben).

In Pädagogik und Beratung erfährt die Aggression durch das Ansprechen und vor allem durch die „Nicht-Bewertung" des Gegenübers eine Würdigung bzw. positive Umdeutung. Die Verletzungen und diffusen (Wut- und Schmerz-) Gefühle werden benannt, bekommen Worte und verlieren so ihre destruktive Wirkung – bei gleichzeitiger Positionierung zur Gewaltfreiheit des pädagogisch Handelnden und Beraters/Therapeuten.

Eine Vision für die Handelnden in Pädagogik und Beratung ist: mit der jeweiligen Zielgruppe - neben der „ unbedingten Arbeit" an einer Abkehr vom gewalttätigem Handeln und Veränderung von destruktiver Aggression -, dass eine seelische und psychosoziale Unversehrtheit wiedererlangt werden bzw. als hoffnungsvolle Option in Aussicht gestellt werden kann.

Fazit ist: Aggression ist demnach grundsätzlich notwendig, um die Kraft zu haben, sich dem Schmerz zu stellen und etwas dagegen zu tun. Sie ist ein (Kommunikations-)Mittel, um der Umwelt zu zeigen: „Mir fehlt etwas, ich bin verletzt!". Trägt Aggression keine „Früchte", d.h. wird von der Umwelt nicht darauf reagiert, entsteht Ohnmacht und in weiterer Form Zorn und Wut. Allerdings: Nicht automatisch entsteht daraus Gewalt, denn viele Menschen erleben Bindungsverlust, Ausgrenzung und Demütigung und werden nicht gewalttätig[11].

Faktoren für die Entstehung von Gewalt

Gewalt ist kein Automatismus, es braucht ein paar Faktoren für die Entstehung. Gewalt braucht eine Entscheidung dafür: Gewalt ist keine Krankheit, die passiert, sondern ein Verhalten, dem eine vorherige Entscheidung vorausgeht. Das inkludiert auch, dass die Verantwortung für eine Gewalttat immer beim Täter ist und nicht bei dem, der einen Streit auslöst oder provoziert.

Gewalt braucht die Erfahrung, dass Gewalt funktioniert, also einen (scheinbaren) Nutzen bringt: Kurzfristig können die heftigen Gefühle von Ohnmacht, Wut und Schmerz abgewehrt werden. Die Gewalt muss mit dem eigenen Selbstbild vereinbar sein. Für manche Buben und Männer bedeutet sie einen Zugewinn an Männlichkeit oder bewirkt zumindest die Wiederherstellung eines positiven (mächtigen) Selbstbildes von sich selbst.[12]

Menschen, die Gewalt ausgeübt haben, machen zwei Grunderfahrungen: Mit der Ausübung der Gewalt wird die erlebte Ohnmacht und Demütigung und das „Sich-klein-Fühlen" beendet. Und: Durch das Ausüben der Gewalt ist plötzlich wieder Lebendigkeit spürbar. Letztlich wollen wir uns alle lebendig fühlen.

Wie funktioniert Gewalt? Wozu dient sie im konkreten Falle, bzw. was bringt sie, wofür nützt sie dem Täter/der Täterin?

Im Vordergrund stehen allerding sogenannte „Warum-Fragen" und weniger die Frage nach dem Wozu und dem Wie. Aber durch das wozu, bzw. das wie kommt man näher an das Phänomen heran und letztlich dient es dem Interventions-Geschehen in dem Sinn: ein dahinterliegender Nutzen mag eine Berechtigung haben, aber der Weg zur Umsetzung im Falle von Gewalt ist fatal.

Zusammenfassend lassen sich einige Motive bzw. Funktionen skizzieren, welche für Beratung und Prävention hilfreich sein können, weil damit einerseits die Dynamik verstehbarer wird und wie oben erwähnt; durch den „Nutzen" lassen sich dahinterliegende „sekundäre" Arbeitsziele skizzieren, wie die Auseinandersetzung mit Selbstwahrnehmung, mit Affektregulation, mit geschlechtsspezifischen Erwartungsverhalten u. a. m.

  • Das Spannungsfeld zwischen emotionaler Nähe und dem Wunsch sich keine Blöße zu geben, ist nicht mehr auszuhalten und wird durch die Gewalthandlung scheinbar aufgelöst. Eine kurzfristige Entspannung und Entlastung entstehen.
  • Das damit mögliche Verdrängen der eigenen inneren Widersprüche, der Ohnmacht und Angst, dem „sich klein und ausgeliefert fühlen" (Abwehr von Ohnmacht) werden zum Zeitpunkt der Tat abgewehrt (und dem Opfer übergeben).
  • Die Bestätigung des eigenen Selbstbildes von sich als Mann, bzw. das Entsprechen der eigenen Vorstellung von Männlichkeit, wird wiederhergestellt (z.B. ein Mann muss die Situation im Griff haben ...). Hier kommt die geschlechtsspezifische Dimension zur Wirkung (Stichwort: Hegemoniale Männlichkeit), denn Frauen erleben es weniger als Verlust ihrer Geschlechtsidentität, wenn sie große Ohnmacht und Autonomieverlust erleben. Ähnlich verhält es sich mit der Rollenidentität von gewalt-tätigen Müttern, die ebenfalls den Anspruch haben alles immer im Griff haben zu müssen.
  • Durch die Gewalthandlung erleben die Täter fallweise eine Wiederherstellung bzw. einen Zugewinn einer vermeintlichen Lebendigkeit. Erlebt wird eine Form von Erregung und Anspannung („Kick", „Adrenalin"), welche als Lebendigkeit interpretiert werden, aber auf Kosten des Opfers. Dieses erlebt hingegen Lähmung, Erstarrung, Angst und Ohnmacht. Diese Dynamik ist vor allem bei Gewalt unter Jugendlichen und Männern im so genannten Öffentlichen Raum und besonders bei sexualisierter Gewalt vorfindbar.
  • Durch das Verknüpfen von Sozialisationsbedingungen mit dem Wissen über Aggression und Gewaltdynamiken lassen sich treffender Maßnahmen für die (Gewalt-)Pädagogik und für Beratung und Therapie ableiten.[13]

Primäres Ziel von Gewaltpädagogik (und Beratung/Therapie) sind vorerst weniger, Geschlechtergerechtigkeit bzw. Gender-Diversität zu fördern, sondern dass Menschen ihr gewalttätiges Verhalten beenden. Diese erste Prämisse ist im Sinne von Schutz und Sicherheit gegenüber potenziellen Opfern von Gewalt und Übergriffen zu fokussieren, obwohl anzuerkennen ist, dass ein Zusammenhang zwischen gewalttätigem Verhalten und Sozialisierung vorfindbar ist, welcher sowohl durch die Praxis wie auch durch die Geschlechter-Forschung bestätigt wird.

Anzumerken ist allerdings, dass viele Männer (und männliche Jugendliche), welche sozusagen traditionell und nach hegemonialen Vorstellungen sozialisiert wurden, nicht gewalttätig werden. Gewaltfantasien und gelegentliche Bewunderung von männlich-stereotypen Verhaltensweisen und Attitüden sollten demnach nicht direkt mit gewalttätigem Handeln in Verbindung gebracht werden.

Zu beurteilen ist zunächst einmal das konkrete Verhalten und weniger die Fantasien und (innere) Widersprüche. Eine Gesinnung, welche Gewalt nicht ausschließt - und „aggressive Ausdrucksformen" (siehe oben: Gewalt und Aggression) reichen nicht aus, um jemanden Gewalttätigkeit und Gewaltbereitschaft zu attestieren, außer sie sind von konkreten grenzverletzenden Handlungen, von Drohungen und Erzeugen von Angst begleitet.

Was muss Gewaltberatung leisten - Primäre Ziele

Aufgrund dieser Überlegungen sind für die Gewaltberatung (und Tätertherapie) im Grunde nur zwei Zielkategorien Grundlage für beraterisches Handeln und Vorgehen: Gewalt und übergriffiges Verhalten zu beenden, und nicht mehr Angst (um Leib und Leben) zu erzeugen. Das heißt, wie können Klienten und Klientinnen wirkungsvoll unterstützt werden, dass sie ihr Verhalten so verändern, damit sie in ihren Lebenszusammenhängen Sicherheit und in Folge Vertrauen glaubhaft (wieder) herstellen können. 

Meines Erachtens haben die Ziele, wie oben skizziert, eine übergeordnete Gültigkeit.

Die Settings, die Interventionswege bleiben in ihrer Umsetzung divers[14] und werden je nach Zielgruppen und Ausprägung von Gewalt angepasst sein müssen. Wenn Klienten und Klientinnen vorgeben, sie wollen nicht mehr schlagen und nicht mehr übergriffig handeln, ist das allerdings noch keine Aussage darüber, ob das jemand in einer konkreten - womöglich kritischen - Alltagssituation tatsächlich umsetzen vermag.

Eine Willenskundgebung reicht allein meist nicht aus, um den Weg aus der Gewaltspirale für sich heraus zu finden. Im konkreten prozesshaften Vorgehen in der Beratung sind - meist versteckte - Hinweise von Klienten und Klientinnen hilfreich, wieweit eine Veränderung tatsächlich nachhaltig wirksam wird.

Wenn ein Mann, welcher wegen Gewalttätigkeit an anderen Männern gegenüber (meist im öffentlichen Raum) die Gewaltberatung aufsucht und meint: "ich musste mich ja wehren, ..." und nebenbei bemerkt, "eine Frau würde er nie schlagen ...", so ist das ein Indiz dafür, dass er Gewalt im Grunde nicht ablehnt. Die Erfahrung zeigt, dass es Männern in ähnlichen Mustern denkend dann letztlich doch „passiert" ist, dass sie ihre Partnerin geschlagen haben.

Es kann hier hilfreich sein, sich den männlichen Erwartungshaltungen an seinen eigenen Bildern von Männlichkeit bzw. stereotypen Männlichkeitsbildern anzunähern, wesentlicher erscheint mir als Berater zu erkennen, dass jemand gewalttätiges Handeln im Grunde nach als eine mögliche Handlungsoption inkludiert.

Für mich selbst als Berater sind Gewalt und das Erzeugen von Angst keine Option, ohne zu wissen wie ich selbst in gewissen mir noch unbekannten Situationen reagieren würde. Diese Haltung werde ich der Haltung des Klienten entgegenstellen, ohne sie benennen zu müssen. Gelegentliche Gewaltphantasien, wie oben skizziert am Beispiel von männlichen Jugendlichen, machen noch keine Gewalt aus, entscheidend wird sein, welche Haltung entwickeln Klienten im Grunde nach, also, ist der gewalttätige Übergriff und das Erzeugen von Angst ein sogenanntes „no go" oder lässt man sich eine Hintertür offen.

Es ist beobachtbar, dass Klienten z. B. nach einem Betretungsverbot oder einer Konfrontation durch die Behörde, gewalttätiges Verhalten beenden. Die Angst vor behördlichen Konsequenzen (bis hin zum Gefängnisaufenthalt) ist demnach groß genug, dass sie in erster Linie aus dieser Motivation heraus ihr Verhalten verändern. Damit ist weder ein „no go" gegenüber Gewalt als Haltung an sich verinnerlicht, noch ist eine Veränderung im Sinne einer Erweiterung von (stereotypen) männlichen Rollenverhalten erwartbar. Aber es reicht manchmal aus, dass jemand beginnt, nachhaltig das gewalttätige Verhalten zu verändern und beginnt, sich zu kontrollieren, um neue konstruktivere Entscheidungen in Konflikt- und Krisensituationen treffen zu können - manchmal reicht das. 

Damit sind wahrscheinlich viele Themen und Konfliktfelder in Bereichen der persönlichen Beziehungsgestaltung und Erwartungshaltungen in Bezug auf Erweiterung des Rollenverständnisses (z. B. in Bezug auf Männlichkeit) wenig berührt, und trotzdem, die Sicherheit wird mehr.

Verweise

  1. Der Begriff der Gewaltpädagogik wird meist als Sammelbegriff verwendet, inkludiert meist Beratung, Sozialpädagogik und Prävention.
  2. Vgl. Connell, Robert W, 1999
  3. vgl. Oelemann, Burkhard/Lempert, Joachim, 2002
  4. vgl. J. Bauer, 2011
  5. Fabian Ridl, 2011
  6. vgl. J. Bauer, 2011
  7. Vgl. Eurit, www.eupax.eu
  8. vgl. J. Bauer, 2011
  9. Vgl. Hölzl in Kraftstoff, 2019
  10. Vgl. Lempert, 2002
  11. Vgl. Aigner, Josef, C. 2016
  12. Nach Connell wird Gewalt aber auch eingesetzt, um Menschen auszugrenzen und hier sind bei kriegerischen Auseinandersetzungen Männer gleichzeitig Opfer und Täter. „Terrorisierung dient dazu, Menschen sozial auszugrenzen, wie es bei heterosexueller Gewalt gegen Schwule der Fall ist. In Gruppenkonflikten kann Gewalt dazu dienen, sich der eigenen Männlichkeit zu versichern oder diese zu demonstrieren." (Connell, 2000, S. 104f)
  13. Vgl. Hölzl, Handbuch Gewaltberatung, BEZIEHUNGLEBEN.AT
  14. „Bei der Frage nach dem „Wie" der Täterarbeit hat es in den vergangenen Jahren Veränderungen und Entwicklungen gegeben, die in Fachkreisen intensiv diskutiert worden sind. Dabei ging es insbesondere um die Frage, ob Täterarbeit als eine spezifische Form der psychosozialen Arbeit anzusehen sei, die analog zu bekannten Arbeitsweisen (z.B. Beratung, Psychotherapie) erfolgen soll, also mit zentralen Prinzipien wie Vertraulichkeit, Möglichkeit zur Anonymität und Freiwilligkeit („Verschwiegenheits-Paradigma"), oder ob Täterarbeit auf Kooperation mit Opferschutzeinrichtungen und Behörden setzen soll, auf fallbezogenen Informationsaustausch und koordinierte Interventionen im Familiensystem über die Einrichtungs- und Institutionsgrenzen hinweg („Kooperations-Paradigma"). Für die Arbeit unter dem Kooperations-Paradigma hat sich auch die Bezeichnung „Opferschutzorientierte Täterarbeit (OTA)" durchgesetzt" (Alexander Haydn, Männerberatung Wien. Christian Scambor, Männerberatung Graz).

Hölzl Josef, MSc, seit 1997 in der Ehe-, Familien- und Lebensberatung, Männerberatung und Gewaltberatung/Tätertherapie in Linz (beziehungleben.at), Lehrtätigkeit an der FH OÖ/Soziale Arbeit

Literatur

  • [1] Aigner, Josef, C. : Der andere Mann. Vom schwierigen Umgang mit Unterschieden. In: Aigner, J., C. (Hrsg), Der andere Mann. Ein alternativer blick auf Entwicklung, Lebenslagen und Probleme von Männern heute (S. 11 - 36)., Gießen: Psychjosozial-Verlag, 2016
  • [2] Bauer, Joachim: Schmerzgrenze, Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt. Blessing Verlag, 2011
  • [3] Connell, R.: Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Opladen: Leske + Budrich, 1999
  • [4] Männer gegen Männer-Gewalt (Hrsg.): Handbuch der Gewaltberatung. OLE – Verlag, Hamburg, 2002
  • [5] Hölzl, Josef: Einfluss von Biographie und Kompetenz auf die Identität des Gewaltberaters. Auswirkungen auf Aus- und Weiterbildung. Thesis zur Erlangung des Grades Master of Science (MSc). Fachbereich Counseling, eingereicht bei: ARGE Bildungsmanagement Wien., 2009
  • [6] Hölzl, Josef: Aggressive Kraft In: Schönleiter, Wolfgang / Kogler Franz, (Hrsg.), Kraftstoff, Was Männer stärkt., Tyrolia, 2019
  • [7] Hölzl, Josef: Handbuch Gewaltberatung 2015

    Weitere Informationen
  • [8] Lempert, J.: Gewalt - Männersache? Grundlagen für eine verändernde Sicht 2003

    Weitere Informationen
    PDF
  • [9] Oelemann, B., Lempert, J.: Endlich Selbstbewusst und stark. Gewaltpädagogik nach dem Hamburger Modell – ein Lernbrief. Hamburg: OLE-Verlag, 2002
  • [10] Haim Omer, Arist von Schlippe: Autorität durch Beziehung. Vandenhoeck & Ruprecht, 2010
  • [11] Ridl, Fabian: JAHRESBERICHT 2016, Verein „Mannsbilder. Unabhängiger Verein Männerzentrum in Tirol für Bildung, Begegnung und Beratung“. 2016

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