Geschlechterbezogene Gewaltprävention im sozialen Nahraum am Beispiel des Projekts her*POWER
Der Verein mafalda mit Sitz in Graz hat im Zuge von her*POWER: Ein Projekt gegen verwandtschaftsbasierte Gewalt an Mädchen* und Frauen* mit Jugendlichen und Multiplikatorinnen und Multiplikatoren über die Periode September 2024 bis Dezember 2025 durchgeführt. Das Projekt hat Präventions-, Sensibilisierungs- und Aufklärungsarbeit für und mit Mädchen* und jungen Frauen*, sowie für ihre Bezugssysteme geleistet. Es wurde vom Bundesministerium Frauen, Wissenschaft und Forschung gefördert.
Autorin: Alexandra Muth, Sozialpädagogin im Verein mafalda seit 2023; Konzept, Koordination und Umsetzung der Workshops sowie safer spaces im Projekt her*POWER; Arbeitsschwerpunkte: Psychosoziale Beratung von Mädchen* und jungen Frauen*, Projektarbeit in der sexuellen Bildung und der Gewaltprävention
Thema März 2026
Vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen in Österreich sowie im Frauen*März 2026 wird die gesellschaftliche Dringlichkeit dieser Thematik deutlich. Die hohe Femizidrate zeigt, dass Gewalt gegen Frauen* und Mädchen* in Österreich strukturell verankert ist.
Als Fachstelle für feministische Mädchenarbeit und geschlechterreflektierende Bildungs- und Jugendarbeit leistet der Verein mafalda bedeutende Arbeit in der Steiermark und darüber hinaus. Die Prävention jeglicher Formen von Gewalt bestimmt dabei unser tägliches Handeln und Tun. Dabei liegt unser Fokus auf der Prävention von geschlechterbezogener Gewalt. Dies bezeichnet nach der UNESCO/UN-Frauen-Definition jegliche Gewalthandlung, welche sich gezielt gegen Personen aufgrund von Geschlechterstereotypen, Rollenbilder oder ungleichen Machtverhältnissen richtet (vgl. UNESCO / UN Women 2016 [1]). Dabei ist zu betonen, dass Frauen* überproportional stark von geschlechterbezogener Gewalt betroffen sind, aber auch Männer* und queere Personen Opfer werden können (vgl. O’Malley et al. 2018 [2]).
Der Fokus des Projekts her*POWER lag auf der Prävention von verwandtschaftsbasierter Gewalt. Dies beschreibt verschiedene Formen von Gewalt, welche von Personen im sozialen Nahraum der Betroffenen, wie (Groß-)Eltern, Partner:innen, Geschwister, Onkel, Tanten, Nachbarinnen und Nachbarn, etc., ausgeht. Ein oft gebräuchliches Synonym ist "Gewalt im Namen der Ehre", wobei mittlerweile seit Jahrzehnten diskutiert wird, welcher Begriff "besser" passt und eher zu verwenden ist. Organisationen, die sich mit dem Thema beschäftigen (wie zum Beispiel DIVAN in Graz oder Orient Express in Wien), gehen unterschiedlich mit dieser Diskussion um (vgl. Caritas 2024 [3]).
Wir haben uns dazu entschieden, mit den Begriffen "verwandtschaftsbasierte Gewalt" und "geschlechterbezogener Gewalt" im sozialen Nahraum zu arbeiten, um eine breite Zielgruppe zu erreichen. Grundlage für verwandtschaftsbasierte Gewalt ist dabei immer das Patriarchat und die Unterdrückung von Frauen* und anderen Geschlechtern (vgl. BMBWF 2019 [4]). Dabei ist es stets notwendig, die Theorie der Intersektionalität in die Praxis zu bringen, da sich unterschiedliche Diskriminierungsmerkmale überschneiden und bedingen (vgl. Caritas 2024).
Schwerpunkte im Projekt her*POWER
Gewaltpräventive Workshops
In 20 durchgeführten 6-stündigen gewaltpräventiven Workshops mit Schulklassen und Jugendeinrichtungen (AusbildungsFits und Jugendzentren) konnten über 360 Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 14 bis 25 Jahren erreicht werden. In diesen Workshops haben wir ausgehend von Menschen- und Frauenrechten den Themenkomplex der geschlechterbezogenen Gewalt im sozialen Nahraum unter Einbeziehung der eigenen Erfahrungen in den Lebenswelten der Teilnehmenden erarbeitet.
Safer Spaces
Einen weitereren Schwerpunkt stellten die Safer Spaces mit engagierten Mädchen* und jungen Frauen* im JA.M Mädchenzentrum dar. Safer Spaces sind Schutzräume, in denen sich Menschen , die an den Rand gedrängten Gruppen angehören, zusammenfinden können (vgl. astro Varela/Oghalai/Bayramoğlu 2025 [5]). Für Mädchen* und Frauen* kann so ein Schutzraum von großer Bedeutung sein. Im Projekt her*POWER haben wir Safer Spaces im JA.M Mädchenzentrum angeboten. Hier hatten Mädchen* und junge Frauen* im Alter von 14 bis 25 Jahren die Möglichkeit, sich in einem geschützten Rahmen aufzuhalten und gemeinsam mit Gruppenleiterinnen und Gruppenleitern über verschiedene Themen zu sprechen.
Insgesamt haben sich 31 Teilnehmer:innen in 21 Safer Spaces 55 Stunden lang mit den Themen Sexismus, Patriarchat, Intersektionalität und verschiedene Gewaltformen auseinandergesetzt. Auch Empowerment, Ressourcenorientierung und Peer Education wurden gemeinsam mit den teilnehmenden Mädchen* und jungen Frauen* erarbeitet, um ihre Selbstbestimmung zu fördern und Räume für solidarisches Lernen zu schaffen.
Ebenfalls war die Stärkung des Selbstbewusstseins der Teilnehmenden mit der Selbstverteidigung nach der Methode "drehungen" in den Safer Spaces möglich. Diese Methode wurde von Frauen* für Frauen* entwickelt und fördert persönliche Kompetenzen wie Selbstvertrauen, Autonomie, Wehrfähigkeit und Konfliktlösungskompetenz. Wirksamkeitsstudien zeigen, dass die Teilnahme an vergleichbaren Präventionsprogrammen Schutz vor Gewaltsituationen bietet, weil Teilnehmende gefährliche Situationen bereits im Vorfeld erkennen und darauf reagieren können. So erlangen sie größere Handlungssicherheit und stärken ihre Fähigkeit zum Selbstschutz. (Für weitere Informationen siehe Website des Vereins drehungen).
7 Teilnehmer:innen, die regelmäßig die Safer Spaces besucht haben, wurden mit einem Zertifikat ausgezeichnet.
Multiplikator*innen-Workshops
4 Mädchen* und junge Frauen* haben in Form von Peer Education mit uns Multiplikator*innen-Workshops für ihr Bezugssystem (Eltern, Lehrpersonen, Studierende, Sozialarbeiter:innen) abgehalten. Der Fokus lag hier auf der Prävention von verwandtschaftsbasierter Gewalt und Zwangsheirat.
Verwandtschaftsbasierte Gewalt versteht sich dabei als Überbegriff, der sich auf Gewalt innerhalb von Familien oder verwandtschaftlichen Beziehungen, wie Nachbarschaft oder Gemeinschaft (community) bezieht. Wie bereits erwähnt, kann diese gegen alle Geschlechter gerichtet sein und wird häufig von engen Familienmitgliedern wie Eltern, Geschwistern oder Eheleuten ausgeübt. Fakt ist, dass die Mehrheit der Opfer von verwandtschaftsbasierter Gewalt Mädchen* und Frauen* sind. Der Schwerpunkt des Workshops lag auf der Prävention von Zwangsheirat. Eine Zwangsheirat liegt vor, wenn eine Person gegen ihren Willen in eine Ehe gedrängt wird. Dies kann durch familiären Druck, Drohungen oder Gewalt geschehen (vgl. Verein Orient Express 2019 [6]). In Österreich ist Zwangsheirat seit 1. Jänner 2016 als eigener Straftatbestand im § 106a, StGB festgelegt und wird als Offizialdelikt geahndet vgl. Caritas 2024).
Unter dem Aspekt der Menschenrechte konnte ein Zugang geschaffen werden, um mit den Teilnehmenden über Zwangsheirat zu sprechen. Die Menschenrechte stellen klar: "Eine Ehe darf nur bei freier und uneingeschränkter Willenseinigung der künftigen Ehegatten geschlossen werden.“ (Amnesty International 2019 [7])
Die Menschenrechte stellen sich gegen Zwangsheirat und wie oben erwähnt, ist diese in Österreich seit 2016 offiziell verboten! Das bedeutet, dass eine Ehe, die unter Zwang eingegangen wird, nicht rechtsgültig ist. Pro Jahr gibt es in Österreich dennoch schätzungsweise zirka 200 Fälle, wobei die Dunkelziffer weitaus höher anzunehmen ist (vgl. ÖIF 2023 [8]). Obwohl die gesetzliche Grundlage für eine Anzeige geschaffen wurde, ist die Hemmschwelle denkbar groß, da zumeist die eigenen Eltern angezeigt werden müssten. Dabei ist wichtig zu betonen, dass das gesetzliche Heiratsalter in Österreich bei 18 Jahren liegt. Seit August 2025 gibt es mit dem "Ehe- und Partnerschaftsrechts-Änderungsgesetz“ auch keine Ausnahme mehr für Personen ab 16 Jahren (vgl. Parlament Österreich 2025 [9]).
Ein wesentliches Merkmal von Zwangsheirat ist der zumeist erzwungene Beischlaf und somit die Fremdbestimmung über sexuelle Rechte. Zusätzlich wird für die erzwungene Eheschließung oft Gold bzw. Geld geboten. Fälle von Zwangsheirat können in verschiedenen kulturellen Kontexten auftreten, zumeist aber in stark patriarchal geprägten Gemeinschaften. Oft gibt es keine Möglichkeit für die Betroffenen, die Ehe abzulehnen oder zu verhandeln (vgl. MBWF 2019; Caritas 2024; ÖIF 2023 [9]).
Anzeichen für eine potentielle Zwangsheirat können sehr unterschiedlich sein, wie zum Beispiel extreme Kontrolle durch die Familie, Androhung von Gewalt, Isolation von Freundinnen und Freunden oder die generelle Einschränkung der persönlichen Freiheit. Bei gefährdeten Jugendlichen ist besonders vor und nach den Sommerferien Obacht geboten. Hier kann eine Zwangsheirat im Ausland geplant sein (vgl. Verein Orient Express 2019).
Wichtig zu wissen ist, dass es auch arrangierte Ehen gibt, welche im Vergleich zu Zwangsheirat in den meisten Ländern legal sind, solange beide Partner zustimmen und die Ehe auf freiem Willen beruht. Allerdings kann dieser Begriff auch als "verschönte" Realität zur Zwangsheirat verwendet werden (vgl. ÖIF 2023).
Bei Verdacht auf Zwangsverheiratung ist es wichtig die betroffene Person sensibel anzusprechen, Vertrauen aufzubauen und in der Folge an entsprechende Stellen weiterzuempfehlen (vgl. Verein Orient Express 2019).
Notfallkarten und Anlaufstellen
Im Zuge des Projektes her*POWER haben wir Notfallkarten in Visitenkartengröße mit wichtigen Anlaufstellen und Telefonnummern für Betroffene entwickelt, die in den Workshops und Safer Spaces verteilt wurden. Diese können während den Öffnungszeiten der Beratungsstelle mafalda abgeholt werden.
Anlaufstellen:
- Frauen- und Mädchenberatungsstellen in den Bezirken der Bundesländer
- Gewaltschutzzentren
- Frauenhäuser: Autonome Österreichische Frauenhäuser
- Burschen-/Männerberatung (gewaltinfo.at)
- Frauenberatungsplattform frauenberatung.gv.at
- Hilfsorganisation finden auf gewaltinfo.at
Spezifisch für verwandtschaftsbasierte Gewalt:
- Divan, Graz: Beratungsstelle der Caritas für Frauen mit Migrationsbiographie
- FGM/C Koordinationsstelle Steiermark vom Roten Kreuz
- PeriFeri, Wien: österreichweite zentrale Anlaufstelle gegen Verschleppung und Familiengewalt
- Orient Express, Wien: Beratung sowie Schutzunterkunft für Betroffene von Zwangsheirat aus ganz Österreich (stellen bei Bedarf Schutzwohnung)
- Frauen aus allen Ländern – Fachstelle Zwangsheirat (Anlaufstelle für Tirol, Salzburg und Vorarlberg)
Rufnummern:
- Frauenhelpline: 0800 222 555
- Männernotruf: 0800 246 247
- Krisentelefon/ Telefonseelsorge: 142
- Rat auf Draht für Jugendliche und Bezugspersonen: 147
Fazit
her*POWER wirkt in Bezug auf geschlechterbezogene Gewaltprävention im sozialen Nahraum auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene. Durch die Aufklärungs- und Bewusstseinsarbeit konnten Informationen, Handlungsstrategien und Ausstiegsszenarien aus verwandtschaftsbasierter Gewalt aufgezeigt werden.
Mädchen* und junge Frauen* wurden empowert, Selbstwirksamkeit wurde erlebbar gemacht, um so Geschlechtergerechtigkeit als Ziel anstreben zu können. Um nachhaltig gewaltpräventiv wirken zu können, waren auch die Multiplikator*innen-Workshops mit dem Bezugssystem von Jugendlichen entscheidend, welche die erworbenen Informationen und Inhalte in ihre Communities und das eigene soziale Umfeld tragen konnten. Um die Sichtweise von Jugendlichen mit einzubeziehen, haben im Sinne der Peer Education Mädchen* und junge Frauen*, die sich in den Safer Spaces eingehend mit der Thematik beschäftigt haben, am Workshop teilgenommen und von ihren Erfahrungen berichtet.
her*POWER hat so im Jahr 2025 einen gesamtgesellschaftlichen Beitrag zur Geschlechtergerechtigkeit und Gewaltprävention geleistet. Es wurde nochmals festgestellt, dass geschlechterbezogene Gewalt im sozialen Nahraum in Österreich allgegenwärtig ist und der Bedarf vor allem in der Prävention und der Begleitung sowie Beratung von Betroffenen groß ist. Wir fordern eine langfristige Unterstützung von Betroffenen und eine Sensibilisierung der Gesamtgesellschaft, um diese Thematik gut begleiten zu können und vor allem auch die Prävention dahingehend weiter auszubauen.
Quelle und Literatur
- [1] UNESCO/ UN Women (2016): Global Guidance on Addressing School- Related Gender- based Violence. New York: UNESCO
- [2] O’Malley, Jeffrey et al. (2018): Sexual and Gender Minorities and the Sustainable Development Goals. Herausgegeben von: United Nations Development Programme
- [3] Caritas Wien Rechtsberatung (2024): FORMA. Lagebericht Zwangsverheiratung in Österreich. Projektleitung: Maryam Alemi
- [4] BMBWF (2019): Reflexive Geschlechterpädagogik und Gleichstellung unter besonderer Berücksichtigung des Themas "Gewalt im Namen der Ehre". Basiswissen und Herausforderungen für Schulen. Herausgegeben vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung, Text von Emina Saric
- [5] Castro Varela, María Do Mar/Oghalai, Bahar/Bayramoğlu, Yener (2025): Safe/r Spaces. Ein sozio-politischer Raum – kritisch betrachtet. In: GENDER – Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft, 17(3), S. 103–118
- [6] Verein Orient Express (2019): Verschleppt, Verheiratet, Verschwunden. Information über Verschleppung und Zwangsheirat für Helfer*innen
- [7] Amnesty International (2019): Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
- [8] ÖIF - Österreichischer Integrationsfonds (2023): Zwangsheirat in Österreich. Studie zur Betroffenheit von Jugendlichen. Text von: Birgitt Haller/ Viktoria Eberhardt/ Anna Hasenauer
- [9] Parlament Österreich (2025): Ehe- und Partnerschaftsrechts-Änderungsgesetz 2025 – EPaRÄG 2025 (97 d.B.)
Weiterführende Informationen
- Verein mafalda, Fachbereich Prävention, Projekt her*POWER
- Instagram @mafalda.maedchenberatung: Projektrückblick
- Verein drehungen
Über den Verein mafalda
mafalda ist ein gemeinnütziger Verein mit feministischer Grundhaltung mit Sitz in Graz, Steiermark. Ziel ist die ganzheitliche Beratung und Begleitung von Mädchen* und jungen Frauen* mit Blick auf deren vielfältige Lebensentwürfe. Pro Jahr erreichen wir durchschnittlich 4.000 Mädchen* und junge Frauen* sowie 8.500 Multiplikatorinnen und Multiplikatoren.
In intensiver Begleitung werden Mädchen* und junge Frauen* in der Beratungsstelle und im JA.M Mädchenzentrum darin unterstützt, selbstbestimmt zu leben und einen Ausstieg aus z. B. verwandtschaftsbasierter Gewalt zu schaffen. Dazu tragen auch die weiteren Projekte der mafalda bei (wie das FrauenBerufsZentrum, die LernBOX, das Vormodul, AusbildungsFit und das Beschäftigungsprojekt IN:TRA_Works), in denen intensiv an den beruflichen Möglichkeiten der Mädchen* gearbeitet wird.