"Und dann haben Sie zugeschlagen!" – "Schwierige Gefühle" und die Arbeit in der Gewaltberatung
In den Familienberatungsstellen BEZIEHUNGLEBEN der Diözese Linz in Oberösterreich gibt es unter anderem das Format: gewaltfreiBEZIEHUNGLEBEN. Es bietet Beratung und Therapie bei häuslicher Gewalt, bei Übergriffen im öffentlichen Raum oder nach (polizeilicher) Wegweisung. Auch wenn Menschen fürchten, übergriffig zu werden oder die Kontrolle zu verlieren, greift dieses Angebot. Sie begleiten und coachen Männer und Frauen, damit diese ihr gewalttätiges Handeln beenden können, unter anderem indem sie Zugang zu ihren Gefühlen finden und lernen, ihre Bedürfnisse angemessen zu äußern.
Autor: Hölzl Josef, MSc, seit 1997 in der Ehe-, Familien- und Lebensberatung, Männerberatung und Gewaltberatung/Tätertherapie in Linz (beziehungleben.at); Lehrtätigkeit an der Diakonie Akademie, Stabsstelle für Prävention
Thema April 2026
Ungeliebte Gefühle aufspüren – "Wie geht’s Ihnen?”
In Beratungsgesprächen, verwenden wir nicht selten die Frage: "Wie geht es Ihnen?" Etwas amical, fast so, als würden wir uns im Alltag begrüßen. Dort ist es eine Höflichkeitsfrage, auf die man keine vertieften Selbstaussagen erwartet. In der Beratung wollen wir allerdings das Befinden des Gegenübers genauer explorieren, weil wir annehmen, dass sowohl äußere Lebensfaktoren wie auch innere emotionale oder psychische Zustände zum Leidensdruck beitragen.
Als Antwort auf die Frage, "Wie geht’s Ihnen?" kommt dann schon mal die Antwort: "Danke, neutral." oder "Na wie schon, schlecht!" oder "Danke der Nachfrage, wie lange haben Sie Zeit?". Deutlich wird: Auf diese sehr allgemeine und unspezifische Frage erhalten wir ebenso unspezifische Antworten. Ein wesentlicher Teil der Beratung besteht dann darin, dass wir nicht nur versuchen Menschen zu verstehen, sondern darüber hinaus Wege zu finden, wie sie wieder Zugang zu ihren Emotionen erlangen können um sich in ihrer Gesamtheit als lebendiges Wesen zu begreifen.
Ein Beispiel aus der Praxis
Herr A. ist Mitte vierzig, als Kleinkind kam er mit seinen Eltern und Geschwistern aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Österreich. Er ist verheiratet, seine Frau stammt ebenso aus seiner Heimat. Sie sind gut integriert, beruflich etabliert und ihre beiden Töchter (17 und 14 Jahre) besuchen erfolgreich "gute" Schulen, wie er erzählt. Er betreibt mit seinem Bruder ein florierendes IT-Unternehmen.
Herr A. kommt in die Beratungsstelle, weil er großen Druck verspürt, hohe innere Spannungszustände erlebt und bereits körperliche Symptome, wie Schlaflosigkeit, Unruhe und phasenweises Zittern bei sich wahrnimmt. Er hat bereits aufgrund der Folgen einer Sportverletzung einen Reha-Aufenthalt in Aussicht. Seiner Darstellung nach ist der Hauptauslöser für den großen Druck der Konflikt mit seiner Partnerin und den Töchtern. Thema zwischen ihm und seiner Frau sind die unterschiedlichen Zugänge in der Kindererziehung. Er ist mit ihrer "Erziehungsarbeit" nicht einverstanden. Sie lasse zu viel durchgehen, sei wenig konsequent und gerate immer wieder in Streit mit den Töchtern. Dabei agiere seine Frau dann wieder zu nachgiebig. Ebenso erlebt er, dass seine Bemühungen regulierend einzugreifen, nicht funktionieren.
Diese Belastungssituation, wie sie in vielen Familien vorkommt, ist vor einiger Zeit wieder einmal lautstark eskaliert. Dann hat er aus dem "Nichts" heraus seiner Frau und den beiden Töchtern ins Gesicht geschlagen. Er hat durch dieses Verhalten den Konflikt abrupt beendet, indem er durch den Einsatz von Gewalt die Konfliktebene verlassen hat.
Seinen Übergriff kann er zwar sehen, gleichzeitig bemüht er sich sehr, zu erklären, wie es zur körperlichen Gewalt gekommen ist. Unter anderem führt er an, dass seine Frau maßgeblich Mitschuld trägt, dass ihm das "passiert" ist.
Intervention wider die Rechtfertigung
Bei seiner Rechtfertigung setzt eine erste wesentliche Intervention an: Das Wort "passiert" wird so nicht akzeptiert, sondern unmittelbar umbenannt und zurechtgerückt wie: "Also, da haben Sie ihrer Frau und ihrer Tochter ins Gesicht geschlagen." Es wird von der beratenden Person sofort eine aktive Beschreibung hinzugefügt, denn es ist ihm letztlich nicht "passiert", sondern er hat den Übergriff aktiv vollzogen.
Diese aktive, konkrete Beschreibung dessen, was der Klient getan hat, zieht sich wiederholt durch das Beratungsgeschehen.
Die konfrontative Intervention gelingt dann, wenn sich der Berater bzw. die Beraterin bewusst für diesen Weg der Verbalisierung entscheidet und dies nicht aus dem Blick verliert. Es ist bedeutsam, zu beschreiben und nicht zu bewerten bzw. zu moralisieren, sondern genau am Geschehenen zu bleiben: "Wie Sie ihre Frau ins Gesicht geschlagen haben, wie Sie ihren Töchtern Angst gemacht haben." Damit diese konfrontative Haltung möglich und auch wirksam ist, wollen und müssen wir den Mann in seiner Gesamtheit wahrnehmen und verstehen. Wie er dazugekommen ist, dass er "die rote Linie" überschritten hat. Bilder wie die "rote Linie überschreiten" sind für die meisten Klientinnen und Klienten gut nachvollziehbar. Man kann damit auch den Unterschied zu anderen schwierigen Verhaltensweisen gut herausarbeiten.
Eine verständnisvolle Haltung ist kein Einverstandensein mit dem Verhalten. Dabei stehen die Beratenden dabei vor der Herausforderung, einerseits empathisch und wertschätzend zu sein und andererseits eine klare Haltung der Gewalt gegenüber einzunehmen, also Empathie und Konfrontation in einem Atemzug. Ein Zuviel an Empathie kann problematisch sein, denn Täter:innen interpretieren sie möglicherweise falsch, in dem Sinn, dass er/sie ja doch nur teilweise verantwortlich für den Übergriff sei. Neugierde, Aufmerksamkeit und Wahrnehmung sind dann die bessere Wahl, gerade wenn wir befürchten müssen, in die Problemtrance des Täters involviert zu werden. Neugierde bedeutet, verstehen zu wollen, wie jemand bzw. wie seine Gewalt funktioniert. Verstehen zu wollen, wie dieser eine Mensch so weit kommen konnte, in einer bestimmten Situation Gewalt anzuwenden. Wie kommt er dazu, andere, die ihm wichtig sind oder waren, zu verletzen? Dieses Verstehen ist gar nicht so schwer, weil wir selbst auch Mechanismen und Strategien kennen, bestimmte Emotionen abzuwenden, abzuwehren, umzudeuten oder gar nicht erst zu spüren. Auch wir kennen es, Gefühle gekonnt auf ein Gegenüber zu projizieren.
Wenn wir von Übergriffen reden, sind in unserem Fall nicht verbale Attacken, Kritik, Vorwürfe oder Abwertungen gemeint (außer es werden Drohungen gegen Leib und Leben ausgesprochen). Es geht nicht darum, seelische Grausamkeiten und psychische Gewalt zu verharmlosen.
In der Beratung ist es ist daher ein Grenzgang, zwischen eskalierenden Konflikten und gewalttätigem Verhalten zu unterscheiden. Ein "lauter Konflikt" muss nicht in Gewalt enden, sondern ist zunächst einmal lediglich ein "lauter Konflikt”. Zweifelsohne können auch laute Konflikte als grenzverletzend und seelisch sehr belastend erlebt werden und die Lebensqualität massiv beeinträchtigen.
Der Klient, Herr A. bewertet und erlebt die Impulsivität seiner Partnerin als "psychische Attacken" und versucht, diese verbalen und psychischen "Attacken" seiner Frau als mindestens so grausam und belastend darzustellen wie sein Schlagen ins Gesicht.
In der Beratung wollen wir verstehen, wo er in seinem Leben mit seinen "ungeliebten Gefühlen" in Kontakt kommt. Es zeigt sich, dass er diese vor allem in seinen emotional nahen Beziehungen (zu seiner Partnerin, zu seinen Kindern), erlebt. In seinem beruflichen Kontext kann er Konflikte gut versachlichen, entemotionalisieren und rational regeln.
Originäre und derivate Gefühle
Welche Gefühle sind es nun, von denen Herr A. glaubt, sie nicht aushalten zu können? Es sind Versagensangst, Angst vor Kontrollverlust und damit verbunden Ohnmachtsgefühle. Dies wird deutlich in Sätzen wie: "Die machen, was sie wollen". Eine mögliche Intervention ist dann zu sagen: "Ja, erwachsene Menschen machen mitunter, was sie wollen, und Kinder auch." Dazu kommt ein diffuses Schamgefühl. Er schämt sich, dass er es als Mann nicht geschafft hat, "die Sache im Griff" zu haben.
Erfahrungen aus der Praxis und Erkenntnisse aus der Geschlechterforschung zeigen uns, dass Männer und männliche Jugendliche durch bestimmte Verhaltensweisen eine patriarchale, traditionelle Männlichkeit inszenieren, weil sie damit bestimmte Erwartungen bedienen. Diese entstehen unter anderem durch Sozialisationsbedingungen. Eine solche Erwartung, die manche meinen, erfüllen zu müssen, kann sein: Männer müssen immer alles im "Griff" haben – zum einen die "Sache" oder auch die Frau und die Kinder.
In der Phaemo®-Beratung nach Lempert wird zwischen originären und derivaten Gefühlen unterschieden. Originär sind jene Gefühle, die angemessen und richtig erscheinen und den eigenen oder den gesellschaftlichen Werten entsprechen. Derivate Gefühle sind dann meist "abgeleitete" Gefühle und entstehen durch Interpretationen, bzw. weil sie dem eigenen Selbstbild entsprechen oder erlernt wurden. Sie überlagern die originären Gefühle. Veränderungsprozesse benötigen allerdings ein Zulassen und Erleben von originären Gefühlen. Diese, beispielsweise Scham, Wut, Angst, Ohnmacht entstehen im Hier und Jetzt aus den Phänomenen.
Herr A. fühlt sich machtlos und schämt sich, weil er seine Frau und Kinder geschlagen hat. Für ihn bedeutet das ein persönliches moralisches Versagen. So will er als Vater und Partner eigentlich nicht sein.
Diese Scham, die Versagensangst und sich als abgelehnt und zurückgewiesen zu erleben, werden als "negative Gefühle" bewertet. Die sogenannten originären Gefühle werden als unangenehm und ungeliebt wahrgenommen und daher will Herr A. sie loswerden, verdrängen und mitunter "wegschlagen".
Herr A. merkt in der konkreten Situation vor der Gewaltanwendung einen Kontrollverlust und die Versagensangst (als Mann) und schämt sich dafür. Darauf reagiert er aber mit Wut und Zorn und aus dieser – derivaten – Wut schlägt er zu. Die Ohnmacht, den Kontrollverlust kann er sich nicht eingestehen und damit auch nicht spüren, auch nicht die Traurigkeit darüber, dass er den Kontakt plötzlich verliert. Stattdessen verdeckt er diese für ihn unangenehmen Gefühlen mit Wut und Aggression und schlägt zu. Gewalt bekommt eine zweifache Funktion: er kann dadurch seine in diesem Fall derivate Wut und den Zorn ausagieren und abreagieren und seine ungeliebten Gefühle werden abgewendet, buchstäblich "weggeschlagen", letztlich dem Opfer "übergeben".
Im Beratungsgespräch zeigt sich dann Scham. Zum einen, weil er als Mann die "Sache", (eigentlich die Frau und die Kinder) nicht im Griff hatte. Zum anderen, weil es für Herrn A. unmoralisch ist zu zuschlagen. Es widerspricht seinen Wertvorstellungen und das löst wiederum Scham und auch Traurigkeit aus. Das Spüren von Ohnmacht, Versagensangst, Scham und Traurigkeit bekommt in der Beratung einen "Erlaubnisraum" und sie sind gleichzeitig der Nährboden für Verantwortung und Erweiterung seines Selbstbilds.
Herrn A. in der Beratung phänomenologisch wahrzunehmen, bedeutet zu fragen: Welche konkrete Wirklichkeit beschreibt mir der Klient? Wie stellt er sie dar und stimmt das überein mit dem, was er originär wahrnimmt? Was nehme ich bei ihm und bei mir wahr? Wird das konkrete Verhalten, das konkrete Tun als persönlich verantwortetes Handeln erlebbar?
Allerdings wird sein Handeln für den Klienten erst persönlich nahbar/erlebbar, wenn das Tun einen originären emotionalen Anker bekommt: Seine gelebte Handlung und seine Erfahrung werden direkt mit seiner konkreten Emotion verknüpft, sodass Bewusstheit entsteht. Häufig werden Emotionen jedoch indifferent, manchmal diffus und ambivalent wahrgenommen. Dies bietet die Grundlage für die individuelle Erkundung von persönlichen, originären Gefühlen in der Beratung. Im Gespräch dann "dran zu bleiben", zu begleiten und die originären Gefühle zu benennen und dadurch erlebbar zu machen, lässt Momente der Tiefe entstehen. Der Klient kommt sich selbst ganz nah. Diese Erfahrung in der Therapie kann zu der Erkenntnis führen, dass die mit schwierigen Ereignissen verknüpften Gefühle als weniger bedrohlich erlebt werden. Sie müssen dann vielleicht weniger bewertet und abgewehrt werden. Inspirierend und bewegend ist die dahinterliegende Idee von Julius Kuhl: "Emotionen bringen das Ich zum Tun und das Selbst zum Wachsen." (Hölzl 2013)
Gewaltberatung und Therapie für Täter:innen eröffnen einen Beziehungsraum, in dem Klientinnen und Klienten ganzheitlich ankommen können. Wir selbst als Beratende sind die tragende Säule dieses Bezugsrahmens. Dadurch ermöglichen wir die Arbeit an der Wahrnehmungs- und Gefühlskompetenz, fördern die Selbstregulation und die Empathie-Fähigkeit und fördern dadurch die Fähigkeit von Täter:innen, Gewalt und übergriffiges Verhalten zu beenden. Dass sie idealerweise damit aufhören können, Angst um Leib und Leben zu erzeugen. Das bedeutet, Klientinnen und Klienten möglichst wirkungsvoll dabei zu unterstützen, ihr Verhalten soweit zu verändern, dass sie in ihren Lebenszusammenhängen Sicherheit und in Folge erneut Vertrauen glaubhaft aufbauen zu können. Wohlwissend, dass Sicherheit herzustellen lediglich der Boden für ein mögliches Wiederherstellen von zwischenmenschlichem Vertrauen zu Ihren Partnerinnen und Partnern, Kindern und etwaigen Opfern ist.
Quellen und Literatur
- Hölzl, J., (2006/2016). Paarberatung bei Beziehungsgewalt – ein risikoreiches Interventionskonzept? In: Focus EFL Beratung. Informationsblatt des Berufsverbandes Diplomierter Ehe-, Familien- und LebensberaterInnen Österreichs. April 2006 (aktuelle Fassung: Manuskript: VPA-Tagung, Paare in Bewegung, Wien 2016)
- Hölzl, J., (2013) Abschlussarbeit Tätertherapie/Phaemotherapie.
- Lempert, J., (2012). Gewaltberatung und Tätertherapie auf Grundlage der Phaemotherapie. In: Prömper, H., Jansen, M., Ruffing A. (Hrg), Männer unter Druck. Ein Themenbuch, Budrich Verlag
- Lempert, J., (2014) Gewalt – Männersache? Grundlagen für eine verändernde Sicht, http://:www.lempert.eu/publikationen
- Puchert, R., Scambor, C., Gewalt gegen Männer Erkenntnisse aus der Gewaltforschung und Hinweise für die Praxis, Polizei und Wissenschaft, Ausgabe 3/2012
Die Langfassung des Textes ist nachzulesen in der Fach- und Verbandszeitschrift Blickpunkt EFL-Beratung, Ausgabe 54 "Ungeliebte Gefühle".