Wenn Angst den Schulweg beendet – Wie Radikalisierung Jugendliche erreicht

Portrait Bernd Naprudnik. Foto: priv

Der Beitrag schildert den Fall eines 11-jährigen Schülers, dessen Freund nach einer Gewalterfahrung aus Angst nicht mehr zur Schule zurückkehrt, und nutzt dieses Beispiel als Ausgangspunkt für eine Analyse von Radikalisierung unter Jugendlichen. Er zeigt, dass Radikalisierung ein schleichender Prozess ist, der durch persönliche Krisen, soziale Ausgrenzung und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit begünstigt wird. Soziale Medien wirken dabei als Verstärker, indem sie emotionale und polarisierende Inhalte fördern und Jugendliche in Filterblasen führen. Sie sind nicht allein die Ursache, sondern ein beschleunigender Faktor innerhalb komplexer gesellschaftlicher Dynamiken. Besonders anfällig sind junge Menschen in der Phase der Identitätsfindung. Prävention muss vor allem durch Bildung, Medienkompetenz, offene Kommunikation und stabile soziale Beziehungen erfolgen.

Autor: Mag. Dr. Bernd Naprudnik, BSc, Männerberater Männerwelten Salzkammergut, Sport-Trainingswissenschafter, Psychosozialer- und Sozioökonomischer Krisen- und Katastrophenmanager, Psychosozialer Berater, Lebens-Partner, Vater, Optimist

Thema Juni 2026

Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit: 
Ein leerer Platz im Klassenzimmer kann viele Gründe haben: Krankheit, Umzug, familiäre Probleme. Doch was, wenn ein Kind verschwindet, weil es Angst hat? Genau das ist im Umfeld meines 11-jährigen Sohnes passiert. Sein Freund wurde Opfer von Gewalt und kehrte aus Furcht nicht mehr in die Schule zurück. Wochenlang herrschte Ungewissheit, bis schließlich klar wurde: Die Angst war stärker als der Alltag.

Dieser Einzelfall steht exemplarisch für eine Entwicklung, die Fachleute zunehmend beschäftigt: Jugendliche wachsen in einem Umfeld auf, in dem Gewalt, Polarisierung und radikale Denkmuster sichtbarer werden. Die Frage ist nicht mehr, ob sie damit konfrontiert werden, sondern wie früh und wie intensiv.

Radikalisierung: Ein schleichender Prozess

Radikalisierung beginnt selten spektakulär. Sie entwickelt sich schrittweise, oft unbemerkt. Ursprünglich bedeutet "radikal" lediglich, Dinge an der Wurzel zu betrachten. Doch im gesellschaftlichen Kontext beschreibt es zunehmend Haltungen, die sich verhärten und schließlich in extremistische Denkweisen kippen können.

In Österreich beobachten Behörden 3 zentrale Strömungen: islamistischen Extremismus, Rechtsextremismus und Linksextremismus. Besonders auffällig ist dabei die Dynamik im rechtsextremen Bereich. Dieser wird jünger, digitaler und vernetzter – und erreicht Zielgruppen, die früher schwer zugänglich waren.

Die Übergänge sind fließend: Wer beginnt, einfache Antworten auf komplexe Fragen zu suchen, kann rasch in ideologische Denkmuster geraten, die keinen Widerspruch mehr zulassen.

Zwischen Zugehörigkeit und Ausgrenzung

Warum sind gerade Jugendliche anfällig? Die Antwort liegt in einer Lebensphase, die von Unsicherheit geprägt ist. Identität, Zugehörigkeit, Orientierung – all das ist im Wandel.

Radikalisierung speist sich häufig aus 2 Richtungen:

  • Push-Faktoren: persönliche Krisen, Ausgrenzung, Perspektivlosigkeit oder familiäre Probleme
  • Pull-Faktoren: das Versprechen von Gemeinschaft, Klarheit und Bedeutung

Extremistische Gruppen bieten genau das, was vielen fehlt: einfache Weltbilder, klare Feindbilder und ein starkes "Wir-Gefühl". Für junge Menschen kann das eine enorme Anziehungskraft entwickeln.

Die Rolle sozialer Medien

Eine entscheidende Rolle spielt die digitale Welt. Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube sind längst mehr als Unterhaltungsräume, sie sind soziale Realitäten.

Algorithmen belohnen Inhalte, die starke Emotionen auslösen. Wut, Angst oder Empörung verbreiten sich schneller als differenzierte Analysen. Jugendliche geraten so leicht in sogenannte Filterblasen, in Räume, in denen sich ihre Sichtweisen bestätigen und verstärken.

Was als harmloser Content beginnt – etwa Fitnessvideos, Gaming oder Lifestyle – kann schrittweise in politisch oder ideologisch gefärbte Inhalte übergehen. Dieser Übergang ist oft kaum wahrnehmbar.

Hinzu kommt die Wirkung von Desinformation. Fake News funktionieren nach einfachen Mustern:

  • Sie bieten klare Schuldzuweisungen.
  • Sie emotionalisieren.
  • Sie wiederholen Botschaften, bis sie glaubwürdig erscheinen.

Gerade junge Menschen, die noch dabei sind, ihre Meinungen zu formen, sind dafür besonders empfänglich.

Von der Meinung zur Abschottung

Radikalisierung zeigt sich weniger in einzelnen Aussagen als in Veränderungen über die Zeit. Typische Entwicklungen sind:

  • zunehmendes Schwarz-Weiß-Denken
  • sinkende Bereitschaft zum Dialog
  • Rückzug aus dem sozialen Umfeld
  • starke emotionale Reaktionen
  • Abwertung anderer Gruppen

In fortgeschrittenen Phasen kommt es zur Abschottung: Andere Meinungen werden nicht mehr akzeptiert, Medien pauschal abgelehnt, Gewalt unter Umständen gerechtfertigt.

Besonders problematisch ist, dass extremistische Inhalte oft in harmloser Form auftreten – etwa als Meme, Witz oder Insider-Code. Dadurch sinkt die Hemmschwelle, sich damit zu identifizieren.

Gewalt als reale Konsequenz

Der Fall des 11-jährigen Schülers zeigt, dass diese Entwicklungen nicht abstrakt bleiben. Wenn Gewalt zum Alltag wird oder zumindest als Möglichkeit im Raum steht, verändert das das Sicherheitsgefühl von Kindern und Jugendlichen massiv.

Die Angst, Opfer zu werden, kann zur sozialen Isolation führen – mit langfristigen Folgen für Bildung, Entwicklung und psychische Gesundheit.

Was hilft?

Die zentrale Erkenntnis: Radikalisierung lässt sich nicht mit einem einzelnen Verbot verhindern. Auch die Debatte über Social-Media-Altersgrenzen greift zu kurz.

Wirksame Gegenmaßnahmen setzen früher und breiter an:

1. Bildung als Schlüssel
Schulen spielen eine zentrale Rolle. Medienkompetenz, kritisches Denken und demokratische Bildung müssen stärker verankert werden. Jugendliche müssen lernen, Informationen zu hinterfragen und Manipulation zu erkennen.

2. Gespräche statt Konfrontation
Offene Kommunikation in Familien und Schulen ist entscheidend. Wer sich gehört fühlt, ist weniger anfällig für extreme Ideologien.

3. Stabile soziale Beziehungen
Zugehörigkeit im realen Leben ist einer der wichtigsten Schutzfaktoren. Freundschaften, Vereine und Gemeinschaften können Radikalisierung entgegenwirken.

4. Aufklärung über digitale Mechanismen
Das Verständnis für Algorithmen, Filterblasen und Desinformation hilft, digitale Inhalte besser einzuordnen.

5. Frühzeitige Prävention
Programme zur Burschen- und Jugendarbeit können gezielt ansetzen, bevor sich problematische Muster verfestigen.

Zwischen Risiko und Chance

Soziale Medien sind dabei nicht nur Teil des Problems. Sie können auch Teil der Lösung sein: Aufklärungskampagnen, Gegenrede und vielfältige Perspektiven sind ebenfalls online präsent. Entscheidend ist, wie diese Räume gestaltet und genutzt werden.

Fazit

Der verschwundene Schüler ist kein isolierter Fall, sondern ein Warnsignal. Radikalisierung ist kein plötzlicher Bruch, sondern ein Prozess – leise, schleichend und oft unsichtbar.

Wer ihn aufhalten will, muss früh ansetzen: mit Bildung, Beziehung und Aufmerksamkeit.

Denn am Ende geht es nicht nur um politische Entwicklungen, sondern um die Frage, in welcher Gesellschaft unsere Kinder aufwachsen.

Literatur

  • Beelmann, Andreas (2021): Concept of and Approaches toward a Developmental Prevention of Radicalization: Promising Strategies to Keep Young People Away from Political, Religious, and Other Forms of Extremism. In: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform, 104(3), S. 298–309.
  • Schröder, Carl Philipp; Bruns, Jannik; Lehmann, Lena et al. (2022): Radicalization in Adolescence: The Identification of Vulnerable Groups. In: European Journal on Criminal Policy and Research, 28, S. 177–201.
  • Emmelkamp, Julie; Asscher, Jessica J.; Wissink, Inge B.; Stams, Geert Jan J. M. (2020): Risk Factors for (Violent) Radicalization in Juveniles: A Multilevel Meta-Analysis. In: Aggression and Violent Behavior.
  • Knipping-Sorokin, Roman; Stumpf, Teresa (2018): Radikal Online – Das Internet und die Radikalisierung von Jugendlichen: Eine Metaanalyse zum Forschungsfeld. In: kommunikation@gesellschaft, 19(3).
  • Reicher, Fabian (2015): Deradikalisierung und Extremismusprävention im Jugendalter. Eine kritische Analyse.
  • In: soziales_kapital – wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit, Bd. 14.
  • Spiel, Christiane; Strohmeier, Dagmar (2007): Generalstrategie zur Gewaltprävention an österreichischen Schulen und Kindergärten "Gemeinsam gegen Gewalt". Projektbericht Universität Wien / bm:ukk.
  • SYNYO GmbH / L&R Sozialforschung / Institut für Berufs- und Erwachsenenforschung (2024): ResilienceWorks – Wissenschaftlicher Endbericht. Maßnahmen zur Radikalisierungsprävention und Resilienzsteigerung von Jugendlichen.
  • Böckler, Nils; Hoffmann, Jens (Hrsg.) (2017): Radikalisierung und extremistische Gewalt. Frankfurt am Main: Verlag für Polizeiwissenschaft.
  • Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.) (2002–2011): Deutsche Zustände (mehrbändige Studienreihe). Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Hurrelmann, Klaus; Quenzel, Gudrun (2022): Lebensphase Jugend. Weinheim/Basel: Beltz Verlag.
  • Baier, Dirk; Pfeiffer, Christian (Hrsg.) (2011): Jugendgewalt und Prävention. Baden-Baden: Nomos Verlag.
  • Melzer, Wolfgang; Schubarth, Wilfried (Hrsg.) (2015): Gewalt und Mobbing an Schulen. Bad Heilbrunn: Klinkhardt Verlag.

Literatur zu Medien, Social Media und Online-Radikalisierung

  • Ledwich, Mark; Zaitsev, Anna (2019): Algorithmic Extremism: Examining YouTube’s Rabbit Hole of Radicalization.
  • Weidinger, Laura et al. (2021): Ethical and Social Risks of Harm from Language Models.
  • Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.) (laufend): Radikalisierung im Netz und digitale Jugendkulturen. Bonn.

Österreichische und gesellschaftspolitische Bezüge

  • Neustart (08.07.2025): Die stille Verbesserung: Langfristig sinkt die Jugendkriminalität.
  • Kurier (14.04.2025): Alarmierende Zahlen der Polizei: Jugendkriminalität stieg stark an.
  • ZARA – Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit (laufende Berichte und Dokumentationen). ZARA – Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit

Ergänzende Praxis- und Diskussionsquellen

Reddit-Diskussionen zu Online-Radikalisierung und Jugendgewalt in Österreich (2025–2026):

  • "Wenn Teenager zu Terroristen werden"
  • "Online Radikalisierung: Was wir dagegen machen!"
  • "Nihilistischer Extremismus: Radikale Netzwerke machen Teenager zu Tätern"
  • "Terrorvorwürfe: 15-Jähriger freigesprochen"

Weiterführende Informationen