Besser verstehen – gezielter begleiten. Biografiearbeit in Altenarbeit und -pflege
Wer die Lebensgeschichte eines Menschen kennt, versteht seine Bedürfnisse, Verhaltensweisen und Grenzen besser. Eine gezielt eingesetzte Biografiearbeit stärkt eine wertschätzende Begleitung in Altenarbeit und -pflege, fördert Selbstbestimmung und kann dazu beitragen, Missverständnissen, Konflikten und auch Gewaltsituationen im Betreuungsalltag vorzubeugen. Sie unterstützt Fachkräfte dabei, zu Pflegende nicht nur in ihrer Pflegebedürftigkeit wahrzunehmen, sondern als Persönlichkeiten mit einer je einzigartigen Lebensgeschichte.
Autorin: Mag.a Ulrike Schwertner, Germanistin und Ethnologin, Dipl. Erwachsenbildnerin, Fachreferentin für Senior:innenbildung und Mitten im Leben beim Katholischen Bildungswerk Kärnten
Thema Oktober 2026
Definition von Biografiearbeit
In dem Buch "Biografiearbeit als Schatzsuche" von H. Klingenberger und E. Ramsauer ist zu lesen:
"Für die Biografie gelten die 3 grundlegenden Momente des Menschseins, wie sie Nikolaus Brantschen SJ formuliert hat:
- Verschiedenheit: Menschliche Biografien sind vielfältig und verschieden
- Einheit: verschiedenste Faktoren wirken auf die Biografien ein, und die Menschen in ihrer Gewordenheit wirken in die Welt zurück.
- Einzigartigkeit: Jeder Mensch ist einmalig. Jede Biografie ist einmalig." (Klingenberger, Ramsauer, 2017, 12)
Weiters erachten es die Autoren als notwendig, den Begriff "Biografie" von unterschiedlichen Seiten her zu betrachten:
Nach der griechischen Wortwurzel ("bios" = "Leben", "graphein" = "schreiben") stellt eine Biografie eine Lebensbeschreibung dar, die aus Lebensgeschichten besteht. Diese einzelnen Geschichten und Episoden ergeben als Ganzes gesehen unser Leben.
Die Biografie ist das "Fleisch auf dem Gerippe des Lebenslaufs". Unsere Biografie ist nicht unser Lebenslauf, sondern unser "Er-Lebenslauf". Erzählen wir mehr als Fakten aus unserem Leben erzählen wir Geschichten, wir erzählen, was uns jetzt wichtig ist und wir erzählen, welche Möglichkeiten wir noch in unserer Zukunft sehen. Biografiearbeit blickt zurück in die Vergangenheit, um Ressourcen für die Gegenwart und Zukunft zu erkennen. Zudem ist Biografiearbeit immer auch ressourcenorientiert.
Biografie ist ebenso eine soziale Konstruktion. Wir sind Kinder unserer Zeit, wie wir geworden sind, ist eingebettet in einen sozialen und geschichtlichen Kontext. Für Menschen, die biografisch arbeiten, ist es immer auch von Vorteil, ein grundlegendes historisches Wissen zu haben.
Und schlussendlich ist unsere Biografie eine subjektive Konstruktion, eine subjektive Verarbeitung von Erlebtem und Erfahrungen. Wir erzählen unsere Lebensgeschichte "in Lücken", mit Gewichtungen und eigenen Bewertungen, die "biografische Wahrheit" gibt es nicht. Aber es gibt eine "biografische Wirklichkeit"; was uns die zu Pflegenden erzählen, ist deren Wahrheit. (vgl. Klingenberger, Ramsauer, 2017, 11ff)
Erfordernis und Nutzen von Biografiearbiet
Dass der Anteil der älteren und hochbetagten Menschen in den nächsten Jahren noch deutlicher ansteigen wird, ist eine hinlänglich bekannte Tatsache. Die sogenannte Babyboomer Generation mit dem geburtenstärksten Jahrgang 1964 ist gerade dabei, in Pension zu gehen und es ist anzunehmen, dass diese Generation in weitgehender Gesundheit und Selbständigkeit die Hochaltrigkeit erreichen wird. Mit letzterer einhergehend ist weiters wahrscheinlicher, dass auch die Pflegebedürftigkeit eine größere Rolle spielen wird und damit wird letztlich das Problem des schon spürbaren Pflegenotstands noch dringlicher. (vgl. Klingenberger, 2015, 9f)
Die Frage stellt sich, wie sich Pflege in Zukunft gestalten lässt, um eine wertschätzende, von Empathie, Respekt und Achtsamkeit begleitete Betreuung durch Fachkräfte zu gewährleisten.
Aus Gesprächen mit Menschen, die in der Pflege tätig sind, geht oftmals hervor, dass viele Einrichtungen zwar angeben, biografieorientiert zu arbeiten, dies aber oft nicht gezielt und systematisch handhaben. Biografie ist eben mehr, als das Ausfüllen eines Biografiebogens; Biografiearbeit ist immer auch Beziehungsarbeit. Meist werden in diesen Biografiebögen alleine Fakten über den Lebenslauf gesammelt und darauf vergessen, welche Bedeutung diese Fakten für die Menschen haben und hatten. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit der "verstehenden Pflege" (Klingenberger, 2015, 12), die nach den (Hinter-) Gründen des Verhaltens der zu Pflegenden sucht. Sie versteht sich, indem Menschen in ihrem So-Sein angenommen werden, fragt nach Sinn von Verhaltensweisen und richtet dementsprechend die Pflege und Betreuung danach aus.
Hubert Klingenberger bietet eine Reihe von Vorteilen und positiven Wirkungen der Biografiearbeit an:
- Pflegende in häuslicher, stationärer und mobiler Pflege können Bedürfnisse und herausfordernde Verhaltensweisen der Pflegebedürftigen besser verstehen.
- Die zu pflegende Person steht mit ihrer Vorgeschichte und der aktuellen Befindlichkeit im Mittelpunkt des Planens und Handelns.
- Gespräche und Pflegehandlungen mit dem Pflegebedürftigen werden erleichtert.
- Bei dementen Menschen kann das Wissen um früheres Wirken und vor allem frühere Kompetenzen entlasten, stabilisieren und helfen, die Identität zu wahren. Bleiben deren Bedürfnisse unerkannt und/oder werden falsch interpretiert, kann dies eine Bedrohung oder Reduzierung ihres subjektiven Wohlbefindens bedeuten.
- An im Lebenslauf angeeignete Kompetenzen der Pflegebedürftigen anzuknüpfen, stärkt Selbstwertgefühl und Identität.
- Darüber hinaus schafft Biografiearbeit Raum für Mitbestimmung, stärkt Rechte und Autonomie, wichtige Faktoren zur Vorbeugung von Gewalt und Grenzverletzungen. (vgl. Klingenberger, 2015, 13f)
Voraussetzungen für eine gelingende Biografiearbeit und Gründe der Vernachlässigung derselben
Wirksame Biografiearbeit setzt eine wertschätzende Grundhaltung voraus und gebietet Achtung vor den Lebensleistungen der zu Pflegenden unabhängig von Herkunft, Beruf oder sozialem Stand, denn jeder Mensch vermag auf eine Vielzahl von Lebensleistungen zurückblicken. In der Pflege Tätige sollten sich idealerweise auch mit der eigenen Biografie beschäftigen und reflektieren, um nachvollziehen zu können, wie sich die Methode anfühlt. (Gerade Erwachsenenbildungseinrichtungen in ganz Österreich bieten immer wieder Lehrgänge zum Thema "Biografiearbeit als Methode" an.) Vertrauen, Freiwilligkeit und der Schutz der persönlichen, der Pflegeperson anvertrauten Informationen sind dabei grundlegend und schützenswert.
Sensibles Zuhören und Beobachten sind von großer Wichtigkeit, Beschämungen von alten, hochaltrigen und an Demenz erkrankten Menschen sind zu vermeiden, wie auch Fragen nach politischer oder sexueller Ausrichtung.
Angehörige sowie auch andere Pflegekräfte sollten in die Biografiearbeit einbezogen werden, nicht nur dann, wenn Pflegebedürftige nicht mehr in der Lage sind, über ihr Leben Auskunft zu geben. Wünschenswert wäre, dass Informationen, die unterschiedlichen Pflegekräften bekannt werden, dokumentiert und allen Beteiligten zugänglich sind.
Auch wenn der Wert der Biografiearbeit unumstritten ist, so ist die Realität doch zumeist eine andere. Fehlende Zeit und knapp geplante und bemessene Abläufe im oft hektischen Pflegealltag machen eine lückenlose biografische Dokumentation nicht immer möglich. Aus unterschiedlichsten Gründen fehlen biografiebezogene Daten und nicht zuletzt scheitert es möglicherweise an fehlender Informationsweiterleitung und der Pflege der Biografie bzw. deren Dokumentation.
Fazit
Biografisches Arbeiten soll die Qualität der Pflege insgesamt verbessern und Gewaltsituationen physischer wie auch psychischer Art vermeiden helfen. Gewaltsituationen, die nicht nur von Seiten des Pflegenden hervorgerufen werden, sondern ebenso von Pflegebedürftigen, die sich speziell in einer Demenz unverstanden fühlt und mit Aggressivität reagiert. Biografisches Arbeiten ist Ausdruck einer Haltung, die den Menschen in seiner Gesamtheit in den Mittelpunkt stellt. Die Kenntnis darum hilft das Risiko von Situationen zu reduzieren, in denen sich ältere, hochaltrige oder an Demenz erkrankte Menschen missverstanden, bevormundet oder entwürdigt fühlen. Gewalt gegen ältere Menschen entsteht ja meist durch mangelndes Verständnis, Überforderung sowie Zeitdruck. Die Kenntnis um die Biografie des Menschen kann nicht alle oben genannten Probleme, mit denen Pflegeeinrichtungen zu kämpfen haben, lösen. Trotzdem ist die Überzeugung da, dass das Wissen um den lebensgeschichtlichen Hintergrund des zu Pflegenden nicht nur einen respektvollen und gewaltfreien Umgang ermöglicht, sondern auch eine individuell gestaltete Pflege sowie den gezielten Einsatz von Ressourcen in der Planung. (vgl. Klingenberger, 2015, 16ff)
Literatur
- Klingenberger, Hubert & Ramsauer, Erika (2017). Biografiearbeit als Schatzsuche. Grundlagen und Methoden. München: Don Bosco.
- Klingenberger, Hubert (2015). Biografiearbeit in der Pflege. Anlässe, Übungen, Impulse. München: Don Bosco.
- Hölzle, Christina & Jansen, Irma (Hrsg) (2011). Ressourcenorientierte Biografiearbeit. Grundlagen – Zielgruppen - Kreative Methoden. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.