Das sexualpädagogische Konzept Sicherheit, Transparenz und Rückendeckung für einen kompetenten Umgang mit Sexualität, der Gesundheits- und Entwicklungsförderung und zur Gewaltprävention
Sexualität ist ein existentielles Grundbedürfnis und ein zentraler Bestandteil der menschlichen Identität und Persönlichkeitsentwicklung. Sie umfasst biologische, psychosoziale sowie emotionale Dimensionen und ist damit untrennbar mit der körperlichen und seelischen Gesundheit verbunden (BZgA, S. 5). Daher ist es naheliegend, dass Menschen aller Altersgruppen davon profitieren, wenn Organisationen, in denen gelernt, gelebt und begleitet wird, das Thema Sexualität alters- und entwicklungsgerecht aufbereiten. Ein sexualpädagogisches Konzept schafft hierfür den notwendigen Rahmen.
Autorin: Katja Koller, BA MA, Sozialarbeiterin, Sexual- und Traumapädagogin, Sexualberatung nach Sexocorpore, Expertin für (Kinder-)Schutzkonzepte und sexualpädagogische Konzepte
Thema Februar 2026
Was ist Sexualität?
Wovon sprechen wir, wenn es um Sexualität geht? Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und beobachten Sie welche Bilder Ihnen als erstes in den Sinn kommen, wenn Sie das Wort "Sex" oder "Sexualität" hören?
Um Klarheit zu schaffen: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Sexualität als einen zentralen Aspekt des Menschseins über die gesamte Lebensspanne. Sie schließt das biologische Geschlecht, die Geschlechtsidentität, sexuelle Orientierung, Lust, Intimität und Fortpflanzung ein.
Sexualität kann zudem als eine "Lebensenergie" verstanden werden, die eine grundlegende Lebensfreude umfasst. Sie macht neugierig, treibt Menschen an, sich selbst zu entdecken, und wird über alle Sinne erfahrbar: Riechen, Schmecken, Hören und Fühlen sind integrale Bestandteile.
Sexualität zeigt sich in vielfältigen Ausdrucksformen – von kindlichen Körpererkundungsspielen bis hin zur bewussten Entscheidung eines Erwachsenen, Sexualität nicht aktiv zu leben. Da Sexualität ein lebenslanger Prozess der Identitätsentwicklung ist, verändert sie sich stetig. So wird verständlich, dass die Sexualität eines Kindes völlig andere Funktionen erfüllt als die eines Paares mit Kinderwunsch oder die eines Menschen im hohen Alter. Bis hierhin klingt das stimmig – doch warum fällt es uns oft so schwer, das Thema professionell anzusprechen?
Die Herausforderungen im Umgang mit Sexualität
Obwohl Sexualität in den allen Medien allgegenwärtig ist, wird selten vorurteilsfrei oder positiv darüber berichtet. Die öffentliche Debatte schwankt oft zwischen Extremen: Gewaltphänomene und Missbrauch auf der einen Seite, Pornografie oder überromantisierte Filmbilder auf der anderen. Zudem haben die wenigsten Fachkräfte gelernt, offen über Sexualität zu sprechen – es fehlt schlicht an einem neutralen Vokabular. Unsere Vorstellungen und persönlichen Haltungen von Sexualität wurden und werden aus vielfältigen Quellen gespeist:
- Der Umgang mit Sexualität, Nacktheit, Nähe, Distanz und die allgemeine Beziehungsgestaltung in der Herkunftsfamilie
- Erfahrungen mit Fachkräften in Bildungs- und Betreuungseinrichtungen
- Einflüsse durch Medien, Filme, Serien, Internet und soziale Netzwerke
- Religion, Werte und der Austausch mit Gleichaltrigen (Peers)
Diese oft unreflektierten Prägungen können dazu führen, dass Vorfälle in Organisationen nicht neutral bewertet oder Menschen nicht wertfrei begleitet werden. Eine professionelle Haltung hingegen erwächst aus Selbstreflexion, fundiertem Fachwissen und dem Verzicht auf Moralisierung. Die Unterscheidung zwischen "persönlich" und "professionell" ist der Schlüssel für eine kompetente Begleitung.
Oftmals existieren veraltete Regeln, die einer "Verhinderungspädagogik" entspringen (Vermeidung von Schwangerschaften oder Krankheiten), statt Autonomie und Selbstbestimmung zu fördern. Zudem erfordert die Digitalisierung neue Kompetenzen der Fachkräfte, um die veränderten Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen sicher begleiten zu können. Ein sexualpädagogisches Konzept bietet dem Team die Grundlage, eine gemeinsame Sprache und Haltung zu entwickeln.
Wenn sie Lust haben, dürfen Sie sich mit ein paar Fragen aus Ihrer Sexualbiografie beschäftigen!
- Wie wurden Sie aufgeklärt?
- Haben Sie eine "gute Sprache" für Sexualität?
- Können Sie die Geschlechtsteile fachlich korrekt bezeichnen? Welche Begriffe verwenden Sie?
- Welche Werte sind Ihnen persönlich in Bezug auf Sexualität und Beziehung wichtig?
- Fällt es Ihnen schwer/leicht über dieses Thema zu reden?
Nutzen eines sexualpädagogischen Konzepts
Ein sexualpädagogisches Konzept ist nicht nur ein klares Statement nach außen. Es ergänzt das (Kinder-)Schutzkonzept und das pädagogische Konzept um wesentliche Inhalte, kann aber auch für sich alleine stehen. Es schafft Orientierung und Sicherheit im Umgang mit der jeweiligen Zielgruppe, verhilft zu einer klaren Positionierung und zeigt die fachliche Sichtweise auf das Thema auf. Zudem werden durch ein sexualpädagogisches Konzept die Möglichkeiten und die Grenzen des (pädagogischen) Handelns sichtbar. Durch die Aneignung eines gemeinsamen fachlichen Wissenstandes wird auf zukünftige Ereignisse fachlich-professionell statt emotional-persönlich reagiert und alle Beteiligten (Kinder, Eltern, Bezugspersonen, Kolleg*innen) kompetent begleitet und beraten.
Methoden, Regeln und Sprache sind klar definiert, es gibt keine Willkür im Umgang mit dem Thema. Auch für das Klientel sind die Regeln transparent und nachvollziehbar (z. B. Regeln für Körpererkundungsspiele, Regeln für Beziehungen in der Einrichtung, Intimität, Regeln für Privatsphäre usw.).
Ein umfassendes sexualpädagogisches Konzept kann auch als Gesundheitsförderungs- und Präventionskonzept betrachtet werden. Die Auseinandersetzung und Förderung der Entwicklungsthemen von Menschen, aller Wahrnehmungsebenen und damit auch die Wahrnehmung von eigenen Bedürfnissen und Grenzen, Beziehungs- und Konfliktlösungskompetenzen sind Grundlagen für Gesundheit und Gewaltprävention.
Durch ein offenes Gesprächsklima und dem Schaffen von Gesprächsangeboten kann davon ausgegangen werden, dass Menschen, denen Gewalt oder Grenzverletzungen angetan werden, früher nach Hilfe suchen und darüber sprechen.
Widerständen von besorgten Bezugspersonen kann durch ein klares sexualpädagogisches Konzept die Angst genommen werden, dass hier "etwas mit Kindern gemacht wird" wofür sie noch viel zu klein sind. Auch der Begriff "Frühsexualisierung" wird in diesem Zusammenhang oft verwendet, um Ängste und Unsicherheiten zu schüren. Doch wenn klar ist, was die Begleitung von sexualpädagogischen Themen konkret in der Einrichtung für alle bedeutet, entstehen Vertrauen und Sicherheit.
Und wie sieht es in Ihrer Organisation aus?
- Gibt es in Ihrer Organisation eine gemeinsame klare Haltung zum Thema Sexualität?
- Wird bei Entwicklungsgesprächen die sexuelle Entwicklung mitgedacht?
- Wissen alle was zu tun ist, wenn Grenzen überschritten werden?
- Weiß das Klientel, wer die Ansprechpersonen für sexuelle Themen sind?
- Haben alle Mitarbeitenden das gleiche Fachwissen zur menschlichen sexuellen Entwicklung und das sexualpädagogische Wissen für ihre Zielgruppe?
- Gibt es einen regelmäßigen Austausch über diese Themen im Team?
Grundlagen eines sexualpädagogischen Konzepts
Ein gutes sexualpädagogisches Konzept stützt sich auf international anerkannte Standards und rechtliche Vorgaben. Diese sind die WHO-Standards für Sexualaufklärung in Europa, Wissenschaftliche Standards über die sexuelle Entwicklung eines Menschen und der rechtliche Rahmen des jeweiligen Landes/Bundeslandes (z. B. Grundsatzerlass Sexualpädagogik 2015 des BM für Bildung und Frauen oder der Bildungsrahmenplan für elementare Einrichtungen), sowie der allgemeinen Menschenrechte und Kinderrechte.
Was denken Sie, ist für Ihre Organisation ausschlaggebend?
- Gibt es ein Rahmenkonzept eines Trägers?
- Welche Gesetze sind für Ihr Klientel relevant?
- Gibt es Vorgaben aufgrund der Einrichtungsform (Schule, Kindergarten, Krankenhaus, …)?
- Welche Entwicklungsaspekte sind für Ihre Zielgruppe wesentlich?
Inhalte eines sexualpädagogischen Konzepts
Im sexualpädagogischen Konzept muss die Grundhaltung in Bezug auf Sexualität klar erkennbar sein.
Im Leitbild wird abgebildet, was den Menschen in der Organisation in Bezug auf Sexualität mitgegeben werden soll. Welche Normen und Vorstellungen der Fachkräfte liegen Bewertungen von (kindlicher/jugendlicher) Sexualität und sexuellen Beziehungen zugrunde? Welche Ziele wollen mit dem Konzept erreicht werden?
Im sexualpädagogischen Konzept muss es auch Aussagen darüber geben, wie grundsätzlich mit sexualpädagogischen Themen umgegangen wird und welche Methoden oder Medien verwendet werden, z. B. "Wir beantworten Sachfragen auf Sachebene."
Auch der Umgang mit sexuellen Aktivitäten und die Positionierung und Begründung darüber muss klar und deutlich ausformuliert werden. Dies beinhaltet z.B. den Umgang mit Körpererkundungsspielen, Übernachtungssituationen, Beziehungen zwischen Klientel aber auch den Umgang mit Grenzverletzungen, Schimpfwörtern, sexuellen und diskriminierenden Äußerungen.
Alle getroffenen inhaltlichen Entscheidungen müssen sich an den rechtlichen Rahmenbedingungen orientieren, sowie mögliche Rahmenschutzkonzepte oder Vorgaben des Trägers berücksichtigen.
Weiters müssen die Anforderungen an die Mitarbeitenden konkret benannt werden, z. B. "Wir machen keinen Unterschied in der Geschlechtlichkeit der Mitarbeitenden in Bezug auf sämtliche Tätigkeiten." Oder "Wir möchten, dass alle Mitarbeitenden sexualpädagogische relevante Themen begleiten."
Auch die Bereitschaft für Aus- und Weiterbildungen und regelmäßige Reflektionen und Auseinandersetzung mit dem Thema Sexualität muss vorhanden sein.
Der Umgang mit Medien, Fotos und Körperbildern sollte – je nach Ausformulierung bei einem vorhanden Schutzkonzept – hier noch einmal einen Platz bekommen. Bei Jugendlichen sollte man auch darüber nachdenken, welche Informationszugänge sie zu sexualrelevanten Themen haben.
Vernetzungen und Kooperationen mit Facheinrichtungen und Fachpersonen sollen am besten vor Krisen etabliert werden. Gibt es Fachpersonen, die wir im Zweifel kontaktieren können? Haben wir Supervisor*innen, die uns fachlich korrekt bei den Auseinandersetzungen mit dem Thema begleiten können?
Je nach Zielgruppe kann auch die Elternarbeit oder die Arbeit mit den Bezugspersonen eine wichtige Rolle spielen und im Konzept ausgearbeitet werden.
Die folgenden Leitfragen können eine Orientierung und einen Einstieg bei der Erarbeitung eines sexualpädagogischen Konzepts sein:
- Ist Sexualität ein Thema in der Organisation?
- Welche Regeln für Körpererkundungsspiele, zu Körperkontakt, sexuellen Aktivitäten, Nacktheit, Toilettennutzung und Grenzen machen für unsere Einrichtung Sinn?
- Welche sexualpädagogischen Materialien stellen wir zur Verfügung? Welche Methoden wenden wir an, um Kinder in ihrer sexuellen Entwicklung fachlich und altersadäquat zu unterstützen?
- Wie können wir in der Einrichtung ein positives Lernfeld in Bezug auf Körper und (kindliche) Sexualität schaffen?
- Welche Herausforderungen gibt es im Umgang mit dem Thema Sexualität und wie können wir diesen begegnen? Was benötigen wir, um einen guten Umgang damit zu finden?
So gelingt die Erarbeitung eines sexualpädagogischen Konzepts
Ein sexualpädagogisches Konzept benötigt die Auseinandersetzung des gesamten Teams mit den oben angeführten Themen und Fragestellungen. Dies benötigt zeitliche und finanzielle Ressourcen.
Die folgenden Schritte können bei der Planung und Umsetzung helfen:
- Benennen Sie eine hauptverantwortliche Person, die den Prozessverlauf im Blick hat.
- Bei großen Teams ist es sinnvoll Arbeitsgruppen und Steuerungsgruppen festzulegen.
- Entscheiden Sie, für welche Zielgruppe das sexualpädagogische Konzept geschrieben wird.
- Partizipation ist die Grundlagen für Motivation und Umsetzung im Alltag: Alle Beteiligten einer Organisation sollen die Möglichkeit haben mitzugestalten.
- Führen Sie eine Risiko- und Potentialanalyse zum Thema durch oder ergänzen Sie wesentliche Punkte der Risikoanalyse aus dem Schutzkonzept.
- Treffen Sie im Konzept konkrete Aussagen in Bezug auf den Umgang mit Sexualität, damit sich alle in der Organisation darauf verlassen können.
- Das sexualpädagogische Konzept sollte in Verbindung mit dem Gesamtkonzept (z.B. pädagogisches Konzept) und dem Schutzkonzept stehen und sich nicht widersprechen.
- Legen Sie fest, wer die redaktionelle Arbeit übernehmen kann (oftmals eine Verwaltungsfachkraft oder eine ähnliche beruflich nahestehende Person).
- Damit lässt sich auch die Tauglichkeit und Verständlichkeit des Konzepts überprüfen: Haben Redakteurin oder Redakteur bei der Niederschrift verstanden, worum es in dem Konzept geht und was es konkret bedeutet?
- Überlegen Sie sich, wie Sie die Inhalte der Zielgruppe vermitteln können.
- Setzen Sie die erarbeiteten Maßnahmen (z.B. Schulungen der Mitarbeitenden, Anschaffung von Medien, Organisation eines Informationsabends, Vernetzung mit Fachpersonen) in die Praxis um.
- Evaluieren Sie ihr sexualpädagogisches Konzept: Wie wird es im Alltag umgesetzt? Sind die Maßnahmen ausreichend und brauchbar?
- Ergänzen Sie neue Risiken oder Potentiale und passen Sie das Konzept immer wieder den Gegebenheiten an.
Fazit
Überall dort, wo Menschen sich entwickeln, muss Sexualität mitgedacht werden. Wird sie verschwiegen oder tabuisiert, entsteht ein Nährboden für Gewalt und verhindert zugleich die gesunde Entwicklung von sexueller Identität und Integrität. Ein sexualpädagogisches Konzept bricht dieses Schweigen. Es fördert ein Klima von Toleranz und Respekt, stärkt den Mitarbeitenden den Rücken und bietet allen Beteiligten Sicherheit. Auch wenn der Weg zum fertigen Konzept Aufwand bedeutet: Die Praxis zeigt, dass sich diese Investition in die Sicherheit und Lebensqualität aller Beteiligten lohnt.
Quellen und Literatur
- BZgA: Rahmenkonzept zur Sexualaufklärung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2016)
- WHO Regionalbüro für Europa und BZgA – Standards für Sexualaufklärung in Europa. Rahmenkonzept für politische Entscheidungsträger, Bildungseinrichtungen, Gesundheitsbehörden.
- Schröer, Wolfgang (hrsg.) (2018) Lehrbuch Schutzkonzepte in pädagogischen Organisationen. Beltz Juventa.
- Rahmenkonzept Sexualpädagogik für Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe in Oberösterreich