Atem – "Pausen" im Erziehungsalltag Stress‑ und Gewaltprävention durch Atem‑ und Selbstregulationsübungen

Portrait Gutleb. Foto: priv.

Der Alltag mit Kindern bringt Freude, Nähe aber auch komplexe Belastungen. Konflikte, Überforderung und eskalierende Situationen im familiären oder pädagogischen Kontext können das Risiko für psychische und körperliche Gewalt erhöhen — sei es durch impulsive Reaktionen, Verzweiflung oder chronische Anspannung. Bewusste Atem-Pausen und einfache Selbstregulationsübungen sind niedrigschwellige Maßnahmen, die helfen, akute Eskalationen zu verhindern, Empathie und Klarheit zu fördern sowie lösungsorientierte Reaktionen zu ermöglichen. Dieser Beitrag zeigt, wie Atemarbeit konkret zur Gewaltprävention beiträgt, welche leicht umsetzbaren Übungen sich eignen und wie sie in den Alltag von Familien und Fachkräften integriert werden können.

Autor: Mag. Eduard Gutleb, Psychologe und Psychotherapeut, derzeit Leiter der Psychologischen Studierendenberatung Klagenfurt; selbstständig tätig im Bereich Stressregulation, Gesundheitsförderung und Prävention mit langjähriger Erfahrung in Beratung, Prävention und Erwachsenenbildung in Form von von Einzel- und Gruppensettings sowie Workshops für Fachkräfte und Institutionen

Thema September 2026

Warum Atemarbeit Gewalt vorbeugt

  • Unterbrechung impulsiver Reaktionen: Kurze, bewusste Atempausen schaffen physisch psychischen Abstand vor dem Eingreifen. Sie reduzieren die Wahrscheinlichkeit, laut, aggressiv oder körperlich übergriffig zu werden.

  • Aktivierung der Regulierungssysteme: Langsame Ausatmung und Bauchatmung aktivieren parasympathische Prozesse, senken Herzfrequenz und Erregungsniveau — Voraussetzungen für deeskalierendes Handeln.

  • Stärkung der Wahrnehmung: Atemarbeit erhöht Körper und Gefühlswahrnehmung; Erwachsene erkennen frühe Signale von Stress und können rechtzeitig intervenieren.

  • Vorbildfunktion und Beziehungssicherheit: Ruhige, selbstregulierende Bezugspersonen vermitteln Sicherheit, fördern Kooperation und reduzieren Belastungsdruck bei Kindern.

Grundprinzipien für die Anwendung im Erziehungsalltag

  • Kurz, einfach, häufig: Mehrere kurze Atempausen (30–90 Sekunden) sind praxistauglich und wirksam in Eskalationsmomenten.
  • Anker setzen: Verknüpfen Sie Atemimpulse mit Alltagsmomenten (Türschloss, Töpfchen, Essensbeginn), sodass Pausen automatisiert werden.
  • Vorangehen, nicht bestrafen: Atempausen sind Selbstschutz und Präventionsmaßnahme, keine Strafe für das Kind.
  • Transparenz: Sagen Sie laut, warum Sie kurz atmen ("Ich atme kurz durch, dann erkläre ich es besser.") — das wirkt deeskalierend und lehrt Konfliktbewältigung.
  • Teamkoordination: In Einrichtungen sollten gemeinsame Regeln und Signale etabliert werden, damit alle dieselben Instrumente nutzen.

Praktische Atem- und Selbstregulationsübungen zur Gewaltprävention

  1. 3-Atem-Stopp (sehr kurz, vor dem Eingreifen)
    1. Ablauf:
      Tief durch die Nase einatmen (2–3 Sekunden), langsam ausatmen (3–4 Sekunden).
      3 Wiederholungen.
    2. Wirkung:
      Unterbricht impulsives Verhalten, schafft Zeit für überlegtes Handeln.
  2. Längere Ausatmung (für akute Beruhigung)
    1. Ablauf:
      Einatmen normal, Ausatmen bewusst länger (z. B. Zählen bis 5).
      4–6 Wiederholungen.
    2. Wirkung: Senkt körperliche Erregung, reduziert Aggressionsbereitschaft.
  3. Bauchatmung mit Haltungskontrolle (bei drohender Eskalation)
    1. Ablauf:
      Hand auf den Bauch, beim Einatmen Bauch heben, beim Ausatmen Bauch einziehen; Schultern bewusst entspannen.
    2. Wirkung:
      Einfluss auf Muskeltonus und Stimme, ruhigere Gesprächsführung möglich.
  4. "Stopp- und Sage-Pause" (kommunikativ)
    1. Ablauf:
      Innerlich Name oder "Stopp" sagen, einen Atemzug nehmen,
      dann kurze klare Ansage an das Kind: "Ich breche jetzt kurz ab, wir reden nach 3 Atemzügen.".
    2. Wirkung:
      Klare Grenze, Modell für Kinder und Vermeidung spontaner Gewalt.
  5. Kurz Achtsamkeit für Kinder (gemeinsam, präventiv)
    1. Ablauf:
      1 Minute gemeinsam atmen, Augen schließen,
      "Blase die Kerze aus"-Übung (lang ausatmen).
    2. Wirkung:
      Reduziert Spannung, fördert Kooperation und Selbstregulation bei Kindern.

Einsatzszenarien und Formulierungsbeispiele

  • Bei eskalierenden Konflikten: "Ich brauche kurz 2 Atemzüge, dann helfe ich dir." (nimmt den Druck raus und macht eigenes Regulierungsvorhaben transparent).
  • Bei eigener Überforderung: Sich kurz entfernen (sicherer Ort für das Kind), 30–60 Sekunden Atempause, dann wieder hinzukommen.
  • Bereitschaft zur Hilfe zeigen: In Gruppen/Rollen (z. B. Kita-Team) klare Abläufe vereinbaren, wer in kritischen Momenten übernimmt, damit die primär betroffene Person regulieren kann.

Verbindung zu Unterstützungssystemen und Hilfestrukturen

  • Wenn Atem und Deeskalationsstrategien nicht ausreichen: klare Weiterleitung an Beratungsstellen, Kinderschutz, Gesundheitsdienste.
  • Verweis auf gewaltinfo.at: Die Seite informiert über Anlaufstellen, rechtliche Schritte und praktische Erstmaßnahmen — wichtig ist die Kombination von Alltagsstrategien und professioneller Hilfe.
  • Bei akuter Gefährdung: Notfallnummern nutzen, Sicherheit der Kinder hat Vorrang.

Präventive Maßnahmen auf Systemebene

  • Schulungen für Fachkräfte: Regelmäßige Trainings zu Deeskalation, Atemtechniken und gewaltpräventiver Kommunikation.
  • Elternbildung: Niedrigschwellige Angebote (Elternabende, Handouts) mit Praxisübungen zur Stress und Konfliktprävention.
  • Institutionelle Rahmenbedingungen: Ausreichende Personalressourcen, klare Erholungszeiten, Supervision und Teamkommunikation reduzieren Belastungen, die Gewaltbegünstigen.

Ethik, Grenzen und rechtliche Hinweise

  • Atemübungen sind Hilfsmittel, keine Therapie: Bei schweren psychischen Belastungen oder Gewaltmustern sind Fachstellen und therapeutische Interventionen erforderlich.
  • Keine Schuldzuweisung: Prävention richtet sich an Bezugspersonen und Systeme, Ziel ist Unterstützung, nicht Stigmatisierung.

Praktische Handlungsanleitung — "Mini-Notfallplan"

  • Schritt 1 Sofort-Stopp: Innere 3-Atem-Stopp (3 mal Ein-/Ausatmung).
  • Schritt 2 Raum schaffen: Kurz entfernen, Kind sichern (aber nicht allein lassen, wenn gefährlich).
  • Schritt 3 Deeskalation: Ruhige Stimme, einfache Sätze, Angebot zum Abstandnehmen.
  • Schritt 4 Nachsorge: Späteres Gespräch in ruhiger Situation.
  • Schritt 5 Dokumentieren / Team informieren: Wiederholung beachten, weitergehende Maßnahmen planen.

Empfehlungen zur Implementierung in Haushalten und Einrichtungen

  • Einfache Visualisierung: Poster mit "Mini-Notfall-Plan" (siehe oben) und 2 Atemübungen sichtbar aufhängen.
  • Regelmäßige Übung: Kurze gemeinsame Atempausen zu Beginn des Tages (Kita, Schulklasse) stärken Prävention.
  • Supervision und Austausch: Teams sollten regelmäßig belastende Vorfälle reflektieren und Ressourcen mobilisieren.

Fazit

Atem-Pausen und einfache Selbstregulationsübungen sind keine Allheilmittel, aber wirkungsvolle, niedrigschwellige Tools zur Prävention von Gewalt im sozialen Nahraum. Sie ermöglichen zeitliche Unterbrechung von Eskalationsdynamiken, fördern deeskalierendes Verhalten und stärken die Beziehungssicherheit von Kindern. Wirksame Gewaltprävention verbindet individuelle Techniken mit strukturellen Maßnahmen, Information über Hilfsangebote und klare institutionelle Abläufe. Die Website gewaltinfo.at bietet ergänzende Informationen zu Unterstützungsmöglichkeiten und ist eine zentrale Ressource, um Hilfe zu finden und zu leisten.

Literatur

  • Jan-Uwe Rogge – "Kinder verstehen: Born to be wild". Fundierte, alltagsnahe Erziehungstipps mit Fokus auf Beziehung, Grenzen und Konfliktlösung.
  • Jesper Juul – "Natürlich kompetent: Wie Kinder ihre Persönlichkeit entfalten". Impulsgebend für respektvolle Erziehung, Prävention von Gewalt durch klare Beziehungskultur.
  • Thomas Hohensee & Michael J. Leiter (Hrsg.) – "Deeskalation in sozialen Einrichtungen". Praxisorientierte Strategien und Methoden für Fachkräfte zum Umgang mit aggressivem Verhalten.
  • Annette Kast-Zahn & Hartmut Morgenroth – "Stark durch Bindung: Kinder sicher begleiten". Buch zur Förderung von Bindungssicherheit als Präventionsfaktor gegen Gewalt und Verhaltensprobleme.
  • Lisa Olliges / Britta Hain – "Atempausen: Kleine Übungen für mehr Ruhe im Alltag". Konkrete, kurze Übungen speziell für Eltern und Familienalltag (Praktische Tipps!).
  • Katharina Saalfrank – "Aus Liebe, nicht in Wut: Gelassen erziehen". Konkrete Techniken zur Deeskalation im Familienalltag und zur Vermeidung aggressiver Reaktionen.

Weiterführende Informationen