Schutzkonzept-Bausteine im Fokus: Partizipation derer, um die es geht – Schutz mit, nicht nur für Kinder gestalten

Beleuchtung und praktische Beispiele kinderschutzrelevanter Maßnahmen – rechtlich, faktisch, pragmatisch.

Autorin: Gabriele Rothuber, psychosoziale Beraterin, Sexual- und Traumapädagogin, Expertin für Schutzkonzepte und sexualpädagogische Konzepte. Geschäftsführerin der Fachstelle Selbstbewusst, Salzburg und Auditierende der Qualitätssicherungsstelle Kinderschutzkonzepte

Thema Mai 2026

Der Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention verpflichtet dazu, Kinder bei sie betreffenden Angelegenheiten zu beteiligen – Schutzkonzepte betreffen sie unmittelbar, da es sich um ihre Sicherheit und die Minimierung der Risiken, die durch Erwachsene ausgehen, handelt. Somit ist Teilhabe ein Rechtsanspruch.

Ein Schutzkonzept, das "für die Kinder" oder über die Kinder hinweg entwickelt wurde, reproduziert das asymmetrische Machtverhältnis, vor denen das Konzept schützen soll, und bevormundet Kinder. Ohne Beteiligung bleibt Kinderschutz ein Erwachsenenprojekt über Kinder.

Es empowert, wenn Kinder erleben, dass ihre Meinung zählt. Beteiligung schafft Vertrauen, Transparenz und Selbstwirksamkeit.

Kinder wissen am besten, wo, wie, warum und wann sie sich unwohl oder unsicher fühlen. Erwachsene können dies zwar vermuten, sind aber schlicht und einfach nicht in der Lage, die realen Risiken von Kindern zu benennen, weil sie sie nicht wahrnehmen (können). Allein deshalb ist es sinnvoll, die Zielgruppe bereits bei der Risikoanalyse einzubeziehen. Teilhabe muss auch im laufenden Umgang sichergestellt und verschriftlicht sein. Spätestens in der Evaluierung mit Kindern/Jugendlichen wird sich zeigen, ob die Maßnahmen und Strukturen tatsächlich greifen, oder ob sie nur am Papier existieren.

Darüber hinaus steigen Akzeptanz und Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen, wenn Kinder diese mitgestalten durften.

Aber nicht nur Mitgestaltung und Teilhabe sind wichtig, sondern auch, dass die Kinder in für sie verständlicher Spracheüber wichtige Elemente des Schutzkonzeptes informiert werden. Nur wenn sie den Inhalt eines Verhaltenskodex kennen, können Kinder in der Folge überprüfen, ob Erwachsene ihre Versprechen einhalten. .

Freilich wird ein Freizeitverein mit individuellen Angeboten die Kinder in anderer Form an seinen Schutzmaßnahmen beteiligen, als eine Jugend-WG, ein Feriencamp oder ein Jugendzentrum.

Fragen für Ihr Team:

  • Wie wird Partizipation von Kindern und Jugendlichen in Ihrer Organisation gelebt?
  • Worüber sollen sie auf jeden Fall mitentscheiden?
  • Wo und weshalb sollen sie nicht mitentscheiden dürfen?
  • Mit welcher Form der Beteiligung können Sie sich anfreunden?
  • Welche Entscheidungsgültigkeit sind Sie bereit zu akzeptieren? Welche nicht und aus welchem Grund?

Beispiele und Möglichkeiten der Partizipation bei Erstellung und Evaluierung eines Schutzkonzeptes

Die Beispiele sind teilweise Best practise aus Organisationen, mit denen die Autorin gearbeitet hat bzw. aus der Literatur am Ende des Artikels.

Kleinkinder (bis Schuleintritt)

Hier geschieht Teilhabe hauptsächlich durch Beobachtung, Übersetzungsarbeit und ggf. Nachjustierung durch Erwachsene:

  • Beobachtung von Verhalten, Körpersprache, Spiel und Ableitungen daraus (Beobachtung: Kinder fühlen sich in Wickelsituationen unwohl – Lösung: Umgestaltung des Raumes).
  • Smileys, Symbole (Sonne-Wolke-Regen) oder Farben zeigen Orte oder Situationen, an/in denen sich Kinder im Kindergarten wohl und unwohl fühlen (Kindern Sticker geben und Orte bekleben lassen) – mit ihnen darüber reden, wo sie geklebt haben.
  • Kinder zeichnen den eigenen Gruppenraum und Pädagoginnen und Pädagogen versuchen anhand dessen Schutzbedürfnisse zu deuten.
  • auch indirekt, indem Eltern ihre Kinder fragen, wie sie sich im Kindergarten fühlen und dies rückmelden.
  • (Hand)Puppengespräche: "Was machst du, wenn dir etwas nicht gefällt?"
  • Feedback Kindergartenalltag: "Was war diese Woche schön/nicht schön?"

Kinder und Jugendliche

Diese können bereits vor Erstellung der Risikoanalyse vom Vorhaben, ein Sicherheitskonzept entwickeln zu wollen, vorinformiert und zur Mithilfe eingeladen werden.

Hier kann mit Fokusgruppen gearbeitet werden, z. B.:

  • Für einen Verhaltenskodex: "Was bedeuten für euch Grenzen?", "Welche Regeln findet ihr (un)fair?"
  • Rundgang durch die Einrichtung: "sicher/unsicher"
  • Plakate gestalten lassen: "Wohin kann ich gehen, wenn…"
  • Fragebogen, anonyme Online-Tools mit Fragen, deren Ergebnis direkt in die Erstellung des Sicherheitskonzeptes einfließt: "Fühlst du dich bei uns wohl?", "Weißt du, wohin du dich wenden kannst, wenn du dich bei uns nicht wohl fühlen würdest?", "Kennst du unsere Kinderschutzbeauftragten?". Dies ermöglicht niederschwellig ein ehrliches Feedback zu den Kriterien des Konzeptes.
  • Bei der Evaluierung werden sie aufgefordert selbst zu überprüfen, wie ernst dieses Feedback genommen wurde.
  • Regelmäßige Termine einrichten, bei denen über Regeln, Beschwerden, dem Verhalten Erwachsener etc. gesprochen werden kann.
  • Die Kinder (mit-)definieren lassen, woran sie Schutz erkennen.
  • Die Kinder Interviews mit Mitarbeitenden führen lassen: "Wie schützt ihr uns konkret?"
  • Für größere Strukturen: Jugendbeirat, aktiv und langfristig eingebunden.
  • Feedback zum Verhaltenskodex von Jugendlichen einholen: "Verstehst du, was da drinnen steht?", "Fehlt etwas?"
  • Jugendliche das Beschwerdesystem vor Inkrafttreten checken lassen und Feedback einholen.
  • Gruppenregeln gemeinsam erarbeiten und abfragen, ob sich auch die Erwachsenen daran gehalten haben.

Die Ergebnisse sollen im Team reflektiert und aktiv in das Schutzkonzept eingearbeitet werden.

Zentrale Partizipations- und Schutzdimensionen

Das "Choice – Voice – Exit"-Prinzip nach Jörg. M. Fegert (Jörg M. Fegert et al.,2018 [1]) beschreibt 3 zentrale Partizipations- und Schutzdimensionen:

  1. Choice – Wahlmöglichkeit: 
    Kinder sollen echte Wahlmöglichkeiten haben: Sie dürfen entscheiden, an wen sie sich wenden, ob und woran sie teilnehmen oder wie sie reagieren. Wahlfreiheit schützt vor Zwang und Überforderung.
  2. Voice – Stimme geben: 
    Kinder haben das Recht, gehört zu werden und ihre Meinung zu äußern – auch bei Unzufriedenheit oder Grenzverletzungen. Ihre Stimme muss aktiv eingefordert und konsequent ernst genommenwerden.
  3. Exit – Rückzug oder Ausstieg ermöglichen: 
    Kinder brauchen die Möglichkeit, eine Situation zu verlassen, "Nein" zu sagen oder sich ohne negative Folgen aus einer für sie unangenehmen Situation zurückzuziehen.

Echte Kinderschutzkultur entsteht, wenn Kinder wählen, sprechen und gehen dürfen – ohne Angst, Konsequenzen tragen zu müssen.

Weshalb also sollte man ein Schutzkonzept ohne Beteiligung der Zielgruppe erarbeiten, wenn diese doch ihre wertvolle Expertise einfließen lassen kann?

Teilhabe gestaltet sich hier als Gewinn für alle. Und trotzdem kann es Widerstände im Team geben, denn Partizipation bedeutet auch, Macht zu reflektieren und zu teilen. Dann hat man aber ohnehin ein größeres Problem in den eigenen Reihen. Das deutet aber dann in der Regel auf tieferliegende und weitergehende Probleme im Team hin und muss in seiner Gesamtheit bearbeitet werden. Somit kann Partizipation auch als Gradmesser für Schwachstellen der eigenen Organisation dienen.

Quellen und Literatur

  • [1] Jörg M. Fegert et al. (2018): Schutzkonzepte in Institutionen – Prävention von sexuellem Missbrauch in pädagogischen Kontexten. In: Fegert, J. M., et al. (Hrsg.), Prävention von sexuellem Missbrauch in Institutionen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Wolff, Mechthilf et al. (Hrsg., 2017): Schutzkonzepte in Theorie und Praxis. Verlag Beltz.
  • Fegert, J. M., et al. (Hrsg., 2018), Prävention von sexuellem Missbrauch in Institutionen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Der Paritätische Gesamtverband – Video zur Beteiligung von Kindern in der Kita:
  • "Ist das Partizipation oder kann das weg?" Impulse für Gesundheitsförderung 2015, Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizien Niedersachsen e.V.
  • Prinzipien für Kinder- und Jugendbeteiligung
  • Tutorial Partizipation

Weiterführende Informationen