Keine Gewalt – eine gewaltige Leistung? Ein Jugendprojektwettbewerb zur Gewaltprävention im ländlichen Raum
Wie gelingt es, junge Menschen im Sinne der Gewaltprävention zu aktivieren und eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt an Frauen und Mädchen im ländlichen Raum zu initiieren? Ein von Frauen für Frauen in Kooperation mit der Stadt Hollabrunn ausgerufener Jugendprojektwettbewerb widmete sich dieser Frage. Er bot Jugendlichen die Möglichkeit, eigene Ideen zu entwickeln, gesellschaftliche Herausforderungen sichtbar zu machen und sich über einen längeren Zeitraum mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Autorin: Katharina Nickel, BA, Sozialarbeiterin und Bereichsleiterin Soziale Arbeit beim Verein Frauen für Frauen
Thema November 2026
Gesellschaftliche Themen gemeinsam angreifen
Die Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischer Gewalt ist eine gesellschaftliche Herausforderung, die Aufklärung, Prävention und gemeinsames Handeln erfordert. Gerade im ländlichen Raum ist das Thema nach wie vor mit einem starken Tabu verbunden. Scham, Angst vor sozialer Ausgrenzung, traditionelle Rollenbilder und fehlende Anonymität können dazu beitragen, dass Zurückhaltung und Scheu bestehen, öffentlich Stellung gegen Gewalt an Frauen zu beziehen.
Frauen für Frauen ist seit 1989 als Frauen- und Mädchenberatungsstelle im Weinviertel, Niederösterreich aktiv und hat Standorte in Hollabrunn, Stockerau und Mistelbach. Ein Schwerpunkt liegt auf der Beratung und Begleitung von gewaltbetroffenen Frauen und Mädchen sowie auf Projekten und Aktionen zur Gewaltprävention. In dieser Arbeit wird immer wieder die Erfahrung gemacht, dass es viel persönliche Überzeugungsarbeit benötigt, um Einwohner:innen und Akteurinnen und Akteure der Region einzubinden. Die Verbindung mit einem als negativ oder als "Problem der anderen" wahrgenommenen Thema wird häufig vermieden.
Gleichzeitig zeigt die Arbeit mit Jugendlichen aller Geschlechter im Rahmen von Schulworkshops, wie wichtig eine längerfristige Auseinandersetzung mit den Dynamiken geschlechtsspezifischer Gewalt ist. In diesen Workshops beobachten die Mitarbeiterinnen in den letzten Jahren wieder vermehrt starre Geschlechts- und besonders Männlichkeitsbilder. Punktuelle Workshops bieten nicht immer genügend Raum, um solche Vorstellungen und ihre Auswirkungen gemeinsam mit jungen Menschen zu reflektieren.
Ein positiver Zugang zu einer ernsten gesellschaftlichen Herausforderung
Vor diesem Hintergrund entstand mit Unterstützung der Stadtgemeinde Hollabrunn und der Stadträtin Elisabeth Schüttengruber-Holly die Idee eines Jugendprojektwettbewerbs. Die Ausschreibung für 2025 richtete sich an junge Menschen ab 14 Jahren, die in Hollabrunn eine Schule besuchen, in einer sozialpädagogischen Einrichtung leben oder einer Jugendorganisation angehören.
Ziel war es, jungen Menschen Raum für eine vertiefte Auseinandersetzung zu geben und ihnen zu ermöglichen, ein gesellschaftliches Thema aktiv mitzugestalten. Zugleich sollte eine positive öffentliche Aktion einen Zugang zum Thema Gewalt an Frauen und Mädchen eröffnen und dazu beitragen, das Tabu im ländlichen Raum abzubauen.
Die Jugendlichen konnten die Form ihrer Projekte selbst wählen. Ob Kunstprojekt, Video, Theaterstück oder Aktion im öffentlichen Raum: Gefragt waren eigene Ideen. In einem schriftlichen Konzept beschrieben die Gruppen ihre Ziele, die geplante Umsetzung sowie Zeit- und Kostenplan. Sie beschäftigten sich auch mit der Frage, was ihr Projekt verändern sollte und woran sie seinen Erfolg erkennen könnten. Die einreichende Institution bestätigte, dass die Projektidee von und mit den Jugendlichen entwickelt wurde.
Gezielte Einladung lokaler Institutionen
Frauen für Frauen war es wichtig, dass sich die einreichenden Gruppen nicht unbegleitet mit schwerwiegenden Inhalten auseinandersetzen. Einzelne Jugendliche können bereits eigene Gewalterfahrungen gemacht haben. Gleichzeitig war klar, dass die intensive Begleitung aller Einreichungen durch den Verein aus Ressourcengründen nicht möglich sein würde.
Daher wurden gezielt Gruppen angesprochen, die von einer pädagogischen Fachkraft begleitet werden konnten. Lehrer:innen und Betreuer:innen wurden bei Frauen für Frauen beraten, wie das Thema Gewalt angemessen bearbeitet werden kann. Für die Gruppen bestand bei Bedarf die Möglichkeit zur Reflexion und zu fachlichem Feedback.
Die Ausschreibung wurde an Schulen, Jugendorganisationen und andere pädagogische Einrichtungen in Hollabrunn weitergeleitet. Dabei zeigte sich, wie wesentlich persönliche Kontakte für den Erfolg solcher Aktionen sind. Sie wurden genutzt, um insbesondere Schulen zu motivieren, mit Projektgruppen Ideen zu entwickeln und einzureichen.
Sichtung und Bewertung der Einreichungen
Im Mittelpunkt des Wettbewerbs standen die Ideen und Perspektiven der Jugendlichen. Mit ihren Projekten beschäftigten sie sich damit, wie geschlechtsspezifische Gewalt sichtbar gemacht, Vorurteile hinterfragt und ein respektvoller Umgang miteinander gefördert werden können. Die eingereichten Beiträge zeigen, auf welche unterschiedliche Weise sich junge Menschen dem Thema nähern und wie sie ihre Gedanken, Erfahrungen und Anliegen kreativ zum Ausdruck bringen.
Letztendlich gab es insgesamt 7 Einreichungen von Schulklassen und einer Pfadfindergruppe, die sich mit dem Thema Gewalt gegen Frauen und Mädchen auseinandersetzten. Es wurde eine Bandbreite an verschiedenen Herangehensweisen gewählt, überwiegend wurde jedoch ein künstlerischer Ansatz verfolgt.
Eine Jury aus einer Lehrerin, einem ehemaligen Schuldirektor , 2 Sozialarbeiterinnen, einem Schülervertreter, einer Schülervertreterin und einer Stadträtin bewertete die Einreichungen anhand festgelegter Kriterien. Diese umfassten unter anderem Nachhaltigkeit, Innovation für die Region, Plausibilität und Umsetzbarkeit. Damit waren junge Menschen auch an der Bewertung der Projektideen beteiligt. Alle einreichenden Gruppen – auch jene, die nicht gewonnen hatten – erhielten ein schriftliches Feedback zu ihrer Projektidee
Die Gewinner:innen 2025 waren:
- 1. Platz: HLW Hollabrunn – "The Dinner Party"
- 2. Platz: BHAK/BHAS Hollabrunn – "Bunte Mauern – starke Botschaften"
- 3. Platz: Ranger und Rover der Pfadfindergruppe Hollabrunn – "Gewaltschutz-Foto-Lovestory"
Umsetzung und Präsentation
Im Herbst 2025 wurden die Gewinner:innen im Rahmen einer kleinen Feier prämiert. Die HLW Hollabrunn hatte dazu eingeladen und für ein Rahmenprogramm mit Musik und Getränken gesorgt. Die Stadt Hollabrunn stellte Einkaufsgutscheine für die 3 Gewinnerteams zur Verfügung. Zusätzlich war für jedes der 3 Projekte ein Sachkostenbudget von bis zu 300 Euro vorgesehen. Frauen für Frauen bot an, die Umsetzung inhaltlich und fachlich zu begleiten.
Die Kreativklasse der HLW Hollabrunn gestaltete für "The Dinner Party" eine Dinner-Tafel mit individuell gefertigten Objekten und Tonplastiken. Die Arbeiten griffen Stärke, Verletzlichkeit und den Mut, nicht zu schweigen, auf Schüler:innen der BHAK/BHAS Hollabrunn entwickelten gemeinsam mit einem Künstler Graffiti-Kunstwerke. Sie thematisierten Gewalt und Perspektiven nach dem Ausstieg aus einer gewaltvollen Situation. Die Ranger und Rover der Pfadfindergruppe Hollabrunn setzten sich in einer Foto-Love-Story mit Gewalt in einer Liebesbeziehung auseinander.
Im Rahmen der 16 Tage gegen Gewalt wurden die Projekte der Gewinner:innen in der Hollabrunner Fußgängerzone präsentiert und in der Sparkassegasse 22 ausgestellt. Die Werke waren von der Straße aus sichtbar 16 Tage lang sichtbar. Die Bereitstellung der Räumlichkeiten durch Peter Hofmann und den Hola Brunn Kulturverein ermöglichte es, die Auseinandersetzung der Jugendlichen auch außerhalb ihrer Schulen und Gruppen öffentlich zugänglich zu machen.
Wirkung und Mehrwert für die Region
Der Jugendprojektwettbewerb bot einen Anlass, geschlechtsspezifische Gewalt aus der Perspektive junger Menschen zu betrachten und ihre Auseinandersetzung mit diesem gesellschaftlich relevanten Thema sichtbar zu machen. Das war in dieser Form im Rahmen der bisher durchgeführten Workshops zum Thema Gewaltprävention nicht möglich.
Der Jugendprojektwettbewerb konnte über die Präsentation einzelner Arbeiten hinaus eine wichtige Funktion erfüllen. Er schaffte Gelegenheiten, sich mit schwierigen gesellschaftlichen Themen auseinanderzusetzen, Wissen zu erweitern und Handlungsmöglichkeiten kennenzulernen.
Gerade bei einem sensiblen Thema wie geschlechtsspezifischer Gewalt sind Räume wichtig, in denen Fragen gestellt, unterschiedliche Perspektiven berücksichtigt und Grenzen respektiert werden können. Dabei geht es nicht nur darum, Gewalt zu benennen, sondern auch darum, gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu hinterfragen und Möglichkeiten für Prävention und Unterstützung aufzuzeigen.
Im Rahmen des Wettbewerbs war den teilnehmenden Gruppen, aber auch den anleitenden pädagogischen Fachkräften genau dies möglich. Sie setzten sich über einen längeren Zeitraum mit dem Thema auseinander und konnten bei Bedarf weitere fachliche Begleitung und Expertise durch Frauen für Frauen abrufen. Ein zentrales Anliegen war dabei, Jugendliche darin zu unterstützen, Gewalt zu erkennen und Handlungsmöglichkeiten für sich und andere zu entwickeln.
Über die Aktion wurde mehrfach in regionalen Medien berichtet. Die Berichte machten junge Menschen als Gestalter:innen sichtbar und rückten ihre Ideen gegen Gewalt in den Mittelpunkt. Der Verein erhielt positives Feedback zum Projektaufruf. Aus Sicht von Frauen für Frauen bot der Wettbewerb zudem die Gelegenheit, bei jungen Menschen als Anlaufstelle sichtbarer zu werden. Es entstanden neue Kooperationen mit Schulen in der Region, die zukünftig Angebote zur Gewaltprävention setzen möchten. Rückmeldungen von Jugendlichen und Lehrpersonen weisen auf neue Sichtweisen, ein geschärftes Bewusstsein für persönliche Grenzen und eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema hin. Inwieweit daraus längerfristige Einstellungsänderungen entstanden sind, lässt sich ohne systematische Wirkungsevaluation jedoch nicht beurteilen.
Fazit und Ausblick
Der erste Projektaufruf war eine positive Erfahrung, auch wenn vieles erst im gemeinsamen Tun entwickelt und erprobt werden musste. Als wesentlich erwiesen sich persönliche Kontakte, verlässliche pädagogische Ansprechpersonen und die Möglichkeit, fachliche Unterstützung abzurufen. Die Jugendlichen brauchten Raum für eigene Ideen und zugleich einen Rahmen, der ihre Umsetzung ermöglichte.
Das positive Echo und die entstandenen Kooperationen bestärkten Frauen für Frauen und die Stadtgemeinde darin, den Wettbewerb fortzusetzen. Für 2026 fand ein weiterer Projektaufruf statt, bei dem bereits 11 Einreichungen eingingen.
Die Projekte setzen Impulse, die über den Wettbewerb hinauswirken können, und laden dazu ein, sich weiterhin mit Gewaltprävention, Gleichberechtigung und einem respektvollen Miteinander auseinanderzusetzen. Auch aus Sicht von Frauen für Frauen ist die Auseinandersetzung junger Menschen mit geschlechtsspezifischer Gewalt von großer gesellschaftlicher Bedeutung. Es entstehen Möglichkeiten für Begegnung, Beteiligung und gemeinsames Lernen. Projekte wie dieser Wettbewerb können dazu beitragen, das Bewusstsein für Gewalt und Diskriminierung zu stärken, Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen und den Zusammenhalt in der Region zu fördern.
Das Projekt wurde durch das Bundeskanzleramt im Rahmen der Plattform gegen Gewalt in der Familie gefördert.